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Die Schreierin von Eluveitie

Seit zwei Jahren singt und schreit Fabienne Erni in der Schweizer Folk-Metal-Band Eluveitie: von Kanada bis Australien, von Spanien bis China. Und der Erfolg ist gross.

FOTOS
Daniel Kellenberger, FRIEDEMANN KOPP
20. Mai 2019

Fabienne Erni - hier deutlich weniger apokalyptisch als im «Ategnatos»-Video.

Zum Interview kommt Fabienne Erni (25) mit dem Kickboard angerollt. Einem ohne Elektromotor, wohlverstanden. «Es war etwas weiter, als ich gedacht habe», sagt sie. Gut eine halbe Stunde ist sie unterwegs gewesen. Von Wiedikon ZH bis zur Saffa-Insel, dem Mikro-Eiland unmittelbar neben der Zürcher Landiwiese. «Etwas Bewegung tut schliesslich gut.»

Fabienne Erni – rote Haare, stahl­blaue Augen, destroyed Look – ist die Sängerin der Schweizer Band Eluveitie (sprich: El-veiti). Die neunköpfige Gruppe hat sich dem Folk-Metal ­v­erschrieben, einer Mischung aus ­Death-Metal, mittelalterlichen Klängen und keltisch-akustischem Folk. Und sie ist die zurzeit international erfolgreichste Schweizer Live-Band: Das Video zur ersten Auskoppelung ihres Albums «Ategnatos», das im April erschien und in der Schweizer Hitparade auf Rang 3 einstieg, wurde innert kürzester Zeit zwei Millionen Mal angeklickt. Und ihr Tournee-Kalender ist imposant: Soeben hat die Band eine 20-tägige Tournee mit 14 Konzerten in China, Neuseeland und Australien abgeschlossen, bis Ende Jahr stehen weitere 90 Auftritte in 24 Ländern in Nordamerika und Europa auf dem Programm. «Mega! … so viele?», staunt selbst die Sängerin.

Von wegen Demo-Tape

Vor zwei Jahren – sie machte an der Zürcher Hochschule der Künste gerade ihren Bachelor in Popgesang – stiess Fabienne Erni zu Eluveitie. Auslöser war ihr Studienkollege und Eluveitie-Gitarrist Jonas Wolf (30) gewesen: «Wir suchen eine neue Sängerin. Hättest du nicht Interesse? Dann schick uns doch mal ein Demo-Tape!»

Demo-Tape? Das schien ihr, die bis anhin «ein beschauliches Leben» geführt hatte, eine Liga zu hoch. «Ich studierte halt Musik, begleitete mich selber am Piano, hatte aber nicht sehr viel Konzert-Erfahrung.»

«Mein Grosi hat auch gern gesungen. Sie konnte jodeln.»

Fabienne Erni

Und dann tat sie es doch, das mit dem Demo-Tape. Und sie führte ein langes Gespräch mit Eluveitie-Frontmann Chrigel Glanzmann (44) – und wurde die neue Sängerin der Band.

Fabienne Erni stammt nicht aus einer Musiker-Familie. Doch ihre Eltern unterstützten sie nach Kräften in ihren Plänen, professionelle Sängerin zu werden. «Ah, doch!», ruft sie da plötzlich. «Mein Grosi, das hat auch gern gesungen: Sie konnte gut jodeln.» Etwas, das die Eluveitie-Sängerin auch gerne lernen möchte. «Ich finde es spannend und wichtig, mit verschiedenen Gesangstechniken zu arbeiten.» Bei Eluveitie zum Beispiel mit dem Schreigesang – der tatsächlich so heisst. Und auch so tönt. Oder mit Joik, dem eintönig-gutturalen Gesang der Samen, der Ureinwohner Lapplands. Diesen lernte sie während des Studienjahres kennen, das sie nach der Matur an der Folkhögskola im nordschwedischen Städtchen Haparanda verbrachte. «Mich zieht es immer in den Norden», sagt Fabienne. Auch in Dänemark vertiefte sie ihre Gesangskenntnisse.

«Ich habe meine Nische gefunden»

Eluveitie-Sängerin Fabienne Erni spielt auch die keltische Harfe.

Während sie in Dänemark Englisch sprach, eignete sie sich in Schweden die doch leicht archaisch anzuhörende Landessprache an. Und nun, bei Eluveitie, sieht sie sich oft mit einer noch viel kurioseren Sprache konfrontiert: Gallisch, eine ausgestorbene keltische Sprache, die im Altertum auch in der heutigen Schweiz gesprochen wurde. Bandleader Chrigel Glanzmann arbeitet mit einer Handvoll Professoren zusammen, die des Gallischen mächtig sind und seine Texte übersetzen. «Ich will jeweils ganz genau wissen, was ich singe», sagt Fabienne Erni. «Nur so kann ich mich in die Welt des Songs hineinversetzen und empfinde die entsprechenden Emotionen.»

«Ich habe meine Nische gefunden», sagt die Sängerin, die ebenso gut als Fotomodell Karriere machen könnte, wie sich beim anschliessenden Fotoshooting zeigt. «Ich komme eigentlich von der Folk-Seite, Metal war für mich eine neue Welt.» Doch die Mischung von beidem: «Mega! – Als ob der Stil extra für mich geschaffen worden wäre», sagt sie lachend. Jetzt müsse sie dranbleiben. Und gesund. Anders sei eine 26-tägige Tournee mit 24 Konzerten nicht durchzustehen, wie sie im Herbst in Nordamerika auf dem Programm steht. Deshalb ist Fitnesstraining angesagt. Jetzt. Mit dem Scooter von der Landiwiese zurück nach Wiedikon. Ohne Motor, versteht sich.