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Porträt

Eine Frau, viele Gesichter

Ljiljana Pospisek hat für ihre Autobiografie auf meet-my-life.net einen Preis gewonnen. Die selbstbewusste Frau verwendete dafür präzise Wortbilder, wo es ihr möglich war. Anderes bleibt unerwähnt.

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Christoph Kaminski
04. Februar 2019

Ljiljana Pospisek (43) sitzt mit rot geschminkten Lippen am Tisch im Restaurant Hopfenstube in Schaffhausen SH vor einem doppelten Espresso. Sie strahlt Neugier aus. Nach dem Gespräch wird sie sagen, dass sie etwas nervös war. Denn ihr Gegenüber hat ihre 48 A4-Seiten lange, preisgekrönte Autobiografie «Krokodil im Flieder» gelesen. Und diese bietet einen bunten Reigen an knappen Kindheitserinnerungen («Im Giessenpark Schlittschuh laufen, die Schwäne und Enten. Die Bäume und Vögel.»), detailgetreuen Erzählungen («Ich finde mich wieder auf dem Bett und bin soeben aufgewacht. Das Fenster ist offen, der Wind bläst den blauen Vorhang ins Zimmer.») und losen Gedanken («Zwar weiss ich nicht mehr, ob ich das wirklich einschätzen kann. Versteht mich jemand in diesem Punkt?»).

Da die Autobiografie nicht chronologisch abgefasst ist, setzen sich ihre Stationen bei der Lektüre nur bruchstückhaft zusammen. «Es geht um eine Art Rückeroberung meiner eigenen Geschichte», resümiert Pospisek selber im Text. Geboren wird sie in Sierre VS. Danach wächst sie bei ihren Grosseltern mütterlicherseits im heutigen Serbien auf, ehe sie 1981 nach Bad Ragaz SG zu ihren Eltern zieht. Mit 16 Jahren flieht sie von zu Hause nach San Francisco (USA), nach ihrer Rückkehr geht sie in ein Internat im Kanton Obwalden und legt die Matur in Sargans SG ab. Durch ihr Studium in Germanistik, Philosophie und Geschichte lernt sie die Städte Zürich, Bern und Basel kennen und lieben. Heute arbeitet sie als Dolmetscherin und Deutschlehrerin für Fremdsprachige.

Zu Intimes gehört ins Tagebuch

Viel schreibt Pospisek über ihre Zeit im ehemaligen Jugoslawien, ihre Kindheit in der bescheidenen Welt ihrer Familie, die aus armen Verhältnissen kommt. Die schwierige Beziehung zu Vater und Mutter wird beleuchtet. Wenig Erwähnung finden ihre eigenen Kinder. «Es gibt Aspekte, die ins Tagebuch gehören und nicht an die Öffentlichkeit.»

Kaum Platz räumt sie auch dem überraschenden Tod ihres Lebenspartners ein. «Es gibt Dinge, welche ich nicht verstehe. Darüber habe ich nicht schreiben können. Ich sehe aber nun trotzdem klarer, eben, weil ich es weggelassen habe», schreibt Pospisek im Text. Denn zu gross ist der Schmerz, um für gewisse Schicksalsschläge Worte zu finden.

Ihre Erzählung ist genauso abwechslungsreich wie anspruchsvoll. Und stets wieder mit einer Prise Humor gespickt: «Nach sieben Jahren hatten es meine Eltern geschafft, ein zweites Kind zu bekommen. Eine Tochter. Hier bin ich!» Pospisek muss über das Urteil, dass ihr Schreibstil unkonventionell ist, schmunzeln. «Ich habe immer wieder am Text gearbeitet und je nach Kapitel hat es sich einfach so ergeben», klärt sie beinahe entschuldigend auf. Diese Art des Erinnerns berührte die Jury derart, dass sie Pospisek Anfang Februar mit einem Award auszeichnete: «Stück für Stück entsteht aus Erinnerungsstücken dieser Art ein Mosaik an Bildern, Szenen, die sprachlich so gefasst sind, dass man dem Erinnerungsprozess selbst beizuwohnen scheint», erklärte Literaturwissenschaftler Sandro Zanetti (44) bei seiner Laudatio.

Fragen elegant umschifft

Eigentlich hätte es eine vorgegebene Form gegeben, wie sie ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben hätte: Auf der Webseite werden Fragen gestellt, um über das eigene Leben zu reflektieren. Ljiljana Pospisek liess sich davon inspirieren, wählte aber eine eigene Schreibweise: «Es war hilfreich, um einen Einstieg zu finden», gibt sie zu. Doch relativ schnell war ihr klar, dass sie eine eigene Art entwickeln würde, das Erlebte zu schildern. Manche Erinnerungen lassen sich nicht kategorisieren und erst recht nicht chronologisch erzählen, das wird einem nach der Lektüre von «Krokodil im Flieder» schnell klar.

Noch ist sie nicht fertig mit dem Werk, die zweifache Mutter empfindet es als einen «work in progress», eine laufende Arbeit. Immer wieder feilt sie an ihrem Text, tauscht Abschnitte aus oder ergänzt einige Geschehnisse. Für den Titel hat sie sich nach langem Hin und Her entschieden: «Flieder ist das wohlige Gestrüpp, das uns umgibt und mit feinem Duft bezirzt. Und das bedrohliche Krokodil schlummert darin; und zeigt immer wieder seine unschöne Seite.»

Autobiografie-Award

Jeder kann mitmachen

Wer sein Leben aufschreiben möchte, kann dies auf www.meet-my-life.net tun. Das mithilfe der Universität Zürich entwickelte Schreibkonzept ermöglicht es, Erinnerungen geordnet aufzuschreiben und auf Wunsch online zu veröffentlichen. Der erste Monat ist kostenlos zur Probe, bei Gefallen bezahlt man einen einmaligen Betrag von Fr. 39.50. Die beste abgeschlossene Autobiografie wird jedes Jahr unter dem Patronat von Coop mit dem Schweizer Autobiografie-Award ausgezeichnet und als Buch in einer Auflage von 50 Exemplaren gedruckt.