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Porträt

Die stählerne Lady

Eigentlich läuft Gabi Schenkel Ultramarathons. Nun will sie als erste Schweizerin den Atlantik überqueren – in einem Ruderboot und ganz allein.

FOTOS
Kostas Maros, zvg
17. Juni 2019

Bei der «Talisker Whisky Atlantic Challenge» will Gabi Schenkel 15 bis 16 Stunden am Tag rudern. Auf dem Foto: Training auf dem Zürichsee.

«42, Osteopathin, Single, kinderlos», entledigt sich Gabi Schenkel der Formalitäten. So, als wollte sie diese rasch hinter sich bringen. Danach bestellt sie sich im «Tibits» in Zürich einen Tee und fährt, ohne die Nachfrage zu ihrem Beziehungsstatus abzuwarten, fort: «Schon Madonna hat gesungen ‹Don’t go for second best, baby!›» – frei übersetzt: «Nimm nicht den Zweitbesten.»

Spätestens nach dieser Ansage würde sogar ein emotionales Trampeltier bemerken: Diese Frau weiss, was sie will – die Grenzen des Menschenmöglichen ausloten. Ihr gewagtes Vorhaben: Die «Talisker Whisky Atlantic Challenge» – ein unbegleitetes Ruderrennen, das als eines der härtesten der Welt gilt. 4800 Kilometer, von La Gomera (Kanarische Inseln) nach Antigua in der Karibik. Gabi Schenkel wäre die erste Schweizerin, die allein in einem Ruderboot den Atlantik überqueren würde. Bei der «Talisker Whisky Atlantic Challenge 2019/2020» ist sie gar die einzige Soloruderin in einem Feld von 38 Booten. Und dies ohne wirkliche Rudererfahrung. Dazu sagt sie nur: «Rudern kann man ja lernen.»

Begonnen hat sie damit letzten September. Seither trainiert Schenkel vier bis fünf Mal pro Woche. Dazu gehören auch Krafttraining, Laufeinheiten für die Ausdauer und Yoga-Sessions für das mentale Gleichgewicht.

Ein halbes Jahr bleibt der 42-Jährigen noch, um sich für ihre bisher «grösste Herausforderung» in Form zu bringen. Am 19. Dezember fällt er, der Startschuss für den «Talisker Whisky Atlantic Challenge», die Atlantik-Überquerung, die nach bisherigen Erfahrungen 30, aber auch bis zu 90 Tagen dauern kann. «Ziel ist es, dass ich am 26. Januar 2020 – meinem Geburtstag – mit Drink und Papierschirmchen am Strand von Antigua liege», gibt sich Gabi Schenkel selbstbewusst, um gleich zu relativieren. «Prio 1: überhaupt ankommen. Prio 2: so wenig wie möglich leiden. Prio 3: die Strecke so schnell wie möglich meistern.»

Beim Zuhören wird klar: Wenn die Frau so schnell rudert, wie sie spricht (ohne Pausen, alles zackzack), dann schafft sie die Strecke in einer guten Zeit. Und was den Leidensfaktor angeht, den ist sie sich gewohnt. Denn in den letzten 20 Jahren hat sich Gabi Schenkel als Ultramarathonläuferin einen Namen gemacht. «Über Distanzen von bis zu 200 Kilometern habe ich meine physischen und mentalen Stärken kennen- und entwickeln gelernt.»

Zum Laufen kam Gabi Schenkel schon in Jugendjahren. Doch die Gründe waren nicht nur rein sportlicher Natur. «Als Teeny wurde ich ziemlich heftig gemobbt.» Das Joggen habe ihr geholfen, mit der Situation besser umzugehen. «Es war quasi meine Psychotherapie.» Diese benötigt sie heute nicht mehr. Die Zeiten der Verarbeitung und Selbstfindung sind längst passé – die Frustbewältigung ist edlen Gedanken gewichen.

Das Boot von Gabi Schenkel ist noch im Bau ? in etwa so wird es aussehen.

«Im Zentrum meines Projektes steht nicht primär meine körperliche und mentale Leistung.» Mit ihrer Atlantik-Überquerung wolle sie vielmehr das Bewusstsein wecken, dass wir wieder mehr im Einklang mit der Natur denken und handeln sollten. «In unseren Ozeanen schwimmen 86 Millionen Tonnen Plastik ... dagegen müssen wir ankämpfen. Auch als Binnenland haben wir eine Verantwortung.» Deshalb werde sie den finanziellen Erlös aus dem Projekt vollumfänglich den beiden Umweltorganisationen «OceanCare» und «Plastic Patrol» spenden.

«Ich weiss, ich bin nicht normal»

Gabi Schenkel bestellt sich an der Theke eine zweite Tasse Tee, kehrt mit einem Lächeln auf den Lippen zurück und sagt: «Ich weiss, ich bin nicht ganz normal, aber das macht mich doch auch besonders liebenswürdig, oder?» Nicht nur das! Die starke Frau wirkt bei ihr nicht aufgesetzt. Sie ist es! Darum glaubt man ihr auch, wenn sie sagt: «Ich habe Respekt, aber keine Angst.» Angst würde lähmen und zu Kurzschlussreaktionen führen. 15 bis 16 Stunden pro Tag will Gabi Schenkel rudern. «Aber natürlich mit angesteuerten Pausen.» Alle zwei bis drei Stunden werde sie zudem eine grössere Rast einlegen, um etwas zu essen. Was den Schlaf betrifft, sagt sie: «Ich schlafe nur, wenn es mein Körper explizit verlangt.»

Gabi Schenkel blickt ihrem Abenteuer mit Zuversicht entgegen. Angst habe sie keine, aber Respekt.

Sicherheit gibt ihr die minutiöse Planung. Dazu gehört auch die Rationierung der Nahrung. «Ich werde Essen für 90 Tage dabeihaben – vorwiegend Trockenfutter –, eine Entsalzungsmaschine, um das Meerwasser trinkbar zu machen, und Solarpanels für die Energie.» Und falls auf ihrer Überfahrt doch einmal etwas Unvorhergesehenes passiere, stehe sie über Satellitentelefon im Kontakt mit der Organisation. Dazu kommen zwei Support-Yachten, die das Feld der Aktiven am Rand begleiten. «Zu diesen habe ich aber keinen Sichtkontakt und auch nicht zu den anderen Teilnehmern des Rennens.» Denn das Feld werde durch die unterschiedliche Routenwahl viel zu weit auseinandergerissen. «Es werden ziemlich einsame und lange Tage und Nächte werden.»

Zeit also, um ihr nächstes Abenteuer zu planen. Dieses hat sie schon im Kopf. Mit leuchtenden Augen erzählt sie vom «Tor de Géants» Einem 330-Kilometer-Lauf mit 24 000 Höhenmetern im Aostatal (IT), an dem sie im September 2020 teilnehmen will. «Bei der letzten Teilnahme wurde ich von den Organisatoren mit Verdacht auf Lungenentzündung rausgenommen – da habe ich noch eine Rechnung offen.» 

Zum Schutz der Ozeane

3000 Meilen über den Atlantik

Wer begleitet Gabi Schenkel mit seinem Namen und steht für saubere Gewässer ein? Jede Meile zählt und ist für 100 Franken zu haben. «Spitzenleistungen sind nur im Team möglich, auch wenn ich das Rudern allein übernehme.» Je mehr Meilen, desto grösser erscheint der Name des Gönners auf dem Boot von Gabi Schenkel. Der finanzielle Erlös kommt vollumfänglich den beiden Umweltorganisationen «OceanCare» und «Plastic Patrol» zugute.

Weitere Informationen hier: https://www.the-swiss-1s.com