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PORTRÄT

Hofnarr der Moderne

Die Deutschen lieben ihn, die Schweizer kennen ihn nicht. Der Solothurner Alain Frei gilt als Senkrechtstarter der Comedy-Szene. In seinem Bühnenprogramm räumt der 35-Jährige mit verstaubten Klischees über Nationalitäten auf.

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Mike Wahrlich
19. August 2019

Alain Frei bringt ernste Themen auf humorvolle Weise ans Publikum.

Was machen ein Ägypter, ein Türke und ein Schweizer, wenn sie aufeinandertreffen? Sie gehen zusammen auf die Bühne und unterhalten die Menge. Bereits seit sechs Jahren gehört der Schweizer Komiker Alain Frei (35) zur multikulturellen Comedian-Gruppe «Rebell Comedy». Die erfolgreichen Komiker haben alle einen Migrationshintergrund: Ägypter, Türke, Iraner … Da ist Alain Frei als Schweizer ausnahmsweise der Exot. Der Solothurner lebt seit 12 Jahren in Deutschland und ist dort ein gefeierter Comedian. Im Nachbarland hat der Schweizer schon einige Comedypreise gewonnen, er tritt auch regelmässig im deutschen Fernsehen auf. In der Schweiz hat er sich hingegen noch keinen grossen Namen gemacht.

Alain Frei, dessen Nachname eigentlich Rüetschli ist, träumte früher von einer Karriere als Schauspieler. Am liebsten wäre er, der in Luterbach SO aufwuchs, direkt in eine Schauspielschule eingetreten. Seine Eltern rieten ihm aber, zuerst etwas sogenannt Vernünftiges zu lernen. Also machte er eine Lehre zum Plattenleger. Die Arbeit gefiel ihm zwar, doch für immer auf dem Bau zu arbeiten, das konnte er sich nicht vorstellen: «Ich wollte mehr von der Welt sehen.» So zog er nach Hamburg und studierte dort Schauspiel. Während dem Studium wurde aus dem Nachnamen Rüetschli der Künstlername Frei. «Ich habe mir gedacht, dass der Name für das deutsche Publikum einfacher auszusprechen ist.» Mittlerweile bereut der Komiker diese Entscheidung ein wenig: «Wäre noch von Vorteil gewesen, als Schweizer Comedian einen typischen Schweizer Nachnamen mit li-Endung zu haben. Für eine nochmalige Namensänderung ist es jetzt zu spät.» Mitte 20 entflammte sich bei ihm plötzlich die Leidenschaft für Stand-up-Comedy. «Ich nahm an einem Wettbewerb für Anfänger teil. Ich war grottenschlecht und hatte so natürlich null Chancen. Trotzdem machte ich weiter.» Sein Ehrgeiz führte schliesslich zum Erfolg, mittlerweile kann Frei von seiner Kunst leben. «Heute bin ich in der Comedy-Welt zu Hause, schauspielern würde ich nur noch aus Spass.»

«Vielen von uns geht es zu gut»

Schweizer sind reich, langsam und setzen an jedes Wortende ein «li». Diese Vorurteile hört Alain Frei fast täglich in Deutschland. Gerne wird der Schweizer auch als «guter Ausländer» bezeichnet. Das stört den Komiker sehr: «Es gibt keine guten und schlechten Ausländer. Wir müssen verstehen, dass eine Person aus einer fremden Kultur nicht automatisch als etwas Schlechtes abgestempelt werden sollte.» Alain Frei spricht auf der Bühne ganz offen über kritische Gesellschaftsfragen und teilt dabei gerne seine Meinung mit. «Vielen von uns geht es zu gut. Wir stören uns plötzlich an Dingen, die eigentlich gar kein Problem sein sollten.»

Blöde Politiker, Peinliches aus dem Alltag oder überspitzte Klischees – über das reden Komiker gerne. So auch Alain Frei: «Man darf über Vorurteile Witze machen. Allerdings sollte man aufzeigen, dass diese meistens Quatsch sind.» Kein Wunder, spricht er in seiner Show auch gerne über Schweizer Klischees. Und klärt die Deutschen in akzentfreiem Hochdeutsch über Irrtümer auf. Tatsächlich hat sich Frei so sehr ans Hochdeutsch gewöhnt, dass er auch in seinen Shows in der Schweiz Standarddeutsch spricht. Denn bei diesen Auftritten sitzen immer sehr viele Deutsche im Publikum. «Hinzu kommt, dass ich einige Gags nicht gut auf Schweizerdeutsch umschreiben kann. Die sind dann weniger authentisch.»

Er mag den Kontakt zu seinen Fans

Alain Frei sieht Komiker gerne als Hofnarren des 21. Jahrhunderts: «Die Bezeichnung Hofnarr gilt heute als etwas Albernes. Das stimmt so aber nicht. Deren Job war es nicht nur, die Menge zu unterhalten.» Im Mittelalter übten Hofnarren Kritik an Systemen, Denkweisen und der Gesellschaft aus. «So ist das auch bei Stand-up-Comedians. Wir bringen ernste Themen auf eine humorvolle Weise ans Publikum und machen sie so gesellschaftsfähig.»

Die Deutschen mögen den Schweizer Komiker. Die Medien betiteln ihn gar als «Senkrechtstarter der deutschen Comedy-Szene». Unerkannt durch Deutschlands Städte schlendern kann der Schweizer nicht mehr. Bis zu fünfmal wird er täglich angesprochen. «Aber damit habe ich kein Problem, ich mag den Kontakt zu meinen Fans. Sie sind immer superfreundlich.» Freis Bekanntheit wächst und wächst. Vor allem durch YouTube- Videos seiner Auftritte. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Alain Frei bald auch in der Schweiz eine wachsende Fangemeinde hat.