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Porträt

Kein Weg ist zu weit

Nicht alle Wege führen nach Tokio – manchmal braucht es einen Umweg. Der Baselbieter Joel König tingelt für seinen Olympiatraum durch die ganze Welt.

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Kurt Frischknecht, Zug, Zvg
22. April 2019

Joel König, derzeit die Nummer 332 der Welt, muss für Olympia noch einen kräftigen Sprung nach vorne machen.

In diesem Jahr werden bei Joel König ganz schön viele Kilometer zusammen kommen. Im Februar war er in Uganda und Kenia unterwegs, im Mai ist eine Südamerika-Tour mit Brasilien und Peru geplant. Danach geht es wahrscheinlich nach Aserbaidschan und Mauritius und vermutlich noch nach Benin und in die Elfenbeinküste. «Ach ja», sagt der 23-Jährige, «Nigeria ist ebenfalls vorgesehen und vielleicht Australien.» Und im Oktober, dies als kleine Zugabe, wird er sich auch noch an die Militär-Weltspiele nach China aufmachen.

König ist von Beruf Badmintonspieler und möchte sich für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio qualifizieren. Dafür nimmt er weite Wege auf sich. Denn als Nummer 332 der Welt ist ihm die Teilnahme an den grossen Turnieren verwehrt. Um trotzdem Punkte sammeln zu können, muss er auf die kleineren Veranstaltungen ausweichen – in fern gelegenen Ländern, wo Badminton als exotische Sportart gilt. Der Baselbieter aus Titterten ist allerdings nicht der Einzige, der für sein grosses Ziel weite Umweg in Kauf nimmt. «Da gibt es jede Menge besser klassierte Spieler, die auf dieselbe Idee kommen.» Bei ungünstiger Auslosung kann es vorkommen, dass bereits in den ersten Runden Endstation ist – und all die Strapazen für die Katz waren. In Uganda kam er mit Fieber an und verlor gleich zum Auftakt gegen die Nummer 145 der Welt. In Kenia schaffte er es immerhin unter die letzten acht.

Es ist ein steiniger Weg, für den sich König früh entschieden hat. Mit 18 Jahren war für ihn klar: «Nach dem Gymi will ich Profisportler werden.» Passend dazu erstellte er in seiner Maturarbeit ein «Sponsoringkonzept für Einzelsportler aus Randsportarten». Badmintonspieler erscheinen nur selten in den Medien, die Preisgelder sind mickrig und decken bei einem kleineren Turniersieg höchstens die Kosten für die Anreise. Doch König, der alles selber organisiert, ist clever und schafft es tatsächlich, seinen Traum vom Profisportler zu leben – unter anderem, weil er bei der Sponsorensuche erfolgreich ist und er den Geldgebern einen Gegenwert für ihre Unterstützung bietet. Dazu gehört das Crowdfunding «Joel König’s Road to Tokyio»; wer ihn beispielsweise mit 
50 Franken unterstützt, erhält «einen kleinen Beutel selbst gemischten Tee».

Manchmal bietet das Turnier einen Ausflug an: In Kenia war auch Joel König (3. von links) dabei.

Joel König lernt auf seinen Trips eine ganz andere Welt kennen. Hier passt er auf den Verkehr in Uganda auf.

Langfristiger Plan

Dass er nichts dem Zufall überlässt, bewies er auch bei der Wohnungssuche. Aus Kostengründen wollte er bei einer Gastfamilie wohnen, möglichst nahe beim Nationalen Leistungszentrum von Swiss Badminton in Thalmatt BE. Also hängte er an allen Bushaltestellen in der Nähe ein Inserat auf und wurde tatsächlich fündig: Ein älteres Ehepaar aus Uettligen, dessen Kinder längst ausgeflogen waren, meldete sich beim findigen Badmintonprofi.

Neben dem Platz ist Joel König also zweifelsfrei (welt)meisterlich. Doch kann er auch auf dem Feld mit den anderen mithalten? Sind seine Ziele realistisch? Er selber ist überzeugt, dass es möglich ist. «Für Tokio wird es schwierig», räumt er ein, «aber ich glaube daran. Ich plane ohnehin langfristig – bis 2028.» Um es an die Spiele zu schaffen, muss er mindestens in die Top 100 kommen. Christian Kirchmayr (25), als Nummer 156 der bestklassierte Schweizer, ist noch am nächsten dran.

«Ich plane langfristig – bis 2028.»

 

Michael Spühler (36), langjähriger Individualtrainer von König, attestiert ihm, dass er sich gut entwickelt hat. «Ihn zeichnet aus, dass er professionell wie nur wenige andere ist.» Technisch, das sieht auch König selber so, gebe es talentiertere Spieler. Aber: «Er zieht sein Ding durch.» Wenn er nicht von widrigen Umständen gebremst werde.

So wie vor Jahresfrist. Da wachte er nachts plötzlich mit starken Schmerzen im Brustkorb auf. König fuhr mit dem Taxi ins Spital, wo die Diagnose «Pneumothorax» gestellt wurde. Dabei handelt es sich um einen teilweisen oder kompletten Kollaps der Lunge, der spontan entstehen und lebensbedrohlich sein kann. Als seine Lunge zwei Wochen später ein zweites Mal Probleme machte, war eine OP unumgänglich. Bis er sich vollständig erholt hatte und körperlich wieder auf demselben Niveau wie vorher war, vergingen sieben lange Monate.

«Das war eine harte Zeit», sagt Joel König, aber hadern würde nicht zu ihm passen. Lieber blickt er nach vorne. Denn schon bald heisst es wieder: Koffer packen. Für das nächste Abenteuer in einem weit entfernten Land.


Als Joel König sich wie ein kleiner Junge fühlte

Es war Anfang Februar, als Joel König sich nach einer Trainingssession in einem Sportcenter in der Nähe von Zürich umzog. Dabei hörte er, wie im Hintergrund zwei Personen miteinander über Tennis sprachen – «und zwar anders, als sich zwei Hobbyspieler miteinander unterhalten. Und dann kam mir eine Stimme auch noch sehr bekannt vor». Tatsächlich: Die Stimme gehörte niemand anderem als Roger Federer.

Klar, dass sich König mit ihm kurz unterhalten wollte, sozusagen «von Basler zu Basler». Taktisch geschickt wartete er ab, bis Federer die Garderobe verliess und fragte den Tennis-Maestro draussen, ob ein gemeinsames Foto möglich sein. Welch eine Frage! Federer ist keiner, der einen solchen Wunsch ablehnen würde. Nach dem Selfie unterhielten sich die beiden miteinander: König erzählte, dass er als Badminton-Profi unterwegs sei, Federer zeigte sich Interessiert und wollte mehr wissen. Am Ende konnte es der Badmintonspieler kaum fassen. «Mit dem Grössten aller Zeiten gesprochen zu haben – da fühlte ich mich wie ein kleiner Junge». 

Und schliesslich noch ein Blick auf die besten Schweizer in der Badminton-Weltrangliste