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Porträt

Spannend wie ein Krimi

Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer ist eine von zwei Schweizerinnen in einer klassischen Männerdomäne. Mit dem Swiss Orchestra haucht sie vergessenen Werken von Schweizer Komponisten neues Leben ein.

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Christine Bärlocher
21. Oktober 2019

Wenn Lena-Lisa Wüstendörfer dirigiert, ist nicht nur die Musik spannend, die sie den Orchestern entlockt. Auch ihre äus- serst präzis wirkende Gestik, die ausdrucksstarke Mimik und ihre langen blonden Haare, die bei der temperamentvollen Zürcherin teilweise spektakulär durch die Luft fliegen, machen Eindruck. Trotzdem wirkt es nicht effekthascherisch, sondern einfach leidenschaftlich, wenn sie sich ganz ihrer Berufung hingibt. «Orchesterklänge faszinierten mich schon seit meiner Kindheit», schwärmt die 36-Jährige. «Mit ihnen kann man Geschichten erzählen, die bei Spielenden und Zuhörenden gleichermassen grosse Emotionen wecken.»

Wie ihre beiden Brüder begann Lena- Lisa früh Musik zu machen. Auf die Blockflöte folgten Geige und Klavier. Nach der Matura studierte sie an der Musikhochschule Basel, realisierte aber schon bald, dass sie den Orchesterklang nur als Dirigentin nach ihren persönlichen Vorstellungen gestalten kann. So verlegte sie den Schwerpunkt ihres Studiums und absolvierte nach ihrem Abschluss 2007 ein prägendes Jahr als Assistenz-Dirigentin beim legendären Claudio Abbado (1933–2014).

Stilles, aber leuchtendes Vorbild

Der Chefdirigent der Mailänder Scala und ständige Gastdirigent der Wiener Philharmoniker war ein Superstar jener Zeit. «Ich ging mit dem Maestro die Partituren durch, sass bei den Proben im Saal und gab ihm eine Rückmeldung über den Klang. Wenn er verhindert war, durfte ich sogar die Proben dirigieren», erinnert sie sich. Abbado war für sie stilles, aber leuchtendes Vorbild, von dem Wüstendörfer vor allem durchs Beobachten lernte. «Er besass die Fähigkeit, die Instrumentalisten ohne viele Worte zu leiten. Und die Musik stand immer im Zentrum.»

Swiss Orchestra

Lena-Lisa Wüstendörfer

Lena-Lisa Wüstendörfer tritt mit dem Swiss Orchestra und Pianist Oliver Schnyder als Solisten am 24.10. in St. Gallen in der Tonhalle und am 27.10. in Genf in der Victoria Hall auf.

Die zweite Tournee startet Ende März 2020 mit dem Solisten Heinz Holliger. 

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Das ist auch bei der promovierten Musikwissenschaftlerin so. Sie legt grossen Wert auf eine akkurate Vorbereitung. Bevor sie vor ein Orchester tritt, vertieft sie sich so in die Stücke, dass sie diese in- und auswendig beherrscht. «Mich interessieren die Hintergründe eines Stücks: Wo und wie ist es entstanden, was ist besonders daran?» Privat sucht die Dirigentin eher die Stille. Wenn sie gerade keine Partituren oder Fachliteratur liest, dann meist Kriminalromane. Manchmal reist sie sogar an deren Schauplätze. «Die ‹Ostfriesen›-Krimireihe von Klaus-Peter Wolf motivierte mich in diesem Sommer, auf ihren Spuren an die Nordsee zu fahren.» Ausserdem ist das Städtchen Norden die Heimatstadt ihres Vaters. Der Vater der Dirigentin war der deutsche Schauspieler und Synchronsprecher Edzard Wüstendörfer (1925–2016), der 30 Jahre lang dem Ensemble des Zürcher Schauspielhauses angehörte.

Nun gehört ihre volle Aufmerksamkeit einem Herzensprojekt, an dem Wüstendörfer schon seit einiger Zeit arbeitet. Es ist aus ihren Engagements als Gastdirigentin im Ausland entstanden. «Ich wurde immer wieder gebeten, im ersten Teil eines Abends ein Stück eines Schweizer Komponisten aufzuführen», erzählt sie. Da Schweizer Sinfonik selbst für Fachleute kein geläufiges Thema ist, durchforstete sie die Archive und stiess dabei auf Komponisten aus der Klassik und Romantik, die damals recht bekannt waren, aber danach vergessen gingen. Um diese wieder in Erinnerung zu rufen, suchte sie gleichgesinnte Förderer, die sich in der Swiss-OrchestraGesellschaft organisierten. Diese ermöglichte ihr die Verpflichtung von hervorragenden Musikern aus der ganzen Schweiz.

Die umtriebige Dirigentin stellt auf der ersten Tournee des Swiss Orchestra Kompositionen von Hans Huber (1852–1921) und Jean Baptiste Édouard Du Puy (1770–1822) neben Werke von Mozart (1756–1791) und Beethoven (1770–1827)und vermittelt dem Publikum bei ihren Moderationen Interessantes aus der Rezeptions- und Lebensgeschichte. So war Du Puy um 1800 am dänischen Königshof hoch angesehen, ehe er wegen der Affäre mit der Gattin des Kronprinzen aus dem Land gejagt wurde. Obwohl Wüstendörfer momentan als einzige Schweizer Dirigentin neben Graziella Contratto (53) Spitzenorchester leitet, spielte das Gender-Thema für sie bisher keine grosse Rolle. «Ich mische mich nicht in diese gesellschaftliche Kontroverse ein, weil ich in meiner Karriere selber keine offensichtlich geschlechtsspezifische Diskriminierung erlebt habe.»