«Es ist ein Ticket für eine Zeitreise» | Coopzeitung
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Porträt

«Es ist ein Ticket für eine Zeitreise»

Seit seiner Kindheit sammelt Markus Brandes (42) Autogramme. Mit 18 Jahren machte er sein Hobby zum Beruf. Und: Wegen ihm mussten auch schon die Geschichtsbücher umgeschrieben werden.

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Daniel Ammann
16. Dezember 2019
 Markus Brandes ist im deutschsprachigen Raum der einzige vor Gericht zugelassene Experte für Autogramm-Fälschungen.

 Markus Brandes ist im deutschsprachigen Raum der einzige vor Gericht zugelassene Experte für Autogramm-Fälschungen.

Es ist ein Schotterweg, der zum Haus von Markus Brandes führt. Ein unauffälliges Grundstück versteckt hinter Bäumen und Sträuchern, deren Herbstlaub die bunten Wochen schon hinter sich hat. Nichts deutet darauf hin, welcher Schatz sich im Untergeschoss des Einfamilienhauses verbirgt. Eine schlichte Wendeltreppe aus Metall führt hinab in das Reich des 42-jährigen Autogrammjägers. Brandes selbst bezeichnet sich lieber als Schriftensammler. 2010 erhielt er die Auszeichnung für den bedeutendsten Händler weltweit. «Ich deale mit Emotio- nen», sagt er und fügt an: «Die Handschrift stirbt aus, sie ist aber gleichzeitig eine Antiquität der Zukunft und ein Ticket für eine Zeitreise.»

Schriftstück von Buzz Aldrin.

Der Brief von Mutter Teresa.

Als wollten sie den Worten ihres Besitzers Nachdruck verleihen, lächeln einem von den Wänden des schmalen Gangs weltbekannte Gesichter entgegen. Die rechte Seite gehört ganz den Musikern. Bilder von Madonna, Michael Jackson, Jimi Hendrix, Bob Marley und Elvis – alle schlicht gerahmt, mit Unterschrift und teils persönlicher Widmung. Von vis-à-vis grüssen Albert Schweitzer, Albert Einstein, Papst Johannes Paul II. und die Queen Mum mit persönlichen Botschaften. Mittendrin Jahrhundertgangster Al Capone mit einer handschriftlichen Notiz an seine Sekretärin, worin er sie um den Einkauf einer Schachtel Aspirin bittet. «Ein einzigartiges Exemplar», sagt Brandes und erklärt: «Als meistgesuchter Verbrecher seiner Zeit hat Al Capone praktisch nichts eigenhändig geschrieben.»

Mutter Teresa ist schuld

Nicht minder wertvoll ist für Markus Brandes ein Brief von Mutter Teresa – ein an ihn adressiertes Dankesschreiben direkt aus Kalkutta (IND). «Damit hat alles begonnen», erinnert sich der gebürtige Deutsche. «Ich war 13 Jahre alt, als ich am TV eine Reportage über die Wohltäterin und ihr Schaffen sah. Ich war fasziniert und wollte etwas beisteuern», erinnert sich Brandes. Also habe er einen Zehn-Mark-Schein in ein Couvert gesteckt und nach Indien geschickt. «Ich hätte nie im Leben mit einer Antwort gerechnet, und schon gar nicht mit einer solch persönlichen.» Brandes war gerührt, fasziniert und ab da mit dem Virus des Schriftensammelns infiziert. Nach seiner Lehre zum Fachinformatiker und mit gerade mal 18 Jahren machte Markus Brandes seine Leidenschaft zum Beruf. Das Einverständnis seiner Eltern erhielt er problemlos.

Rund 10 000 Schriftstücke hat er mittlerweile in seinem Angebot. Das momentan teuerste: ein mehrteiliger Brief des deutschen Forschungsreisenden Alexander von Humboldt im Wert von 11 250 Franken. Brandes ist aber nicht nur Sammler und Händler. Er ist im deutschsprachigen Raum auch der einzige vor Gericht zugelassene Experte für das Erkennen von Autogramm-Fälschungen. Eine ähnliche Ehre wurde ihm auch von einem ganz Grossen der Weltgeschichte erteilt. 2006 war das, im Rahmen einer Autogrammmesse in London. «Dort erhielt ich von Buzz Aldrin, vom Mann, der bei der Apollo-11-Mission von 1969 nach Neil Armstrong den Mond betreten hatte, ein Autogramm.» Das war schon gut, doch was der damals 76-jährige US-Amerikaner schrieb, war noch besser. Brandes erhielt von Aldrin den Ritterschlag mit den Worten: «Ein kleiner Schritt gegen Autogrammfälschungen, aber ein grosser Schritt für die Sammler.» Mittlerweile ist Brandes kaum noch auf der Pirsch. Das Autogrammjagen delegiert er an seine Vertrauensleute auf der ganzen Welt. Er selber verbringt die meiste Zeit des Tages am Computer. «Da verfolge ich weltweit Auktionen im Internet und beantworte täglich bis zu 350 Anfragen.»

Al Capones Notiz an seine Sekretärin.

Queen Mum.

Brandes bezeichnet sich selbst als Besessenen. Und erwähnt nicht ohne Stolz, dass man wegen ihm auch schon die Geschichtsbücher umschreiben musste. Auf einer Auktion ersteigerte er einen Brief von Seefahrer James Cook (1728–1779), der eine minutiöse Planung seiner dritten Weltreise beinhaltet. «Damit konnte ich die bisherigen Aufzeichnungen widerlegen, die besagten, dass der Engländer dabei ums Leben kam, weil er sie zu wenig gut vorbereitet hatte.»