X

Beliebte Themen

Porträt

Passt nicht? Gibts nicht!

Weil Anneli Cattelan für ihren behinderten Sohn keine passenden Kleider fand, griff sie selber zu Nadel und Faden – heute ist ihre Berufung: «Mit Kleidern Würde geben.»

FOTOS
Lucia Hunziker
04. November 2019

«Das Schneidern von Kleidung für körperlich Behinderte ist nicht einfach», sagt Anneli Cattelan (hier in ihrem Atelier in Münchenstein).

«Mein Sohn Mattia ist schuld am positiven Verlauf meines Lebens», sagt Anneli Cattelan (51) und muss dabei schmunzeln – obwohl sie es durchaus ernst meint. «Jojo», erwidert dieser nur und fährt seinen elektrischen Rollstuhl ein Stück näher an den gros-sen Familientisch in seinem Elternhaus in Münchenstein BL. Der 21-Jährige leidet an Muskeldystrophie vom Typ Duchenne. «Das ist eine Erberkrankung, die sich schon im frühen Kindesalter durch ausgeprägte Muskelschwäche bemerkbar macht», erklärt seine Mutter, «und endet durch den Befall von Atem- und Herzmuskulatur mit dem Tod», ergänzt Mattia mit beeindruckender Gelassenheit.

Schon bei der Geburt ihres ältesten Sohnes fielen Anneli Cattelan seine strammen Waden auf. Die gebürtige Münchnerin dachte sich: «Sehr schön, das ist jetzt aber ein richtiger Bayer.» Erst später erfuhr die Familie, dass dies ein typisches Merkmal dieser Krankheit ist. «Bei Mattias Einschulung merkten wir dann definitiv, dass mit ihm etwas nicht stimmt», erinnert sich Cattelan. «Er stolperte häufig und war unsicher beim Gehen.»

Heute ist Mattia bei seinen Eltern nur zu Besuch. Vor zwei Jahren ist er von zu Hause ausgezogen und lebt seither in einem Heim für betreutes Wohnen. «Die Zeit, die wir jetzt gemeinsam verbringen, ist besser geworden», findet seine Mutter. Der Alltag drehe sich nicht mehr ausschliesslich um die Pflege von Mattia. Dadurch erhalte auch sein jüngerer Bruder Giacumin (18) mehr Aufmerksamkeit. Weil Mattia mit seinem Rollstuhl relativ selbstständig und mobil ist, hat er sich für diesen Schritt entschieden.

Bei diversen Tätigkeiten ist er aber auf fremde Hilfe angewiesen. So auch beim An- und Ausziehen. «Mit zunehmendem Alter wurde Mattia immobiler», erinnert sich Anneli Cattelan. Das Einkaufen geeigneter Kleidung wurde je länger je mehr zum Spiessrutenlauf. «Finden Sie einmal Hosen mit einem Gummizug für Jugendliche – da gibt es nichts», erklärt sie, «höchstens ein Trainingsanzug.»

Das Schneidern von Kleidung für Menschen mit einer körperlichen Behinderung sei nicht einfach. Diese müsse funktionell sein, aber auch etwas hermachen. «Beide Kriterien erfüllt gewöhnliche Stangenware nicht», findet sie. So können beispielsweise eingearbeitete Nähte und Taschen am Gesäss bei Rollstuhlfahrern Druckstellen verursachen. Weil diese meist kein Gefühl in den Beinen haben, bekommen sie davon gar nichts mit.

Die eigene Mutter war dagegen

Doch Not macht bekanntermassen erfinderisch. So griff Anneli Cattelan selber zu Nadel und Faden. «Eine blutige Anfängerin war ich nicht», meint sie. Sie sei schon immer kreativ gewesen und wollte ursprünglich gar den Beruf der Schneiderin erlernen. «Doch meine Mutter war dagegen, obwohl sie selbst in einem Nähmaschinengeschäft aufgewachsen ist. Sie meinte, dass ich damit nichts verdiene.» Die junge Anneli befolgte den elterlichen Rat, machte das Abitur und arbeitete als Diplom-Verwaltungswirtin des gehobenen, nicht technischen Verwaltungsdienstes in München – «also Beamtin», erklärt Cattelan mit einem Lachen. In der bayerischen Metropole lernte sie auch ihren Mann kennen, «der mit Kollegen seiner Studentenverbindung einen Ausflug nach München machte», präzisiert die 51-Jährige, die vor 25 Jahren ihrer Liebe in die Schweiz folgte.

«Würde meine Mutter noch leben, wäre sie stolz, dass ich einen anderen Berufsweg eingeschlagen habe», meint sie. Denn 2009 entschloss sich Anneli Cattelan, sich selbstständig zu machen. Mit ihrer damaligen Geschäftspartnerin reiste sie ins luzernische Nottwil, um in der berühmten Spezialklinik für Querschnittgelähmte ihre erste Kinderkollektion zu präsentieren. Die beiden Frauen rannten damit offene Türen ein – und nicht nur das: Sie wurden auch nach Kleidung für Erwachsene gefragt.

Zwar scheiterte Cattelans Geschäftsbeziehung mit ihrer damaligen Partnerin, doch liess sie sich dadurch nicht von ihrer neuen Berufung abhalten. Anneli Cattelans Lebensaufgabe besteht seither darin, Kleider für Behinderte zu entwerfen und zu nähen, die sich diese auch leisten können und «die nicht ihre Behinderung, sondern die Persönlichkeit des Menschen betonen».

Heute beschäftigt sie in ihrem Atelier «Amiamo» im Untergeschoss des geräumigen Einfamilienhauses in Münchenstein zwei Teilzeitangestellte, beides gelernte Bekleidungsgestalterinnen, und leitet den gemeinnützigen Verein mit dem Credo: «Durch ehrenamtliche Arbeit und konsequentes Fundraising Massanfertigungen zu sozialorientierten Preisen herstellen zu können.» Ohne dies wären die Kleider für unsere Klientel kaum finanzierbar. «Denn jedes Stück ist ein Unikat». Mittlerweile zählen rund 100 Personen zur regelmässigen und gegen 300 zur gesamten Kundschaft. «Wir schneidern für jeden, der aufgrund seiner körperlichen Einschränkung keine konfektionierte Kleidung tragen kann», erklärt Cattelan. Dazu gehören beispielsweise auch Kleinwüchsige oder Blinde.

Ein alter Laden gibt Stoff

«Geht nicht», gibts nicht bei der lebhaften Frau mit den rotblonden Haaren. Dazu passt auch ihr neuestes Projekt. So eröffnete Anneli Cattelan vor drei Monaten den Stoffladen «Modesa Basel» inmitten der Basler Innenstadt. «Ich bezog von dort jahrelang Stoff und plötzlich hing da ein Schild, dass dieser schliesse.» Cattelan fasste Mut, überzeugte ihre Bank und will nun mit viel Herzblut und zehn Teilzeitangestellten dem renommierten Geschäft zu neuer Blüte verhelfen. «Damit das klappt, braucht es aber noch viel Arbeit», sagt sie, geht die Sache jedoch positiv an – wie alles in ihrem Leben.