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Porträt

Rollenwechsel in der Toskana

Der Zuger Patrick Magyar, früher Direktor von «Weltklasse Zürich», betreibt heute mit seiner Frau ein Bed & Breakfast bei Anghiari in der Toskana. Die Tage sind lang, der Muskelkater ist immens.

FOTOS
Nino Angiuli
30. September 2019

Patrick Magyar kümmert sich auf seinem Anwesen besonders gerne um den Rasen. Den kleinen Mähtraktor hat er heute voll im Griff.

«Handwerklich bin ich eine Nuss», sagt Patrick Magyar über sich selber, «aber putzen geht, mähen auch.» Hier hat er es zu grosser Meisterschaft gebracht. Schliesslich benötigt er pro Mähsession bis zu viereinhalb Stunden, um das 2,3 Hektar grosse Areal seines toskanischen Bed & Breakfast, der Villa Cardeto in der Nähe von Anghiari, auf die gewünschte Schnitthöhe zurechtzustutzen. Umso besser, dass es ihm auch noch grossen Spass bereitet, auf dem kleinen Mähtraktor herumzukurven. Nur einmal, im Frühling, fand er es nicht mehr ganz so lustig. Er mähte gerade am Rande eines Abhangs entlang, als die Schere in der Erde hängen blieb und sich verkeilte. Der Traktor hob ab, sein Fahrer wurde vom Gefährt geschleudert. Beide purzelten die Böschung hinunter. «Der Traktor erlitt Totalschaden, ich zum Glück nicht, sondern eine leichte Hirnerschütterung sowie eine Prellung am Schienbein. Ich habe Schwein gehabt», ist sich Patrick Magyar bewusst.

Der 56-jährige Zuger ist einer grösseren Öffentlichkeit als ehemaliger Direktor von «Weltklasse Zürich» bekannt. Er war CEO des Fifa-Marketings und General Manager von Alinghi, das als erste europäische Yacht den America’s Cup gewann. Magyar brachte als Präsident den Schweizerischen Leichtathletikverband zu neuer Blüte und organisierte die Leichtathletik-Europameisterschaft 2014 in Zürich. Kurz: Magyar war ein Macher, der noch jedes Projekt zum Erfolg führte. Dafür chrampfte er ohne Rücksicht auf sich selber. Zudem galt es, als zweifacher Vater auch noch das Familienleben unter einen Hut zu bringen. Seine Frau Gabriela (54) arbeitete ihrerseits im Dreischichtbetrieb im Spital. «Manchmal merkte ich, dass es zu viel ist. Doch ich betrog mich selber.» Den Körper allerdings kann man nicht belügen: Gleich siebenmal erkrankte er an einer Lungenentzündung.

«Ich merkte, dass es zu viel ist. Doch ich betrog mich selber.»

Patrick Magyar, 56

In Patrick Magyars Unterbewusstsein gor es, dass es in diesem Rhythmus nicht ewig weitergehen kann. «Ich möchte mein Sozialleben auffrischen, mehr Sport treiben, ins Kino gehen», sagte er 2014 bei seinem Abgang als Direktor von «Weltklasse Zürich» im «Tages-Anzeiger». Das allerdings gestaltete sich in gewohnter Umgebung schwierig. Neue arbeitsintensive Aufgaben warteten, etwa die Berufsmeisterschaften Swiss Skills, die er organisierte.

Von «lässig» bis «gaga»

Dann, vor zwei Jahren, ging alles schnell. Die Magyars waren in der Villa Cardeto beim befreundeten Besitzerpaar zu Besuch. Sie hätten die Absicht, aufzuhören, erzählten die Betreiber des Bed & Breakfast, und würden einen Nachfolger und Käufer suchen. Patrick und Gabriela Magyar hörten fast andächtig zu. Als sie in ihre Unterkunft zurückkehrten, wurde ihnen schnell klar: «Diese Nachfolger müssen wir sein!» Auszuwandern war für sie zuvor nie eine Option gewesen, doch nun sahen sie die Chance, ihrem Leben nochmals einen neuen Dreh zu geben; die Söhne Tobias (27) und Pascal (24) waren ohnehin schon ausgeflogen. Und weil die Magyars zu jenem Typus Mensch gehören, der nicht nur Ideen spinnt, sondern diese auch umsetzt, sind sie heute stolze Besitzer dieses Anwesens in der Toskana. «Viele Bekannte fanden es lässig, was wir tun», sagt sie. «Und einige fanden es gaga», ergänzt er und lacht herzhaft.

Im Frühling, nach – wie könnte es anders sein – generalstabsmässiger Vorbereitung und komplettem Umzug aus der Schweiz, starteten sie in ihre erste Saison. Und wurden gleich bestraft: Im Mai regnete es an 27 Tagen und so viel wie noch nie. «Da stand einiges unter Wasser», sagt Patrick Magyar. Auch sonst gab und gibt es viel zu tun. «Die Tage sind immer noch lang, aber sie sind anders.» So viel Muskelkater wie in den vergangenen Monaten hatte der ehemalige Mittelstreckenläufer noch nie in seinem Leben.

«Arrivederci, Comandante!»

Die körperliche Arbeit tut ihm gut. Und auch das Sozialleben entwickelt sich so, wie er sich das gewünscht hat: «Die meisten Touristen, die zu uns kommen, sind Schweizer. Als Gastgeber kümmere ich mich gerne um sie.» Dazu gehört, dass er, der geborene Netzwerker, die Gäste mit Geheimtipps versorgt oder sie gleich selber zum Abendessen begleitet. Hin und wieder veranstalten er und seine Frau kulinarische Abende, mit selbst gebackener Pizza aus dem Stein­ofen oder Spezialitäten aus der Region, die sie anliefern lassen. Das Sagen, das stellt er klar, habe seine Frau – und das werde von der Umgebung auch so wahrgenommen. «Als die Handwerker sich verabschiedeten, sagten sie ‹Ciao, Patrick!› zu mir. Bei Gabriela hingegen hiess es: ‹Arrivederci, Comandante!›»

Demnächst ist eine Schweizer Hochzeitsgesellschaft in der Villa Cardeto zu Gast, die Trauung findet gleich neben dem Swimmingpool mit Ausblick auf Toskana, Umbrien, Emilia-Romagna und Marken statt. Dafür will er den Rasenflächen nochmals einen besonderen Schnitt verleihen. Patrick Magyar schwingt sich auf den Traktor und fährt los. Signora Comandante hat er vom Unfall übrigens erst später erzählt. 


Infos und Tipps zu B&B Villa Cardeto und Umgebung

Adresse: B&B Villa Cardeto, Località Scoiano, 52031 Anghiari (AR), Toskana.
Telefon: +39 0575 702 86
www.villa-cardeto.it

Anreise: Mit dem Zug ab Zürich in sieben Stunden via Mailand und Florenz nach Arezzo. Dort lohnt es sich, ein Auto zu mieten; mit dem öffentlichen Verkehr die nähere Umgebung zu erkunden, ist fast unmöglich. Gleich beim Bahnhof in Arezzo befindet sich die Autovermietung von Avis. Von dort benötigt man für die 30 Kilometer bis zur Villa Cardeto rund eine halbe Stunde.

Essen: In der Villa Cardeto wird ein reichhaltiges Frühstück angeboten. Für die übrigen Mahlzeiten gibt es in der Umgebung eine grosse Auswahl an hervorragenden Lokalen. Hier eine Auswahl:

  • Cantina del Granduca. Mitten im Zentrum von Anghiari bietet das junge Wirtepaar Matteo und Giulia in seinem Rustico-Lokal eine kreative Küche mit lokalen Spezialitäten an. Piazza Mameli, Anghiari. www.cantinadelgranduca.it
  • Al Coccio. Sara Emanuela Battistelli legt in ihrem Lokal grossen Wert auf regionale und saisonale Produkte. Das kommt bei den Besuchern gut an, wie die Bewertungen in den Sozialen Medien zeigen. Via Nicollò Aggiunti 83, 52037 Sansepolcro (AR). www.alcoccio.com
  • Il Cappello di Paglia. Località Catigliano 29, Anghiari. www.valtiberinafoodguide.it

Sonstige Aktivitäten: Die hochwertige Küche ist zwar der Unique Selling Point in der Region, aber daneben gibt es für die Besucher noch zahlreiche weitere Aktivitäten, die in Frage kommen:

  • Wer gerne an Wochenmärkte geht, kommt in der Umgebung jeden Tag auf seine Kosten. Der Mercato in Anghiari findet jeweils am Mittwoch statt.
  • Der vielleicht schönste, aber mit Sicherheit älteste Antiquitätenmarkt findet immer am ersten Samstag und Sonntag im Monat auf der Piazza Grande in Arezzo statt.
  • Wer fit halten will, dem bietet sich in Arezzo und Umgebung eine vielfältige Auswahl an sportlichen Aktivitäten – von Golfen, über Biken und Reiten bis zu Wanderungen in der hügeligen Umgebung. Auch Wellness-Freunde kommen in den Thermen der Region auf ihre Kosten.