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Porträt

Eine Frau, ein Wort

Kabarettistin und Slam-Poetin Patti Basler (42), dem breiten TV-Publikum durch ihre Instant-Protokolle in der «Arena» bekannt, warf einst mit Kirschen um sich und erhält nun schon bald den Salzburger Stier.

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Christoph Kaminski
15. April 2019

  Patti Basler, wortgewaltig und ausdrucksstark, erhält am 11. Mai 2019 den Salzburger Stier. 

«Alles, was ich sage, können Sie schreiben», schickt Patti Basler beim Gespräch im alternativen Badener Kulturlokal «Royal» voraus; hier wird sie bald ihr 10-Jahr-Bühnenjubiläum feiern. Während andere Künstler zum Voraus erst mal alle möglichen Vorbehalte anbringen, wonach man sie nicht fragen darf, betont die Aargauerin freiwillig, dass bei ihr eine Frau, ein Wort gilt. So ist sie, geerdet und gerade heraus.

Mut und Selbstvertrauen besitzt Patti Basler nicht erst, seitdem bekannt ist, dass ihr am 11. Mai der Salzburger Stier, der bedeutendste Kabarett-Preis im deutschen Sprachraum, verliehen wird. Die ehemalige Lehrerin hat gelernt, sich in dieser Männer-Domäne durchzusetzen. Als sie vor zehn Jahren in einer Kulturbeiz in Wohlen AG zum ersten Mal an einem Poetry-Slam mitmachte, sorgte sie gleich für Furore, als sie Koryphäen wie Gabriel Vetter (36) und Kilian Ziegler (34) nicht nur Paroli bot, sondern von allen Jurymitgliedern eine glatte 10 erhielt. «Die habe ich nachher nie mehr geschafft. Eigentlich hätte ich damals, auf dem Höhepunkt, aufhören sollen», meint Basler schmunzelnd. Das grosse Finale verpasste sie übrigens trotz Maximalnote, weil sie mit der Qualifikation nicht gerechnet und deswegen keinen zweiten Text parat hatte ...

Danach dauerte es noch sechs Jahre, bis die talentierte Humoristin voll auf ihre Leidenschaft setzte. «Ich wollte nie von der Kulturförderung abhängig sein, sondern meinen Lebensunterhalt mit drei bis sechs Auftritten pro Woche selbst verdienen.» Zuvor hatte sie dies vornehmlich mit Haupt- oder Teilpensen als Lehrerin getan und daneben ihr Zweitstudium der Erziehungswissenschaften, Soziologie und Kriminologie abgeschlossen. Ihr steiler Aufstieg zur Gewinnerin des Salzburger Stiers hängt sicher damit zusammen, dass sie mit ihren Instant-Protokollen ein Alleinstellungsmerkmal kreiert hat, das selbst Politikern, denen sie am Ende der «Arena» satirisch den Spiegel vorhält, Respekt und ein Schmunzeln abringt.

Eine trockene alte Zwetschge

Basler beherrscht die Kunst, das anderthalbstündige Wortgefecht während der Sendung so auf zwei Minuten einzudampfen, dass sie viel länger erscheinen, obwohl sie sehr kurzweilig sind. Sie verzichtet absichtlich auf Recherchen zu den Diskussionsteilnehmern – und -teilnehmerinnen (das Gendern ist ihr wichtig!), um die Voten unvoreingenommen aufs Korn zu nehmen. Sie nimmt aber auch sich selbst auf die Schippe. Etwa die Auswirkungen ihrer Liebe zum Essen auf die Figur. «Bei den feinen Apéros, die es gibt, wenn ich von Firmen für Instant-Protokolle engagiert werde, kann ich nicht widerstehen», seufzt sie lachend. «Das ist kein Wunder, denn ich bin ja selbst ein Apéro-Häppchen: eine trockene alte Zwetschge im Speckmantel.»

Wegen ihrer spitzen Zunge wurde Basler bereits tätlich angegriffen. Ältere Jungs haben sie in ihrer Kindheit für ihre frechen Sprüche verprügelt und in den Bach geworfen. «Wenn du ein grosses Maul hast, musst du dich auch selbst wehren», kommentierten dies ihre Eltern, die im Fricktal einen Bauernhof bewirtschafteten und für ein weiteres Trauma verantwortlich waren. Im Sommer musste Patti, wenn die Freundinnen im Schwimmbad waren, wochenlang Kirschen ernten. «Zuerst Weichseln, dann Herzkirschen, dunkle Kirschen, erstklassige Kirschen, zweitklassige Kirschen – und zum Schluss musste ich die Scheisskirschen auch noch verlesen!» Den Frust hat sie manchmal an vorbeifahrenden Cabrios ausgelassen, die sie mit überreifen Früchten bewarf. Heute hält sie diese Attacke auf die bösen Autos für eine frühe Form von Klimastreik.

Patti Basler

Vielseitige Humoristin

Patti Basler, die bei Baden AG wohnt, ist mit ihrem musikalischen Begleiter Philippe Kuhn und dem Kabarett-Programm «Nachsitzen» auf Tournee und schöpft dabei wieder aus ihren Erfahrungen als Lehrerin. Sie war Reporterin für Michael Elseners Satiresendung «Late Update», moderiert Live-Talks und erstellt Instant-Protokolle für die «Arena», die Reihe «PattiSerie» im Winterthurer Casinotheater und Tagungen.