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Porträt

Die Wandelbare

Der Gewinn des Schweizer Filmpreises 2017 hat Rachel Braunschweigs Karriere auf eine neue Stufe gehoben. Dank guter Organisation gelingt es der Zürcher Schauspielerin, die vielen Facetten ihres Lebens unter einen Hut zu bringen.

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Daniel Ammann, Aliocha Merker, Steffi Henn, Pascal Mora
06. Mai 2019

Diese ausdrucksstarken Augen. Das charismatische Gesicht. Die ist doch beim Fernsehen! Oder kennt man sie aus dem Kino? Beides ist richtig. Zudem aus dem Theater. Rachel Braunschweig (50) hat in ihrer Laufbahn schon viele Rollen verkörpert. Ihr Gesicht war im Tatort ebenso wie in den SF-Sitcoms «Fascht e Familie» und «Mannezimmer» zu sehen, und trotzdem ist ihr Name der breiten Bevölkerung nicht geläufig. Noch nicht.

Denn mit dem Schweizer Filmpreis für ihre Nebenrolle in «Die göttliche Ordnung» vor zwei Jahren hat ihre Karriere einen zweiten Schub erhalten – und das in einem Alter, in dem weibliche Schauspielerinnen eigentlich immer weniger Rollenangebote erhalten. «Ab einem gewissen Alter sind wir einfach nicht mehr so gefragt», erklärt Braunschweig, obwohl sie gerade das Gegenteil beweist, war sie doch in allen drei letzten grossen Schweizer Kinofilmen zu sehen.

Mit ein Grund dafür, dass sich Braunschweig auch nach über 20 Jahren Bildschirm- und Bühnenpräsenz immer noch weitgehend unerkannt in ihrer Heimat Zürich bewegen kann, ist ihre enorme Wandelbarkeit: Nach der scheuen Bauerngattin in «Die göttliche Ordnung» durfte sie als Frau Süsskind in «Wolkenbruch» (2018) ihr komödiantisches Talent demonstrieren, bevor sie in «Zwingli» (2019) mit würdevoller Ausstrahlung Katharina von Zimmern, die aufgeschlossene Äbtissin des Fraumünster-Klosters, verkörperte.

Die verhinderte Lehrerin

Anfang Jahr stand sie nun schon wieder für eine Schweizer Produktion vor der Kamera. In «The Lines of My Hand», dem Regiedebüt des Luzerners Christian Koch (32), spielt Braunschweig eine Lehrerin und Mutter, die ein Verhältnis mit dem Vater einer ihrer Schülerinnen hat, der zudem ein Sans-Papier ist. «Mich hat berührt, dass ein junger Regisseur eine Frau mittleren Alters in den Mittelpunkt stellt.»

«Wolkenbruch»

«Zwingli» 

«Die göttliche Ordnung»: Rachel Braunschweig gibts von ernst bis lustig, von bodenständig bis aristokratisch.

Der Lehrerberuf war einst auch für Rachel Braunschweig vorgesehen – zumindest in der Vorstellung ihres Vaters. «Er hat immer gesagt: Lehrerin, das wäre ein super Beruf!», erzählt sie und fügt lachend an: «Es war seine einzige Vorstellung von Frauenberufen.» Die Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule machte sie schliesslich heimlich und stellte ihn nach dem Bestehen vor vollendete Tatsachen. «Mittlerweile ist er aber sehr stolz auf mich.»

Das organisierte Mami

Ob Braunschweig eine neue Schauspieler-Tradition in der Familie begründet, ist noch offen. Die Voraussetzungen dafür wären gegeben: Ihr Mann, der Deutsch-Ire Michael Hasenfuss (54), ist ebenfalls Schauspieler und Autor, hauptsächlich fürs Theater. Die Faszination der gemeinsamen Kinder für das Showbusiness ist aber zurzeit noch überschaubar. «Sie finden es schon cool, wenn das Mami auf der Strasse angesprochen wird, aber begeistert vom Set sind sie nicht», verrät Braunschweig. Sie habe es aber auch nicht gepusht. Dennoch scheint der Beruf der Eltern etwas abgefärbt zu haben. Die eher tänzerisch begabte Tochter (15) steht nicht gern im Vordergrund, möchte in den Beruf der Maskenbildnerin hineinschnuppern. Der Sohn (12) ist sogar bereits in der Statisten-Kartei: «Er findet hauptsächlich toll, dass er damit Geld verdienen kann.»

Abseits der Bühne und Kameras ist im Hause Braunschweig/Hasenfuss Organisation gefragt. Für das Künstler-Ehepaar ist das kein Problem. «Wir sind ein eingespieltes Team. Da gibt es keine Konflikte», sagt Braunschweig. «Wenn er mal drei Wochen weg ist, um zu schreiben, bin ich da. Dann bin ich wieder weg, und er ist da.»

Die vielseitige Schauspielerin

Braunschweig würde gerne international arbeiten, da sie das Reisen liebt. Bezüglich Rollenwünschen ist sie völlig offen. «Ich liebe Figuren, die eine Entwicklung durchmachen», erklärt sie. Je weiter entfernt die Rolle von ihr selbst ist, umso dankbarer sei die Aufgabe. Ihr Traum wäre es, in einer «richtig coolen Serie im Stil von ‹Borgen› oder ‹Die Brücke›» mitzuwirken. Die ausgebildete Theaterschauspielerin ist definitiv auf den Kino-Geschmack gekommen. «Ich finde, Theater und Film ergänzen sich super, aber wenn ich mich jetzt entscheiden müsste, würde ich den Film nehmen.» Dank ihrer Wandelbarkeit wird die bald 51-Jährige dem Publikum noch lange erhalten bleiben.