Retter der Lüfte | Coopzeitung
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Jugendausgabe 2019

Retter der Lüfte

Für viele Menschen sind Rega-Piloten die Helden der Lüfte. Dominik Tanner ist einer von ihnen – und hat damit seinen Traumberuf gefunden.

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Christof Sonderegger
18. November 2019

Eben erst hat die Sonne sich durch den morgendlichen Nebel gekämpft und lässt nun den nigelnagelneuen rot-weissen Airbus Helicopters H145 noch mehr blitzen und glitzern. Sein neues Zuhause hat «Rega 7», so der Funkname der St. Galler Crew, auf der Basis in der Ostschweiz.

Der Chef beziehungsweise der Basisleiter in St. Gallen ist Dominik Tanner, der seit dem Jahr 2003 für die Schweizerische Rettungsflugwacht arbeitet. Bis zu 48 Stunden Dienst am Stück hat der 45-Jährige jeweils, doch es gibt strenge Ruhe-Vorschriften: «Pro Nacht muss ich mindestens sechs Stunden schlafen.»

Auch sonst bedeutet Fliegen Verantwortung, «darum gehe ich nicht jedes Risiko ein. Wir sind drei Leute an Bord und ich möchte unser Leben nicht in Gefahr bringen.» Zudem ist «Domi» verheiratet und Vater von einem 10- und einem 12-jährigen Buben. Haben sie Angst um ihn? «Nein, für meine Frau und meine Kinder ist mein Beruf normal.»

Pilot werden wollte Tanner schon als Junge: «Mein Vater war begeisterter Modellflugzeug-Flieger. Als ich es selbst ausprobierte, fiel das Flugzeug sofort zu Boden. Da schwor ich mir, dass ich das einmal ‹richtig› machen werde.» Gedacht, getan. Doch zuerst war Dominik Tanner Militärpilot und Fluglehrer, flog Alouette- und Superpuma-Helikopter. Das Interessante daran: Der Berufspilot leidet an Höhenangst. «Im Helikopter ist das aber kein Problem, schliesslich gibt es dort ja eine Art Geländer.»

Helikopter auf Risse untersuchen

Der neue H145-Rettungshelikopter der Rega ist bedeutend kleiner und wendiger als die Militärhelis. Er verfügt zwar über eine Reichweite von 550 Kilometern, doch normalerweise wird er wegen des Gewichts nicht vollgetankt, sondern lediglich mit Kerosin für eineinviertel bis eineinhalb Flugstunden beladen. Nach jedem Einsatz werden der Notfallrucksack und die medizinische Tasche ebenso wieder aufgefüllt wie der Heli-Tank. Tatsächlich ist jeder Rega-Pilot sozusagen sein eigener Servicemann, weshalb Dominik Tanner beim Helikopter einmal täglich Ölstände überprüft, die Servos kontrolliert, Leitungen und Helikopter-Hülle auf Risse untersucht.

 «Ich gehe nicht jedes Risiko ein»: Dominik Tanner erzählt der Coop-Lernenden Gwendolyn Gälli von seiner Arbeit bei der Rega.

 Für den Piloten ist das Fliegen sein Traumberuf, obwohl er an Höhenangst leidet. 

Das ist enorm wichtig, schliesslich fliegt «Rega 7» jährlich rund 900 bis 1000 Einsätze – bei 200 bis 250 davon sitzt der Basisleiter im Cockpit. Besonders viel los ist im Winter. «Da kann es schon vorkommen, dass ich acht bis zehn Einsätze pro Tag fliege», erzählt er. «Aber wenn das Wetter nicht mitmacht, müssen wir andere Lösungen finden, um zum Patienten zu gelangen. Zum Beispiel mithilfe den Bergrettern des Schweizer Alpen-Clubs SAC, die sich zu Fuss auf den Weg machen.»

Manche Einsätze sind happig – aus fliegerischer Sicht, aber auch emotional. «Normalerweise sage ich mir einfach, der Unfall ist passiert und wir versuchen nun, das Beste daraus zu machen», sagt Domi Tanner. «Am meisten belasten mich Einsätze, wenn Kinder verunfallt sind oder Verbrechen begangen worden sind.» Während der Arbeit sei man konzentriert und funktioniere einfach. «Über schwierige oder belastende Einsätze sprechen wir im Team, oft beim Kaffee oder beim Mittagessen. Das hilft bei der Verarbeitung.»

Hunger gehört zum Job dazu

Nicht selten bleiben die Teller aber halb voll auf dem Tisch stehen, weil «Rega 7» zu einem Einsatz gerufen wird. Mit Hunger muss ein Rega-Pilot umgehen können. Doch es gibt noch weitere Anforderungen: circa 2000 Flugstunden, vornehmlich auf Turbinenhelikoptern, wie sie die Rega besitzt. Weiter erforderlich ist eine Lizenz für Berufshelikopterpiloten mit den Erweiterungen für den Nacht- und Gebirgsflug sowie Erfahrung in der Transport- oder militärischen Helikopterfliegerei. Wichtig ist Teamfähigkeit, denn auf den Rega-­Basen sind die Equipen klein und gearbeitet wird in Dreierteams, bestehend aus Pilot, Rettungssanitäter und Notarzt: Auf der Basis St. Gallen gibt es insgesamt vier Piloten, vier Rettungssanitäter sowie zehn Notärzte, meist Anästhesisten vom Kantonsspital St. Gallen. Narkose-­Spezialisten deshalb, weil ein Rega-­Arzt die Atemwege des Patienten freihalten, eine Schmerz­therapie durchführen sowie bei Bedarf eine Narkose einleiten muss.

Auch Pilot Dominik Tanner ist vielseitig, er fliegt nicht nur, sondern geht darüber hinaus dem medizinischen Team zur Hand. «Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich, man weiss nie, was kommt und man muss immer eine Lösung finden. Und ich arbeite mit guten Leuten zusammen», schwärmt er. «Rega-Pilot ist mein Traumberuf.»

Es ist ein ruhiger Morgen heute, bislang gab es nur in der Früh einen kurzen Einsatz. Der strahlende Sonnenschein vermittelt auf der Basis fast ein Gefühl von Idylle. Doch wer weiss, was der Tag noch bringen wird. 

Rega

Die Schweizerische Rettungsflugwacht (Rega) wurde 1952 gegründet. Heute gehören ihr fast 3,5 Millionen Gönner an; die Gönnerschaft für eine Einzelperson kostet 30 Franken, für eine Familie 70 Franken. Die gemeinnützige Stiftung ist im Notfall über die Alarmnummer 1414 oder über Funk zu erreichen.