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Porträt

Zwischen Kunst und Pöbelei

Als Streifenpolizist sah Andreas Widmer das Grauen der Drogenszene am Zürcher Platzspitz. Als Mitglied einer Spezialeinheit sind Anfeindungen sein täglich Brot. Seine Erlebnisse verarbeitet er im eigenen Kunstatelier und in einem Buch.

FOTOS
Christoph Kaminski
28. Oktober 2019
Als Polizist dient Andreas Widmer der Gerechtigkeit, als Kunstmaler der Ästhetik.

Als Polizist dient Andreas Widmer der Gerechtigkeit, als Kunstmaler der Ästhetik.

Das Malatelier mit der Anschrift «Widi-Art» im Untergeschoss eines Gewerbegebäudes in Andelfingen ZH sieht so aus, wie ein solcher Raum für künstlerische Entfaltung halt einfach aussehen muss. Eine Kreativ-Oase vollgepackt mit Bildern und Staffeleien, Kunstbüchern und unfertigen Skizzen. Mittendrin steht Andreas Widmer – von Beruf Polizist, in der Freizeit Künstler. Seit 1989 verwirklicht sich der 59-Jährige auf Leinwänden. Rund 300 Gemälde tragen seine Unterschrift. «Eine Zeit lang habe ich auch gar nicht schlecht verkauft», sagt er. Zumindest habe er seine ganze Familie mit seinen Bildern eingedeckt.

Die Malerei hat ihn schon als Kind fasziniert. Als Jugendlicher wollte er dann die Kunstgewerbeschule besuchen. «Aber meine Eltern konnten sich diese nicht leisten.» Kein Wunder! Andreas Widmer wuchs in einer Bauern-Grossfamilie mit zehn Geschwistern auf und musste schon früh lernen, seine eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. «Wir waren acht Buben und drei Mädchen, hatten aber nie Krach», erinnert er sich. Und dies, obwohl die Wohnverhältnisse auf dem elterlichen Pachtbetrieb, gemessen an heutigen An- sprüchen, fast unzumutbar waren. «Bis ich 19 Jahre alt war, schliefen wir zu fünft in einem Zimmer.»

Die Widmer-Kinder machten das Beste aus ihrer engen Bande und auch daraus, dass sie neben einem Fussballplatz aufwuchsen. «Wir waren auch im Umgang mit dem runden Leder ein eingespieltes Team.» Und so führte der Sieg an den Grümpelturnieren der Region meist nur über die Geschwister vom Bauernhof.

Der Gerechtigkeit dienen

Den Traum einer Berufskarriere als Künstler musste Andreas Widmer also begraben. Doch er machte aus der Not eine Tugend und lernte das Handwerk des Malers und Tapezierers. «Ich dachte mir: Da kann man Häuser verschönern, und das ist doch auch gut.» Sieben Jahre lang übte Widmer diese Tätigkeit aus. Eines Tages jedoch hatte er das Gefühl, sich für Ordnung und Gerechtigkeit einsetzen zu müssen. «Auch darum, weil auf den Baustellen, auf denen ich arbeitete, immer ein Chaos herrschte.»

Widmer legte den Pinsel nieder, bewarb sich 1982 an der Schule der Stadtpolizei Zürich und wurde aufgenommen. «Der Gerechtigkeit und dem friedlichen Miteinander dienen», war fortan sein Grundgedanke. «Aber nicht nur», gibt er zu. «Der Verdienst war um einiges höher als auf dem Bau. Schon in der Ausbildung zum Polizisten verdiente ich mehr als ein gelernter Maler und Tapezierer.»

Im nächsten Frühling nun wird Andreas Widmer nach 37,5 Dienstjahren pensioniert und kann sich danach zu hundert Prozent in seinem Atelier ausleben. «Klar ist es mein Traum, bekannter zu werden und von meiner Kunst leben zu können», gibt er zu. «Aber in der heutigen Zeit ist das extrem schwierig.»

Bereut er es, den Weg zur Polizeikarriere eingeschlagen zu haben? «Nein, ich habe in meinem Job sehr viel gelernt.» Zwölf Jahre lang war Widmer auf Streife. An die offene Drogenszene am Zürcher Platzspitz erinnert er sich mit Grauen. «Das war ein furchtbares Bild, fast schon surreal.» Und für ihn selbst eine prägende Zeit.

1996 hatte Andreas Widmer genug vom Leben als Streifenpolizist und trat dem spezialisierten «Sicherheitsdienst» bei, dem ehemaligen Geheimdienst KK3. Eine Abteilung, die sich mit allen politischen Zusammenkünften und Aktionen befasst. Bis heute kommt er dort als Aufklärer und Szenekenner zum Einsatz. Schon immer habe ihn fasziniert, warum sich Menschen zusammenrotten und «wieso es dann meistens ausartet».

Seine Erfahrungen hat der Vater von zwei erwachsenen Kindern nun in dem Buch mit dem provokanten Titel «Scheissbullen» niedergeschrieben. Darin erzählt er aus seinem Berufsalltag zwischen Hass und Hetze. Widmer findet: «Jeder junge Polizist sollte dieses Buch lesen.» Dabei handle es sich aber nicht um einen «Polizei-Knigge». Vor allem, warum sich Feindbilder entwickeln, analysiert Andreas Widmer in seinem Werk. Und so bilden die beiden Ausdrücke «All Cops are Bastards» (alle Polizisten sind Bastarde) und «Scheiss Bullen» den roten Faden in seinem Buch. Denn in seinen 37 Dienstjahren als Polizist habe er festgestellt, dass üble Beschimpfungen und tätliche Angriffe auf Polizisten immer mehr zunehmen.

«Versuchen, sich in die Gegenseite hineinzudenken.» Das ist das Credo von Andreas Widmer – das war es schon immer. Als Kind hatte er mit seinen zehn Geschwistern ja gar keine andere Wahl. Darum nimmt man ihm auch ab, wenn er sagt: «Die Menschen können nur ausgewogen miteinander leben, wenn sie sich empathisch verhalten und sich mit den Problemen der anderen beschäftigen.»