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Was macht eigentlich?

Was macht eigentlich Karli Odermatt?

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Keystone
11. Februar 2019

 Karli Odermatt (r.) heute neben FCB-Präsident Bernhard Burgener.

Überall Captain

Karli Odermatts Fussballkarriere beim FC Basel (1962–1975) und den Berner Young Boys (1975–1979) sowie in der Schweizer Nationalmannschaft (50 Spiele, 10 Tore) dauerte 17 Jahre, da kommt natürlich einiges an Anekdoten zusammen. Man muss sie aber auch rüberbringen können. Der 76-Jährige kann das definitiv: Odermatt zählt zu den besten Geschichtenerzählern im Schweizer Sport überhaupt.

«Einmal war ich mitten in der Woche zu einem Spiel Europa gegen Südamerika eingeladen», legt er los, «was für eine Ehre! Doch FCB-Trainer Helmut Benthaus war dagegen, weil wir am Samstag darauf in Sion spielten. Schliesslich gab es eine Abstimmung unter den Mitspielern. Ich gewann.» Bent­haus war sauer, Odermatt aber glücklich: Er durfte an der Seite von Superstars wie Cruyff, Eusebio und Beckenbauer spielen – und traf nach dem 5:5 nach Verlängerung im Penaltyschiessen.

Karli Odermatt 1974.

Odermatt war stets bereit, Verantwortung zu übernehmen: «Ich war überall Captain.» Heute steuert er als Verwaltungsrat das Schiff des FC Basel mit, das zuletzt in stürmische See geriet. Es würde jedoch nicht Odermatts Wesen entsprechen, wenn er deswegen depressiv würde. «Man muss stets positiv bleiben», sagt er, der heute in Rickenbach BL wohnt.

Sport kommt für ihn mit seinen beiden künstlichen Kniegelenken nicht mehr infrage. «Aber pilzle geht immer noch. Das ist mein erstes grosses Hobby.» Das zweite ist das Kochen, das dritte das gesellige Zusammensein danach. Dort hat es dann auch wieder Platz für die nächste Geschichte: «1971 spielten wir im Wembley-Stadion. England führte 1:0, als ich auf das gegnerische Tor zulief und aus der Distanz abdrückte und …»

Karli Odermat über...


… den schönsten Meisterschaftssieg:
«Das 4:0 im letzten Spiel der Meisterschaft 1971/72 gegen den FC Zürich. Dieser Triumph vor 56'000 Zuschauern im Joggeli war der schönste unter vielen unvergesslichen Erfolgen. Und zwar, weil wir unter besonderem Druck standen. Zuvor hatten wir im Cupfinal gegen den FCZ mit 0:1 verloren und in der Meisterschaft waren wir gegen die Young Boys mit 1:4 untergegangen. Nun standen wir unter Zugzwang. Doch es lief in der ‹Finalissima›, diesem alles entscheidenden Spiel, von Anfang für uns. Ich schoss zwei Tore und bereitete die Treffer von Walter Mundschin und Ottmar Hitzfeld vor. Es war sicher eines meiner besten Spiele überhaupt. Nach der Partie standen die Zürcher Spieler Spalier und applaudierten uns, das muss man sich mal vorstellen! Später gab es einen FCB-Jubelkorso durch die Basler Innenstadt, wo ich in der Uniform mitfeierte. Ich befand mich nämlich im Militär im WK. Für die Partie gegen den FCZ hatte ich Urlaub erhalten, musste aber nach Spielschluss sofort wieder die Militärtracht anziehen – das wäre heute absolut undenkbar.»

… das erste Mal, als sein Name in der Zeitung stand:

«Das war Anfang der Sechzigerjahre, als ich für die Basler Stadtauswahl gegen Belgrad spielen durfte. 1:1 stand es am Ende. Ich erzielte den Basler Treffer, den Pass dazu gab Seppe Hügi. Das war für mich als 18-Jähriger ein wunderbares Erlebnis, ich spielte damals ja noch für den FC Concordia.»

 

… die schlimmste Niederlage:

«Ich glaube, ich habe mich nie mehr so geschämt wie 1963 zu Hause im Joggeli, als wir mit der Schweizer Nationalmannschaft gegen England gleich mit 1:8 untergingen. Es war ein Desaster. Ich fühlte mich nach dem Debakel so schlecht, dass ich dem damaligen FCB-Trainer Georges Sobotka vorschlug, mich drei Tage später vom Meisterschaftsspiel gegen Sion freizustellen. Doch er dachte nicht daran. ‹So ist das Leben›, sagte er, ‹einmal bist du unten, dann wieder oben.› Also spielte ich gegen Sion und schoss drei Tore. Am Ende gewannen wir … 8:1. Ausgerechnet 8:1! Solche Geschichten schreibt nur der Fussball.»

… seinen ewigen Rivalen Köbi Kuhn.
«Natürlich waren Köbi und ich Rivalen, er war ja der Captain beim FCZ und ich beim FCB. Wir verstanden uns aber trotzdem gut, auch wenn wir uns manchmal aufzogen. Ich erinnere mich, als wir nach dem verlorenen Cupfinal 1970 in Bern den Zug nahmen, um nach Basel zurückzukehren. Zufälligerweise stand der Zürcher Zug gleich auf dem Gleis gegenüber. Da kurbelte Köbi die Scheibe herunter und zeigte mir triumphierend die Cup-Trophäe. ‹Karli›, schrie er zu mir herüber, ‹möglich, dass du diesen Cup nächstes Jahr in den Händen hältst. Doch jetzt haben wir ihn und nehmen deshalb einen kräftigen Schluck!› Dann fuhren Köbi und seine Mitspieler ab. Alle Zürcher johlten und winkten. Wir Basler natürlich nicht. Wir waren ziemlich demoralisiert.»

 

... über das halbe Jahr an der Seite von Weltstar Teofilo Cubillas:
«Er war ein fantastischer Fussballer. Wir freuten uns zuerst alle, dass er zum FC Basel kam. Doch es passte einfach nicht. Und nach dem berühmten Zwischenfall wurde es richtig schwierig. Jeden Monat mussten wir Spieler beim FC Basel auf dem Landhof unsere Lohntüte abholen. Wir standen alle schön in einer Reihe. Ich befand mich hinter einem Spieler, dessen Name ich bis heute nicht verrate. Er las auf dem Boden einen Zettel auf – darauf stand die monatliche Lohnsumme von Cubillas: 20 000 Franken! Beim FCB verdienten viele Spieler nur 800 oder 1000 Franken, ich hatte etwas mehr. Es gab sofort Aufregung im Team. Meine Mitspieler drängten mich, bei der Clubleitung vorstellig zu werden. Schliesslich war ich ja der Captain. Später wurde oft mir die Schuld zugeschoben, dass es mit Cubillas nicht funktionierte. Das war vollkommen unberechtigt. Ein paar Wochen später ging Cubillas dann zu Porto und fühlte sich dort in der Wärme sofort viel wohler. Jedenfalls wurde er Torschützenkönig.»

 

Seinen Wechsel im Jahre 1975 zu den Young Boys:
«Ich wollte nie weg vom FCB. Ich war verletzt, der Verein bot mir aber nur noch den halben Lohn. Die Young Boys hingegen bemühten sich um mich und boten mir eine faire Summe. Und sie übergaben mir auch sofort die Captainbinde, das fand ich seltsam, zugleich fühlte ich mich geehrt. Ich kämpfte mich durch und schoss gegen meine alten Club sogar noch ein paar Tore – das tat mir gut. Aber ich war schon über 32 Jahre alt, körperlich stiess ich an meine Grenzen. Wenn ich ehrlich bin: Es tat mir weh, nach Bern gehen zu müssen. Später boten mir die Young Boys den Trainerjob an – für 5000 Franken Monatslohn. Ich lehnte ab, in der Privatwirtschaft verdiente ich wesentlich mehr.»