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Krimskrams wird zu Charakterköpfen

Für die Coopzeitung arbeitet Marianne Ettlin als Food-Stylistin. Sie richtet für unsere Fotografen Nahrungsmittel so her, dass sie auf dem Foto schön aussehen. Ihre eigentliche Passion gilt aber Puppen an Fäden: Marianne Ettlin ist Marionetten-Bauerin.

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FOTOS
Fotos: Ferdinando Godenzi
29. November 2011

Marianne Ettlin in ihrem Atelier, einer zauberhaften Welt voller farbiger Details. Marianne Ettlin in ihrem Atelier, einer zauberhaften Welt voller farbiger Details. Die Hände geben so viel zu tun wie ein Kopf. Akkurat bis ins Detail: Keith Richards mit Gitarre, Turnschuhen, Zigarette und Stirnband alles selbst gebaut und gebastelt. Ich verwerte alles: Marianne Ettlin kauft keine Accessoires, sie baut alles selbst aus Überbleibseln des Alltags. Charakter aus Holzmehl: Die Arbeit an einer Figur beginnt mit dem Kopf.

Marianne Ettlin in ihrem Atelier, einer zauberhaften Welt voller farbiger Details.

Die Hände geben so viel zu tun wie ein Kopf.

Akkurat bis ins Detail: Keith Richards mit Gitarre, Turnschuhen, Zigarette und Stirnband alles selbst gebaut und gebastelt.

Ich verwerte alles: Marianne Ettlin kauft keine Accessoires, sie baut alles selbst aus Überbleibseln des Alltags.

Reportage

Für die Coopzeitung arbeitet Marianne Ettlin als Food-Stylistin im Fotostudio.

Keith Richards sieht glücklich aus. Kein Wunder: Er hat die Gitarre in der Hand und eine Zigarette im Mund, ein rotes Stirnband bändigt die schwarz-graue Lockenpracht, gleich wird er abrocken. Den Buchhalter gleich neben ihm scheint das nicht zu stören: Er guckt freundlich durch eine Stahlbrille und kontrolliert seelenruhig eine Rechnung. Keith Richards und der Buchhalter sind zwei Puppen der Basler Marionetten-Bauerin Marianne
Ettlin. Sie sind bis ins feinste Detail ausgeführt: Die Knollennase von Richards, sein tief zerfurchtes Gesicht, Stirnband, Turnschuhe, Gitarre alles stimmt akkurat. Und alles ist selbst gebaut, aus Stoffresten, Metallstücken, Fundstücken vom Flohmarkt, Draht, Wolle und Flachs.

Ich recherchiere viel, erklärt Marianne Ettlin. Früher habe ich für jede Figur viele Stunden in der Bibliothek verbracht. Heute ist es himmlisch mit dem Internet. Wenn ich eine Figur mache, muss jedes Detail stimmen. Weil sie einen Chi-rurgen bauen wollte, hat sie Operationen beigewohnt. Um einen Schotten im Rock porträtieren zu können, liess sie einen Schotten sich den Kilt aus- und wieder anziehen das war der Hammer, lacht sie.
Bei aller Liebe zu detaillierten Accessoires der Charakter ihrer Figuren liegt im Kopf. Ettlin modelliert bei allen Figuren deshalb zuerst den Kopf und die Hände. Der Kopf besteht aus Modelliermasse: ein Holzmehl gemischt mit Fischkleister. Es wird mit Wasser angerührt und lässt sich modellieren wie Ton, erklärt Ettlin. Wenn es trocken ist, fühlt es sich aber wie Holz an. Es ist so stabil wie Holz und es lässt sich verarbeiten wie Holz. Die Haare sind aus Flachs in verschiedenen Farben.

An den Händen arbeitet sie gleich lange wie am Kopf. Bei den Händen ist die Frage: Was macht er? Hat er etwas in den Händen? Wie baue ich das? Die Accessoires ihrer Figuren baut sie alle selbst, vom Saxofon bis zum Gewehr, vom Mikrofon bis zum Tauchanzug. Meine Devise ist: Recycling. Ich kaufe nichts. Früher habe ich nichts gekauft, weil ich kein Geld hatte. Heute benutze ich bewusst alte Stoffe. Ich sammle alles. Knöpfe, Spitzen, Gürtelschnallen, altes Spielzeug. Ich verwerte, was mir in die Finger gerät. Die Marionetten, die Ettlin baut, sind zwar voll funktionstüchtig, werden aber nicht an Theatern gespielt. Dafür sind die Figuren zu detailliert ausgeführt und wohl auch zu teuer. Es sind Sammlerstücke für Liebhaber Porträts in Marionettenform. Viele Figuren sind mittlerweile Auftragsarbeiten von Menschen, die Marianne Ettlin und ihre Arbeiten kennen.

Etwa zehn Figuren baut sie pro Jahr. Leben kann sie davon nicht. Deshalb arbeitet sie weiterhin im Fotostudio der Coopzeitung als Food-Stylistin: Sie richtet Gerichte und Lebensmittel so her, dass sie auf den Food-Fotos schön aussehen. Auch das hat mit viel Liebe zum Detail zu tun und erfordert unkonventionelle Ideen. Jedes Jahr im Herbst stellt Marianne Ettlin ihre Figuren an der Basler Herbstmesse an einem kleinen Stand aus. Eine Galerie wäre mir zu abgehoben. Hier komme ich mit Menschen aus allen Schichten in Kontakt. Der Stand ist auch Marianne Ettlins Art, die Arbeit eines Jahres abzuschliessen.

Nach der Herbstmesse sind alle Figuren bei ihren neuen Besitzern, die Schubladen noch voller Krimskrams, sonst ist das Atelier aber leer. Ich gebe die allermeisten Figuren weg. Es gibt wenige Dinge, die ich behalte oder die bei meinen Freunden hängen, erzählt Ettlin. Sie zuckt die Schultern: Die Figuren müssen weiterziehen. Ich brauche Raum, um Neues zu machen. Das brauche Überwindung. Wenn sie im November im leeren Atelier stehe, wisse sie oft nicht, wie sie beginnen solle. Aber diese Leere braucht es, damit etwas Neues entstehen kann.