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Seltenes Handwerk: Die Hutmacherin

Kopfsache: Die Hutmacherei ist ein seltener Beruf mit Tradition. Lucia Vogel beherrscht das Handwerk. Ihre Kopfbedeckungen sind mal alltagstauglich, mal verwegen, immer Schmuckstück und Unikat.

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Christoph Kaminski
25. Januar 2013

Die Hüte und Mützen von Lucia Vogel sind kleine Kunst-werke und als Accessoires nicht zu übersehen.


Der Dampfapparat ist eines der wenigen, aber wichtigsten Geräte.

Wasser blubbert im Dampfapparat. Das alte Gerät erinnert an einen Teekessel und funktioniert auch so ähnlich. Als Dampf aus der Pfeife quillt, greift sich die Hutmacherin einen sogenannten Stumpen. Der vorgefertigte Hutrohling aus Hasenhaarfilz ist zugekauft und sieht aus wie ein Schlapphut. Dampf macht den Filz geschmeidig, erklärt Lucia Vogel und hält den Stumpen über den Dampf. Nur wenn das Material heiss und feucht ist, lässt es sich gut modellieren. Nach dem Bedampfen und noch warm stülpt sie das nun formbare Material mit den Händen über eine Holzform. Das ist richtig anstrengend und nichts für zarte Hände.

Es braucht Kraft in Fingern und Armen, um den Filz über die Holzform zu ziehen.

Die schlanke Frau mit den kräftigen Händen dehnt den Stumpen nach allen Seiten. Man muss aufpassen, dass man nicht zu fest zieht, sonst reisst der Filz. Langsam bildet sich die Form der Kopfbedeckung heraus. Geduldig streicht Lucia Vogel jede nicht gewünschte Falte glatt. Später, wenn der Filz trocken ist, schneidet sie ihn zu, näht Hutsaum und Innenband ein. Dann folgt die Kür: Die Garnitur, das kunstvolle Verzieren des Hutes. Und irgendwann schmückt sich eine glückliche Kundin damit.

Für die Kreation eines Headpieces braucht es eine Unterform.

Die Designerin arbeitet zwischen drei Stunden und drei Tagen an einer Kopfbedeckung, je nach Modell, Form und Garnitur. Der Aufwand ist am Preis zu erkennen; einen handgemachten Hut gibt es ab zirka 150 Franken. Überhaupt heisst das Label von Lucia Vogel.
Überhaupt die korrekte Berufsbezeichnung der Hutmacherin ist Modistin. Den Beruf des Hutmachers gibt es nicht mehr, erklärt Vogel, der Hutmacher hat in der Fabrik gearbeitet und lediglich die Filz- und Geflechtrohlinge über die Hutformen gezogen. Modistin wollte sie schon immer werden. Mit den Händen zu werkeln und unterschiedliche Materialien zu verarbeiten war ihr Traumberuf. Ich mag den kreativen Prozess. Die Materialfülle beflügelt ihre Fantasie, inspiriert sie zu immer neuen Kreationen.

Die Hutform wird anhand des Schnittmusters auf die Unterform skizziert.

In der englischen Gesellschaft spielt der Hut immer noch eine Rolle. Denken wir nur an die royale Hochzeit oder an das Pferderennen in Ascot. Hierzulande verlor der Hut in den Sechzigerjahren seine Bedeutung als Bestandteil der Kleidung. Man(n) legte Hut ab, Frau trug stattdessen Dauerwelle. In jüngster Zeit haben junge Menschen den Hut als modisches Stilmittel wiederentdeckt und finden es trendy, behütet zu sein.

Der Headpiece mit bezaubernden Details ist ein Hingucker für den Kopf.

Trotzdem droht der Beruf der Modistin zu verschwinden. In der Schweiz gibt es nur noch wenige Hutateliers und aktuell nur vier Auszubildende in der Deutschschweiz. Bedauerlich, dass dieses Handwerk fast verschwunden ist und viel Wissen verloren geht, sagt Lucia Vogel und erinnert daran, dass der Kanton Aargau, konkret das Freiamt, Anfang des 20. Jahrhunderts weltweit als bedeutender Produzent von Strohhüten galt. Der Erhalt des Handwerks liegt ihr am Herzen. Darum engagiert sie sich im Schweizerischen Modistinnenverband, unterrichtet an der Berufsschule und bildet in ihrem Atelier eine Lernende zur Modistin aus.

Auf Holzformen werden Filz- und Geflechtrohlinge zu Hüten geformt.

Das Hutatelier befindet sich mitten in Aarau. mehr& wert heisst der Laden, den sie mit zwei Goldschmiedinnen führt und in dem schöne Dinge entstehen. Maschinen, abgesehen von Dampfgerät, Pelznähmaschine und Bügeleisen, sucht man hier vergebens. Die Modisterei beruht auf Handfertigkeit. Hinter einer Wand verbirgt sich die eigentliche Schatzkammer. Versteckt vor Kundenblicken, entstehen im Atelier die wunderbaren Einzelstücke. Damenhüte, Mützen oder Haarreifen, etwa so wie jener, der das schulterlange Haar von Lucia Vogel an diesem Tag krönt. Ein Hingucker, klein, fein.

Bügeln geht nicht, also wird der Filz unter heissem Dampf schön gebürstet.

Auf dem Tisch liegen Schnittmuster, Stoffe, Nadel, Faden, Fingerhut, Schere, Metermass. Kunstvolles Allerlei wie Bänder, Blüten, Federn, Kordeln, Schleier oder Tüll lagert in Schachteln und wartet nur darauf, Hüte zu verzieren. Im Regal gegenüber stapeln sich Kopfbedeckungen: tellerartige Winzlinge, Headpieces genannt, mehr Kunstwerk als Hut, Fellkappen mit Leopardenmuster, Schildmützen aus Velours, Berets mit Kunstpelz alles, was einen Kopf schmückt und schützt.

Stich für Stich entsteht ein entzückender Headpiece für festliche Anlässe.

Lucia Vogel bevorzugt den Begriff Kopfbedeckung für ihre Kreationen: Hut schränkt ein, denn damit ist immer eine Kopfbedeckung mit Krempe gemeint.
Den typischen Vogel-Hut gibt es nach eigener Einschätzung nicht. Wohl aber ist die Handschrift der Modistin zu erkennen: alltagstaugliche Hüte, pardon Kopfbedeckungen, mit dem gewissen Etwas.

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Beret, Borsalino, Melone, Trilby, Zylinder Hüte sind so unterschiedlich wie die Köpfe, die sie tragen. Generell sollte ein Hut der Trägerin/dem Träger schmeicheln. Ein Hut, der nicht passt, kann leicht albern wirken. Darum müssen beim Kauf die Proportionen des Gesichts und des Körpers beachtet werden. Grosse Frauen sollten beispielsweise keine zu kleinen, kleine Frauen keine übergrossen Hüte tragen, weil die unterschiedlichen Proportionen nicht harmonieren. Um die richtige Kopfbedeckung zu finden, lässt man sich am besten im Fachgeschäft beraten. Bei der Vielfalt an Modellen findet jeder Kopf seinen Deckel.