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Schöne Aussichten

Langzeitprognosen für das Wetter das wollen alle. Von der Versicherung bis zum Schulkind. Doch Langzeitprognosen sind schwierig. Nur nicht für die legendären Muotathaler Wetterschmöcker.

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Heiner H. Schmitt, zVg
12. September 2016

Blick Richtung Uri: Die Wetterpropheten Martin Horat, Martin Holdener und Alois Holdener oberhalb von Schwyz (v.l.).


Langzeitprognosen

Die Langzeitprognosen für den Herbst: Heiter Bis Wolkig

Horat Martin
sieht einen schönen Herbst auf uns zukommen.

September: Endlich gibts schönes Herbstwetter.Auch um Mitte gibts wenig Regentage. Die milden, sonnigen Tage bleiben bis zuletzt erhalten.

Oktober: Anfangs gibts in höheren Lagen Schnee. Bis am 20. bleibts ziemlich trocken und hell. Am 15. etwas Nebel.

Suter Peter
schreibt, dass es schönes Wanderwetter gibt.

September: Bis am 10. mehr schönes Wander- und Erntewetter. Um Mitte veränderlich, meist trocken. Ab 20. schön, Boden- und Hochnebel werden der Sonne zu schaffen machen.

Oktober: Anfangs mehr schön. Um Mitte veränderlich mit Regentagen.Der Schneemann erobert die Berge bis weit hinunter. Durch die Schwyzer Chilbi (16.) kann man trockenen Fusses schlendern.

Holdener Martin
sagt voraus, dass der Herbst nach etlichen Berechnungen zu 70 Prozent schön wird.

September: Am 1. schön, nachher unbeständiges Wetter. Vom 12. an schön mit 3 Regentagen bis zum 24. Ende schön mit morgendlichem Bodennebel. Auf Ende kühl und unbeständig.

Oktober: Schönes Wanderwetter Anfang Monat. Um den 12. erster Schnee in den Bergen, aber die Herbstsonne wird ihm den Garaus machen, schön bis zum 20., ideal für die Weinlese.

Ulrich Roman
meint, der Herbst dürfte etwas weniger Regen bringen.

September: Die Älpler, die zu spät aufgefahren sind, haben eine kurze Alpzeit. Viele nasse und kalte Tage bis zum 13. des Monats. Von da an zeigt sich der Herbstmonat von der guten Seite. Am Bettag (18.) veränderlich.

Oktober: Bis am 20. durchzogen. Dann schöne Tage, aber schon zu spät. Das Vieh steht in den Bergregionen schon in den Ställen. Hinterthaler Chilbi (16.) kalt, aber trocken.

Hediger Kari
denkt, dass der Herbst mit wenig Ausnahmen zufriedenstellend wird.

September: Anfangs sonniges Wetter mit Nebelfetzen, dazwischen wenig Regen. Darauf folgt recht schönes Wanderwetter. Bettag (18.) schönes Bergwetter.

Oktober: 1. bis 10. herrscht kaltes Wetter mit Regen, wenig Sonnenschein, der Schnee grüsst bis in mittlere Lagen. Bis zum 20. überwiegt dann wieder das schöne Wetter.Gallustag (16.) durchzogen.

Holdener Alois
rechnet mit eher zu kühlem Herbstwetter.

September: Anfangs mehr schön, unten zum Teil grau, Nebel bis am 15. Die nächsten 10 Tage regnerisch und kühler, das letzte Vieh kommt von den Alpen. Die letzten Tage sonnig.

Oktober: Die ersten Tage recht schön mit teils Bodennebel. Vom 8. bis 16. trübes und kaltes Wetter.

Das Wetter

Langzeitprognosen aus der Natur: Die Wetterschmöcker sind oft im Wald.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Marroniverkäufer dann freuen Sie sich auf den Herbst. Denn kühleres Wetter verspricht gute Verdienste. Am besten wäre es für das Geschäft, wenn Sie für jeden Tag wüssten, wie das Wetter wird. Dann könnten Sie im Voraus planen, wann Sie Ihren Stand aufstellen, und abschätzen, wie viele Marroni Sie einkaufen. Von so etwas träumen natürlich viele: eine Langzeitprognose für jeden Tag der kommenden Saison. Doch Langzeitprognosen sind schwierig, denn das Wetter entwickelt sich dynamisch und schlägt Kapriolen.

Prognosen fürs Überleben

Trotzdem hat der Mensch zu allen Zeiten versucht, das Wetter vorauszusagen. Davon zeugen zum Beispiel alte Kalender oder die Bauernregeln, denn die Landwirtschaft ist sehr vom Wetter abhängig. Am Wetter und der Ernte hängt auch das nackte Überleben: 1816 war es im Sommer so kalt, dass viele Menschen dem Hunger zum Opfer fielen, besonders in der Schweiz. Schuld war nicht nur das Wetter, sondern ein grosser Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien. Er spuckte so viel Staub und Asche in die Atmosphäre, dass sich die Sonne verdunkelte. Das hatten die Bauernkalender und damaligen Wetterregeln nicht vorhersagen können.

Die Herbstsonne macht dem ersten Schnee den Garaus.»

Martin Holdener (55), Wetterschmöcker

Die Muotathaler Wetterschmöcker wenden auch heute noch die traditionellen Methoden von früher an. Naturbeobachtungen, auf die sich die Bauern durch die Jahrhunderte verliessen. Und sie machen Langzeitprognosen, jeweils für das nächste halbe Jahr. Organisiert sind sie im Meteorologischen Verein Innerschwyz, der 1947 gegründet wurde. Zweck des Vereins ist es, die traditionellen Methoden der Wettervorhersage zu bewahren. Doch in den Statuten ist genauso der Humor festgeschrieben, der auf keinen Fall zu kurz kommen darf, auch bei den legendären Versammlungen des Vereins im Frühling und im Herbst. Humor? Nein, da wird in den höchsten Tönen gestritten, behauptet Alois Holdener. Und man muss immer viel Verbandsmaterial mitnehmen. Das stimmt natürlich nicht. Das mit dem Verbandsmaterial. Aber gezankt wird, zum Beispiel darum, wer der beste Wetterschmöcker ist. Natürlich immer so, dass alle lachen müssen. Die träfen Sprüche sind wichtig. Sie passen zu der knorrigen Art der Wetterpropheten. Die sechs Männer sind ein bisschen wie der Frosch auf dem Logo ihres Vereins: Die verschränkten Arme sagen, dass sie nicht alles sagen, was sie wissen. Und sie biedern sich nicht an. Gleichzeitig lächelt der Frosch, sie haben also auch Herz und Humor. Alle sind echte Originale.

Martin Holdener beobachtet die Mäuse

Tiere und die Natur als Hinweise

Wer mit den Wetterschmöckern durch Schwyz spaziert, wird immer wieder von neugierigen Passanten angehalten. Sie erkundigen sich nach dem Wetter. Wann kommt der Winter?, will eine Frau mit Rucksack und Wanderausrüstung wissen. Martin Horat blinzelt schalkhaft: Der Winter? Der kommt von Westen her! Eine eindeutige Antwort: Er wills nicht sagen. Streng geheim. Denn Prognosen gibt es nur zweimal im Jahr an der Versammlung des Vereins, der rund 4500 Mitglieder zählt. Sie kommen aus der ganzen Schweiz und sogar aus dem Ausland. Schweizer, die in Australien wohnen zum Beispiel, erklärt Martin Horat. Er ist der zweitälteste Schmöcker. Mit seinen 72 Jahren ist er nicht mehr ganz so gut zu Fuss. Doch das hindert ihn nicht, die Waldameisen zu besuchen. Seine Vorhersagen leitet er von ihrem Verhalten ab.
Die Prognosen von Martin Holdener (55) basieren ebenfalls auf Tieren. Er setzt auf die Mäuse, aber nicht nur: Als Bauer arbeite ich in und mit der Natur. Ich sehe das Verhalten der Tiere, beobachte die Pflanzen, dann kommt noch das Bauchgefühl und die Erfahrung dazu. So kommen meine Prognosen zustande.

Alois Holdener liest aus den Tannzapfen.

Alois Holdener beobachtet die Tannenzapfen und den Wald. Der 61-Jährige ist auch von Berufs wegen oft draussen. Er arbeitet als Freileitungsmonteur. Das sind die, welche todesmutig auf die richtig hohen Strommasten klettern und die Leitungen in Schuss halten. Wenn er oben arbeitet, wird der Strom natürlich abgestellt. Sonst müsste der Meteorologische Verein wieder einen neuen Propheten suchen. Wetterschmöcker bleibt man auf Lebenszeit. Letztes Jahr verstarb Karl Reichmuth. Auf ihn folgt nun Roman Ulrich, mit 44 Jahren der Jüngste.
Doch nicht alle glauben an solche Prognosen. Stephan Bader, 56, Klimaspezialist bei MeteoSchweiz, möchte sich dazu kein Urteil anmassen: Um festzustellen, ob an den Naturbeobachtungen etwas dran ist, müssten die physikalischen Zusammenhänge verstanden und die Voraussagen ausgewertet werden. MeteoSchweiz macht keine derartigen Untersuchungen und kann deshalb keine Aussage zur Verlässlichkeit machen. Auf Bauernregeln für Langzeitprognosen würde sich der Experte hingegen nicht verlassen. Sie versuchen, für bestimmte Lostage Regelmässigkeiten zu erkennen. Doch das Wetter ist nicht regelmässig: Wenn man bedenkt, was für ein komplexes physikalisches Gebilde die Atmosphäre ist, erkennt man schnell, dass es unrealistisch ist, solche Regelmässigkeiten als Möglichkeit in Betracht zu ziehen.

Keine Angst vor Ameisen hat Martin Horat. Doch vielleicht fürchten sich die Ameisen?

Trotzdem würde Nikolai Eggenberger die Bauernregeln nicht grundsätzlich als falsch bezeichnen. Der 24-jährige Oberstufenlehrer aus Buchs hat für seine Masterarbeit untersucht, ob sie wirklich zutreffen. Dazu hat er nach bestimmten Kriterien zwei Regeln ausgewählt. Schneit's vorem Martinstag (11.November) übere Rhii, isch dr halb Winter hii und Wie der Michaelistag (29.September), so dr ganz Herbst sii mag. Beide sind nach seinen Recherchen für Werdenberg SG gültig. Ein Fazit: Wenn man verschiedene Aspekte wie Temperatur, Niederschlag und Sonnenscheindauer übereinanderlegt, ist die Trefferquote besser als der Zufall. Doch es kommt auf die persönliche Wahrnehmung an. Aussagen wie schönes Wetter bedeuten ja für jeden etwas anderes.

Wetter als Wirtschaftsfaktor

Branchen wie die Energiewirtschaft verlassen sich denn auch lieber auf Langfristprognosen von MeteoSchweiz. Stephan Bader: Mit dem Energiehandel wird es immer wichtiger, die Energieproduktion und den Verbrauch vorherzusagen. Wir spüren deshalb ein grosses Interesse an Langfristprognosen aus dem Energiesektor. Und auch die Landwirtschaft ist interessiert: Wobei es weniger die Produzenten sind, welche direkt profitieren, sondern staatliche Organisationen oder grössere Agrarkonzerne, welche diese Information beispielsweise für Erntevorhersagen über grössere Gebiete nutzen. Doch auch die professionellen Meteorologen können bei Langzeitprognosen keine 100-prozentig verlässlichen Aussagen machen. Firmen können von solchen Vorhersagen profitieren, obwohl sie auf diese langen Zeithorizonte nur Tendenzen in Form von Wahrscheinlichkeiten bekommen. In Bereichen wie Hochwasservorhersage oder Hitzewarnungen gibt es erste Versuche, solche Vorhersagen als Frühwarnsystem für Behörden zu verwenden. Die Klimaveränderung verkompliziert die Berechnungen nicht: Die Modelle berücksichtigen die menschengemachte Klimaänderung. Konkret erleichtert die generelle Erwärmung beispielsweise die Erstellung von Temperaturvorhersagen.
Ganz anders profitiert die Pariser Werbeagentur Gamned von Wetterprognosen. Sie reagiert kurzfristig. Die Firma stimmt ihre Werbung für die Genfer Schifffahrtsgesellschaft auf das aktuelle Wetter ab. Ist es schön, erscheint vermehrt Bannerwerbung im Internet für eine Schifffahrt. Laut einer Erhebung ist die Werbung so erfolgreicher und günstiger, weil die Banner nicht immer geschaltet werden.
Es gäbe also noch viel zu tun für die Muotathaler Wetterschmöcker, wenn sie ihre Arbeit auf die ganze Schweiz ausdehnen würden. Zum Beispiel mit Zweigstellen in allen Kantonen. Doch sie bleiben bescheiden und im Kanton Schwyz. Sonst würden ja alle anderen Meteorologen ihre Arbeit verlieren, erklärt Alois Holdener. Also doch nicht so bescheiden und immer mit einem Augenzwinkern

MeteoSchweiz

Die Herbstprognose Von MeteoSchweiz

MeteoSchweiz erstellt aufgrund von physikalischen Modellen Vorhersagen für den kommenden Monat und die kommende Jahreszeit. Sie werden auf der Webseite des Bundesamtes für Meteorologie publiziert.

Die Herbst-Prognose:
Die Mitteltemperatur der Monate September bis November zeigt alles andere als eine eindeutige Tendenz! Ein Herbst mit einer Mitteltemperatur im unteren Drittel der bisher beobachteten Werte erscheint etwas wenigerwahrscheinlich als ein normaler oder wärmerer Herbst. Wobei diese Tendenz im Westen und Süden etwas deutlicher ist als in der Deutschschweiz. Derartig wenig aussagekräftige Saisonvorhersagen sind typisch für Mitteleuropa und zeigen, dass für unsere Region Vorhersagen über mehrere Monate äusserst schwierig sind.

Die Muotathaler Wetterpropheten Prognosen der Wetterschmöcker und die Rangliste PDF herunterladen

Die Prognosen von MeteoSchweiz, dem Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie

Der Monatsausblick Der Saisonausblick, eine Vorhersage der Temperaturtendenz für die nächsten drei Monate Klimaszenarien

Aktuelles Wetter

Allgemeine Lage 6-Tage-Prognose für die Schweiz