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Wie bitte? Wenn das Hören nachlässt

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Heiner H. Schmitt; Roberto Ceccarelli, Colourbox, Getty Images
07. März 2016

Übermässiger Lärm schädigt unser Gehör. Deshalb: nicht zu lange und nicht zu laut ohne Schutz.


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Aus der Zeitung

Sie war noch jung, als sie merkte, dass ihr Gehör nachlässt. Mit 27 erfuhr Carmen Frischknecht, dass sie unter einer genetisch bedingten Hörschwäche leidet. Ein Hörgerät war für sie jedoch ein No-Go. Fast 20 Jahre lang war die frühere Flugbegleiterin und heutige kaufmännische Angestellte zu eitel, wie sie selbst sagt, um ein Hörgerät zu tragen. Dass jemand schon in so jungen Jahren unter Hörproblemen leidet, ist laut Luca Mastroberardino (46) eher selten. Dass Carmen Frischknecht jedoch aus Eitelkeit viele Jahre auf ein Hörgerät verzichtete, sei hingegen weit verbreitet. Mastroberardino ist der Sprecher des Verbandes der Hörgerätelieferanten der Schweiz und Geschäftsführer des Hörgeräteherstellers Phonak. Er kennt die Problematik. Viele warten zu lange, bis sie mit ihren Hörproblemen zum Arzt gehen. Die meisten Hörprobleme entstehen durch Schäden im Innenohr. Der natürliche Alterungsprozess, eine übermässige Lärmbelastung oder Medikamente, die das Gehör angreifen, sind die häufigsten Ursachen. Dabei verlieren die Haarsinneszellen im Innenohr ihre Beweglichkeit und können die Töne nicht mehr ausreichend in Nervenimpulse umwandeln. Eine solche Hörminderung kann nur noch mit einem Hörgerät ausgeglichen werden. Die grössten Risiken für Hörprobleme seien Lärm am Arbeitsplatz, Konzert- oder Discobesuche sowie die moderne Unterhaltungselektronik, sagt Mastroberardino: Vor allem bei der Verwendung von Kopfhörern für mobile Geräte ist Vorsicht geboten.

Wenn der Hintergrund zu laut ist

Die Einschränkungen in Carmen Frischknechts Leben waren spürbar. Ich bin jemand, der gerne unter Leuten ist, gerne kommuniziert. Doch ich habe mich mehr und mehr zurückgezogen. Gerade mit Nebengeräuschen, etwa in einem Restaurant, sei das Problem verstärkt aufgetreten. Auch im Beruf hatte sie zunehmend Probleme. Wie soll ich in einer Fremdsprache kommunizieren, wenn ich nicht einmal die eigene Muttersprache richtig verstehe? Mit 45 hing Carmen Frischknecht ihren geliebten Beruf als Flugbegleiterin an den Nagel. Der Stress, mit verursacht durch die Hörminderung, wurde zu gross. Ähnliches kennt Jonas Gassmann. Ein Jahr lang schlug sich der Röntgentechniker ohne Hörhilfe durch, bis er merkte, dass er sich mehr und mehr zurückzog, weil er den Gesprächen in geselliger Runde nicht mehr folgen konnte.

Der Verlauf ist schleichend

Dass ein Hörverlust anfänglich nicht ernst genommen wird, könne am schleichenden Verlauf liegen, meint Mastroberardino. Hörverminderung bedeutet in der Regel nicht, dass alles einfach leiser wird. Man versteht einzelne Buchstaben nicht mehr. Zuerst fallen s, z und sch weg. Das Gehirn vermag diese Lücken anfänglich zu kompensieren, doch mit zunehmender Dauer verlerne es, diese Buchstaben zu hören. Man meint ständig, die Gesprächspartner würden undeutlich reden. Wenn Menschen nicht mehr in der Lage sind, Stimmen oder Geräusche herauszuhören, verliert das Gehirn die Fähigkeit, Geräusche wahrzunehmen. Die Hirnareale übernehmen andere Aufgaben und stehen für gewisse Tonfrequenzen nicht mehr zur Verfügung. Man verlernt das Hören. Im schlimmsten Fall ist dies irreversibel, das heisst, auch ein Hörgerät kann nicht mehr helfen. Deshalb sei es ratsam, mit einer Korrektur nicht zu lange zu warten, meint Mastroberardino. Dabei gehe es ihm nicht einfach darum, seine Geräte zu verkaufen. Unser Hauptanliegen ist, dass die Menschen gut hören und die damit verbundene Lebensqualität geniessen können.

Geräte sind heute winzig klein

Carmen Frischknecht und Jonas Gassmann wandten sich an einen Akustiker und entschlossen sich, ein Hörgerät zu tragen. Diese sind heutzutage moderne Hightechgeräte, die Hintergrundgeräusche von menschlichen Stimmen unterscheiden können. Dadurch verstärken sie gezielt jene Geräusche, die man hören muss in einem Restaurant zum Beispiel die Stimme des Gegenübers. Und für Carmen Frischknecht ganz wichtig: Die Geräte sind heute klein, kein Vergleich zu früher.

An Lebensqualität gewonnen

Der Gewinn an Lebensqualität ist für beide enorm. Carmen Frischknecht zum Beispiel musste eine Stelle als Rezeptionistin aufgeben, weil sie ohne Hörhilfe schlicht nicht in der Lage war zu telefonieren. Heute verwendet sie ein Zusatzgerät, das das Telefon direkt auf ihre Hörgeräte umleitet. Auch alltägliche Dinge machen wieder Freude, stellt Gassmann fest, wie etwa das Rauschen der Blätter im Wind oder das Plätschern von Wasser. Das hatte ich vorher alles nicht mehr gehört. Dass Hörminderungen keine Seltenheit sind, zeigt eine Studie, die letztes Jahr in der Schweiz unter fast 15000 Befragten durchgeführt wurde. Danach gab jeder zehnte Erwachsene an, Hörprobleme zu haben. In der Gesamtbevölkerung sprechen 8Prozent von einer Hörminderung. Damit steht die Schweiz im Vergleich zu Deutschland (12,1%), England (9,7%) und Frankreich (9,3%) zwar besser da, ob die Schweizerinnen und Schweizer deshalb auch besser hören, lässt sich daraus nicht feststellen. Die Studie zeigt nämlich auch, dass die Schweizer seltener und unregelmässiger zum Hörtest gehen. Auftraggeber der Studie war der Verband der Hörgerätelieferanten der Schweiz. Die Kosten für ein Hörgerät beginnen bei 500 und reichen bis 5000 Franken pro Ohr. Ein Drittel bis ein Viertel des Preises ist für das Gerät selber, der Rest für den Akustiker, der es einstellt. Das ist aufwendiger als bei einer Brille, die man ausmisst, aufsetzt und dann sieht man gut, erklärt Mastroberardino. Die Invalidenversicherung bei Angestellten zahlt 840 Franken für ein Hörgerät oder 1650 Franken für zwei Hörgeräte. Bei Pensionierten bezahlt die AHV 630 Franken. Manche Krankenkassen beteiligen sich ergänzend an den Kosten.

Geschichte der Hörhilfen

Schwerhörigkeit wurde in der Antike und weit darüber hinaus mit geistiger Behinderung in Verbindung gebracht eine Vorstellung, die sich hartnäckig bis in die Neuzeit gehalten hat. Als Therapie war lange Zeit Beten oder ein Opfer zu erbringen angesagt.

  • Im 15. Jahrhundert erhielt man in einem medizinischen Buch noch den pragmatischen Rat, bei Hörproblemen die Hand hinter das Ohr zu halten.
  • Im 16. Jahrhundert arbeiteten Tüftler bereits daran, die Hand durch Hörrohre zu ersetzen. Die Hörhilfen wurden aus Eisenblech, Silber, Holz, Schneckengehäusen oder Tierhörnern hergestellt.
  • Von Anfang an versuchte man, das Hörrohr zu verstecken. Hörhilfen wurden als Schmuckstück getarnt oder hinter einem Fächer, unter einer Perücke und sogar in einem Spazierstock verborgen.
  • Im 17. Jahrhundert fand der Benediktinermönch Pedro Ponce de Leon einen Weg zur Verständigung mit Schwerhörigen: Er hatte die revolutionäre Idee, dass man mit ihnen über Lippenlesen kommunizieren könnte.
  • Die Suche nach einer guten Hörlösung führte im 19.Jahrhundert letztlich zur Entwicklung des Telefons. Alexander Graham Bell (1847-1922), der als der Erfinder des Telefons gilt, arbeitete ursprünglich als Gehörlosenlehrer. Er suchte nach einer Methode, um Sprache zu visualisieren und wandelte Schall in elektrische Signale um.
  • Mit der Erfindung des elektrischen Audioverstärkers entstanden um 1900 die ersten Hörgeräte. Um 1920 waren sie bereits so klein, dass sie in eine Handtasche passten.
  • Mit der Miniaturisierung der Technik wurden die Geräte immer kleiner. In den 40er-Jahren kam das Westentaschenformat auf den Markt, seit den 60er-Jahren kennt man die heute noch üblichen Hinter-dem-Ohr-Geräte.
  • Seitdem nahm die Entwicklung der Hörgeräte im Zuge der Fortschritte in der Mikroelektronik eine rasante Entwicklung. Die Geräte wurden immer kleiner und zugleich leistungsfähiger. Ein modernes Hörgerät verarbeitet bis zu 200 Millionen Operationen pro Sekunde und lässt damit manchen PC weit hinter sich.
  • Das Hörgerät Lyric von Phonak wird von speziell geschulten Hörakustikern 4mm vor dem Trommelfell unsichtbar im Ohr platziert und bleibt bis zu 3 Monate dort, bis die Batterie leer ist.

Expertenmeinung

Wieso ist Hörverlust oder ein Hörgerät noch immer ein Tabu?
Thomas Uebelhart: Das ist eine Stigmatisierung, die eine lange Geschichte hat. Leute mit Hörproblemen waren in der Regel alt oder sie wurden als dumm abgestempelt. Zudem waren die Hörgeräte riesig. Das wollte niemand.



Dass das Gehör im Alter abnimmt, ist an sich normal. Ab wann ist der Hörverlust so gross, dass man sich an eine Fachperson wenden sollte?
Wenn man selbst merkt, dass man in Gruppengesprächen oder in Situationen mit Störlärm Mühe
mit dem Verstehen hat. Oder auch, wenn man von seinem Umfeld auf eine Hörschwäche aufmerksam gemacht wird.

Nicht zu lange warten!»

Thomas Uebelhart (46) ist Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten.

Was zuerst? Eher Akustiker oder gleich Arzt?
Viele Patienten mit einem Hörproblem gehen zuerst zu einem
Hals-Nasen-Ohren-Arzt. Dieser untersucht das Ohr und stellt das Ausmass und die Ursache der Schwerhörigkeit fest. Man kann aber auch zuerst bei einem Akustiker einen Hörtest machen.

Kann mein subjektiv empfundener Hörverlust noch andere Gründe haben?
Selten kann es sein, dass trotz einer subjektiven Höreinschränkung der Reinton-Hörtest und der Sprachhörtest normal ausfallen. In diesen Fällen funktioniert zwar das sogenannte periphere Hören (Mittelohr, Innenohr und Hörnerv), jedoch hat das Gehirn Mühe, aus all den eingehenden Informationen das Wichtige herauszufiltern.

Jemand hört schlecht, will aber noch kein Hörgerät tragen. Was passiert, wenn man einfach noch etwas zuwartet?
Unser Gehirn braucht einen kontinuierlichen Strom an Reizen über die Nerven der Hörbahn. Bleibt dieser aus, baut es rapide ab und die Nervenzellen verkümmern. Ein Patient wartet durchschnittlich fünf bis sieben Jahre zu lange, bis er eine Hörgeräteversorgung angeht. Die Anpassung einer
Hörhilfe wird dann umso aufwendiger.