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Alles im Fluss

An heissen Sommertagen steigen die Schweizer zu Tausenden in die Flüsse und lassen sich in ihnen treiben. Wir ergründen das Massenphänomen und zeigen ein paar besonders schöne Badestellen.

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Keystone, Heiner H. Schmitt, Pino Covino
10. Juli 2017

Für immer mehr Schweizer heisst es in den Städten: ab in den Fluss und sich treiben lassen! Wie hier im Rhein in Basel.


Badeplausch

Schon vor knapp hundert Jahren erkannte der junge Bertolt Brecht, wie erholsam es sein kann, wenn man sich in ein fliessendes Gewässer begibt und sich darin treiben lässt. In seinem Gedicht Vom Schwimmen in Seen und Flüssen schwärmt er:

Wenn man am Abendvon dem langen LiegenSehr faul wird, so,dass alle Glieder beissenMuss man das alles,ohne Rücksicht, klatschendIn blaue Flüsse schmeissen,die sehr reissen.»

Grosser Andrang: An schönen Abenden bleibt im Rhein fast kein Fleckchen mehr frei. 

Es ist allerdings morgens, nicht abends, als wir es dem grossen Dramatiker und Lyriker gleichtun und im Fluss, in diesem Fall im Rhein, schwimmen gehen. Bei der Einstiegsstelle beim Tinguely-Museum in Basel liegen Unmengen an Abfall herum vom Vortag, als es wieder Tausende in den Strom zog. Das Flussschwimmen boomt, nicht nur hier, sondern auch in anderen Schweizer Orten, die das Glück haben, dass sie an einem fliessenden Gewässer anliegen.
Ernst Bromeis begleitet uns. Der 49-jährige Bündner hat schon viel Lebenszeit in Flüssen verbracht; so durchschwamm er unter anderem den Rhein von der Quelle bis zur Mündung, um die Menschen im Rahmen seines Projekts Das blaue Wunder wieder zurück ans Wasser zu bringen. Mit seinen 22 Grad hat der Rhein an diesem Tag die ideale Temperatur für einen halbstündigen Schwumm.
Vor über zwei Jahrzehnten absolvierte Bromeis in Basel die Ausbildung zum Sportlehrer. Er erinnert sich, dass das Rheinschwimmen damals eher die Ausnahme war. Zwar stiegen schon in den 90er-Jahren im Winter Hartgesottene in den Rhein. Im Sommer aber war es noch kein Massenereignis wie heute. Die erste Kläranlage in Basel wurde erst 1982 gebaut, das ist also noch gar nicht so lange her. Bis dahin flossen giftige Chemikalien von den anliegenden Unternehmen direkt in den Rhein. Die dunkle Brühe vergällte den Menschen die Lust am Schwimmen, statt im Wasser hielten sie sich lieber am Ufer auf. Heute ist die Wasserqualität in den Schweizer Flüssen markant besser. Wir könnten ein Glas daraus trinken und würden wohl nicht ernsthaft erkranken, sagt Bromeis. Das aber darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es immer noch Pestizide, Medikamente und Mikroplastik in einer besorgniserregenden Menge in unseren Gewässern hat. Daran müssen wir arbeiten.

Ernst Bromeis, Extrem-Flussschwimmer und Wasserbotschafter

Wer in den Fluss steigt, findet Entschleunigung»

Gleich vor der Haustür

Zwei Mittvierzigerinnen, die vorhin vor dem Einstieg noch ein Selfie schossen, treiben nun an uns vorbei. Was denkt ihr gerade?, ruft unser Begleiter ihnen zu. Nicht viel, antworten sie, einfach nur, dass es schön ist. Bromeis liebt es ein wenig philosophischer, als er über die Faszination des Flussschwimmens räsoniert. Wer ins Wasser steigt, der findet die Entschleunigung von einem Alltag, der immer rasanter dreht. Und das gleich vor der Haustür, was ein zusätzlicher Grund ist, weshalb die Menschen so gerne in die Flüsse steigen; unsere Gesellschaft lernt wieder mehr zu schätzen, was in der Nähe liegt. Wir müssen nicht mehr unbedingt ans Meer fahren, so Bromeis, um die erholsame Wirkung des Wassers zu geniessen.
Dass immer mehr Menschen in Schweizer Flüssen schwimmen, hat auch das Ausland registriert. Die Süddeutsche Zeitung schrieb unlängst: Die Schweiz machts vor: Ab in den Fluss und nach Hause treiben lassen. In Deutschland, so Bromeis, sei das noch nicht in dieser Form möglich, weil die Flüsse primär Wasserstrassen für riesige Schiffe seien. In der Fahrrinne, wo die Schiffe fahren, ist es lebensgefährlich, weiss der Bündner aus eigener Erfahrung, wer dort schwimmen geht, fühlt sich wie eine Velofahrerin oder ein Jogger auf dem Pannenstreifen einer Autobahn. Die Verkehrsdichte ist Furcht einflössend.
Da geht es in den Schweizer Flüssen vergleichsweise gemütlich zu und her. Zu unterschätzen sind die Gefahren aber auch hierzulande nicht. Die Statistiken der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft beweisen, dass die Ertrinkungsfälle in Flüssen drastisch zugenommen haben: Während 2014 noch 13 Menschen starben, waren es im vergangenen Jahr nahezu doppelt so viele. Bedauerlich sei das, findet Tilo Ahmels, den wir später am Telefon erreichen. Denn wenn man ein paar Regeln beachtet, lassen sich die Gefahren deutlich vermindern.

Tilo Ahmels, Flussschwimm-Experte

Schwimmen im Fluss erhöht die Lebensqualität.»

Den Trend frühzeitig erkannt

Der 50-Jährige, der in der DDR aufgewachsen ist und heute in Basel lebt, hat den Trend in den Schweizer Flüssen frühzeitig erkannt. 2002 brachte er den Wickelfisch auf den Markt: In den farbigen Nylonsack, der die Form eines Fisches hat, lassen sich Kleider, Schuhe, Portemonnaie und Handy einwickeln und unversehrt, also trocken, durch den Fluss transportieren. Heute ist der Wickelfisch längst ein Renner. Er ist praktisch und hilfreich zugleich, weil die knallbunte Farbe auffällt und der Schwimmer für die anderen Flussbenützer besser zu erkennen ist.
Ahmels, selber ein begeisterter Flussgänger, freut sich darüber, dass die Behörden mittlerweile erkennen, wie viel das Flussschwimmen zur besseren Lebensqualität der Einwohner beiträgt: In Basel etwa hat sich die Anzahl der bewilligten Buvetten, in denen sich nach dem Schwimmen gemütlich chillen lässt, in den letzten Jahren deutlich erhöht. Oder die flankierenden Massnahmen der Wasserpolizei, die regelmässig patrouilliert und Bademeister spielt dabei hätte sie sicherlich anderes zu tun.
An diesem Morgen ist die Lage im Rhein indes übersichtlich. Ernst Bromeis klammert sich am Schwimmsack fest, hält kurz inne und lauscht den Geräuschen, die die Wellen verursachen. Hörst du das?, fragt er. Das ist der Sound des Wassers, der die Menschen so fasziniert. Er tönt überall gleich, auf den Malediven genauso wie am Rhein. Dann macht er das, was Bertolt Brecht im erwähnten Gedicht empfohlen hat:

Natürlich muss man auf dem Rücken liegen So wie gewöhnlich. Und sich treiben lassen. Man muss nicht schwimmen, nein, nur so tun, als Gehöre man einfach zu Schottermassen.

Tipps

Tipp 1: Aare vs. Rhein

Eine Bostoner Studiengruppe befand, dass Bern mit der Aare die einzigartigste Kultur städtischen Schwimmens hat. Recht haben die Amerikaner!

Wenn ich höre, wie meine Basler Bürokollegen vom Rhein schwärmen, kann ich nur mitleidsvoll lachen. Okay, die Sicht aufs Münster mag schön sein, der Badespass wird aber zunichtegemacht von den Lastschiffen, welche die eine Hälfte in Beschlag nehmen. Von der Wasserqualität des Rheins wollen wir schon gar nicht reden!

Ganz anders die Aare in Bern, wo das sauberste Flusswasser Europas die Schwimmenden wegträgt. Seine Kleider deponiert man beim Marzilibad, denn hier, direkt unter dem Bundeshaus, wird man der Aare am Schluss wieder entsteigen. Im Badekleid spaziert man entweder zum Schönausteg, der vor allem Jungen als Sprungturm dient, oder zum Campingplatz Eichholz. Wer hier in den Fluss steigt, wird auf der rechten Seite Steinbock-, Luchs- und andere Gehege des Tierparks Dählhölzli vorbeiziehen sehen.
Dieses Dahingleiten entlang von Tieren, Bäumen, Büschen und Bauten ist unvergleichlich. A sightseeing tour like no other!, befand der Londoner The Guardian. Wenn das Parlamentsgebäude und die Monbijoubrücke in Sicht kommen, heisst es vor der Kurve zur Schwelle: aussteigen. Man lässt sich auf eine der Marzili-Holzpritschen fallen, schliesst die Augen und spürt diesem Fliessen, Strömen und Klingen nach, das sich von der Aare direkt in jede Faser des Körpers überträgt. Himmlisch. Das gibts nur hier in Bern. Sorry, Basel!Eva Nydegger

Warum der Basler Rhein für die Schwimmer am Ende halt doch schöner ist als die Berner Aare.

Meine Bürokollegin schwärmt von der Aare in Bern, von der dortigen Aussicht aufs Bundeshaus und dem tollen Wasser (vgl. Text nebenan). Soll sie doch! Auf den ersten Blick ist Bern mit der Aare, was die Farbe des Wassers anbelangt, gegenüber dem Rhein in Basel ja tatsächlich im Vorteil das zeigen die beiden Fotos im Vergleich. Ansonsten müssen wir am Rheinknie jedoch keine Minderwertigkeitskomplexe haben im Gegensatz zu den Bernern mit ihren Young Boys, die seit Jahren gegen den FC Basel untergehen wie ein schwerer Stein, der ins Wasser geworfen wird. Das aber ist wieder ein anderes Thema.
Der Rhein verzaubert alle, von jung bis alt. Ein guter Freund von mir wollte bis vor kurzem partout nicht in den Strom steigen. Das Wasser ist mir zu trüb, sagte er jeweils und legte sich an heissen Sommertagen lieber in eines der öffentlichen Schwimmbecken und wunderte sich dann, wenn er wegen des merkwürdigen Gemisches aus Chlor und Urin Juckreiz bekam.
Schliesslich kam er doch mit in den Rhein, blieb aber anfänglich skeptisch. Alles nur Kopfsache, sagte ich und tippte mir wie Stan Wawrinka in seinen guten Tagen an die Schläfe. Und tatsächlich: Der gute Freund liess sich treiben, er genoss den Ausblick aufs Münster, den Duft des Wassers und das Rauschen der Wellen, deren Sound überall gleich tönt, ob auf den Malediven oder am Rhein. Seitdem steigt er zu jeder Tageszeit in den Rhein, manchmal frühmorgens, wenn die Enten und Gänse seine einzigen Begleiter sind. Sehr oft aber auch abends; dann stürzt sich halb Basel in den Rhein und erlebt mitten im Alltag Ferienmomente der Glückseligkeit.Andreas W. Schmid

Tipp 2: Lorze

Schwimmen fällt hier wegen der Wassertiefe schwer. Doch für einen Badeplausch ist die Lorze mit ihren lauschigen Plätzchen wunderbar.

Lorze im Kanton Zug: Eine Erkundungstour lohnt sich auf jeden Fall.

Kennen Sie die Lorze? Ja? Dann haben Sie entweder im Geografie-Unterricht gut aufgepasst oder Sie wohnen im Kanton Zug. Auf mich trifft keine der beiden Aussagen zu. Dank Wikipedia weiss ich zumindest: Die Lorze ist mit einer mittleren Wasserführung von 7,3 m3/s der Hauptfluss des Kantons Zug. So weit das theoretische Wissen. Als gewissenhafter Journalist ist mein Vertrauen in eine freie Enzyklopädie aber nicht unerschütterlich. Ganz im Gegensatz zum Vertrauen, das ich in meinen Redaktionskollegen Markus Kohler habe/hatte. Er hat mir die Lorze zum Schwimmen empfohlen. Na ja...sagen wir es mal so: Seine Glaubwürdigkeit hat etwas gelitten. Denn zum Schwimmen eignet sich dieser Fluss, der eigentlich eher ein Bach ist, nicht wirklich. Und das weiss ich nun aus erster Hand als gewissenhafter Journalist eben. Baden jedoch kann man in der Lorze an manchen Stellen hervorragend. Rund 500 Meter unterhalb der Höllgrotten (Verbund von Tropfsteinhöhlen im Lorzentobel) bei Baar gibt es ein lauschiges Plätzchen mit einer kleinen Stromschnelle. Die Sonnenstrahlen, die sich dort durch das halb geschlossene Blätterdach zwängen, verleihen dem Ort etwas Märchenhaftes. Und mit Sicherheit ist dies nicht die einzige Stelle an der 17 Kilometer langen Lorze, die zum Verweilen (nicht Schwimmen) einlädt. Vertrauen Sie mir, oder noch besser: Begeben Sie sich selber auf Entdeckungsreise! Andreas Eugster

Tipp 3: Schwarzwasser und Sense

In diesen Flüssen hat es schöne Stellen, die sich mit der gebotenen Vorsicht besonders für Familien mit Kindern eignen.

Sense: beliebter Fluss für Familien und Wanderer.

Waren Sie schon mal im Naturpark Gantrisch in Bern? Dort, an der Grenze zum Kanton Freiburg, wo das Schwarzwasser in die Sense mündet? Nein? Ich vorher auch nicht. Überhaupt ist es das erste Mal, dass ich in einen Fluss schwimmen gehe. Es hat sich bisher einfach noch nicht ergeben: Vor meiner Haustür gibts keinen Fluss. Dafür eine Badi. Wirklich abwechslungsreich ist es im Schwimmbecken aber nicht.
Bei über 30 Grad kommt diese Premiere gerade richtig. Am warmen Sommermorgen fahren wir mit dem Zug von Bern Richtung Schwarzenburg, bis zur Schwarzwasserbrücke. Die Aussicht auf die beiden Flüsse in der Schlucht ist gigantisch. Hinter dem Restaurant Zur Schwarzwasserbrücke mit dem schönen Garten führt ein steiler Waldweg hinunter zum Fluss. Natürlich habe ich mich vor meinem Debüt informiert und einen Wickelfisch besorgt. Wir brauchen ihn dann aber doch nicht: Der Fluss ist schätzungsweise acht Meter breit und das Wasser an den meisten Stellen nur knietief. Für Kinder ist es hier ideal, für Erwachsene hingegen bei tiefem Wasserstand eher knapp bemessen, aber immer noch hoch genug, um das Baden in der leichten Strömung zu geniessen.
Mein Tipp für alle Nachahmer: An der Mündung ist es besonders schön. Und von dort, flussaufwärts, führt eine wacklige Hängebrücke über das fliessende Gewässer. Ein Hoch auf die Sense! Sophie Hollenstein

Tipp 4: Sihl

Im Sihltal lässt es sich wunderbar entspannen im Wasser der Sihl mit ihrer sanften Strömung, aber auch den anliegenden Uferwiesen.

Sihl: pläuderle und bädele mit der besten Freundin.

Mein Redaktionskollege Andreas Eugster hatte augenscheinlich die falsche Hoffnung, in der Lorze sein 5-Kilometer-Schwimmtraining absolvieren zu können (siehe links) der Unterschied zwischen Bädele und Schwimmen war ihm vor seinem Besuch offenbar noch nicht richtig bewusst. Meine Meinung ist: Wenn es drückend heiss ist, muss man gar nicht unbedingt schwimmen, dann lechzt man einfach nur nach Abkühlung. Die findet man in der Sihl, einem Flüsschen, das im Hoch-Ybrig entspringt, sich bei Einsiedeln zu einem eindrucksvollen See staut und schliesslich am Platzspitz in Zürich in die Limmat mündet.
Vor allem im Sihltal, nicht weit von Zürich, locken viele malerische Stellen zum Erfrischen. Der dortige Sihlwald übrigens der grösste zusammenhängende Buchenwald der Schweiz spendet Kühle und Schatten, was an warmen Tagen besonders guttut. Mein Lieblingsabschnitt der Sihl liegt zwischen Adliswil und Sihlbrugg: Dort kann man an den Uferwiesen sein Picknicktuch auslegen und sich zum Beispiel mit der besten Freundin in die leichte Strömung des Flusses legen, pläuderle und entspannen.
Richtig voll habe ich das Sihlufer im dortigen Abschnitt noch nie erlebt. Seitdem der Üetlibergtunnel aufgegangen und damit der endlose Strom von Tausenden von Autos versiegt ist, verirren sich sowieso nur noch wenige ins wunderschöne Sihltal. Was für ein Glück! Markus Kohler

Schwimmregeln

Mister Wickelfisch Tilo Ahmels hat aus seinem reichen Fundus an Erfahrungen und Erlebnissen in Schweizer Flüssen die wichtigsten Regeln zusammengestellt:

  • Schwimme nur als geübter Schwimmer im Fluss.
  • Schwimme nie alleine, damit die zweite Person notfalls Hilfe holen kann.
  • Verlasse dich nicht auf Schwimmhilfen wie Schwimmflügel oder Luftmatratzen!
  • Informiere dich über die Wassertemperatur! Beträgt diese weniger als 20 Grad, kann der Körper rasch auskühlen. Bei einer Dauer von über 30 Minuten Zwischenstopp einlegen!
  • Schwimme vorausschauend! Werfe aber auch regelmässig einen Blick zurück wegen der Berufsschifffahrt!
  • Weiche Hindernissen wie Bojen oder Brückenpfeilern mit sicherem Abstand aus!
Weitere Flussregeln und Tipps Sicherheitstipps fürs Baden im Wasser, in diesem Fall speziell im Schwimmbad