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Der Kuss

Über sechs Milliarden Menschen auf der ganzen Welt verteilen Küsse als Zeichen der Zuneigung oder als romantische Geste. Doch warum küssen wir? Die Chemie des Kusses und die Deutung seines Geheimnisses von Freud bis zu den Neurowissenschaften.

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Getty Images, Sandro Mahler, Pino Covino.
03. Juli 2017

Sera Rodriguez Kühni kurz Selten wird beim Küssen aus dem Frosch ein Prinz, öfter dafür umgekehrt.


Tag des Kusses

Ich hab dich lieb: Eine allgemeingültige Geste der Zuneigung.

Nur wenige Völker widersetzen sich hartnäckig dem Kussimpuls. So zum Beispiel reiben die in Kanada lebenden Inuit die Nasen aneinander (der Kunik oder Eskimokuss), während die Massai den Kuss als unrein ablehnen. Heute praktizieren die Oskulation (fachliche Bezeichnung) mehr als 90 Prozent aller Weltkulturen mit den Lippen.

Die amerikanische Journalistin Sheril Kirshenbaum, Autorin des Buches The Science of Kissing: What Our Lips Are Telling Us erzählt die Geschichte des Kusses, der sich erst vor rund 100 Jahren auf der ganzen Welt verbreitete. In früheren Zeiten war der Kuss mit einem Stigma behaftet. Doch auch wenn er im Allgemeinen als ungehörige Handlung betrachtet wurde, fand er in der Literatur und der Kunst seine Verherrlichung. So richtete bereits Isaak folgende Worte an Jakob: Komm her und küsse mich, mein Sohn (Genesis) und der römische Dichter Catull flehte seine Geliebte Lesbia an: Gib mir Küsse, hundert Küsse, tausend Küsse. In Dantes Göttliche Komödie tauschen Paolo und Francesca leidenschaftliche Küsse aus (er küsste bebend meinen Mund), während es bei Goethes Werther und Charlotte zu einem einzigen, verzehrenden Kuss kommt. Auch die Malerei und die Bildhauerei haben den erotischen Kuss thematisiert und ihn auf den Pompeji-Fresken, in Klimts Kuss sowie in den sinnlichen Marmorplastiken von Canova und Rodin verewigt.

Die Sache mit dem Kino

Rote Lippen sollst du küssen: Frauen wissen bereits seit Jahrtausenden um die anziehende Wirkung ihrer Lippen.

Den Export des abendländischen Kusses schätzungsweise von mehr als sechs Milliarden Menschen praktiziert verdanken wir vor allem dem Kino. Der erste Leinwand-Kuss fand 1896 in Der Kuss zwischen May Irwin und John C. Rice statt. Später schenkte uns die siebte Kunst das gesamte 20. Jahrhundert lang eine schier endlose Reihe an Hollywood-Kussszenen, die Kultstatus erlangten. Jeder könnte einen Filmkuss nennen, den er unvergesslich findet (vgl. unsere Auswahl der schönsten Filmküsse).

Für den Kabarettisten Massimo Rocchi (60) zum Beispiel sind es die nicht gegebenen, nicht gesehenen und die vergeudeten Küsse in Cinema Paradiso von Giuseppe Tornatore (vgl. Seite 17). Auch Michelle Hunziker (40), die vor Kurzem in den sozialen Netzwerken eine Kusskampagne gestartet hat (vgl. Box links), erzählte der Coopzeitung, dass sie den Kuss von Brad Pitt im Film Legenden der Leidenschaft besonders aufregend fand. Sie hat auch gestanden, noch nie einen Schweizer geküsst zu haben: Habe ich etwas verpasst? Ich habe nicht die Absicht, das herauszufinden, denn ich bin glücklich verheiratet.

Die Sache mit der Wissenschaft

Riccardo Pignatti, Neuropsychologe.

Doch kehren wir zur ursprünglichen Frage zurück. Warum küssen wir? In ihrem Buch untersucht Sheril Kirshenbaum mehrere Studien, findet jedoch keine eindeutige Antwort darauf. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, deutete den Drang zu küssen als den unbewussten Wunsch, zur mütterlichen Brust zurückzukehren und gestillt zu werden. Der britische Zoologe Desmond Morris assoziiert den Kuss hingegen mit dem Vorgang des Vorkauens, der Jahrtausende lang von Müttern als die einfachste Abstillmethode praktiziert wurde. Er hat jedoch auch eine Hypothese aufgestellt, laut der die Lippen ein Spiegelbild der Genitalien sind. Aus diesem Grund finden Männer Lippen anziehend und Frauen betonen sie mit Lippenstiften (die bereits vor 5000 Jahren in der sumerischen Kultur existierten), Lip Plumpers oder mithilfe von Schönheitskorrekturen wie zum Beispiel bei der verunstalteten Schauspielerin Meg Ryan.

Sind vielleicht die Neurowissenschaften mit ihrer funktionellen Magnetresonanztechnologie in der Lage, die Gehirnregionen zu analysieren und so das Geheimnis vom Ursprung des Küssens zu lüften? Derzeit wohl eher auch nicht. Das Gehirn ist kein Organ, das die Mysterien der Menschheit kodiert hat, wie die Neuromanie uns gerne glauben lassen möchte, wendet Dr. Riccardo Pignatti (43), Neuropsychologe am Neurocentro della Svizzera Italiana in Lugano ein. Man kann nicht alles auf die Nervenzellen reduzieren, da bei den körperlichen Prozessen und unseren Entscheidungen auch unsere psychologische, soziale und ethische Wahrnehmung mitwirkt.

So gesehen greift zu kurz, wer die Funktion des Kusses auf die Wahl eines Partners zum Zweck der Fortpflanzung reduziert. Denn der Mensch wird nicht nur von seinen Genen und der Natur geprägt, sondern auch von seiner kulturellen Umgebung. Bei einem leidenschaftlichen Kuss würden indes stimulierende Hormone ausgeschüttet, insbesondere Dopamin und Oxytocin, wie Dr. Pignatti betont. In der Chemie des Kusses wirkt Dopamin wie eine natürliche Droge, die Begeisterung und Abhängigkeit hervorrufen wie Alkohol oder Kokain. Oxytocin hingegen, das Hormon der Liebe, fördert Zuneigung und Liebe. Frauen haben einen 30 Prozent höheren Oxytocinwert als Männer. Im Handel sind mit diesem Hormon angereicherte Nasensprays erhältlich, die bei treulosen oder bindungsunwilligen Partnern die emotionale Verbundenheit fördern sollen. Ich glaube, dass es sich dabei um einen weiteren der unzähligen Versuche handelt, eine Art Viagra für die Liebe herzustellen, bekräftigt Pignatti. Das sexuelle Verlangen liesse sich jedoch nicht steuern.

Die Sache mit der Zunge

Der mütterliche Kuss ist die Urform von Zuneigung und Anhänglichkeit.

Viele Studien haben sich mit den geschlechtsspezifischen Unterschieden des Kusses befasst. Die offensichtlichste Differenz ist, dass die Mehrheit der Männer feuchte Küsse mit weit geöffnetem Mund mögen, die zuweilen den Eindruck einer Rachen-Untersuchung hervorrufen. Frauen hingegen bevorzugen weniger Zunge und Speichel. Weshalb, ist nicht klar. Vielleicht, weil bei einem Kuss 287 Bakterienkolonien den Wirt wechseln? Sheril Kirshenbaum legt nahe, dass der Grund das männliche Sexualhormon Testosteron sein könnte, das die Zungenarbeit als eine Art Ouvertüre zum Koitus stimuliert.
Interessante Erkenntnisse lieferte eine Studie der State University of New York in Albany, an der 1041 Studierende teilnahmen. Da gab nur eine von sieben Frauen an, dass sie bereit wäre, mit einer Person Geschlechtsverkehr zu haben, die sie zuvor noch nie geküsst hat. Für die Mehrheit der männlichen Teilnehmer war das Küssen hingegen irrelevant. Darüber hinaus beurteilen Frauen anhand des Kusses, ob eine langfristige Beziehung möglich wäre, während für Männer der Kuss vorwiegend der Einschätzung der sexuellen Bereitschaft der Partnerin dient. Es scheint wirklich, als wären Männer vom Mars und Frauen von der Venus. Und trotzdem ziehen sie einander an.

Michelle Hunziker

Il bacio più bello

Bussi-Botschafterin Michelle Hunziker.

Vor einigen Wochen hat Michelle Hunziker auf Instagram zur Suche des schönsten Kusses (Il bacio più bello) aufgerufen, indem sie ein Bild von sich und ihrem Mann Tomaso Trussardi beim Küssen postete. Ihre unmissverständliche Aufforderung: Küsst euren Verlobten, eure Frau, euren Mann, euren Vater,
eure Mutter, euer liebstes Haustier, einen Gegenstand, kurz: Küsst, wen oder was ihr wollt, aber postet eure schönsten Küsse!!! Der Wettstreit ist ein voller Erfolg: Bis jetzt sind rund 4000 Bilder gepostet worden. Zum Mitmachen: #ilbaciopiubello

10 Tipps

Für unvergessliche Küsse

  1. Beim Küssen spielen Geschmacks und Geruchssinn eine zentrale Rolle. Eine gute Mundhygiene ist unverzichtbar. Zudem sollten Sie scharfes Essen meiden und immer ein Pfefferminzbonbon oder einen Kaugummi griffbereit halten.
  2. Für Frauen: Männer lieben rote Lippen. Sie können ruhig mit etwas Lipgloss nachhelfen. Mit Lippenstift sollten Sie es hingegen nicht übertreiben.
  3. Bevor es zum ersten Kuss kommt, sollten Sie sich kennenlernen, damit der Hormonspiegel stimmt. Warten Sie etwas ab, denn zu viel Anspannung zerstört den Moment.
  4. Nicht gleich mit der Zunge! Streicheln Sie zunächst Rücken oder Gesicht Ihres Partners oder geben Sie ihm einen Kuss auf den Hals. Wenn Sie beim Küssen den Impuls haben, aufzuhören, sollten Sie diesem unbedingt folgen.
  5. Vor allem Frauen mögen keine Schlabberküsse.
  6. Für Männer: Den meisten Frauen gefällt es nicht, wenn sich Ihre Hände in ihren Haaren vergraben.
  7. Sprechen kann beim Küssen alles ruinieren. Lieber still geniessen.
  8. Keine zu langen Küsse. Bei aller Leidenschaft mögen das vor allem Frauen nicht.
  9. Nicht mit geöffneten Augen! Ein kurzer Blick genügt, bevor Sie zum Küssen die Augen schliessen.
  10. Küssen Sie oft und viel. Küsse tragen zu einer starken und glücklichen Beziehung bei.

Massimo Rocchi

Komiker Massimo Rocchi (60) ist seit über 30 Jahren für seinen scharfsinnigen Humor bekannt. Der Italiener nimmt seine Landsleute und die Schweizer vor allem Deutschschweizer auf die Schippe. Auch hinsichtlich Küssen hat er regionale Unterschiede ausgemacht.

Ab 31. Oktober ist Massimo Rocchi mit dem neuen Programm 6zig auf Tour.

Sind Sie mit Küssen grosszügig oder eher zurückhaltend?
Ich kann mich gut daran erinnern, dass ich als Kind weder geküsst werden wollte noch gerne Küsse verteilt habe. Vielleicht auch deshalb, weil meine Grosseltern, bei denen ich aufgewachsen bin, beide einen Bart hatten. Das pikste natürlich. Bei meinen Töchtern war ich in den ersten Jahren hingegen ein Saugnapf und küsste, was das Zeug hielt. Heute, in meinem Freundeskreis, bin ich mit Küssen auch eher grosszügig. Allen anderen gegenüber verhalte ich mich ganz nach vornehmer englischer Art eher zurückhaltend.

Welche Unterschiede gibt es Ihrer Meinung nach beim Küssen zwischen Italienern, Schweizern und Franzosen?
Wenn ich mich richtig entsinne, gibt man in Frankreich zur Begrüssung vier Küsschen, während es in der Westschweiz drei und im Tessin zwei sind natürlich berührt man das Gesicht nicht wirklich, um das Make-up nicht zu verschmieren ... In der Deutschschweiz ist man zunächst zurückhaltend, um dann doch drei Küsschen zu geben. Wenn man sich gut kennt, gibt es eine Umarmung dazu. In Deutschland begrüsst man sich mit einer Umarmung und zwei Küsschen. Vor ein paar Wochen haben mir Freundinnen aus München erzählt, dass der Satz Ich will dich küssen eher deutschen Mädchen als deutschen Jungs über die Lippen kommt.

Gibt es sprachliche Besonderheiten rund um das Thema Küssen?
Auf Berndeutsch ist ein Kuss ein Müntschi, was mir besonders gefällt. Man muss es nur sagen, schon macht man einen Kussmund.
Der deutsche Kuss ist erstaunlich nah am japanischen kisu, während man im Arabischen kibola verteilt. Das englische kissssssss klingt leise aus. Auf Französisch spricht man auch von bec, was so viel wie Schnabel bedeutet. Auf Italienisch finde ich die Begriffe slinguazzata oder auch limone besonders vielsagend und in der Emilia-Romagna sagt man muligone, was auch ein Gericht, also etwas zum Essen, ist.

Italienische Küsse sprühen nur so über vor Leidenschaft und fleischlicher Lust ...
Könnte man meinen, auch wenn das natürlich ein Klischee ist. Die italienische Sprache wirkt oft dramatischer, als es dann wirklich ist. Vielleicht liegt es an den vielen Vokalen? Immerhin hat keine andere Sprache so viele Vokale. In Italien sind Emotionen wie ein lauter Knall, während wahren Gefühlen durch tiefe Seufzer Ausdruck verliehen wird. Die Deutschen haben zwar die Psychologie erfunden, die italienische Oper bis Ende des 19. Jahrhunderts erobert hingegen bis heute weltweit die Bühnen.

Heute wird fast überall hemmungslos geküsst ...
Aber oft nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern virtuell. Sie wissen schon die berühmten Smileys mit Kussmund und Herzchen, die man über WhatsApp verschickt. Der echte Kuss scheint hingegen vom Aussterben bedroht zu sein. Ausser bei Fussballern: Man denke an die stürmischen Umarmungen nach einem Tor oder an die endlosen Küsse für Totti nach dem letzten Spiel. Auf den Bahnhöfen, die seit jeher Schauplatz für Abschiede sind, sieht man keine langen, emotionsgeladenen Küsse mehr, die keine Rücksicht auf die Blicke der Umherstehenden nehmen. Man denke nur an zurückkehrende Soldaten. Wir Schweizer küssen unsere Haustiere mehr als unsere Kinder. Es wäre toll, wenn es in Grossstädten nach dem Vorbild von WLAN-Hotspots Kussecken gäbe. Für mich ist ein Kuss ein Augenblick der Stille, um neue Energie zu tanken. Augenblicke, die immer seltener werden. Bei einem Kuss bleibt die Zeit für einen Moment stehen, die Arme öffnen sich, die Hände werden abgelegt, die Augen schliessen sich und das Smartphone vibriert vergeblich ...

Am Ende Ihrer Shows umarmen Sie Ihr Publikum und geben ihm symbolisch einen Kuss. Warum?
Auf der Bühne zu stehen ist für mich immer eine Art Seitensprung. Zwei Stunden lang sind mein Publikum und ich wie zwei Liebhaber. Bevor ich ins Dunkel der Nacht verschwinde und nach Hause gehe, verabschieden wir uns mit einem letzten Kuss wie zwei Verliebte.

Sehen Sie das Küssen seit Ihrem 60. Geburtstag mit anderen Augen?
In diesem Alter ist Küssen oft auch ein zahntechnisches Problem. Schliesslich sind viele Gebissträger, tragen Implantate oder Plomben ... (schmunzelt). Trotzdem sehe ich immer wieder ältere Menschen, die zwar am Stock gehen, sich aber immer noch gerne küssen. Das ist wirklich schön anzusehen.

Welches sind Ihre Ikonen, wenn es um erotische Küsse geht?
Aus der Literatur Schneewittchen und Judas. Hier ist der Kuss in dem einen Fall lebensspendend, im anderen hingegen todbringend: Während Schneewittchen wieder erwacht, besiegelt Judas Jesu Todesurteil. Bei den Kinofilmen auf jeden Fall Nuovo Cinema Paradiso von Giuseppe Tornatore mit nicht gegebenen, nicht gesehenen, vergeudeten Küssen. In der Kunst das Gemälde Cleopatra lussuriosa von Giuseppe Amisani, in dem sich die nackte Kleopatra stehend über einen hilflosen Mann beugt und ihm zu sagen scheint: Küss mich, du Dummkopf! Ob Kleopatra wohl Deutsche war?

Zur Homepage von Massimo Rocchi