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Es darf herzhaft gelacht werden

Es gibt ganz ernsthafte und überraschende Argumente dafür, mehr zu lachen. Denn Lachen tut uns richtig gut. Und wers nicht mehr kann, lernt es beim Lachyoga wieder.

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Darrin Vanselow, Charly Rappo
16. Mai 2016

Lustig

Lachen Sie ruhig! Es soll nur Vorteile und positive Wirkungen haben. Wenn man alles wörtlich nähme, was man über das liebe Lachen so sagt, und das schon die alten Griechen aus der Fassung brachte, dann müssten wir alle eine strahlende Verwandlung erfahren. Schliesslich soll Lachen Stress abbauen, Ängste mindern, Schlafstörungen und sogar Depressionen bekämpfen, das Immunsystem schützen und gegen Schmerzen wirken. Sogar eine sportliche Wirkung schreibt man ihm zu: Eine Minute Lachen soll zehn Minuten Rudern entsprechen. Diese beeindruckende Auflistung ist nicht einmal vollständig, hört sich aber schon nach verdächtig viel Vergnügen an. Die gute Wirkung des Lachens lässt sich keinesfalls abstreiten. Der praktische Beweis: Nach einem herzhaften Lachen fühlen wir uns so richtig wohl.
Doch leider lachen wir immer weniger. Im vergangenen Jahrhundert lachte man wesentlich öfter und länger: bis zu 30 Minuten am Tag. Heute beträgt die tägliche Lachzeit laut einer von Prof. Daniel Hayoz zitierten Studie höchstens noch zwei Minuten. Und selbst dieses Lachen ist zurückhaltender. Anders ausgedrückt: Wir lassen uns weniger gehen.

Das Lachyoga tut meinem Körper gut, es reinigt die Seele und macht den Kopf frei.»

Véronique

Lachen als Disziplin

Diese Geschichte vom verlorenen Lachen ist nicht gerade dazu geeignet, uns heiterer zu stimmen. Wo versteckt sich das Lachen also heute, in einer Zeit, in der wir Lach- und Humortherapien und selbst Lachtreffs besuchen können? Dazu gehören zum Beispiel Lachyogaseminare, wie Dr. Madan Kataria sie 1995 in Indien ins Leben gerufen hat. Sie haben inzwischen mehr als 70 Länder erobert. Auch in der Schweiz, etwa in der Romandie, stolpert man immer öfter über die heiteren Angebote. Wir wollen uns selbst ein Bild vom Lachyoga machen. Sind Sie dabei?
Es ist fast 20.30 Uhr, und der Abend senkt sich auf Etoy in der Waadt. Zwei Jugendliche nutzen eine Mauer im Dorfzentrum für ein improvisiertes Stretching. Wo wir die Rue du Prieuré finden? Gleich hinter diesem Haus. Im Erdgeschoss der ehemaligen Primarschule trudeln die ersten Teilnehmerinnen ein. Die Kleidung ist leger bis sportlich. Hier also ist das Lachen zu Hause. Jasmine, die uns in diese Lachyogasitzung einführen wird, nimmt uns in Empfang. Nein, man braucht keine besondere Vorbereitung. Ja, es kann jeder teilnehmen. Die einzige Regel: gegenseitiger Respekt. Wir ziehen die Schuhe aus. Wenige Minuten später bilden wir einen Kreis, stellen uns nur mit dem Vornamen vor und erzählen in einem kurzen Satz, was wir an diesem Tag erlebt haben. Mehr Worte werden nicht gewechselt, der Rest der Sitzung läuft nonverbal ab.

Man vergisst die Sorgen des Alltags.»

Michel

Jetzt gehts ab

Es folgt eine erste Reihe von Aufwärmübungen: Wir klatschen in die Hände, der Rhythmus ergreift die Gruppe, wir heben und senken die Arme, verlagern das Gewicht von einer Seite auf die andere. Die ersten Atemübungen werden von Zwischenrufen stimuliert, die als Refrain wiederholt werden. Es folgen Runden, in denen wir Kauderwelsch reden und spontane Gesten die Worte ersetzen. Wir atmen. Wir sehen uns an. Wir entspannen uns. Wir lächeln. Weiter geht es, diesmal mit Pantomimeübungen. Wir werden zu Motorradfahrern, Tieren, Stars,Applaus und erstes Glucksen. Es folgen weitere Pantomimeaufgaben. Zu guter Letzt legt sich die ganze Gruppe hin und bildet dabei einen Stern. Der Saal liegt im Halbdunkeln. Und jetzt, als jedes Zeitgefühl verloren ist, steigt das Lachen auf, in all seinen Registern: Prusten, Salven, Lachanfälle, dann Stille. Wieder bricht das Lachen aus, beruhigt sich schliesslich, geht in langsame Atemzüge über und zieht sich in unser Inneres zurück.

Ich habe viel Freude und Leichtigkeit gewonnen.»

Oliver

Was bringt mir denn das?

Die ungefähr zehnköpfige Gruppe von heute Abend besteht hauptsächlich aus Frauen zwischen 30 und 60 Jahren, die dieses Lachyogaseminar, das alle zwei Wochen in Etoy stattfindet, schon mehrmals besucht haben und mindestens seit Jahresbeginn dabei sind. Und sie werden wiederkommen jeder in seinem eigenen Rhythmus. Man muss aber mindestens drei Mal mitmachen, bis man die positive Wirkung spürt, erklärt Véronique, die Leiterin des Seminars. Was es mir bringt? Das Lachyoga tut meinem Körper gut, es reinigt die Seele, macht den Kopf frei, und mir werden viele Dinge im Leben klarer. Diesen Worten von Maryline schliesst sich Véronique an. Ihr zufolge stärkt das Lachen durch eine bessere Sauerstoffversorgung das Immunsystem.

Diese Energie hat mir Kraft gegeben.»

Yolanda

Die Sache mit der Energie

Und dann ist da noch die Sache mit der Energie, die mehrere Teilnehmer ansprechen. Diese Energie für sich selbst, die man dann auch kommuniziert, erklärt Yolanda. Als ich angefangen habe, war ich durch meine kleinen Kinder wirklich erschöpft, aber diese Energie hat mir Kraft gegeben, weiterzumachen. Jetzt übe ich manchmal mit meinen Kindern Lachyoga, statt herumzuschreien. Myriam pflichtet ihr bei: Ich verstehe mich jetzt besser mit meiner Tochter und lache mit ihr das war vorher anders. Auch Ulrike hat die Erfahrung gemacht, dass sich Spannungen im Verhältnis zu den Kindern in Lachen auflösen.
Melania fügt hinzu: Ich komme nur unregelmässig, aber jedes Mal tut es mir sehr gut. Genau wie die anderen betont sie das Wohlgefühl, das während der Sitzungen herrscht. Es ist fantastisch, bekräftigt Myriam, man weiss nichts über die anderen und fühlt sich doch unglaublich wohl.

Das Wohlgefühl während der Sitzung ist fantastisch.»

Melania

Lachen gegen Stress

Und man findet das Gespür für das Lachen wieder, fügt Jasmine hinzu. Das Lachyoga ermöglicht es ihr, auch über unangenehme Situationen zu lachen. Man nimmt den Alltag ganz anders wahr. Und das wirkt sich positiv auf die Kommunikation aus, erklärt Maryline.
Es tut einfach nur gut! Michel lobt die Vorzüge des Lachyoga für Erholung und Stressabbau man vergisst die Sorgen des Alltags. Auch Oliver spricht von einem echten Vergnügen, bei dem man Neues erkundet, ich mich selbst kennenlerne und ganz neue Seiten an mir entdecke. Es hat mir gezeigt, dass man etwas wagen, ins kalte Wasser springen kann, und das gibt mir unglaubliche Energie. Ich habe viel Freude und Leichtigkeit gewonnen und Freude ist nun wirklich eine sehr starke, erhebende Energie.
Die Nacht hat sich auf Etoy herabgesenkt, die Teilnehmer zerstreuen sich. Wir sind noch im Gespräch mit Véronique, die uns von der wunderbaren sozialen Verbindung erzählt, die das Lachen knüpfen kann. Und dass Lachen bei Depressionen helfen und zur Vorbeugung von Burn-out beitragen kann.Es wäre wirklich zu schade, die Lachmuskeln verkümmern zu lassen und auf dieses Vergnügen zu verzichten.

Positive Lachtherapie

Ohne Nebenwirkungen Lachen macht glücklich. Professor Daniel Hayoz über den medizinischen Nutzen des Lachens.

Prof. Daniel Hayoz, Chefarzt für Allgemeine Innere Medizin HFR Kantonsspital Freiburg

Wofür ist Lachen in der Medizin nützlich?
Im Rahmen einer Therapie kann der gezielte Einsatz von Lachen Schmerzen lindern, Ängste reduzieren und Stress abbauen. Es wurde gezeigt, dass Lachen das Einschlafen begünstigt und die Schlafqualität verbessert.

Gibt es Studien, die dies bestätigen?
Es gibt in erster Linie Beobachtungsstudien, aber keine breit angelegten kontrollierten Studien. Es ist nicht ganz einfach, derartige Studien durchzuführen. Lachen wird durch sehr subjektive Stimuli ausgelöst. Man braucht gut durchdachte Studiendesigns, um die Auswirkungen einer Lach-therapie beurteilen zu können.

Norman Cousins beschreibt in seinem Buch Der Arzt in uns selbst, wie er seine chronische Entzündung der Wirbelsäule (Spondylitis ankylosans) durch eine selbst entwickelte Lachtherapie heilte. Ausserdem ernährte er sich gesund und nahm viel Vitamin C zu sich.
Bei individuellen Krankheitsgeschichten ist immer grosse Vorsicht geboten. Man sollte hier keine allgemeingültigen Schlüsse ziehen, da es zahlreiche äussere Faktoren gibt, die einen grossen Einfluss haben. Bei einer Krankheit, die mit Schmerzen und Bewegungseinschränkungen verbunden ist, liegt es nahe, dass das Umfeld für die Wahrnehmung des Patienten eine entscheidende Rolle spielt.
Eine zusätzliche Vitaminzufuhr über die empfohlene Dosis hi-naus bringt allerdings ausser bei bestehendem Vitaminmangel im Allgemeinen keine Vorteile. Ganz im Gegenteil: Bei einer Überdosierung von Vitaminen kann es zu schädlichen Nebenwirkungen kommen. Vitamin C ist zwar wichtig, die empfohlene Tageszufuhr sollte aber nicht überschritten werden.
Es gibt jedoch einige wenige Studien, bei denen die Probanden mit oder ohne Lachtraining Stresstests ausgesetzt wurden, zum Beispiel einem schmerzhaften Kältetest. Die Probanden, die zuvor eine Lachtherapie durchlaufen hatten, beurteilten dabei den Schmerz als deutlich weniger intensiv als die Kontrollgruppe.

Hat Lachen demnach objektiv betrachtet positive Effekte?
Studien aus Asien haben gezeigt, dass Lachen bei Krebspatienten, die oft ängstlich und niedergeschlagen sind, Stress und Ängste abbaut und auch Depressionen deutlich lindert.
Die Lachtherapie ist somit für die Behandlung von ängstlichen und niedergeschlagenen Patienten wahrscheinlich ein äusserst sinnvoller Ansatz. Unabhängig davon, wie das Lachtraining im Detail schliesslich aussieht, hat es wahrscheinlich positive Effekte Nebenwirkungen ausgeschlossen!

Kurse finden

Lachyoga ist auch in der Deutschschweiz angesagt. Unzählige Anbieter führen Kurse durch. Wer ein wenig im Internet sucht, findet auch an seinem Wohnort entsprechende Anbieter. Eine spannende Adresse ist auch die Homepage von Dr. Madan Kataria. Der Arzt aus Mumbai in Indien ist der Begründer der Lachyoga-Bewegung und Initiator des Weltlachtags (immer am ersten Sonntag im Mai).
Seine Homepage gibts auch auf Deutsch. Sie erhält nebst vielen Informationen eine Suchfunktion für Lachyogalehrer.

www.laughteryoga.org/deutsch