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Es werde Licht ein Quartier rüstet auf

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt... oder wenn sechs Nachbarhäuser im bernischen Lyss um die Wette blinken.

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Fabian Unternährer
27. November 2017

Licht aus, Spot an: Wenns bei Urs Lanz so aussieht, steht Weihnachten vor der Tür.


Erleuchtung

In freudiger Erwartung befinden sich auch sechs Männer (mittleren bis fortgeschrittenen Alters) im Stegmattquartier in Lyss BE. Martin Steffen (63), Martin Heiniger (79), Walter Küng (65), Urs Lanz (56), Markus Affolter (50) und Jürg Schmitz (70) die Herren des Lichts. Mit ihrer Weihnachtsbeleuchtung hieven sie den bekannten Kinderreim Advent, Advent, ein Lichtlein brennt... in neue Dimensionen. Denn während es im Versli heisst, dass nach dem Anzünden der vierten Kerze das Christkind erscheint, muss sich dieses beim Lysser Sextett doch um einiges länger gedulden.

Keiner zu klein, ein hübscher Weihnachtsbär zu sein: Bei Martin Heiniger muss einfach alles stimmen.

Bei mir sind es rund 30000 Lämpchen, sagt Martin Heiniger. Ihre Daseinsberechtigung fristen diese in einer sagen wir mal etwas aufgemotzten Weihnachtsbeleuchtung. Bethlehemsterne, Rentiere, Pinguine, Samichläuse, aber auch ganz rudimentäre Lichtergirlanden sollen während der Adventszeit Haus, Garten und vor allem die Gemüter erhellen. Wie viel Strom das benötigt, weiss der älteste der Quartier-Illuminati nicht. Das will ich in diesem Jahr aber endlich messen lassen. Und obwohl Heiniger seine Lichterwelt schon vor ein paar Jahren auf LED-Lampen umgerüstet hat die verbrauchen weniger Strom , ist ihm augenscheinlich nicht ganz wohl beim Gedanken an die bevorstehende Offenbarung.

Samichläuse sind die Renner

Im Lager warten schon die Samichläuse auf ihren alljährlichen grossen Auftritt.

Erleuchtet wurde Martin Heiniger im Jahre 1998. Angesteckt von seinem Nachbarn Martin Steffen. Der hat schon Anfang der 80er-Jahre damit begonnen, Haus und Garten mit Lämpli zu schmücken, erklärt Heiniger. Steffen sei der Tüftler der Weihnachtsliechtli-Monteure aus Lyss. Er hat auch diesen Samichlaus, der auf einem Drahtseil Velo fährt. Etwas Bewunderung schwingt schon mit in der Stimme des 79-Jährigen. Doch auch Heiniger hat Samichläuse. Einen ganz grossen sogar.157 Zentimeter! Der fährt zwar nicht Velo, dafür wackelt er mit den Hüften und singt dazu Jingle Bells und O Christmas Tree. Es ist Heinigers Lieblingsstück in seiner Outdoor-Weihnachtsdeko. Beliebt auch bei den Kindern im Quartier. Er reagiert auf Bewegung und Geräusche, erklärt Heiniger. Und weil die Besucher seiner weihnachtlichen Lichterwelt immer wieder Geld spenden wollen, hat er neben seinen Chlaus ein Kässeli gestellt. Klingen also die Münzen, singt und tanzt der Bär pardon, der Chlaus.

Mit warmen Händen gfätterlet sichs besser.»

Urs Lanz (56) beginnt mit der Deko schon im August.

Was heute dem Publikum Freude bereitet, wäre in den Ursprüngen der Adventszeit nicht möglich gewesen. Denn diese galt als Fastenzeit, die die alte Kirche auf die Tage zwischen dem 11.November und dem angestammten Weihnachtstermin, dem Fest der Erscheinung des Herrn am 6.Januar, festlegte. Und jetzt kommts: Mit Blick auf die Wiederkunft Christi hatte diese Zeit einen Buss-Charakter. Es durfte nicht aufwendig gefeiert und eben... auch nicht getanzt werden.

390 Mannstunden

Hoch hinaus: Martin Heiniger beim Anbringen der Beleuchtung an einen Baum.

Zum Glück hat sich diese Einstellung geändert. Denn, nur so nebenbei: Auch dank seines tanzenden Samichlaus konnte Martin Heiniger im letzten Jahr der Heilpädagogischen Sonderschule Lyss 2000 Franken und der Theodora-Stiftung 250 Franken spenden. Wie viel Geld der Pensionär hingegen für seine Weihnachtsbeleuchtung in all den Jahren schon ausgegeben hat, kann er nicht mehr beziffern will er auch nicht. Wie viel Arbeit darin steckt, weiss Heiniger aber ganz genau. 130 Stunden mal drei, kommts mit annähernder Lichtgeschwindigkeit aus seinem Mund geschossen. Mal drei darum, weil Heiniger noch zwei Helfer hat. Seine Elfen, wie er sie nennt.

Eher Knechte, sagt Nachbar Urs Lanz, der plötzlich in Heinigers Garten steht, mit einem Grinsen im Gesicht. Der 56-Jährige gehört noch nicht zur alten Garde der Lysser Weihnachtslämpli-Männer. Er ist erst seit ein paar Jahren dabei. Dazugelernt hat Urs Lanz indes schon einiges. Denn während Heiniger jeweils erst Anfang Oktober seine Säcke mit dem Lichterschmuck aus dem Keller holt, montiert Ürsu bereits Ende August die ersten Deko-Elemente. Mit warmen Händen gfätterlet sichs eben besser, so seine Erklärung.

Und natürlich dürfen bei Martin Heiniger an Weihnachten auch die festlich beleuchteten Geschenke nicht fehlen.

Lanz ist aber eigentlich nicht zum Plaudern gekommen. Er will von Nachbar Heiniger wissen, was dieser denn gedenke, zum Grillplausch mitzubringen. Dann nämlich, wenn am Abend des 2. Dezember das Stegmattquartier zum ersten Mal in diesem Jahr im weihnachtlichen Lämpliglanz erstrahlt, treffen sich die sechs Herren des Lichts und feiern ihre Erleuchtung. Jeder bringt etwas zum Essen und Trinken mit, erklärt Lanz.

Was sich zu Beginn in einem gutnachbarlichen Wettleuchten Stegmattweg 6 (Steffen) gegen Stegmattweg 7 (Heiniger) niederschlug, hat sich zu einer richtiggehenden Quartiers-Co-Produktion entwickelt.

Das lange Warten

Dieses Jahr müssen die Lichttüftler aber lange auf den erlösenden Moment warten. Denn 2017 fällt der erste Advent auf das letztmögliche Datum: den 3.Dezember. Der frühestmögliche Termin wäre übrigens der 27.November. Der Grund für die unterschiedliche Länge der Adventszeit (22 bis 28 Tage): Der Beginn ist an einen Sonntag gebunden den ersten nach dem 26.November. Der Start variiert also von Jahr zu Jahr, wohingegen das Ende fix dem Weihnachtstag zugesprochen wird.

Die Arbeit hat sich gelohnt: Martin Heinigers Haus erstrahlt schon im Testlauf in vollem Glanz.

Das Lichterspektakel in Lyss dauert hingegen noch etwas länger. Der Stecker wird erst am 6.Januar gezogen. Bis dahin werden wieder Tausende die leuch-tende Wunderwelt in der Berner Gemeinde besuchen und die sechs (Weihnachts-)Männer spinnen wohl schon wieder Ideen für das kommende Jahr. Denn schliesslich geht es halt doch immer noch darum: Bei wem blinkt, leuchtet, funkelt und glitzert es am prächtigsten?

Advents-Trainingsplan

Die Weihnachtszeit gleicht der Vorbereitung auf einen Wettkampf ein steter Wechsel zwischen Verzweiflung und Euphorie. Wir erklären, wie man die Leidensphasen übersteht.

Phase 1

Es herrscht Euphorie. Wir denken an tanzende Schneeflocken, Tannenbäume im Kerzenschein und den betörenden Duft frisch gebackener Weihnachtsguetzli. Nur, dass diese Weihnachtsromantik eintritt, ist in etwa so wahrscheinlich wie der Besuch des echten Samichlauses. Ein ähnlich illusorisches Bild im Kopf hat der Hobbyathlet wohl, wenn er an seine Wettkämpfe denkt: locker, lächelnd und mit wehendem Haar ins Ziel sprintend. Dass dies nicht ganz der Realität entspricht, beweist meist das Zielfoto. Aber Achtung: Phase eins ist nicht zu unterschätzen. Sie legt den Grundstein für spätere Erfolge. Spätestens wenn die ersten farbigen Blätter zu Boden fallen, sollten Geschenkideen für die Liebsten im Langzeitgedächtnis gespeichert werden.

Phase 2

Wie jedes Jahr startet Phase zwei, wenn wir das erste Kerzlein auf dem Adventskranz anzünden und kommt, wie jedes Jahr, völlig überraschend. Wer kann denn schon ahnen, dass am 24.Dezember Heiligabend ist. Wir hätten auf unsere Kinder hören sollen, diese haben ihre Wunschzettel nämlich schon in den Herbstferien der ganzen Verwandtschaft verteilt. Vor grössere Probleme stellt uns, wie jedes Jahr, die Frage: Was schenken wir unseren Eltern, Geschwistern oder dem Ehepartner? Zum Glück gibts die zahlreichen Weihnachtsmärkte. Irgendwas Passendes findet sich da bestimmt.

Phase 3

Die dritte Kerze brennt und das Ziel ist in Sichtweite. Mit ein bisschen ellbögeln sacken wir auch die letzten Geschenke noch ein. In Phase drei ist aber auch höchste Vorsicht geboten Weihnachtsburnout droht. Wer seine Weihnachtsguetzli jetzt noch nicht gebacken hat, der kauft sie lieber grad fixfertig. Die Zeit rennt nun nämlich davon und im Büro stapelt sich die Arbeit vor dem Jahresende. Es droht Stress statt Harmonie. Jetzt kommts aufs Stehvermögen an! Wer jetzt nachlässt, hat verloren.

Das Finale

Endlich! Heiligabend. Der Tag, auf den wir uns so lange vorbereitet haben, ist da. Das Fondue chinoise im Kreise unserer Liebsten schmeckt so gut wie das Bier im Ziel eines Marathons. Die Kinderaugen leuchten wir können entspannen und uns schwören: Nächstes Jahr beginne ich aber früher mit dem Training.

Kranz und Kalender

Der Adventskranz

Ein dicker runder Kranz - zumeist aus Tannenzweigen - und vier Kerzen: So sieht der klassische Adventskranz aus, der in der Vorweihnachtszeit fast jeden schweizer Haushalt schmückt. Die Ursprünge dieser Tradition gehen weit ins 19. Jahrhundert zurück. Vor über 150 Jahren gab es in der Nähe von Hamburg einen Pfarrer mit dem Namen Johann Hinrich Wichern. Er gab Kindern und Jugendlichen, um die sich sonst niemand richtig kümmerte. Wie heute, spielte auch damals Weihnachten für die Kinder eine grosse Rolle. So fragten sie den Pfarrer immer wieder, wann denn nun endlich Weihnachten sei. Um dieser Frage zuvorzukommen, bastelte Wichern 1839 eine Art Weihnachtskalender. Er nahm ein grosses hölzernes Wagenrad und steckte 20 klein rote und vier grosse weisse Kerzen darauf.

An jedem Tag in der Adventszeit wurde nun eine kleine und an den vier Sonntagen eine rote Kerze angezündet, sodass die Kinder die Tage bis Weihnachten abzählen konnten. Weil die Idee vielen Leuten gefiel, gab es bald bei immer mehr Familien solche Adventskränze zu Hause. Im Laufe der Zeit veränderte sich der Kranz: Er wurde mit Tannengrün geschmückt, es gab nur noch vier anstatt 24 Kerzen, und dann wurde er meist auch nicht mehr aufgehängt, sondern aufgestellt. Und so kennen wir ihn noch heute.

Der Adventskalender

Die wohl früheste Form des Adventskalenders stammt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Angeblich bastelte eine evangelische Pfarrersfrau für ihren kleinen Sohn Gerhard Papierschachteln und legte in jede ein leckeres Plätzchen hinein. Jeden Tag durfte er nun ein Schächtelchen öffnen und das süsse Gebäck verspeisen. So wurde Gerhard die Zeit bis Weihnachten erträglicher.

Geprägt durch seine Kindheitstage und eben dieser Gerhard Anfang des 20. Jahrhunderts den ersten Adventskalender. Der war noch fensterlos. Er bestand aus zwei Blättern, auf einem waren Zahlen, auf dem anderen Engelsbilder. Jeden Tag wurde ein Engel ausgeschnitten und auf eine Zahl geklebt. Andere Quellen berichten allerdings davon, dass der erste gedruckte Adventskalender im Jahr 1902 von einer Buchhandlung in Hamburg gedruckt wurde. Das war eine Weihnachtsuhr für Kinder.

Seit etwa 1920 erscheinen die Adventskalender, wie wir sie heute kennen: mit Türchen zum Öffnen. In den sechziger Jahren wurden die ersten Schoggi-Adventskalender hergestellt. Heute werden alle möglichen Gegenstände in Adventskalendern angeboten.