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Gut altern

Alt werden wollen wir alle, alt sein hingegen weniger. Sera Rodriguez Kühni, 69, zeigt, wie gut Altern geht. Und was sie tut, um körperlich und geistig fit zu bleiben.

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FOTOS
Christoph Kaminski, Keystone, Gerry Ebner
08. Mai 2017

Sera Rodriguez Kühni kurz vor dem Auftritt als Mannequin mit Coiffeur Sandro Scarabelli.


Golden Age

Auch der enge Kontakt mit ihren Enkelinnen Lunalei und Lenis hält Sera Rodriguez Kühni jung.

Lange Jahre war Sera Rodriguez Kühni hauptsächlich Familienfrau. Ihr Mann Georges arbeitete als Buchbinder, sie schaute zu den Kindern und später zu ihren Enkelinnen und Enkeln. Diese spielen auch heute noch eine wichtige Rolle im Leben der 69-Jährigen. Lunalei (10) und Lenis (11) wohnen in Einigen BE sogar im gleichen Block wie sie. Vor bald zehn Jahren kam jedoch noch etwas ganz anderes hinzu: Seras Tochter Monica sah in einer Zeitung, dass eine Agentur Models mit weissem Haar suchte. Flugs machte sie Bilder von der fotogenen und wandlungsfähigen Mama und schickte sie ein. Fotografieren und fotografiert werden war und ist im gemeinsamen Familienleben wichtig, Sera liebt es, Fotos zu machen und zu posieren. Die Agentur Visage meldete sich erst nach Wochen, da sich sehr viele Frauen als potenzielle Models gesehen hatten. Dann ging es Schlag auf Schlag: Sera wurde nach Zürich eingeladen, fotografiert und für immer mehr Shootings gebucht. Und als eines der ersten Classic Mannequins war sie auch in den Schweizer Medien präsent.

Sera arbeitet als Fotomodell und ab und zu als Mannequin wie hier in Baden, in der Maske...

Silver Model mit Ausstrahlung

Als solches tritt sie bis heute auf. Das Modegeschäft Ledergerber in Baden hat an diesem Samstag im März 21 Models engagiert, welche die Frühjahrskollektion vorführen, darunter ist neben Sera mit Franziska ein weiteres Classic oder Silver Model zu sehen, was Sinn macht, da auch viele der Modeschau-Besucherinnen eine lebensherbstliche Haartracht haben. Zineta Blank, Chefin der Agentur Visage, hat früh erkannt, dass reifere Frauen Schönheit und Charisma ausstrahlen und dass sie für viele Produkte glaubhafte Botschafterinnen sind.

...und in Aktion auf dem Laufsteg.

So figurieren auf der Webseite der Agentur nun etliche weisshaarige Frauen. Durch die wachsende Konkurrenz ist Sera heute nicht mehr so viel unterwegs wie am Anfang ihrer Modelkarriere. Das ist ihr nur recht: Ich mache das vor allem zum Spass und ein bisschen für meine Enkelinnen, die stolz sind, eine berühmte Grossmutter zu haben, sagt Sera lachend.

Geld und Gene sind beide wichtig

Als Sera Rodriguez Kühni entdeckt wurde, gabs viele Artikel über sie. 

Dass Menschen auch nach 65 noch arbeiten, ist für François Höpflinger, bekanntester Altersforscher der Schweiz, nichts Neues. Nicht nur hat er im Gespräch gleich alle Zahlen dazu im Kopf, er gehört mit 68 selber zu dieser Gruppe: Mit der Emeritierung vom Lehrstuhl für Soziologie in Zürich hat er sich keineswegs zur Ruhe gesetzt. Er unterrichtet an Fachhochschulen zum Thema Altersarbeit und beschäftigt sich für diverse Organisationen mit dem Wohnen im Alter. Ich bekomme ja jetzt die AHV-Rente und kann günstiger Bahn fahren, aber sonst merke ich wenig davon, dass ich über 65 und damit eigentlich in einer anderen Lebensphase bin, sagt er.

François Höpflinger arbeitet als Altersforscher heute oft zu Hause in Horgen.

Dann schmunzelt er und berichtet von einer Publikation aus dem Jahr 1889, in der steht, dass mit 65 das Greisenalter beginne. Welch ein Unterschied zu heute, wo sich Menschen erst dann alt fühlen, wenn sie nicht mehr mobil sind! Bis 80 fühlen sich die meisten Leute subjektiv jünger, als sie sind, weiss François Höpflinger, der mit seiner Frau Christina in einem schönen alten Mehrfamilienhaus in Horgen wohnt. Seine Arbeit verrichtet er hauptsächlich per Laptop am Esszimmertisch, umgeben von Büchern, Antiquitäten, Familienporträts und oft den zwei Katzen.

Menschen zwischen 65 und 74 sind am glücklichsten.»

François Höpflinger (68), Soziologieprofessor und Altersforscher

Sera Rodriguez Arbeit hingegen besteht an diesem Morgen in Baden erst einmal darin, die Kleider, die sie vorführen soll, anzuprobieren und sich dann in der Maske schminken und frisieren zu lassen. Um zehn Uhr gehts los, jeweils zu dritt entsteigen die Models dem Lift, um ihre Outfits auf den Treppen und drei Stockwerken des Geschäfts zu zeigen.

Sie achtet auf ihre Linie, isst viel Salat...

Auf die Frage, was sie mache, um in ihrem Alter so schlank und schön zu sein, meint Sera, sie esse gesund viel Salat, wenig Süsses und mache Sport, doch in erster Linie sei das genetisch bedingt. Auch ihre Mutter habe ihr gutes Aussehen fast ewig lange halten können.
Die Gene in Ehren, aber dass Menschen heute viel länger gesund und fit bleiben, hat laut Höpflinger viel mit der wirtschaftlichen Absicherung zu tun: Wer sich finanziell kaum Sorgen machen muss, fühlt sich gesund und ist aktiv. Insgesamt haben ältere Menschen heute kaum Grund zur Klage: Von allen Altersgruppen sind in der Schweiz die Menschen zwischen 65 und 74 am glücklichsten, erklärt der Forscher und fügt an, dass die Menschen in diesem Alter ja kaum Stress hätten. Er berichtet, dass auch für ihn und seine Frau, damals Sozialarbeiterin, die späten 1970er-Jahre, als ihre Kinder klein waren, die stressigste Zeit war. 70-Stunden-Wochen sind in dieser Familienphase bei vielen Paaren üblich für beide.
Nun, bei Sera war das anders. Sie kam mit 18 aus Asturien in die Schweiz, um wie zwei ihrer Brüder hier am Fabrikfliessband zu arbeiten. Mit 21 lernte sie ihren Georges kennen und wenig später heiratete das Paar. Früher war das die beste Art, freier zu leben, sagt sie lächelnd. Bald waren zwei Kinder da und erst als Yves und Monica erwachsen waren, begann die passionierte Familienfrau wieder Geld zu verdienen, zuerst als Lageristin und dann eben als Model.

Tanzen als Jungbrunnen

Die Schweiz gehört zusammen mit Spanien und Japan zur Spitzengruppe punkto durchschnittlicher Lebenserwartung (Infografik Seite 17). Neue Hirnzellen können sich auch bei 70-Jährigen noch bilden, verspricht Höpflinger. Mit gut trainierten Gehirnzellen bleibt man nicht nur länger selbstständig, sondern hat auch mehr und bessere Beziehungen. Optimal ist, Gedächtnis- und Bewegungstraining zu kombinieren, rät er und fügt an: Deshalb ist Tanzen so gut! Als Vielbeschäftigter habe er selber hierfür leider keine Zeit. Auch den grossen Garten um ihr Haus bearbeiten Höpflingers nicht selbst. Die für die Gesundheit so wichtige Bewegung holt sich das Paar auf ausgedehnten Spaziergängen.

Sport muss sein und Spass

... und geht täglich laufen oder schwimmen.

Dasselbe macht Sera Rodriguez Kühni. Sie wohnt in Einigen fast direkt am Thunersee, da bieten sich Aktivitäten wie Laufen oder Schwimmen an. Mit den Enkelinnen spielt sie Pingpong oder Brettspiele. So bleibt die Spanierin, die nicht zum Grübeln neigt, nicht nur körperlich, sondern auch geistig fit. Ihr Hobby Fotografieren schlägt sich unter anderem in 300 Alben mit Familienbildern nieder. Enkelin Lunalei ist wohl nicht zufällig schon ganz darauf eingestellt, später einmal sogar international zu posieren. Die Sendung, die sie mit der Grossmutter am liebsten schaut? Germanys next Topmodel natürlich.
François Höpflinger findet die Frage, wie man nach der Pensionierung seine Tage verbringen will, speziell spannend. Da die Auswahl an nachberuflichen Aktivitäten gigantisch ist, kann einen das fast überfordern. Man muss herausfinden, was man am liebsten macht. Auch deshalb engagiert sich Höpflinger fürs Netzwerk Neustarter, das sich an Leute richtet, die mit 65 eine neue Firma gründen wollen. Für pensionierte Jungunternehmer, sagt er spitzbübisch. Er liebt solch leicht satirische Wortkombinationen, bezeichnet Geronto-Satire als sein Hobby. In den vergnüglichen Kurzgeschichten auf seiner Homepage ecken hyperaktive Senioren auch mal an, Langzeitjugendliche werden zu Störenfrieden. Wenn man sich viel mit dem Alter befasst, werden einem auch einige komische Aspekte klar, erklärt er. Ja, um im Alter im Schuss zu bleiben, ist Humor sicher eine gute Strategie.

Tipps

Richtig essen im Alter

Tipps von Kathrin Seidel von der Coop-Fachstelle für Ernährung.

Um bis ins hohe Alter auch geistig fit zu bleiben, empfiehlt die Ernährungsexpertin Kathrin Seidel (35), darauf zu achten, täglich ausreichend, also ein bis zwei Liter ungesüsste Flüssigkeit, zu trinken, auch wenn man gar keinen Durst verspürt. Wichtig ist zudem, genügend Eiweiss zu sich zu nehmen, das hält die Muskeln stark. Eiweiss findet sich in Tofu, Fleisch, Fisch, Geflügel, Eiern und Milchprodukten. In Letzteren ist auch Kalzium enthalten, was für starke Knochen wichtig ist. Auch Vitamin D stärkt die Knochen. Da dieses nur in Fischen wie Lachs oder Felchen ausreichend enthalten ist, wird über 60-Jährigen empfohlen, Vitamin D zusätzlich einzunehmen vor allem im Winter.
Zu einem gesunden Lebensstil gehört laut Kathrin Seidel auch im Alter ausreichend Bewegung: Treppensteigen und Gymnastik, Krafttraining und Schwimmen, Gartenarbeit und was der schönen Dinge mehr sind.

Gut Altern

Was Prominente sagen

Liselotte Pulver
Die beliebte Schweizer Schauspielerin Lilo Pulver (87) ging nebst anderen durch die Filme Uli der Knecht und Uli der Pächter in die Geschichte ein. Heute lebt sie im Burgerspittel in Bern, wo sie nicht nur an der wöchentlichen Gymnastikstunde teilnimmt. Um fit zu bleiben, macht sie nach dem Aufstehen immer Knie- und Rumpfbeugen und spaziert jeden Tag im Hofgarten des Heims. Punkto Essen achte ich darauf, nicht zu viel Fett oder Zucker zu mir zu nehmen und auch möglichst keinen Alkohol, sagt sie. Sie schminkt sich leicht und geht regelmässig zum Coiffeur.

Meta Antenen
In den 1960er- und 1970er-Jahren war sie unsere beste Leichtathletin, ihr Schweizer Rekord im Weitsprung wurde erst 2010 übertroffen. Die heute 68-Jährige hat ihrem Körper in jungen Jahren viel abverlangt, doch sie ist gesund und geniesst zusammen mit ihrem Partner das Leben. Sie wohnt in Walchwil mit Blick auf den Zugersee, ist oft im Garten tätig und spielt einmal pro Woche Tennis. Sie isst vegetarisch, und zwar vor allem Bio-Produkte. Zufrieden verrät sie: Im Herbst des Lebens ist es schön, dass ich das früher so wichtige Wort schnell fast ganz aus meinem Vokabular habe streichen können.