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Lifestyle

Müll-Zug

Was bei anderen in den Kehrichtsack wandert, ist bei Bruno Schwender willkommenes Arbeitsmaterial für seine Recyclingbahn.

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FOTOS
Christoph Kaminski
27. Februar 2017

Wie in einem realen Wimmelbild: Bruno Schwender in seinem Hobbykeller. Bekanntes Design: Die Aussichtswagen aus gebrauchten Tomatenpüree-Dosen. Die Fantasie machts, der Müll bringts: Tankwagen aus einem Filmdösli, Leiter aus einem Plastik-Glacéstäbli. Holz macht heimelig: Diese Spielfiguren winken aus einem Wagen komplett aus Holz-Glacéstäbli. Verkleidung aus Stahlblech: Der Aufbau dieser Komposition war im früheren Leben einmal eine Konservendose. Regionalbahnen bevorzugt: Auch die Rhätische Bahn darf bei Bruno Schwender nicht fehlen. Willkommen in Recyclingen: Dieser Zug stammt aus der Kartonwelt.

Bekanntes Design: Die Aussichtswagen aus gebrauchten Tomatenpüree-Dosen.

Die Fantasie machts, der Müll bringts: Tankwagen aus einem Filmdösli, Leiter aus einem Plastik-Glacéstäbli.

Holz macht heimelig: Diese Spielfiguren winken aus einem Wagen komplett aus Holz-Glacéstäbli.

Verkleidung aus Stahlblech: Der Aufbau dieser Komposition war im früheren Leben einmal eine Konservendose.

Recycling

Wer durch die Tür des Hobbyraums im Untergeschoss des Mehrfamilienhauses in Spreitenbach geht, betritt ein real gewordenes Wimmelbild. Bruno Schwender hat in die bescheidenen zwölf Quadratmeter eine Welt gepackt, die Kindheitserinnerungen ans Hobby meines Vaters weckt: eine bunte Schweizer Bergkulisse, durch die sich Modelleisenbahnen schlängeln.

Aber irgendetwas ist anders fährt da auf der H0-Spurnicht ein Wagen aus Tomatenpüree-Dösli? Und diese kleinen Tankwagen, das sind doch die gelben Plastikkapseln aus den Überraschungseiern? Genau, sagt Schwender schmunzelnd. Und die Leiter auf dem Tankwaggon war mal ein Glace-Plastikstängel.

Vom Bastler zum Botschafter

Unseren Kindern bringen wir bei: PET, Glas, Metall, Batterien, Glühbirnen und Papier entsorgen wir getrennt, alles andere geht in den Abfallsack. Ganz sicher all jene Dinge, die man zum Essen im Mund hatte. Nicht so bei Schwender. Der 52-Jährige macht sogar aus den Glacestäbchen aus Holz Waggons für seine Recyclingbahn.

Was passt besser zu einem Aussichtswagen als Glacé-Stäbli?

Schwenders Leidenschaft begann mit einer Faszination für Eisenbahnen. Ich bin schon immer gern Zug gefahren, zum Beispiel auf Schulreisen, erzählt der gebürtige Winterthurer. Irgendwann habe es ihn gereizt, die Züge nachzubauen. Und weil seine Familie früher mit wenig Geld auskommen musste, war er sich den Umgang mit Abfall gewohnt: Ich musste als Kind beim Spielen kreativ sein. Aus dieser Kombination entwickelte sich ein zeitintensives Hobby. In einen Treibzug, also eine Komposition aus Lok und Waggon, investiere ich 100 bis 160 Arbeitsstunden, erklärt Schwender, der als Catering-Fahrer am Flughafen in Kloten arbeitet.

Natürlich bestehen die Loks und Waggons nicht komplett aus Recycling-Stoffen. Der Unterbau ist derselbe wie bei normalen Modelleisenbahnen. Auch da schreibt er Nachhaltigkeit gross: Oft verwendet Schwender ausrangierte Wagen und Loks als Basismaterial. Oder richtet diese gleich wieder her. Ich orientiere mich beim Restaurieren nicht an den Originalmodellen, sondern an den Originalen auf den Schienen. Besonders Regionalbahnen wie die Üetlibergbahn haben es dem detailversessenen Bastler angetan. Mit dieser Linie namens Retro-Train tritt Schwender regelmässig an Fachmessen auf.

Aus der Not geboren: Die Karton-Welt, natürlich zuhause in Recyclingen.

Das Kapital für diese Feinarbeiten sind ruhige Hände und ein scharfer Blick. Letzterer geriet im Jahr 2015 durch eine Netzhautablösung bei Schwender ernsthaft in Gefahr. Zwar war die Augenoperation erfolgreich, eingeschränkt ist der Zürcher aber dennoch: Heute kann ich nur noch 20 Prozent von dem machen, was ich früher konnte. Die traurige Geschichte hat aber dennoch eine positive Seite, denn um seine operierten Augen zu trainieren, fing Schwender an, Züge aus Karton zu basteln die Karton-Welt war geboren. Ihre öffentliche Premiere feierte sie am letzten Wochenende an der Modelleisenbahnbörse in Amriswil.

Anfassen erlaubt

Das zeitraubende Hobby bedingt eine verständnisvolle Frau, die seit der Augenoperation zudem selbst Hand anlegen muss: Sie lässt mir Zeit für die Bahn und hilft mir jeweils bei den Ausstellungen. Denn Schwender ist nicht nur in der Eisenbähnler-Szene ein gern gesehener Gast. Er tritt mit seiner Recyclingbahn dieses Jahr auch zum vierten Mal in der Umweltarena in Spreitenbach auf. Das von ihm entwickelte Rangierspiel kommt sehr gut an bei den Kindern. Ich möchte ohne Mahnfinger dafür sensibilisieren, zur Umwelt Sorge zu tragen, meint der Recycling-Botschafter. Dabei hilft, dass man Schwenders Modelle anfassen darf noch ein Unterschied zur väterlichen Modelleisenbahn.

Wettbewerb

Recycling-Kunst 2017

Werfen Sie eine Alu- oder Blechdose bei irgendeiner Sammelstelle in der Schweiz ein, dann weiss die IGORA genau, was damit passiert. Die Recycling-Organisation hat ein erfolgreiches Sammelsystem aufgebaut: Über 90 Prozent des gesammelten Altmetalls wird zu neuen Produkten verwertet.

Bereits zum 20. Mal führt die IGORA den beliebten Wettbewerb zur Recyclingkunst durch. Thema der Ausgabe 2017 ist der Bauernhof. Basteln Sie weidende Kühe, krähende Hähne, farbenfrohe Felder oder fantasievolle Traktoren aus gebrauchten Aludosen, -schalen, -tuben, -kapseln und Stahlblechdosen und schicken Sie sie bis zum 20.Juni 2017 ein.

Pro eingereichtes Kunstwerk spenden die beiden Recyclingorganisationen einen Geldbetrag an Pro Infirmis. Beim letzten Wettbewerb waren das CHF 13'000. Das Geld wird zur Unterstützung von Familien mit behinderten Kindern eingesetzt.

Alle Wettbewerbsteilnehmer werden zur Preisverleihung am 16. September 2017 in Knies Kinderzoo in Rapperswil-Jona eingeladen.

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