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Topfit: Gesund - oder nicht?

Die mageren Jahre sind vorbei. Heute gilt: Muskelbepackt ist schöner als einfach nur dünn. Möglichst durchtrainiert und definiert lautet das Credo mit Suchtpotenzial.

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Heiner H. Schmitt, Timm Bütikofer, zVg, Fotolia
18. April 2016

Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig! Definierte Muskeln gelten heute als Schönheitsideal.


Topfit

Alle wollen ihn haben den perfekten Körper. Und das heisst vor allem durchtrainiert und muskelbepackt. Egal, ob Frau oder Mann, Teenager oder Rentner. Heute lautet die Devise: ein möglichst gesundes Leben zu führen, den eigenen Body zu trainieren und auf die Ernährung zu achten.
Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Sport in Magglingen aus dem Jahr 2014 ist ein Sechstel der Schweizer Bevölkerung regelmässig in einem Fitness-studio aktiv. Und auch allgemein werden die Menschen in unserem Land immer sportlicher. So gaben 44 Prozent der Befragten im Alter zwischen 15 und 74 Jahren an, dass sie sich mehrmals pro Woche körperlich ertüchtigen und dabei auf einen Umfang von mindestens drei Stunden kommen.

Die Fitness-branche boomt ohne Ende. Bereits ein Sechstel der Schweizer Bevölkerung ist Mitglied in einer Muckibude. 

Gelegenheitssportler sterben aus

Es ist dies eine Zunahme von fast zehn Prozent seit der Jahrtausendwende. Zusammengefasst ergibt sich daraus folgendes Bild: Die Sportaktivität der Schweizer Bevölkerung wächst, weil es immer mehr Personen gibt, die viel Sport treiben. Der Anteil an Sportmuffeln bleibt demgegenüber stabil, während die Gelegenheitssportler langsam aussterben.
Wo früher der Leistungsgedanke und der Wettbewerb Antrieb zu sportlichen Höchstleistungen war, bilden derzeit aber andere Beweggründe die Basis der Motivationspyramide. Seine eigene Attraktivität durch Training steigern. Über die Hälfte der Befragten nannte dies als oberstes Ziel.
Auf den ersten Blick ist das erfreulich. Denn heute gilt: Fit ist schöner als dünn. Plakativer ausgedrückt: Die mageren Jahre sind vorbei. Vorbei ists auch mit Bikinibrücken und Thigh Gaps. Herausstehende Hüftknochen und eine möglichst grosse Lücke zwischen den Oberschenkeln will heute keiner mehr sehen. Was vor nicht allzu langer Zeit in den sozialen Netzwerken und in den Medien als gefährlicher Trend stigmatisiert wurde, ist heute verschwunden.

Hauptsache gut aussehen - so lautet die Maxime.

Trainieren statt hungern

Diesen Richtungswechsel bestätigt auch Personal Trainer Fabricio Pelaez. Die Magersucht- und Size-Zero-Welle ist verebbt, erklärt er. Heute gilt: Eine schlanke Figur erreicht man nicht vornehmlich durch hungern, sondern durch hartes Training. Daneben ist die Verjüngung seiner Klientel eine weitere Beobachtung des Bodybuilding-Schweizermeisters von 2014. War vor ein paar Jahren der Altersdurchschnitt in den Muckibuden um die 25 Jahre, sind heute bereits Teenager darauf bedacht, einen möglichst perfekt durchtrainierten Körper zu besitzen.
Einen solchen präsentiert auch Nicole Hättenschwiler. Wobei die 29-jährige Athletin beteuert, dass sie sich momentan in der Offseason befindet also nicht in einer Wettkampf-Vorbereitungsphase. Für den Laien ist dies nicht erkennbar. Seit rund zweieinhalb Jahren betreibt die Ostschweizerin Kraft-sport. Mit Erfolg! Bei den Bodybuilding- Schweizermeisterschaften 2015 belegte sie den zweiten Platz in der Bikiniklasse +169 cm, wie sie präzisiert. Das sei die Kategorie, in der ein wenig weibliche Rundungen noch matchentscheidend sind zu viele Muskeln sind da nicht erwünscht, erklärt Hättenschwiler, für die der Wettkampf aber nicht oberste Priorität geniesst.

Vor allem ist es der Lifestyle, der mich fasziniert.»

Nicole Hättenschwiler (29), Psychologin und Bodybuilding-Vize-Schweizermeisterin 2015

Vielmehr sei es der Lifestyle, der fasziniert. Eben möglichst gesund. Die Psychologin ernährt sich ausgewogen und vor allem hochkalorisch genau das Gegenteil vom Magertrend, betont sie. Ihr Trainingspensum im Fit-Life-Center in Bern (der Name spricht für sich) umfasst vier bis fünf Einheiten in der Woche, wobei sie versucht, die 75-Minuten-Marke jeweils nicht zu überschreiten. Ob ihr dies schwerfällt? Manchmal schon. Nicole Hättenschwiler ist ein Beispiel für eine Generation, die sich mit dem eigenen Körper befasst, ihn gezielt trainiert und stolz darauf ist.

Die Kehrseite der Medaille

Schön und gut, möchte man meinen. Sport ist ja gesund. Doch gibt es eben auch die Kehrseite der Medaille. Die Seite, auf der die Motivation in Obsession abdriftet. Das Bildhauen am eigenen Körper zur Sucht wird und der virtuelle Applaus zum hochgeladenen Instagram-Selfie den eigentlichen Lebensinhalt widerspiegelt.
Kein Wunder! Während sich Magermodel-TV-Formate à la Germanys next Topmodel im Quotentief befinden, spriessen Fitnessblogger wie die Frühlingspilze und vergiften mit Youtube-Clips ihrer stählernen Körper die Psyche vieler Leichtgläubiger. Dabei bläuen sie ihrem Gefolge ein: trainiert hart, bleibt am Ball und stellt die Ernährung um dann seht Ihr bald so aus wie wir. Doch die Rauchzeichen der modernen Welt stellen eine gefährliche Propaganda dar, denn nicht jeder Körper ist gleich. Professionelles Know-how ist dabei meist nicht vorhanden.

Die Magersucht- und Size-Zero-Welle ist verebbt.»

Fabricio Pelaez (27), Personal Trainer&Athletic Coach

Dies sieht auch Fabricio Pelaez so: Viele dieser selbst ernannten Fitnessgurus haben zwar einen tollen Body, aber null Ahnung von der Basis, sagt der 27-Jährige, der neben seiner Tätigkeit als Personal Coach auch für die Fitness des Schweizer Box-Schwergewichts-Europameisters Arnold Gjergjaj verantwortlich ist. Eine professionelle Ausbildung hätten die wenigsten vorzuweisen. So werde dem Körper durch falsche Übungsausführungen mehr geschadet denn genützt.
Während Pelaez auf die physischen Gefahren hinweist, gilt es für Psychologin Nicole Hättenschwiler, auch den psychischen Aspekt nicht ausser Acht zu lassen: Vor allem für Frauen finde ich die hochgeladenen Bilder von perfekt durchtrainierten Körpern auf Instagram problematisch. Denn der weibliche Torso könne nicht 365 Tage im Jahr so aussehen. Das hätte gesundheitliche Konsequenzen und vermittelt ein verzerrtes Bild der Realität, das viele Bewunderinnen auf die falsche Fährte schickt. Die Endzwanzigerin weiss, wovon sie spricht. So liegt ihr Körpergewicht kurz vor und während eines Wettkampfes rund sechs bis sieben Kilos unter dem Jahresschnitt.

Bis zu fünf Mal pro Woche trainiert Nicole Hättenschwiler im Studio.

Bis zur totalen Erschöpfung

Eine der erfolgreichsten dieser viralen Fitnessgötter ist Kayla Itsines. Die Australierin vereint auf ihrem Instagram-Account ein Gefolge von fast fünf Millionen Anhängern und feiert diese täglich mit beeindruckenden Transformationsbildern ab. Diese zeigen, wie sich die Körper der Kayla-Anhänger beim Einhalten ihrer Anweisungen in Traumsilhouetten verwandeln. Ein Trend mit Tücken. Denn viele Frauen, die die Bilder dieser durchtrainierten Bodys sehen, rackern sich im Fitnessstudio bis zur totalen Erschöpfung ab und knabbern täglich an einem halben Salatblatt, um ihrem Ideal endlich näherzukommen.
Einem Ideal, das den englischen Mediziner Henry Kimpton gar zur Erfindung eines neuen Begriffs veranlasste. Instarexic nennt er dies. Eine Kombination aus den Wörtern Instagram und Anorexie. Kimpton vergleicht dabei den Fitnesswahn auf den sozialen Netzwerken mit Magersucht und Bulimie und dem Drang danach, seinen Körper um jeden Preis in Bestform zu bringen.
Doch muss wirklich jede und jeder aussehen wie ein Fitnessmodel oder ein Arnold Schwarzenegger in Kleinformat? Ist es wirklich notwendig, dass wir jeden Tag diesem Ideal nachrennen, dem nur die wenigsten von uns je entsprechen werden? Nein, ist es nicht! Und wie in vielen Bereichen des Lebens sollte doch auch im Sport gelten: Das gesunde Mass ist das A und O.

Wenn es zählt ...

Et voilà! So sieht Nicole Hättenschwiler während des Wettkampfes aus. Ihr Körpergewicht liegt rund 7 Kilos unter dem Jahresschnitt. In der Vorbereitung arbeitet sie mit Burak Olgun zusammen, einem professionellen Coach. Der Fokus wird auf die Schwachstellen gelegt. An den Geräten gilt es keine neuen Rekorde zu brechen. Eine saubere und kontrollierte Ausführung ist mehr wert das Verletzungsrisiko muss minimiert werden. Natürlich spielt auch die ausgewogene Ernährung eine wichtige Rolle. Da steht das Tracking der Makros, das Aufeinanderabstimmen von Kohlenhydrat-, Fett- und Proteinanteil im Mittelpunkt.

Gratis-Fitness-Chanels

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Tone It Up

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BlogilatesTV

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Kayla Itsines

Zum Youtube-Chanel von Kayla Itsines

Fitness-Varianten

Ein paar von Vielen

Calisthenics: Ein Streetworkout mit Ursprung in New York. Zu Trainingszwecken wird dabei alles genutzt, was bereits da ist: Stangen, Mauern, Hügel und immer wieder der eigene Körper.

Pilates:Ganzheitliches Körpertraining für die tief liegenden, kleinen und meist schwächeren Muskelgruppen, die für eine gesunde Körperhaltung sorgen sollen. Das Training umfasst Kraftübungen, Stretching und bewusste Atmung.

Cross-Fit:Trainingsmethode und zugleich ein Wettkampfsport, der Gewichtheben, Sprinten, Eigengewichtsübungen sowie Turnen miteinander verbindet. Die Übungen werden kurz nacheinander und mit hoher Intensität ausgeführt.

Freeletics:Der Körper wird ganzheitlich in einem Bewegungsablauf trainiert bei hoher Intensität: Dabei ähnelt es dem Cross-Fit. Mit dem Unterschied, dass es nahezu ohne Gerätschaften auskommt.

Interview

Der soziale Aspekt leidet

Roland Seiler ist Professor am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern.

Inwiefern hat sich das individuelle Sporterlebnis in den letzten Jahren verändert?
Innerhalb der Gesellschaft hat der Sport sicher an Bedeutung gewonnen. Die Menschen sind aktiver als noch vor 15 Jahren. Sei dies auf der täglichen Joggingrunde oder beim Besuch eines Fitnesscenters.

Der Wettkampfgedanke weicht dabei dem Streben nach Wohlbefinden und einem tollen Body. Warum?
Das kompetitive Element ist heutzutage allgegenwärtig, sowohl im Job, beim Einkommen als auch beim sozialen Status. Ich glaube, dies ist mit ein Grund, warum immer mehr Personen diesen Wettkampf nicht auch noch im Sport haben wollen.

Teamsportarten sind gegenüber dem Fitnesstrend rückläufig. Welche Auswirkungen hat dies auf unser Sozialverhalten?
Die Interaktion mit den Mitmenschen ist in einem Fitnessstudio sicher nicht so gegeben wie beispielsweise auf dem Fussballplatz. Die Szenerie hat manchmal beinahe authistische Züge. Die Trainierenden haben Kopfhörer auf und orientieren sich am Umfeld nur noch, indem sie die nächste freie Übungsmaschine suchen.

Führt dies nicht auch zu einer Vereinsamung?
Das muss nicht unbedingt sein. Vor allem beim Uni-Sport werden solche Fitnessangebote regelmässig als Kontaktbörse genutzt. Dies beispielsweise dann, wenn ein Student aufgrund seiner Fachrichtung in eine fremde Stadt zügeln muss. Aber klar, wenn man es nur darauf anlegt, einen möglichen Adoniskörper zu modellieren, dann bleibt der soziale Aspekt schon auf der Strecke.

Und dieser Stereotyp mit Sixpack und Co. befindet sich weiter auf dem Vormarsch. Wo sehen Sie die Gefahren bei diesem idealisierten Körperbild?
Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Body wird vor allem durch die medialen Einflüsse gesteuert. Da gilt ja heute nur noch als schön, wer möglichst definierte Muskeln hat. Dies führt dazu, dass die betroffenen Personen immer verbissener daran arbeiten, dem Idealbild aus der Werbung näherzukommen.

Wie kann man dem denn entgegenwirken?
Da müssen sich vor allem die ganzen People-Magazine, die ausschliesslich schöne und erfolgreiche Menschen porträtieren, hinterfragen. Da wird mit einem Selbstverständnis ein Idealbild von Mensch kreiert, dem in der Realität nur die wenigsten entsprechen. Aber das ist auch ein gesellschaftlicher Trend, der momentan nur ganz schwer einzudämmen ist.