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Vom Landleben in der City

Immer mehr Menschen zieht es aus den ländlichen Gegenden in die Städte. Mit im Gepäck die unterschiedlichsten Formen, um diese ergrünen zu lassen.

FOTOS
Darrin Vanselow, Christoph Kaminski
14. März 2016

Cédric Ribeiro hat zwei Leidenschaften: Genf und seine Hühner. (Fotomontage)


Urbanisierung

In der Schweiz wird immer mehr gegärtnert oder gelandwirtschaftet selbst wenn der eigene Garten fehlt. Hoch im Kurs stehen dafür ungenutzte Flachdächer oder Wohnungsbalkone in den Städten. Urban gardening heisst das Phänomen, das seinen Einzug in die helvetischen Metropolen wacker vorantreibt diese immer mehr ergrünen lässt.
Neu ist es nicht, das urbane Gärtnern. Schon in den 70er-Jahren entstand in New York mit Community gardens ein ähnlicher Trend. Dabei konnten die Städter ihren grünen Daumen in sogenannten Gemeinschaftsgärten unter Beweis stellen.
Auch in der Schweiz gibt es mittlerweile viele Beispiele, wie das Landleben in die Stadt geholt werden kann. Eines davon verkörpert Cédric Ribeiro. Er lebe in Parallelwelten, sagt er: Auf der einen Seite meine Freunde, der Job als Buchhalter und der Ausgang in der Stadt. Daneben meine Hühner und das andere Geflügel. Als Kind hat sich der 25-jährige Stadt-Genfer für das Federvieh seines Grossvaters in Portugal begeistert, den er in den Ferien besuchte.
Vor sechs Jahren dann entdeckte er durch Zufall bei einem Ausflug das Bauernhaus Ferme du Val dArve mitten in Carouge, einer Vorort-Gemeinde von Genf. Kurze Zeit später bekam er zum Geburtstag von den Mitgliedern des örtlichen Geflügelzuchtvereins den Geflügelstandard geschenkt die Bibel zum Thema Geflügelzucht.

Grüne Balkone helfen auch gegen Hitzeperioden.»

Natacha Litzistorf, Leiterin der Organisation Équiterre

Der junge Mann steht für seine Generation: 41 Prozent der Stadtbevölkerung sind zwischen 20 und 44 Jahre alt und gemäss der Schweizer Städtestatistik ist die Hälfte davon single. Menschen, die wegen der Arbeit in die grossen Ballungsgebiete zügeln und bleiben wollen.
Vincent Kaufmann, Professor für Stadtsoziologie an der ETH Lausanne nennt dafür zwei Gründe: Einerseits machen die Verbesserung des städtischen Lebensraums und das dortige Angebot Lust auf das Leben in der Stadt. Andererseits hat man im Alter um die 30 oft einen Partner macht Kompromisse, wenn man sich niederlässt.

Die Stadt im Kopf, das Land im Herz

Mit seinen Hühnern hat Cédric Ribeiro auch schon Wettbewerbe gewonnen.

Die Generation der 20- bis 44-Jährigen ist mit dem grünen Diskurs aufgewachsen. Sie ist sich der nachhaltigen Entwicklung besonders bewusst, auch wenn sie nicht so viel Kontakt mit dem Land hatte wie die Generation davor. Bei ihr kommt Bio auf den Teller, die Ferien werden auf dem Bauernhof verbracht. Ich bin in der Stadt geboren, aber ich brauche abends diese friedliche Atmosphäre hier, gibt Cédric Ribeiro zu, der an die 150 Tiere wie Hühner, Enten und Gänse sein Eigen nennt. Seine Freunde haben ihn zunächst ausgelacht. Heute essen auch sie die Eier seiner Hühner. Ich verbringe meine freie Zeit auf Ausstellungen in ganz Europa und treffe dabei andere Züchter, erklärt Ribeiro.
Während Ribeiros Leidenschaft aufwendig ist, reicht es anderen oft schon, mit ein paar Kräutertöpfen auf dem Fensterbrett und einigen Blumenkübeln auf dem Balkon die Sehnsucht nach Grünem zu stillen.
Grüne Balkone sind nicht nur etwas fürs Auge, sie senken auch die Temperatur in einer Stadt und helfen somit gegen Hitzeperioden, sagt Natacha Litzistorf, Leiterin der Organisation Équiterre, welche die öffentliche Hand berät und Initiativen zu mehr Nachhaltigkeit fördert. Die Aktion Pimp your balcony (Hübsch deinen Balkon auf) laufe bei jungen Städtern sehr gut. Sie erhalten einen zweistündigen Kurs über ökologisches Gärtnern und können dann auch gleich mit dem Eintopfen beginnen.

Glückliche Stadtbewohner

Cédric Ribeiro hat seinen Hühnern keine Namen gegeben, dafür kennt er die Charaktereigenschaften eines jeden Einzelnen.

Reichen ein paar Pflanzen auf dem Balkon aus, um sich den Traum vom Grünen zu erfüllen? Es scheint so. Das Laboratorium für Stadtsoziologie der ETH Lausanne hat kürzlich eine Studie zu Genf und Zürich veröffentlicht, die zeigt, dass die Städter gerne in der Stadt leben und nicht für mehr Grün wegziehen würden. In Paris und Rom führt dieselbe Studie allerdings zu einem gegenteiligen Ergebnis. Man muss dazu sagen, dass in der Schweiz, wo 74 Prozent der Bevölkerung in Städten leben, die Grünflächen 7,5 Prozent der Städte ausmachen. Die Schweizer Städte sind kleiner und nicht so dicht bebaut. Es gibt eine grosse Diversität auf kleiner Fläche, sagt Stadtsoziologe Vincent Kaufmann.
Und Natacha Litzistorf ergänzt: Die grossen Ballungsräume spielen eine wichtige Rolle und müssen die Bedürfnisse ihrer Bewohner erfüllen. Hochwertige öffentliche Räume, die bei Architekturwettbewerben und Begrünungsplänen für die Quartiere berücksichtigt werden, seien gefragt.

Das Entdecken des Lebenszyklus

Auch mehrere Bachelorarbeiten beschäftigen sich mit diesem Thema. Die Ergebnisse sind beachtlich: bessere Kenntnisse über das, was auf den Teller kommt, weniger Verschwendung von Lebensmitteln, wenn das Gemüse selbst angebaut wird, das Schaffen einer sozialen Verbundenheit und das Entdecken des Lebenszyklus von Pflanzen und wie dieser mit dem Wetter zusammenhängt.
Vincent Kaufmann begrüsst dies: Das ist nicht nur eine Laune von Hipstern. Die Menschen wollen sich selbst einbringen und in Kontakt mit der Erde kommen. Sie wollen die Authentizität des Landlebens wiederentdecken. Entsprechend lang ist auch die Warteliste der Kleingärten. Der Altersdurchschnitt der Interessenten ist gar gesunken.
Die Sehnsucht nach dem Land spiegelt sich auch in der Wahl der Ferienziele wider. So haben Ferien auf dem Bauernhof in der Schweiz im letzten Jahr um 10 Prozent zugenommen. Den Zahlen des Vereins Agrotourismus Schweiz zufolge wurden gegenüber 2015 Ende Februar bereits 20 Prozent mehr Buchungen verzeichnet. Die Leute suchen Ruhe, Natur, lokale Produkte und eine gesunde Umgebung, erläutert Geschäftsführer Andreas Allenspach. Es seien vor allem Städter mit akademischer Ausbildung, die sich mit oder ohne Familie aus dem Alltag ausklinken möchten.

Auf der Suche nach Authentizität

Auch Swiss Tavolata, ein Verein, der Menschen aus der Stadt zum Essen bei Landfrauen und Bäuerinnen einlädt, erlebt einen solchen Zustrom. Wir haben vor 18 Monaten angefangen und generieren stetig steigende Besucherzahlen, erzählt die PR-Beauftragte Anna-Barbara Eisle-Rothenhäusler erfreut. Zwischen 100 und 150 Personen kommen jeden Monat in einen der vierzig Betriebe. Sie stellen jede Menge Fragen zu den Tieren und geniessen die Produkte des Hofes. Neuerdings wird auch ein Brunch angeboten, mit grossem Erfolg. Die Besucher sind um die Dreissig und auf der Suche nach Authentizität.
Auch Cédric Ribeiro war auf dieser Suche und wurde fündig. Mit seinen Hühnern ist der Genfer Inbegriff für das Landleben in der Stadt. Bis seine Schützlinge vier Jahre alt sind, nimmt Ribeiro mit ihnen an Wettbewerben teil. Danach ist Schluss und die Hühner dürfen ihren Lebensabend geniessen. Dann bringt er sie zu Leuten, die gerne einen Hühnerstall bei sich errichten möchten. Ich schaffe es gar nicht, die grosse Nachfrage zu befriedigen, berichtet der junge Mann. Und wenn der Fuchs nicht zuschlägt (der Rekord liegt bei 20 getöteten Tieren in einer Nacht!), hat Cédric Ribeiro noch einen anderen Trick auf Lager, um die Population zu dezimieren: Meine Spezialität ist Coq au vin. Denn es will ja niemand einen krähenden Hahn in seinem Garten haben.

Cédric Ribeiro und seine Hühner

Stadtbienen

Zusammen mit ihrem Mann betreut die Imkerin Anna Hochreutener (31) mitten in Zürich rund 100 Bienenstöcke.

Imkerin aus Leidenschaft: Anna Hochreutener.

Spricht Anna Hochreutener von ihren Bienen, dann ist die Begeisterung fast greifbar. Zusammen mit Ehemann Tom Scheuer (45) hält die 31-Jährige rund 100 Völker. Pro Kolonie sind das 30000 bis 50000 Bienen, sagt sie. Anna Hochreutener ist also die Königin von 3 bis 5 Millionen Honiglieferanten. Mitten in Zürich. Auf ungenutzten Flachdächern quer über die Limmatstadt verteilt.
Durch Recherchen haben wir herausgefunden, dass die Stadt der ideale Ort dafür ist, erklärt Hochreutener. So sei aufgrund der vielen Balkone in der City nicht nur die Blütenvielfalt grösser, sondern auch der Einsatz von Pestiziden fast gleich null.
Bereits als 11-Jährige kam die Zürcherin mit diesem Handwerk in Kontakt. In England war das, erzählt sie, aufgrund der Tätigkeit meines Vaters lebten wir dort einige Jahre und besuchten zusammen einen Imker-Kurs.
20 Jahre sind seither vergangen die Faszination ist geblieben. Mit Wabe3 haben Anna Hochreutener und ihr Mann Tom Scheuer vor drei Jahren ihre eigene Firma gegründet. Neben dem Verkauf des eigenen Honigs bieten die beiden auch Kurse und Führungen an. Und so können wir unsere Leidenschaft für die Bienen weitergeben, sagt die Stadtimkerin.

Symbiose

Die beiden Genferinnen Fanny Bernard und Julie Conti, beide 30, wollen mitten in der Stadt Calvins einen Aquaponik-Container aufstellen.

Julie Conti (l.) und Fanny Bernard auf ihrem noch unfertigen Container.

Die Idee entstand vor einem Jahr und steht kurz vor ihrer Realisierung. In zwei 900-Liter-Tanks tummeln sich Fische, während auf dem Container ein Gewächshaus installiert wird. Das Prinzip: Das Gemüse wird durch das nährstoffreiche Wasser von den Fischen gedüngt, während die Pflanzen das Wasser für die Fische reinigen.
Die beiden rechnen mit einer Produktion von 60 Kilo Fisch und 120 Kilo Gemüse pro Saison. Wir sind echte Städterinnen, aber umweltbewusst. Man muss konsequent sein, sagt Julie Conti, die im Kommunikationsbereich arbeitet. Wir wollen neue Lösungen für nachhaltigen Konsum aufzeigen und haben noch viele Pläne, ergänzt Fanny Bernard, die im Start-up-Bereich aktiv.
Alle werden miteinbezogen: Freunde, Familie, aber auch makers, eine Online-Community, die Unterstützung bei ökologischen Themen anbietet, sowie die Öffentlichkeit. Auch beteiligt ist die Association Exodes Urbains, eine Vereinigung von Städtern zur Förderung innovativer Formen urbaner Landwirtschaft. Hilfe gibt es in Form von Crowdfunding.
Der Container wird derzeit montiert und vor dem Start-up-Unternehmen Impact Hub installiert. Exodes Urbains hat den Wettbewerb Impact Hub Geneva Pulse gewonnen, mit dem Projekte mit positiver Auswirkung auf die Umwelt prämiert werden.
Unser Traum wäre es, mehr Bürgeraktionen anzuregen und Aquaponik sowie andere Projekte in Schulen und auf Öko-Festivals zu präsentieren, so die beiden Freundinnen.