X

Beliebte Themen

Titelgeschichte

Advent mit dem Züüg

Die Adventszeit hat einige der schönsten Bräuche hervorgebracht. Zum Beispiel die Chlausebickli in Appenzell Innerrhoden. Sie sind wie alles aus Appenzell: eigentümlich und wunderbar.

FOTOS
Christoph Kaminski
26. November 2018

Was für ein Chlausezüüg! Elia und Anthea bestaunen die Chlausebickli.

In Appenzell ist alles ein wenig anders. Und vieles geheimnisvoll. Da kann man natürlich nicht erwarten, dass im Land der Talerschwinger, Ohreschuefle und Alpstobede ein ganz normaler Weihnachtsbaum steht, oder? Nein. Hier gibt es den Züüg, eine Tradition aus Inner- rhoden. Nicht das Züüg, wie überall sonst, sondern der Züüg heisst es hier: der Chlausezüüg. Dieser Weihnachts- und Adventsbrauch stammt aus dem 19. Jahrhundert und er ist essbar. Bis auf das Holzgestell natürlich. Doch auch das Gestell bestand ursprünglich aus verzopftem, sogenanntem Filebrood aus Milchteig. Das genaue Rezept ist natürlich geheim.

Von Bickli und Devisli

Ein absoluter Traum für Kinder! Also, ein Traum für die «Goofe», wie es in Appenzell heisst. Elia (5) und Anthea (3) sind denn auch ganz hingerissen vom Chlausezüüg, der in der Appenzeller Stube ihres Grossvaters Joe Manser (73) steht. Anthea bleibt trotz der vielen zuckerigen Leckereien vernünftig, sie möchte am liebsten die Mandarinen essen. Elia hingegen hält sich nicht mit den Früchten auf, er würde gerne bei den Chlausebickli und den Devisli zugreifen.

Bickli? Joe Manser kann das alles wunderbar erklären. Er kennt sich aus mit der manchmal etwas rätselhaften Sprache der Appenzeller. Noch ein Beispiel gefällig? Flickflauder. Was könnte das bedeuten? In seinem Buch «Innerrhoder Dialekt: Mundartwörter und Redewendungen aus Appenzell Innerrhoden» steht die Antwort: Schmetterling. Es ist bereits in der sechsten Auflage erschienen. Ein ungewöhnlicher Bestseller, den alle gerne lesen. Denn er ist alles andere als ein trockenes Nachschlagewerk. Joe Manser hat viel Humor im Buch verpackt.

Viel Handarbeit: Die Chlausebickli gibt es in verschiedenen Grössen.

Den Zuckerguss trägt Christof Koller mit einer Schablone auf die Lebkuchen auf. 

Danach bemalen Marie und Silvia die traditionellen Motive mit Lebensmittelfarbe.

«Das ‹Bickli› ist ein Wort für ein wertvolles Stück, aus welchem Material auch immer», weiss Joe Manser. Die Chlausenbickli sind Lebkuchen, die kunstvoll und aufwendig verziert werden und ab Allerheiligen gibt es sie zu kaufen. Der Appenzeller Humor kann allerdings speziell sein, wie die Motive auf den Chlausebickli beweisen. Auf einem versohlt der Samichlaus ein Kind, auf einem anderen jagt er eine Kinderschar mit der Rute. Ach, du lieber Mann! Doch solange auch die Kinder darüber lachen können, ist alles in Ordnung. Und es gibt ja noch solche mit freundlichen Chläusen und traditionellen Bildern aus dem Sennenalltag.

Und die Devisli? «Das sind die Relief-Bilder, die zwischen die Bickli und die Äpfel an den Züüg gehängt werden», erklärt Manser. Sie bestehen aus einem Zucker-Eiweiss-Teig, werden in Holzmodel gedrückt und erhalten so ihr Relief. Andere Devisli sind mit Zahnstocher oder dem Spritzsack modelliert. Dann werden sie koloriert. Von der Devislimalerin Vreny Eugster (67) schwärmen die Appenzeller noch heute. Mit Sylvia Manser (50) gibt es inzwischen zum Glück eine neue Künstlerin, die diese Tradition fortführt. Das Wort kommt von einer früheren Variante dieser Täfelchen. Sie waren mit einem Sinnspruch versehen, also einer Devise. Theoretisch sind sie essbar, doch alle halten sie für viel zu wertvoll. So werden die meisten aufbewahrt.

Es gibt auch den «Devislizüüg», eine kleinere Variante, die aus lauter Devisli besteht und die Vreny Eugster erfunden hat (siehe Seite 22). Christof Koller (32) hat so ein Exemplar. Ein Geschenk seiner Mutter. Er musste ihr versprechen, dass er ihn auf keinen Fall verkauft. «Aber für eine Million würde ich ihn schon hergeben», meint er mit einem verschmitzen Lächeln. Ein Chlausezüüg ist nicht ganz so teuer, aber ein grosser kann inklusive Holzgestell schon 1500 Franken kosten. Auch Koller kennt sich bestens aus mit dem Züüg. Als Pächter der traditionsreichen Konditorei Fässler im Dorf Appenzell befasst er sich jedes Jahr mit diesem Brauch. Café und Bäckerei befinden sich in einem bunt verzierten Appenzeller Haus.

Zwischen die Bickli werden Äpfel gesteckt. Sie müssen klein und rot sein. Ausserdem werden die Zwischenräume mit glänzenden Girlanden verziert. 

Wer Vorfenster hat, stellt die Chlause-bickli in der Adventszeit dort aus.

Auch dieses Rezept ist geheim

Koller produziert jeweils ab September Chlausebickli. Und zwar mit den antiken Ausstechformen und Motiven seiner Vorgänger, es sind rund 50 Stück. Man hat es einmal mit modernen, neuen Motiven versucht, doch das kam nicht gut an. «Wie die Produktion genau funktioniert, ist natürlich unser Geheimnis», betont Koller. Natürlich. Bei Appenzeller Spezialitäten sind alle verschwiegen. Doch zum Geheimnis des Teiges verrät er Folgendes: «Man muss ihn behandeln wie eine Frau, mit viel Gefühl.» Und auch die Dekoration braucht Gefühl.

Einen Stock über der Konditorei, in einer traditionellen Appenzeller Stube, bekommen die Bickli ihre Farbe. Hier sitzen Marie und Silvia, Radio Eviva spielt dazu Volksmusik. Im Schirmständer stecken Degen von der Landsgemeinde, die hier zwischenlagern. Konzentriert kolorieren die Frauen die Figuren mit Lebensmittelfarbe.

Weihnachtsschweiz

Ein Buch mit Bräuchen

Wussten Sie, dass die Tradition der Adventsfenster eine Aargauer Erfindung ist? Diese und weitere interessante Einsichten gibt es in diesem Buch.

Dominik Wunderlin: «s’isch heiligi Wiehnachtzyt. Die schönsten Advents- und Weihnachtsbräuche der Schweiz.» Im Handel oder für Fr. 43.– plus Fr. 5.- Versandkosten. Das Buch können Sie hier bestellen »

Marie malt auch zu Hause Karten. Die Arbeit hier macht sie, damit sie etwas zu tun hat. Wenn man älter werde, brauche man ein Hobby. «Und weil ich hier die schönen Männer sehe vom Fenster aus», sagt sie lachend. Ihr Alter möchte sie aber nicht verraten. «Ich bin mehrmals zwanzig geworden.» Silvia hingegen gibt ihr Alter gerne preis, sie ist erst zweimal zwanzig geworden und einmal siebzehn. «Ich finde es schön, hier die Bickli zu bemalen. Das mache ich für die Seele.» Kein Wunder, die Stube ist gemütlich, die Stimmung gut und Christof Koller ist ein netter Chef. «Wir haben es lustig», bekräftigt Marie. Einen Züüg hat sie nicht zu Hause, Silvia schon. Jetzt auch mit selbst bemalten Bickli.

«Es dauert etwa eine Woche, bis ein Bickli fertig ist», erklärt Koller. «Vom Ansetzen des Teiges bis zum Malen. Und dann müssen sie ja noch gestrasst werden.» Gestrasst? Damit meint er den Zuckerguss-Streifen am unteren Rand des Bicklis. Meistens ist er grün, für weihnachtliche Motive auch mal weiss. «Die Strasse schmeckt nach Pfefferminze, das beissen die ‹Goofe› meistens als Erstes ab», weiss Koller. «Das grosse Geschäft sind die Bickli aber nicht, sagt er. «Ich verkaufe sie aus Tradition.» Und der Tradition entsprechend kaufen Freunde und Verwandte in der Adventszeit die Bickli für die Kinder – wenn sie brav waren. Die Lebkuchen wurden früher zwischen Fenster und Vorfenster ausgestellt. Je mehr Bickli, desto braver die Kinder im Haus. Doch die Isolierverglasung hat diesen Brauch fast zum Verschwinden gebracht.

So feiern wir den Advent

Die Vorfreude auf das Weihnachtsfest hat verschiedene Bräuche hervorgebracht. Sie drehen sich ums Licht in der Dunkelheit, ewiges Leben und um kulinarische Freuden.

Zu schade zum Essen

Im ehemaligen Bauernhaus, wo Elia und Anthea wohnen, gibt es noch diese alte Fensterform. Doch die Bickli am Chlausezüüg ihres Grossvaters Joe Manser sind in Plastikfolie verpackt und werden sorgfältig in Schachteln aufbewahrt. Ist eins kaputt, wird es ersetzt. Ursprünglich ass man den Chlausezüüg nach Heiligabend, spätestens jedoch nach Silvester. Heute geniesst man vor allem das geflochtene Filebrood in der Adventszeit. Joe Manser stellt seinen Züüg am Nikolausabend auf. «Als ich noch klein war, hatten wir keinen», erzählt er. Dafür pflegt er die Tradition jetzt für seine Enkel. «In den 50er- und 60er-Jahren hat man diesen Brauch wiederentdeckt. Viele schmücken heute beides, einen Züüg und einen Weihnachtsbaum.» An Heiligabend gibt es ein grosses Essen für die ganze Familie, anschliessend besuchen sie die Mitternachtsmesse. Joe Manser freut sich schon darauf: «Die Messe ist so gut besucht wie in meinen Bubenjahren!»


Kurz und bündig

  • Die Chlausebickli sind bunt bemalte Lebkuchen.
  • Aus vielen Chlausebickli wird ein Chlausezüüg zusammengesetzt, eine Art Weihnachtspyramide aus Lebkuchen. Diese Tradition in Appenzell Innerrhoden geht auf das 19. Jahrhundert zurück.
  • Bis ein Bickli fertig ist, dauert es rund eine Woche.
  • Devisli gehören ebenfalls zu einem Chlausezüüg. Sie bestehen aus Zuckerteig und werden wie die Chlausebickli mit Lebensmittelfarbe koloriert.
  • Viele Familien in Appenzell Innerrhoden haben einen Chlausezüüg und einen Weihnachtsbaum.

Klein und edel

Der Devislizüüg

Die ersten Devisli hat ein deutscher Konditor im Appenzellerland hergestellt. Vorbild waren die Anisbrötchen. Andere Konditoreien übernahmen diese Idee. Devisli wurden Tradition. Sehr exklusive Devisli gibt es vom Bauernmaler Albert Manser (1937–2011). Und Vreny Eugster entwickelte in den 80er-Jahren eine eigene Technik, sie formte Devisli frei von Hand. Die beliebte Künstlerin erfand auch den Devislizüüg. Wie der Chlausezüüg steht er in einem Napf, der mit Nüssen gefüllt ist.