X

Beliebte Themen

Lifestyle

Aufgeblasen

Der Kaugummi, so wie wir ihn heute kennen, feiert nächstes Jahr seinen 150. Geburtstag. Laut Zahnärzten ist er sogar gut für die Zähne.

TEXT
FOTOS
Heiner H. Schmitt, Getty Images; Styling und Umsetzung: Fabia Müller
09. Juli 2018

Was taten junge Menschen in der Vor-Natel-Ära? Richtig geraten: mit dem Kaugummi spielen. Laut dem Guinness-Buch der Weltrekorde wies die grösste Kaugummiblase der Welt einen Durch-messer von 50,8 Zentimetern auf. So richtig beliebt wurde der Kaugummi in Europa erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Den amerikanischen Soldaten sei Dank.

 

An den WM-Halbfinals heute Dienstag und morgen Mittwoch werden die Auswechselspieler auf der Ersatzbank wieder fleissig Kaugummi kauen. Kaugummi und Sport sind seit Langem ein unzertrennliches Team. Die spanische Sportzeitung El Mundo Deportivo berichtete, dass Lionel Messi (31) mit dem Kaugummikauen sogar die Patentlösung zur Bekämpfung der Übelkeit durch die körperliche Anstrengung auf dem Platz gefunden hatte.

 

Bilder von kaugummikauenden Fussballspielern und Basketball-Stars sind omnipräsent. Verschiedene Medien haben sich mit der Kaugummi-Frage befasst und eine Studie der Universität für Dentalmedizin in Tokio zitiert: Diese soll nachgewiesen haben, dass Kaugummikauen die Reaktionszeit verkürzt, indem es die Aktivität des Frontallappens, der das Nachdenken und die Entscheidungsfindung steuert, stimuliert. Kaugummikauen soll auch gegen Wettkampfstress helfen und die Konzentration verbessern. Ehemalige Amateurfussballer werden bestätigen, dass Kaugummis genauso zur Matchvorbereitung gehörten wie Fortalis.

Seit der Jahrtausendwende surfen Kaugummihersteller auf dieser Erfolgswelle und verkaufen energiespendende Kaugummis, wie der Kaugummi-Einkäufer bei Coop, Sarino Pascale (32), bestätigt: Heute werden Kaugummis mit Koffein oder anderen Substanzen produziert, die einen Energiekick bewirken sollen.

99 Kilo pro Sekunde

Aber auch nach dem WM-Schlusspfiff geht der Kaugummikonsum weiter. Gemäss Euromonitor legte der weltweite Kaugummimarkt zwischen 2009 und 2014 um 20 Prozent zu und erreichte einen Umsatz von 15,8 Milliarden Euro. Seit Sie mit dem Lesen dieses Artikels begonnen haben, sind 10000 Kilo Kaugummi von der Verpackung in den Mund gewandert. 2014 wurden weltweit 99 Kilo Kaugummi pro Sekunde konsumiert.

In der Schweiz sind laut Sarino Pascale die beliebtesten Kaugummis die zuckerfreien Sorten in den Geschmacksrichtungen Pfefferminze, grüne Minze und Wildkirsche. Beliebt sind auch Kaugummis mit Bleicheffekt. Und auch die klassischen Bubblegums liegen nach wie vor im Trend. Letztere gibt es heute in den meisten Fällen ohne Zucker. Das begrüssen auch Zahnärzte, wie Philip Cantin, Zahnarzt in Châtel-Saint-Denis und Präsident der Freiburger Zahnärztegesellschaft betont: Beim Kauen von zuckerhaltigen Kaugummis werden die Zähne in Zucker gebadet, was zu Kariesbildung führen kann.

 

Die Werbung ist natürlich zentral für das Image eines Kaugummis. Dabei wird ein bestimmtes Bild seiner Vorzüge verkauft. Die grossen Marken sprechen oft von Frische, Lebenslust und Coolness. In einer kleinen Auswahl von Werbespots aus den 80er-Jahren (auf unserer Website zu sehen) findet man all diese Themen. Die Auswahl zeigt auch Werbung für Bubblegums, und auch hier erstaunt es kaum: Bazooka und Malabar verwenden eine spielerische Sprache für die Kleinen, die zu Kaugummiblasen-Superhelden werden.

 

Als der Kaugummi nach dem Zweiten Weltkrieg auch Europa eroberte, mussten noch einige Skeptiker überzeugt werden, die den Kaugummi etwas vulgär und möglicherweise schädlich für Zähne und Magen fanden. In der Werbung der 50er-Jahre hingegen war man nicht zimperlich. In jedem Kind schlummert ein Kauer. Nägel, Gummis, Bleistifte, Bücher und Lineale sind eine leichte und gefährliche Beute für die kleinen Zähne. Schützen Sie sie. Geben Sie Ihrem Kind ein heilsames Mittel, um seine Nerven zu beruhigen und sich zu entspannen.

Die Werbung ist natürlich sehr kreativ, denn Kaugummis gehören zu den Genuss- und Impulskäufen. Aus diesem Grund sind die Hersteller auch ständig bemüht, innovativ zu bleiben. Der Coop-Experte bestätigt: Auf dem Markt stellt man einen Trend zu geschmacklosen Sorten fest. Ein Beispiel dafür ist der Chicle auf Basis von natürlichem Gummi. Chicle wird aus dem weissen Milchsaft des Breiapfelbaums gewonnen, den die Mayas schon vor 5000 Jahren verwendeten. Es werden auch Kaugummis zum Abnehmen angeboten, die in den Functional-Food-Bereich gehören.

Aber auch die Verpackung verändert sich. Neben dem Aroma ist laut Sarino Pascale auch sie ein wichtiges Auswahlkriterium. In den letzten Jahren haben die einfach wiederverschliessbaren Verpackungen den Markt buchstäblich überschwemmt.

Viele Vorzüge - Das Gute am Kaugummi

  • Für den Atem. Wenn Mundgeruch droht, verleiht ein Kaugummi ein beruhigendes Gefühl.
  • Für die Zähne. Wenn man ausser Haus keine Gelegenheit zum Zähneputzen hat, ist ein Kaugummi eine gute Alternative.
  • Beim Sport. Wenn man sich in den Wettkampfmodus bringen und Stress abbauen will, hilft aktives Kauen.
  • Gegen den Müdigkeitsanfall. Wenn man kurz vor dem Einnicken vor dem Computer steht, hilft ein Kaugummi.
  • Zum Spass. Wenn man die grösste Blase machen will, wählt man einen Bubblegum.
  • Zum Nachahmen von Alex Ferguson. Wenn man ein Fan des langjährigen Erfolgstrainers von Manchester United ist, kaut man ohne Unterbruch.

Günstige Produktion

Die Kaugummiproduktion ist bei den Herstellern sehr beliebt. Denn die Herstellung ist nicht teuer und verspricht hohe Margen. Bei der Herstellung findet heute nur selten der natürliche Gummi des Breiapfelbaums Verwendung. Er könnte die weltweite Nachfrage auch nicht decken. Aber natürlich findet man heute aufgrund des Trends zur natürlichen Ernährung vermehrt Kaugummiliebhaber, die wieder auf Chicle zurückgreifen. Moderne Kaugummis bestehen heute in der Regel aus einer Gummibasis aus Polymeren für die Lebensmittelindustrie, Weichmachern, Texturmitteln und Emulgatoren, der Aromen und Süssungsmittel hinzufügt werden. Die Herstellung der Gummibasis ist zwar relativ komplex, aber einige Grossunternehmen haben sich auf diesem Gebiet spezialisiert. Zum Beispiel Cafosa, einer der weltweiten Hauptanbieter, der zur Mars-Gruppe gehört und rund 200 Basisgummiarten produziert, die je nach Eigenschaften und Grösse des Endprodukts deutlich variieren: Bubblegum oder Kaugummi, mit oder ohne Zucker, mit oder ohne sauren Geschmack...

Kurz und bündig

  • 2014 wurden weltweit für 15,8 Milliarden Euro Kaugummis gekauft.
  • Eine Studie aus Tokio belegt, dass Kaugummikauen die Reaktionszeit verkürzt.
  • Die Mayas kauten schon vor 5000 Jahren eine Art Kaugummi.
  • Die beliebtesten Geschmacksrichtungen bei den zuckerfreien Kaugummis in der Schweiz sind: Pfefferminze, grüne Minze und Wildkirsche.

Zuckerfreie Kaugummis fördern die Zahnhygiene

Philip Cantin, 47, ist Zahnarzt in Châtel-Saint-Denis und Präsident der Freiburger Zahnärztegesellschaft.

Zähne, Magen, Hungergefühl: Welche Auswirkungen haben Kaugummis auf unsere Gesundheit?

Welche Meinung vertreten die Zahnärzte in Bezug auf Kaugummis?
Zuckerhaltige Kaugummis sind ein klares No-Go. Beim Kauen werden die Zähne in Zucker gebadet, was natürlich zu Kariesbildung führen kann.

Und was ist mit den zuckerfreien Kaugummis?
Diese tragen zur Mund- und Zahnhygiene bei. Das Kauen fördert die Bildung von Speichel, der die Mundhöhle reinigt und dabei zur Entfernung von Zahnbelag und zur Neutralisierung von Säuren beiträgt. Mit künstlich gesüssten Kaugummis (mit dem Symbol des kleinen Zahns unter dem Regenschirm) reduziert man den Zuckerkonsum. Das ist positiv, denn Zucker durchläuft im Mund einen Gärungsprozess, der eine Übersäuerung bewirkt. Eines der verwendeten Süssungsmittel soll sogar eine direkte karieshemmende Wirkung haben.

Ersetzt der Kaugummi das Zähneputzen?
Nichts ersetzt das regelmässige Zähneputzen.

Haben Kaugummis eine Auswirkung auf den Magen?
Süssungsmittel können abführend wirken. Laut verschiedenen Studien aber erst nach etwa zehn Kaugummis pro Tag. Übermässiger Kaugummigenuss kann auch zu Magenschmerzen und Blähungen führen. Und bei Leuten mit Kiefergelenkproblemen, die während der Nacht mit den Zähnen knirschen es handelt sich dabei um ein muskuläres Problem , können Kaugummis die Schmerzen verstärken. Es ist also alles eine Frage des Masses.

Haben Kaugummis eine Wirkung auf das Hungergefühl?
Eine schottische Studie zeigt, dass Kaugummis das Hungergefühl und die Naschlust verringern können. Sie fördern auch das Sättigungsgefühl.