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Titelgeschichte

Der Bodyguard

Ohne das Immunsystem wäre die Menschheit längst ausgestorben. Die Krankheitserreger hätten leichtes Spiel, denn wir hätten ihnen nichts entgegenzusetzen.

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Illustrationen: Anja Denz
01. Oktober 2018

Viel Bewegung an der frischen Luft und bei jedem Wetter ist mit das Beste für die Abwehrkräfte.

Husten, Schnupfen, Lungen-, Mittelohr- und Blasenentzündung sowie grippale Infekte und sogar die «richtige» Grippe werden uns bald wieder beschäftigen. Vergangenen Winter erlebte die Schweiz die schlimmste Grippewelle seit Jahren und auch im Sommer lagen viele mit grippeähnlichen Symptomen im Bett.Die Frage lautet nun: Wie schlimm erwischt es uns diesen Winter? Kann uns unser Immunsystem vor dem Angriff der Krankheitserreger schützen?

Gemäss neuesten Erkenntnissen über die Entstehung des Menschen gibt es den Homo sapiens seit rund 300 000 Jahren. Die Grundzüge des Immunsystems existieren aber schon viel länger. Bei den Wirbeltieren haben sie sich über 450 Millionen Jahre erhalten können, obwohl sich deren Gestalt und Lebensweise massiv veränderten. Bei jeder neuen Tierart und auch beim Menschen beliess die Natur das Gerüst, nahm jedoch artspezifische Anpassungen vor.

Dieser Prozess ist noch immer wichtig, denn das Immunsystem lernt im Laufe unseres Daseins. Ein Baby kommt mit der «Grundausstattung» zur Welt, dem angeborenen Immunsystem.

«Obwohl der Mensch mit einem vollwertigen Immunsystem geboren wird, treten in den ersten Lebensjahren grosse Veränderungen auf. Diese sind Ausdruck des Reifungsprozesses, den es durch kontinuierliche Kontakte mit Krankheitserregern wie Bakterien und Viren durchläuft», erklärt Ingmar Heijnen (51), Leiter Medizinische Immunologie am Universitätsspital Basel.

Wer gesund bleiben will, sollte sich ausgewogen ernähren.

Viel Bewegung an der frischen Luft und bei jedem Wetter ist mit das Beste für die Abwehrkräfte.

Eine kalte Dusche bringt den Kreislauf in Schwung und härtet ab.

Wie die Kinder selbst, lernt auch ihre Abwehr – sie gewinnt durch die Berührung mit vielen verschiedenen Erregern an Erfahrung. So entsteht das immunologische Gedächtnis, das sich zeitlebens aufbaut. In der Fachsprache heisst es erworbenes Immunsystem. Bereits bekannte Erreger können so effektiver bekämpft werden. Bei einem Zungenkuss etwa werden 80 Millionen Bakterien übertragen. Paare müssten ständig krank sein. Sind sie aber nicht. Denn laut einer Studie der Universität Amsterdam (NL) gleicht sich durch den steten Bakterien-Austausch beim Küssen die Mundflora von Partnern an. «Ist ein Erreger, den das Immunsystem schon einmal erfolgreich bekämpft hat, wieder im Körper, wird er erkannt und kann schneller angegriffen und beseitigt werden, bevor er grossen Schaden anrichtet», so der Arzt. Darauf basiert die Wirkung von Impfungen. «Um den Körper besser auf bestimmte Krankheiten vorzubereiten, gilt: impfen», rät Heijnen. «Es wird zu Unrecht behauptet, das Durchlaufen von Infek- tionskrankheiten sei ein wesentlicher Schritt in der Entwicklung des Immunsystems eines Kindes, um die Abwehrkräfte zu stärken. Das ist nachweislich falsch, irreführend und gefährlich.»

Neben Impfungen trugen Hygiene-Massnahmen wie Sterilisation im 20. Jahrhundert dazu bei, dass Infektionskrankheiten in den Industrieländern an Bedeutung verloren. «Gleichzeitig wurden nur wenige dieser Krankheiten ausgerottet – ein Grossteil stellt weiterhin eine Gefahr für die Gesundheit dar.»

Bittere Erkenntnis

Vor einiger Zeit fand man Rezeptoren für süss und bitter unter anderem in den oberen und unteren Atemwegen, in der Haut, im Hirn sowie im Magen-Darm-Trakt. Laborstudien zeigten, dass Bitterrezeptoren in den Atemwegen durch bestimmte bakterielle Bestandteile stimuliert werden und die antibakterielle Abwehr erhöhen. Heijnen ist skeptisch: «Aktuell gibt es keine ausreichenden Beweise, um Bitterrezeptoren als Teil des Immunsystems zu klassifizieren.» Bislang waren solche Rezeptoren vor allem auf der Zunge bekannt, die die Geschmacksrichtungen süss, sauer, salzig, umami (fleischig) und bitter erkennt.

«Das Immunsystem hat gewaltiges Potenzial.»

Ingmar Heijnen

Zündstoff

Einen wichtigen Teil der Abwehrkräfte machen Entzündungen aus, denn sie gehören zum natürlichen Heilungsprozess. Eine Entzündung beginnt nämlich nicht erst, wenn eine Wunde mit Bakterien infiziert ist, eitert oder schlecht heilt, sondern schon dann, wenn der Körper versucht, einen schädlichen Reiz wie eine offene Verletzung, eine Prellung oder einen Herzinfarkt zu bekämpfen.

Gerät die Entzündung ausser Kon- trolle, kann sie zerstörerisch oder tödlich verlaufen. Kürzlich wurde entdeckt: Damit eine Entzündung entstehen kann, bauen die beteiligten Zellen zuerst komplexe Eiweiss-Strukturen – die Inflammasome. Diese entstehen sehr schnell und zerfallen kurz nach dem auslösenden Reiz. Läuft beim Auf- oder Abbau der Inflammasome aber etwas schief, entstehen Krankheiten. Verblüffenderweise treten dieselben Inflammasome bei völlig verschiedenen Erkrankungen auf, etwa bei Alzheimer, Polyarthritis, Multipler Sklerose, Fettleber oder Gicht. Also auch bei solchen, die man zuvor nicht mit Entzündungen in Verbindung gebracht hatte. Bislang gab es für diese Leiden unterschiedliche Medikamente. Dank der neuen Erkenntnisse hoffen die Forscher nun, Präparate entwickeln zu können, die den Kreislauf der Inflammasome beeinflussen. Revolutionär!

Das geht gar nicht

Schädlich für die Abwehrkräfte etwa ist Übergewicht. Schlimm triffts die Leber, die sich entzünden und anschwellen kann, sich zur Fettleber entwickelt. Manchmal entsteht da-raus eine lebensgefährliche Leberzirrhose. Schlafmangel schwächt ebenfalls: Wer sechs oder weniger Stunden ruht, erkältet sich laut einer Studie der Uni San Diego (USA) viermal häufiger als Langschläfer. Bereits etwas zu wenig Bettruhe macht anfälliger für Erkältungsviren. Heijnen: «Studien zufolge liegt die Risikogrenze in der Regel bei weniger als fünf bis sechs Stunden.»

Problematisch ist auch Dauerstress, denn er beeinträchtigt Blutgerinnungen, Wundheilung, Entzündungen und Impferfolge. Leiden Schwangere unter Stress oder grossen seelischen Belastungen, schütten sie mehr Cortisol (Stress- hormon) aus. Die Folge: Für das Baby steigt das Asthma-Risiko. Meist pendelt sich das in den ersten Lebensjahren wieder ein – vor allem, wenn das Kind unter nicht zu hygienischen Umständen aufwächst und Infektionskrankheiten durchmacht. Anders ist es, wenn der Psychostress weitergeht: Seelische Belastungen oder Traumata im Kindesalter können in späteren Jahren zu Entzündungskrankheiten wie Rheuma führen. Dauerstress schwächt das Immunsystem aber in jeder Lebensphase und macht anfällig für Infektionen und Allergien.

Ausreichend Schlaf und Erholung sind gut für die Abwehrkräfte.

Sich Gutes tun

Es gibt aber auch positive Einflüsse. So powert eine optimistische Lebenseinstellung das Immunsystem regelrecht auf. Gute Gefühle lassen Blutdruck, Herzfrequenz und Entzündungswerte fallen und verhindern Blutgerinnsel. Eine gute Partnerschaft hilft ebenfalls: Untersuchungen der Uni Zürich zufolge können Zärtlichkeiten berufsbedingten Stress mildern. Je häufiger geschmust wird, desto mehr sinkt der Stress- hormon-Spiegel. Selbst Bello und Büsi sind gesund, denn sie senken bei ihren Menschen Blutdruck und Herzinfarkt- Risiko.

Ganz wesentlich ist der Lebensstil. Heijnen: «Regelmässige Bewegung, ausreichend Schlaf und eine ausgewogene Ernährung sind wichtig für die körperliche Gesundheit – und für den Widerstand gegen Krankheitserreger.» Viel frische Luft und im Winter auch mal ein Besuch im Thermalbad sind ebenfalls nicht verkehrt. Wer das beherzigt, braucht keine Stärkungsmittel. «Bei normalem Gesundheitsverhalten lässt sich das Immunsystem weder mit Zusatzpräparaten noch mit Diäten oder Therapien zusätzlich verbessern.» Liegt man aber dennoch einmal krank im Bett, gibts Hilfe in der Apotheke. Katharina Dietze (32) von Coop Vitality: «Wer sich trotz gesundem Lebensstil eine Erkältung oder einen grippalen Infekt einfängt, kann sich bei uns beraten lassen.»

Die Abwehrkräfte sind ein Wunderwerk der Natur. Auch nach vielen Jahren als Immunologe ist Ingmar Heijnen noch immer begeistert: «Das Immun- system ist ein faszinierendes System mit gewaltigem Potenzial. Es kann eine unvorstellbare Anzahl verschiedener Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten erkennen und beseitigen.»

Allerdings nagt der Zahn der Zeit an diesem Mechanismus. «Die Zellen und Organe des Abwehrsystems verlieren mit dem Alter an Effizienz. Zusätzlich kann ein bestimmtes immunologisches Gedächtnis auch wieder verloren gehen», sagt er. Je reicher der Mensch also an Jahren, desto vergesslicher wird er – das gilt für das normale Gedächtnis ebenso wie für das immunologische.


Kurz und bündig

  • Das Immunsystem lernt ein Leben lang.
  • Dauerstress macht anfällig für Infektionen und Allergien.
  • Eine gute Beziehung senkt den Stresshormon-Spiegel.
  • Schlafmangel schwächt die Abwehrkräfte.
  • Wer gesund lebt, braucht keine Zusatzpräparate.
  • Auch das Immunsystem altert und wird «vergesslich».