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Jugend Extra

Der grosse Cannabis-Report

Das Thema Cannabis ist «in aller Munde» – auf Spurensuche bei Befürwortern und Gegnern.

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Pino Covino
05. November 2018

Ruth Zwahlen führt die Lernenden Svenja Reinold und Saskia Rutschmann durchs Hanfmuseum.

Uiuiui! Muss man benebelt sein, wenn man sich ans Thema Cannabis wagt? Natürlich nicht, aber es gibt tatsächlich einfachere Aufgaben. Kaum ein anderer Stoff bietet so viel Raum für hitzige Diskussionen, unterschiedliche Ansichten und verwirrt mit einer solchen Unmenge an Infomaterial. Da besinnen wir uns doch aufs gute alte Museum, das bei vielen Themen immer die perfekte erste Anlaufstelle ist. In diesem Falle ist es das Hanfmuseum in Tägerig AG.

Dort begrüsst uns schon Ruth Zwahlen (69), die Betreiberin des Museums. Dieses ist mittlerweile auf wenige Räume geschrumpft; früher befand es sich im Nachbarstädtchen Mellingen, doch 2008 nach der Ablehnung der Volksinitiative «Für eine vernünftige Hanf-Politik mit wirksamem Jugendschutz» wurde es von Zwahlen selber geschlossen. Schliesslich eröffnete sie es in ihrem Wohnort wieder. «Es wäre zu schade gewesen, wenn all das Material, das wir in Jahrzehnten gesammelt haben, irgendwo in einer dunklen Kammer verschwunden wäre.» Das hat etwas. Denn im Hanfmuseum gibt es viele Produkte, über die man schmunzeln kann: zum Beispiel Bio-Hanf-Eistee oder Hanftella. Hahaha – darauf muss man erst mal kommen!


 

Ruth Zwahlen führt die Lernenden Svenja Reinold und Saskia Rutschmann durchs Hanfmuseum.

Zwahlen selber lacht auch viel während des Rundgangs, streut aber immer wieder nüchterne Informationen ein, mit denen alle – Befürworter und Gegner des Cannabis-Konsums – leben können. Etwa: Cannabis stammt aus dem Lateinischen und bedeutet Hanf. Hanf ist eine Pflanzenart, nur die weiblichen unbestäubten Blüten produzieren den Wirkstoff THC. Dieses THC wiederum bedeutet – Achtung, jetzt wirds kompliziert – Tetrahydrocannabinol, der als Hauptwirkstoff im Hanf gilt und laut Gesetz entscheidend ist, ob der Stoff illegal ist: Produkte über 1,0 Prozent THC sind verbotene Betäubungsmittel; Gras und Hasch enthalten 5 bis 20 Prozent THC.

«Ich würde nie fragen»

Doch genug der harten Fakten. Wir wollen wissen, ob Ruth Zwahlen nicht nur Cannabis-Produkte ausstellt, sondern wie sie zum Konsum der Pflanze steht und ob sie auch selber kifft. Eine Antwort darauf gibt es aber nicht: «Ich kiffe schon lange nicht mehr. Selber würde ich das nie jemanden fragen.» Warum nicht? «Weil der Konsum verboten ist.» Nun findet es Zwahlen gar nicht mehr lustig. «Mir geht es vor allem um eins: Statt so viel in die Verfolgung von Cannabis-Konsumenten zu stecken, sollten wir lieber in die Suchtprävention investieren und auf die Eigenverantwortung der Menschen setzen.» Zwahlen ist also für die Legalisierung von Cannabis, wer ins Hanfmuseum in Tägerig geht, bekommt das schnell mit. Und sie ist auf ihre Art konsequent.

Natürlich wollen wir wissen, welche Argumente die Gegner haben. Wir haben deshalb Verena Herzog (62) angeschrieben. Die Thurgauer SVP-Nationalrätin scheint uns der ideale Gegenpol. Auch sie ist eine Hardlinerin, aber eben auf der gegenüberliegenden Seite der Meinungen: Der Blick bezeichnete sie schon als «No-Drugs-Herzog». Wir fragen: «Frau Herzog, wie lauten die wichtigsten Argumente gegen die Legalisierung von Cannabis?» Die Politikerin antwortet uns innert kürzester Zeit: «Die Legalisierung von Cannabis würde für Jugendliche ein falsches Signal setzen und eine glaubwürdige Prävention verunmöglichen. Cannabis ist eine gesundheitsschädigende Droge und untersteht deshalb dem Betäubungsmittelgesetz. Vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene ist Cannabis problematisch, da die Hirnentwicklung des Menschen erst im Alter von rund 25 abgeschlossen ist und Cannabis hirnschädigend sein kann. Gleichzeitig würde eine Legalisierung die wichtigen erzieherischen Bemühungen der Eltern, der Lehrpersonen und Lehrmeister untergraben. Und der Konsum mit seinen psychischen, körperlichen und sozialen Folgen würde zunehmen. Je leichter die Zugänglichkeit und je grösser das Angebot, desto mehr wird konsumiert. Das zeigen die Erfahrungen in Colorado: Die Zahl der Kiffer hat seit der Freigabe deutlich zugenommen.»

Zurück ins Museum nach Tägerig, zu Hanftella und Hanf als Vogelfutter. Über 500 Bücher zum Thema Cannabis hat Ruth Zwahlen gesammelt. Eines liegt ihr besonders am Herzen: «Der Pionier.» Darin geht es um die wahre Lebensgeschichte von Bernard Rappaz, der als Schweizer Hanfrebell für Schlagzeilen sorgte. Mehrmals wurde er wegen Anbau und Herstellung von Hanfprodukten zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Zwahlen versteht nicht, weshalb Rappaz so hart angefasst wurde. Und wieso 800 Millionen Franken pro Jahr in die Strafverfolgung von Drogenkonsumenten und -händlern gesteckt werden. «Mehr als 50 000 Menschen wurden 2017 wegen Hanf polizeilich verfolgt.» Zwahlen findet das den Wahnsinn.

Ruth Zwahlen findet es den Wahnsinn, wie viele Menschen wegen Cannabis polizeilich verfolgt werden.

Eine Pflanze, die es in sich hat: Die Cannabis sativa sorgt für Stoff und Zündstoff.

«Die Verharmlosung von Cannabis ist verantwortungslos.» Verena Herzog, 62

Verena Herzog hat grosse Bedenken betreffend der «Verharmlosung von Cannabis. Das ist gegenüber der Jugend verantwortungslos.» Aktiv seien in diesem Bereich international vernetzte, ideologisch und finanziell interessierte Händler- und Produzentenkreise, die «von gleichgeschalteten Medien, die mit dem Cannabis-Hype um Leser- und Hörerzahlen buhlen», unterstützt würden. 

Nach dem Besuch gehts weiter

Das ist hoffentlich mit unserem Beitrag nicht der Fall: Wir Lernende wählten das Thema aus, weil es unsere Generation beschäftigt und wir mehr darüber erfahren wollten. Das war mit dem Besuch im Hanfmuseum Tägerig der Fall. Ruth Zwahlen verabschiedet sich freundlich von uns. Wir wollen es nicht dabei bewenden lassen. Deshalb teilen wir uns auf – die eine von uns redet mit den Befürwortern der Cannabis-Legalisierung, die andere besucht jene, die klipp und klar sagen, dass sie keine Freigabe dieses Stoffs wollen. Siehe nebenan. 


Pro und Contra

Svenja Reinold (18)

Lernende Detailhandel in Bern, raucht gar nicht: «Viel zu teuer!»

Nach dem Besuch im Hanfmuseum begab ich mich auf die Spuren der Befürworter der Cannabis-Legalisierung. Dabei entschied ich mich bewusst für Jugendliche, die ich kenne. Meine Interviewpartner waren schnell einverstanden und so traf ich sie in der folgenden Woche.

Zum Beispiel Kevin F.*, 19-jährig und ebenfalls Lehrling im Detailhandel. Wir gingen während der Mittagspause unserer Berufsschule ein paar Meter und setzten uns dann auf eine Bank. Kevin F. probierte vor drei Jahren mit einem Freund aus, wie es sich anfühlt, Cannabis zu konsumieren. Von da an kiffte er zuerst in unregelmässigen Abständen – stets zusammen mit Freunden. Dann wurde regelmässiger Konsum daraus: Heute raucht er dreimal in der Woche. Warum er das macht? «Weil es mich beruhigt.» Er sei ein durchschnittlicher Schüler, erklärt Kevin. Seine Leistungen blieben auch nach dem Beginn des regelmässigen Konsums 
konstant. Seiner Meinung nach würden nicht mehr Leute Cannabis konsumieren, wenn dieses legal würde. «Aber man könnte durch die Legalisierung den Schwarzmarkt abschwächen.»

«Ich finde ein Verbot nicht gerechtfertigt.»

 

Arianne N.*( 18) befragte ich während der Zugfahrt nach Bern. Sie befindet sich in der Ausbildung zur Kauffrau. Sie befürwortet Cannabis für ärztliche und therapeutische Zwecke. Als Nicht-Konsumentin findet sie, dass ein gesamtes Verbot nicht 
gerechtfertigt sei. Hingegen ist sie sich nicht sicher, was sie von Cannabis als Genussmittel halten soll. Selber möchte sie es nicht ausprobieren.

Mein drittes Interview hielt ich mit Frank A.* (17). Der Schreinerlehrling begann vor acht Monaten mit dem regelmässigen Konsumieren. Er befürwortet die Legalisierung, weil er gerne selber über seinen Konsum entscheiden würde. Er findet es unfair, dass Alkohol und Zigaretten legal seien, der Konsum von Cannabis hingegen nicht. Wein zum Essen zu trinken, gelte als die normalste Sache der Welt. «Wenn man keinen Alkohol trinkt, wird man ja fast schon komisch angeschaut.» Cannabis hingegen werde verteufelt, Konsumenten verfolgt. «Ich finde das nicht in Ordnung.» 

Svenja Reinold

* Richtiger Name der Autorin bekannt


Saskia Rutschmann (20)

Lernende Detailhandel Oberwil, raucht nur Heimatzigaretten.

Meine Aufgabe war es, ins Zentrum der Cannabis-Gegner vorzustossen – also auf nach Herrenschwanden zu Sabina Geissbühler-Strupler (68), der Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung Eltern gegen Drogen. Die Mutter von vier Kindern lässt von Anfang an keine Zweifel aufkommen: Als ehemalige Sportlehrerin ist sie konsequent gegen Alkoholmissbrauch, Drogen und Tabakkonsum. Schon in früheren Jahren, als ihr Mann ihr die Fragen aller Fragen stellte, antwortete sie: «Ja, aber nur, wenn du aufhörst zu rauchen!» Natürlich hörte er auf.

«Führt am besten einen Urintest durch.»

 

Geissbühler wird in ihrem Amt immer wieder von Eltern kontaktiert, die nicht mehr weiterwissen. So wandten sich zum Beispiel die Eltern einer 19-jährigen Gymnasiastin an sie. Die Tochter spielte in der Freizeit mit Begeisterung Volleyball und ein Musikinstrument. Doch plötzlich wirkte sie in der Schule lustlos und begann auch ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen zu vernachlässigen; die Eltern vermuteten, dass sie Cannabis konsumierte. Geissbühler riet den Eltern, dass sie bei ihrer Tochter einen Urintest durchführen sollten. Die Eltern unternahmen jedoch vorerst nichts. Sie glaubten, dass es sich nur um eine Phase handle, die wieder vorbei gehe. Doch es wurde nicht besser. Schliesslich wurde der Urintest doch durchgeführt, er war positiv. Geissbühler riet den Eltern, Druck zu machen. Diese drohten der Tochter mit dem Wegzug – raus aus der Schule und weg von den Freunden! Das wirkte. Die Tochter hörte mit dem Kiffen auf, schloss das Gymnasium ab und hatte wieder Freude an ihren Hobbys. Einige Zeit später, so erzählt es Geissbühler, traf sie die junge Frau wieder. Diese bedankte sich herzlich bei ihr. Einige ihrer damaligen Weggefährten, die weiter Cannabis konsumierten, seien auf die schiefe Bahn geraten. Geissbühler: «Nicht alle, die kiffen, nehmen später harte Drogen, aber alle, die harte Drogen nehmen, haben zuerst mit Kiffen angefangen.» 

Saskia Rutschmann