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Die Liebe zur Dampflok

Entgegen allen CO2-Diskussionen und Klimaveränderungen: Eine mächtig rauchende Dampflok empfinden wir als etwas Schönes. Dabei gibts bald niemanden mehr, der diese Ungetüme fahren kann.

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Peter Mosimann
17. September 2018

André Sasse (48) poliert die Antriebsräder auf Hochglanz.

Bahnpark Brugg AG, Sonntag, 9 Uhr: Eine kleine Gruppe von Männern – zur Mehrheit Pensionierte – macht sich über eine grosse Dame her: Die Männer putzen, ölen und fetten, sie demontieren Teile, flicken sie und bauen sie wieder zusammen, füllen die
30 000 Liter fassenden Wassertanks. Hinter dem Gebäude machen andere die Waggons parat für die nächste Ausfahrt: Scheiben putzen, Lampen flicken, Sitze montieren. Diese ganze Zuneigung gehört der Dampflokomotive mit dem Namen 141R1244 Mikado. Sie wird schön gemacht für den 30. September. Dann ist grosse Ausfahrt von Brugg an den Bodensee (siehe unten).

Frau – oder besser noch: Madame 141R1244 stammt ursprünglich aus Kanada, arbeitete aber von 1946 bis 1975 in Frankreich. Heute gehört sie dem Verein Mikado 1244. Sie ist eine der grössten Dampflokomotiven, die noch auf dem Schweizer Schienennetz verkehren. Inklusive Tender wiegt sie 192 Tonnen. Zum Vergleich: Eine moderne Elektro- Lokomotive, zum Beispiel die im Volksmund Lok 2000 genannte RE460, wiegt 84 Tonnen.

Ersatzteile für 210 000 Franken

Der Dampfkessel der 141R1244 erzeugt eine Leistung von fast 3000 PS. Damit kann sie bis zu zwölf Waggons ziehen, die Platz bieten für 600 bis 700 Fahrgäste. Auf so viele hoffen natürlich die Männer vom Verein Mikado 1244, welche die alte Dame seit Jahren hegen und pflegen. Mit solchen touristischen Fahrten versuchen sie, einen Teil der Kosten zu decken, die der Unterhalt der Lok verursacht. Auch wenn sie gratis arbeiten, die Ersatzteile müssen sie kaufen. «Allein die umfassende Restaurierung der Lok hat 210 000 Franken verschlungen – und ungezählte Arbeitsstunden», erzählt Hans-Peter Moser (38), der Präsident des Vereins. Zwölf Jahre lang wurde an ihr gearbeitet, bis sie 2011 wieder fahren durfte. Unter anderem musste eine moderne Zugsicherung eingebaut werden, damit die 141R1244 die Betriebsbewilligung erhielt.

Lokomotivführer bei der Arbeit: Urs Käser (54) im Führerstand der 141R1244.

Der Name ist übrigens keine zufällige Ziffern- und Buchstabenkombination. Die ersten drei Ziffern 1-4-1 benennen die Achsfolge: eine Laufachse, vier Antriebsachsen, eine Laufachse. Der Buchstabe R bezeichnet bei den französischen Staatsbahnen SNCF den Typ der Lokomotive. Die 1244 schliesslich ist einfach eine fortlaufende Nummerierung. Insgesamt standen 1323 dieser Lokomotiven in Frankreich im Einsatz. Der Zusatz Mikado, den auch der Verein in seinem Namen führt, stammt von der ursprünglich amerikanischen Bezeichnung der Lok.

Präsident Moser gehört noch zu den jüngeren Mitgliedern des Vereins. Das ist nicht untypisch, aber ein Problem: «Es ist eine unserer wichtigen Aufgaben, das Know-how weiterzugeben, wie man eine solche Lok unterhält und fährt – neben dem Erhalt der Lok als Industriezeuge», sagt Moser. Nur: Dafür braucht es junge Eisenbahnbegeisterte. Und daran mangelt es.

Zur aktuellen Ausbildung eines Lokführers gehören diese Kenntnisse auf jeden Fall nicht mehr, bestätigt André Sasse (48), der diesen Beruf bei den SBB ausübt. «Ein Lokführer muss heute nicht mehr Maschinenmechaniker sein, um im Notfall etwas selber reparieren zu können. Wir steuern den Zug mit zwei Joysticks und Computer», sagt Sasse. Zwei- bis dreimal im Jahr hat er Gelegenheit, die 141R1244 zu fahren. Neben ihm gibt es im Verein ein halbes Dutzend Lokführer, die sie steuern können.

Einen Tag lang vorheizen

Bereits einen Tag bevor die Lok am Sonntag in einer Woche auf grosse Fahrt geht, beginnen die Vorbereitungsarbeiten. «Wir müssen die Lokomotive einen Tag lang vorheizen, bevor wir sie in Betrieb nehmen können», erklärt Sasse. Die Lokführer müssen den Kessel anheizen und den Betriebsstoff erwärmen – die Lok fährt mit Öl, nicht mit Kohle. «Öl braucht etwa 70 Grad, bis es flüssig ist und mittels Dampfstrahl in die Brennkammer eingeblasen werden kann.» So lässt es sich auf den Leistungsbedarf regulieren und wird kontrolliert verbrannt.

Rote Raucherabteile?

Davon werden die Passagiere auf ihren grünen und roten Sitzbänken in den Personenwaggons aus den 60er-Jahren nichts merken. Ältere Bahnkunden erinnern sich wahrscheinlich noch gut: Rote Sitzbänke hiess Raucherabteil. Darf man dort wieder rauchen? Präsident Moser sagt es diplomatisch: «Wir erlauben es nicht ausdrücklich. Aber: Die Fenster sind offen, vorne raucht eine grosse Dampflok, da ist es wenig sinnvoll, in den Wagen ein striktes Rauchverbot durchzusetzen …»

Ausfahrt nach Romanshorn an den Bodensee

Dampflok 141R1244

Die 141R1244 auf der Gotthard-Dampffahrt am 7. September 1997, hier bei einem Halt in Lavorgo.

Die Dampflok 141R1244 fährt am Sonntag, 30. September, ab 9.23 Uhr von Brugg AG via Baden AG, Zürich-Altstetten ZH und Winterthur ZH an den Bodensee nach Romanshorn TG. Die Rückfahrt führt von Romanshorn via Ziegelbrücke GL, Zürich-Altstetten und Baden wieder nach Brugg. Die Tickets kosten zwischen 50 Franken (2. Klasse, einfache Fahrt) und 140 Franken (1. Klasse, Hin- und Rückfahrt). Kinder von 6 bis 16 Jahre fahren zum halben Preis, keine Vergünstigung mit GA und Halbtax. Ticketverkauf im Zug, Reservation empfohlen. Mehr Infos dazu