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Die sanften Riesen von Karisoke

Einst standen Ruandas Berggorillas am Rand der Ausrottung. Heute sind Dian Fosseys Schützlinge Botschafter der bedrohten Natur des Landes.

FOTOS
Winfried Schumacher, Alamy, Getty Images
19. März 2018
Berggorillas standen in den Sechzigerjahren am Rande des Aussterbens. Heute gibt es wieder 900. Die Primatologin Winnie Eckardt erforscht und erfasst die verschiedenen Berggorilla-Gruppen in Ruandas Wäldern: Es gibt noch immer viel zu tun. Schauen, was im Revier so vor sich geht: Berggorillas sind neugierig und wachsam. Ruanda verfügt über eine artenreiche Fauna. Auch der Schuhschnabel ist hier heimisch.

Berggorillas standen in den Sechzigerjahren am Rande des Aussterbens. Heute gibt es wieder 900. Die Primatologin Winnie Eckardt erforscht und erfasst die verschiedenen Berggorilla-Gruppen in Ruandas Wäldern: Es gibt noch immer viel zu tun. Schauen, was im Revier so vor sich geht: Berggorillas sind neugierig und wachsam. Ruanda verfügt über eine artenreiche Fauna. Auch der Schuhschnabel ist hier heimisch.


Berggorillas

Über dem Bergwald steigen dichte Nebelschwaden auf. Sie war eine starrsinnige, ja, eine schwierige Frau, sagt François Bigirimana (61). Und gerade deshalb war sie so gut für die Gorillas und Ruanda. Der Naturführer lässt den Blick gedankenversunken über die Silhouette der Virunga-Vulkane im Nordwesten des Landes schweifen. Wir brachten ihr Bananen, Maniok und Süsskartoffeln hinauf nach Karisoke, sie lebte da oben in aller Einfachheit.

Hart und unerbittlich: Die amerikanische Gorilla-Schützerin Dian Fossey (19321985) wurde in Ruanda ermordet.

1981 lernte Bigirimana die weltberühmte amerikanische Primatologin Dian Fossey (19321985) kennen. Damals arbeitete er noch als Träger in den Bergen nahe der Grenze zu Uganda und dem damaligen Zaire, später wurde er zum Mitarbeiter der Gorillaforscherin. Er ist einer der Letzten im Vulkan-Nationalpark, der Nyiramachabelli persönlich gekannt hat. So nennen die Ruander Fossey noch heute ehrfurchtsvoll die Frau, die allein in den Wäldern lebt.

Der mit den Gorillas spricht

Sie konnte so böse werden, wenn jemand den Gorillas nicht wohlgesonnen war, erinnert sich Bigirimana und lächelt. Die Leute fürchteten sie. Doch ihrer Härte ist es zu verdanken, dass wir die Tiere heute noch haben. Die Gorillas haben uns Elektrizität, Hotels, Schulen und Krankenhäuser gebracht.

Bigirimana ist heute einer der ältesten Gorilla-Guides in Ruanda. Jedes einzelne Mitglied der zehn an Menschen gewöhnten Gruppen kennt er persönlich, und er spricht ihre Sprache. Laut kreischend, knurrend und brummend gibt er Kostproben aus seinem Vokabular und trommelt sich in bester Gorillamanier mit den Fäusten auf die Brust.

Wenn ich Guhonda, unseren grössten Silberrücken, heute im Wald sehe, begrüssen wir uns wie alte Freunde, sagt Bigirimana. Kaum zu glauben, wie aggressiv er einmal war, damals, als Dian Fossey ihm zum ersten Mal begegnete.

Vorbei an vom Nebel verhüllten Baumriesen führt der Dian-Fossey-Weg immer tiefer in den Bergwald. Der Pfad war einst der Heimweg der Gorillaforscherin zu ihren Schützlingen. Aus dem Dschungel dringt das aufgeregte Gebrüll eines Menschenaffen. Urplötzlich steht ein Berggorilla am Wegrand, als habe ihn jemand als Türsteher im Nebelwald angestellt. Der zottelige Silberrücken beäugt misstrauisch die Touristen, die zum Grab der berühmten Zoologin pilgern.

Zum ersten Mal hatte Fossey die Berggorillas 1963 in Uganda zu Gesicht bekommen. Die Begegnung mit den Menschenaffen sollte nicht nur ihr Leben, sondern auch die Geschichte des Artenschutzes und der Verhaltensforschung prägen. Am 24.September 1967 gründete sie die Karisoke-Forschungsstation auf der ruandischen Seite der Virunga-Vulkane. Damals standen die Berggorillas noch am Rand des Aussterbens. Über Jahre näherte sich die Verhaltensforscherin den Tieren, studierte ihre Kommunikation und ihr Sozialleben.

Schauen, was im Revier so vor sich geht: Berggorillas sind neugierig und wachsam.

Ruanda verfügt über eine artenreiche Fauna. Auch der Schuhschnabel ist hier heimisch.

Kampf gegen Tierfänge

Von der ersten Hütte, in die die Primatologin zunächst einzog, sind nur noch die Fundamente erkennbar. Später richtete sich Fossey etwas oberhalb eine neue Unterkunft ein. Hier fanden Mitarbeiter am 27.Dezember 1985 den leblosen, mit einer Machete niedergestreckten Körper der Forscherin neben deren Bett. Ich bin sicher, dass es Wilderer waren, sagt Bigirimana. Der Mörder ist bis heute nicht gefasst. Bis zu ihrem Tod kämpfte Fossey gegen Tierfänger, die junge Gorillas an Zoos verkauften und aus Körperteilen ihrer Eltern und Geschwister Souvenirs herstellten. Sie wollte keine Touristen, sagt Bigirimana, sie fürchtete, dass sie für die Gorillas zur Gefahr werden könnten. Fossey machte sich auch Jäger zum Feind, die es auf die Büffel und Antilopen abgesehen hatten. Deren Fallen wurden auch für die Menschenaffen immer wieder zur Todesgefahr. Auch heute noch finden sie Ranger manchmal im Wald.

In Ruanda und Uganda hat der Schutz der Tiere inzwischen höchste Priorität. Mit dem Gorilla-Tourismus verdienen die beiden ostafrikanischen Länder Millionen. 2017 hat Ruanda den Preis für eine Begegnung mit den Tieren im Vulkan-Nationalpark auf 1500 US-Dollar angehoben. Der Schutzstatus hat dafür gesorgt, dass die Population der Berggorillas in den letzten Jahrzehnten immer weiter gewachsen ist. Inzwischen sollen es wieder mehr als 900 Tiere sein.

Erbarmungslos für das Tierwohl

Junger Schimpanse: Eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Menschen-Baby lässt sich nur schwer wegdiskutieren.

Die Bewahrung ihres natürlichen Lebensraums kommt auch vielen anderen Arten zugute. In den Virunga-Bergen profitieren andere Primaten wie die Goldmeerkatzen und seltene Vogelarten davon. In Uganda ist der Bwindi-Regenwald, in dem fast die Hälfte aller Berggorillas lebt, auch einer der letzten Rückzugsorte für Schimpansen und Mantelmangaben.

Auf einer Lichtung im Urwald ist neben dem Gorillafriedhof von Karisoke eine Gedenktafel für Dian Fossey angebracht. Niemand liebte die Gorillas mehr, steht darauf geschrieben, daneben liegt Digit, das erste Männchen aus einer Gruppe von Gorillas, dessen Vertrauen Fossey gewann. Digit wurde 1977 von Wilderern umgebracht. Dass sie ihn getötet haben, war für mich vermutlich das traurigste Ereignis in all den Jahren, schrieb sie später.

Nach Digits Tod setzte Fossey ihren Kampf gegen Wilderer mit zunehmender Härte fort. Erbarmungslos liess sie Eindringlinge in das Revier der Gorillas verfolgen und verprügeln. Launisch, verbittert, oft betrunken soll sie in den letzten Wochen vor ihrem Tod gewesen sein. Kollegen begegnete sie nicht selten mit Herablassung, ihren ruandischen Mitarbeitern mit herrischem Kolonialgebahren. Das tat ihrem späteren Ruf als Schutzheilige der Gorillas keinen Abbruch. Sie hat ihr Ziel erreicht, sagt Bigirimana, aber sie durfte es nicht mehr erleben, dass ihre Gorillas sicher sind.

Dian verdanken wir, dass wir die Gorillas heute noch haben.»

François Bigirimana, ehemaliger Mitarbeiter von Dian Fossey

Gorillas sind weiterhin verwundbar

Ich wünschte, Dian Fossey könnte den enormen Erfolg ihrer Schutzbemühungen selbst sehen, sagt Winnie Eckardt (40), ihr ist es zu verdanken, dass die Berggorillas die einzigen Menschenaffen der Erde sind, deren Population wächst. Die Leipziger Primatologin ist gerade von einem Einsatz in den Virunga-Vulkanen zurück. Gemeinsam mit ruandischen Studierenden erfasst sie Daten von verschiedenen Gorillagruppen im Nationalpark. Ihr Büro hat sie in einem schlichten Gebäude in Ruhengeri etwas ausserhalb der Parkgrenzen. Die Dian-Fossey-Gorilla-Stiftung richtete hier ihr Hauptquartier ein, nachdem die Karisoke-Forschungsstation im Nationalpark infolge des Bürgerkriegs aufgegeben worden war. Gerade erinnert dort eine Ausstellung an die 50-jährige Erforschung der Berggorillas.

Wir haben einiges erreicht, sagt Eckardt, aber es gibt noch immer viel zu tun. Der Druck durch eine wachsende Bevölkerung, die Gefahr durch eingeschleppte Krankheiten und der Einfluss von Klimaschwankungen auf das Nahrungsangebot der Berggorillas machen die kleinen Populationen der Tiere weiterhin verwundbar. Trotz allem blickt die Forscherin aber optimistisch in die Zukunft. Die Ruander sind sehr stolz auf ihre Gorillas und wissen um den Wert der Tiere, sagt Eckardt, ihre Gesundheit und ihre Wanderbewegungen werden streng überwacht, so- dass Gorilla-Wilderei praktisch nicht mehr vorkommt.

Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Reiseveranstalter Lets go Tours, der zwei aussergewöhnliche Rundreisen in Ruanda anbietet.

Ruanda

Unser Bild von Ruanda ist noch immer stark vom Genozid an den Tutsi geprägt. Doch der oft kritisierte Präsident Kagame gibt dem Land wieder Hoffnung.

Ruanda rappelt sich auf

Der kleine Binnenstaat Ruanda grenzt an Uganda, Tansania, Burundi und die Demokratische Republik Kongo. Mit einer Fläche von 26338 Quadratkilometern ist er zwar einen Drittel kleiner als die Schweiz, mit etwa 13 Millionen Einwohnern aber eines der am dichtesten bevölkerten Länder der Erde. Als ehemalige deutsche Kolonie und später belgisches Mandatsgebiet wurde das Land 1962 unabhängig.

Tutsi vs. Hutu

Der jahrzehntelang schwelende Konflikt zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi mündete in einen der grössten Völkermorde der jüngeren Geschichte. Auslöser für den Genozid an der Tutsi-Minderheit war das Attentat auf den Hutu-Präsidenten Juvénal Habyarimana. Sein Flugzeug wurde am 6.April 1994 von einer Rakete abgeschossen. Radikale Hutu-Milizen lasteten den Anschlag den Tutsi an. Mindestens 800000 Tutsi, aber auch gemässigte Hutu, fielen daraufhin mordenden Banden zum Opfer. Die Pogrome nahmen erst ein Ende, nachdem die Patriotische Front des heutigen Präsidenten Paul Kagame (60) von Uganda aus einmarschiert war. Kagame, ein Tutsi, wurde am 4.August 2017 zum dritten Mal im Amt bestätigt.

Aufgrund der raschen Stabilisierung, des wirtschaftlichen Aufschwungs und der ökologischen Reformen gilt Ruanda heute als Vorbild für andere Staaten Afrikas. Gleichzeitig wird Kagame von Kritikern für die Einschränkung der Pressefreiheit, die Unterdrückung der Opposition und demokratischer Grundrechte verantwortlich gemacht.

Hoffen auf Tourismus

Das Land hat eine gute touristische Infrastruktur. Neben den Berggorillas in den Virunga-Vulkanen zieht vor allem die artenreiche Tierwelt des Akagera-Nationalparks im Osten immer mehr Besucher an. Nach der jüngsten Auswilderung von Nashörnern und Löwen beherbergt das Schutzgebiet heute wieder die Big Five der Savanne, neben den Genannten auch Elefanten, Afrikanische Büffel und Leoparden.