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Dr. Lavendel

Ruud Veelenturf ist Hirn, Herz und Hand des innovativen Lavendelzuchtbetriebs Van der Salm in Boskoop. Wie es die Namen erahnen lassen, geht es bei dieser Geschichte nicht um Lavendel aus Frankreich, sondern aus Holland.

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Peter Mosimann
11. Juni 2018

Züchter Ruud Veelenturf mit einer vielversprechenden neuen Lavendelsorte. Der kanalreiche Ort Boskoop im grünen Herz Hollands. So fängt die Zucht einer neuen Sorte an: mit einem Lavendelsteckling.


In Holland wächst Schopflavendel heran, der vielleicht in einem Schweizer Garten landet.

Unglaublich, aber wahr: Die neusten und besten Sorten des Lavendels, der lila Strauchpflanze, die viele sofort und fast automatisch mit dem Stichwort Provence verbinden, werden im holländischen Dorf Boskoop gezüchtet. Je eine halbe Fahrstunde von den Städten Amsterdam, Den Haag und Rotterdam entfernt, ist diese torfreiche, einst sumpfige Gegend von zahlreichen Kanälen durchzogen.

Nicht nur die meisten Einfamilienhäuser sind umringt von Kanälen, auch die Nursery (engl. Kinderkrippe, aber auch Gärtnerei, Baumschule) Van der Salm ist es. Passend bezeichnet der fürs Lavendelzüchten verantwortliche Ruud Veelenturf (35) neu gesteckte Jungpflanzen liebevoll als seine Babys. Schon mit 16 arbeitete Ruud in den Schulferien bei Van der Salm und entdeckte dabei seine Passion für Pflanzen. Er liess sich zum Gartenbauingenieur ausbilden und leitet nun im Van-der-Salm-Testzentrum in Boskoop die Zuchtabteilung. Dr. Lavendel, wie er genannt wird, entwickelt die neuen Sorten seiner Lieblingspflanze manuell, also ohne moderne Biotechnologie.


Worauf der Tüftler hinzüchtet

Ruuds Zuchtziele sind klar: Möglichst gross sollen die Blüten sein und möglichst lange blühen. Zudem soll die Pflanze möglichst buschig und kompakt wachsen, auf dem Weg zu den Konsumenten wenig Wasser verdampfen und keinen Schimmelpilz entwickeln. Voilà.

Dies zu erreichen, erfordert klösterlich viel Zeit und Geduld und nahezu endloses Pröbeln. Mit meiner ersten eigenen Züchtung, dem Schopflavendel Anouk, habe ich seit dem Jahr 2000 etwa 50000 Versuche gemacht, sagt Ruud Veelenturf. Von 3000 Mutterpflanzen hat er winzige neue Jungpflanzen gesteckt. Die pflegt er voller Hingabe: Er benetzt und bedeckt sie und beobachtet, wie schnell sie Wurzeln entwickeln und wachsen. Sind sie grösser, kommen die Pflanzen in einen Raum, der die Bedingungen im Kühlwagen imitiert. Es folgt ein Aufenthalt im Raum, der das Kunstlicht, die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit in Verkaufsläden aufweist. Und dann pflanzt Ruud sie draussen im Feld aus. Er testet also all das, was die Pflanzen erleben, die von Holland in die Schweiz transportiert, nach einigen Tagen im Laden gekauft und dann in unsere Gärten gesetzt werden.

Mit meiner ersten Züchtung machte ich 50000 Tests.»

Ruud Veelenturf

Natürliche Kreuzungszüchtung

Lavendel-Produktionshallen mit riesigen Tischfeldern.

Im Gartenfeld des Testzentrums beobachtet und kontrolliert Dr. Lavendel, wie rasch die ausgepflanzten Sorten nach dem ersten Blühen und dem Rückschnitt erneut blühen. Beim winterharten echten Lavendel (Lavandula angustifolia) will er herausfinden, wie gut sie den Winter überstehen und im Frühling wieder wachsen. Die schwächeren Testpflanzen fallen aus dem Zuchtprogramm raus, die starken kreuzt er durch Bestäubung mit Sorten, die wieder andere gute Eigenschaften haben. So entstehen auf natürliche Weise immer robustere Pflanzen, die ganz ohne Pestizide gedeihen.

Pro Jahr kreiert Ruud zehn bis zwölf vielversprechende neue Sorten. Diese tragen vorerst nur eine Nummer. Erst nach der Langtestphase von vier bis fünf Jahren erhalten sie ihren Namen. Der Schopflavendel (Lavandula stoechas) Anouk Carmen entstand so oder die Angustifolia Felice Royal Blue, Dark Surprise oder die fast weisse Light Pink. Denn natürlich sind auch immer neue Farben gefragt.

Lavendel bei Coop - Momentan zehn Sorten

Beispiel: Lavendel angustifolia aromatico. Den betörenden Duft verströmt er beim Berühren der Blätter. Der 12-cm-Topf kostet Fr. 6.95. Schopflavendel gibt es auch in Bio-Qualität.

Ruud ist auf alle Neuschöpfungen stolz, doch besonders auf die Lavandula stoechas Nummer 16904, die er in zwei Jahren zu taufen hofft. Ihre lila Schopfblüten sind schon unglaublich schön und gross, aber bis sie es in die Läden schafft, muss sie noch robuster werden. Ruud bleibt dran.

Der Van-der-Salm-Betrieb hat in Holland natürlich nicht nur das kreative Zuchtzentrum, sondern auch riesige Produktionsanlagen. Dies sind Hallen und Felder beziehungsweise eine Mischung aus beidem. Anders als in der Provence, wo der Lavendel am Boden wächst, stehen die Lavendeltöpfe hier auf Tischen, die maschinell auf Schienen bewegt werden. Die Glasdächer der 30000 m grossen Hallen lassen sich verschieben, so sind die gigantischen Tischfelder teilweise gedeckt und teilweise nicht. Ein Paradies für Bienen. Menschen sieht man hingegen nur wenige bei der Arbeit.

Van der Salm liefert jährlich 30 Millionen Töpfe aus, die meisten davon nach Deutschland, 200000 in die Schweiz. Dass auch in hiesigen Gärten immer mehr holländische Lavendelpflanzen wachsen, ist Harald van Meurs zu verdanken. Der einheimische Zwischenhändler machte die Gartenexperten von Coop auf den innovativen Lavendelzuchtbetrieb aufmerksam und stellt die marktreifen neuen Sorten vor.


Kalte Winde stärken die Pflanzen

Salm-Lavendel aus Holland wird auch in Portugal angepflanzt. Dort geht es ums Züchten für die Lavendelölproduktion. Dereinst sollen so Parfums, Pflanzenschutzmittel und Heilmittel entstehen. Dieses portugiesische Öl ist schon fünf Mal intensiver als Lavendelöl aus der Provence, verrät van Meurs. Dies habe mit Portugals kalten Atlantikwinden zu tun, welche die Pflanzen stärken. Aber das ist eine andere Geschichte.

Und wie fein Lavendel duftet das muss nicht erzählt, sondern erschnuppert werden.