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Hypnose: Mehr als Hokuspokus

Irgendwo zwischen Scharlatanerie und Esoterik siedeln die meisten Leute Hypnose an. Dabei ist sie eine medizinische Therapieform, deren Wirksamkeit wissenschaftlich belegt ist.

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Tobias R. Dürring
23. April 2018

Langfristig ist Rauchentwöhnung durch Hypnose anderen Therapien überlegen. Weil Hypnose Zugang zu Unterbewusstsein, Erinnerungen und Gefühlen schafft, eignet sie sich sehr gut, um Phobien und Angstzustände zu therapieren.

Erst zittern meine Augenlider nur ganz leicht, dann immer mehr. Ich bin kurz davor, sie mit den Händen festzuhalten, weil mich das Zucken so irritiert. Dieses Lidflattern ist ein Trancezeichen, erklärt Ursula Speck (53). Es tritt typischerweise zu Beginn einer Trance auf. Ich bin verwirrt. Das war Hypnose? Mit geschlossenen Augen in einem Sessel zu sitzen und zu versuchen, sich auf sein Inneres zu konzentrieren, reicht schon aus, um in Trance zu geraten?

Es gibt viele falsche Vorstellungen über Hypnose, weiss Ursula Speck. Dabei sei sie ein natürlicher Zustand, den man sogar im Alltag erlebe. Wenn wir etwa in ein Buch vertieft sind oder im Zug zum Fenster hinausschauen und vor uns hin träumen, sind wir in einem hypnotischen Zustand. Die medizinische Hypnose sei nichts anderes als eine besondere Form der Kommunikation zwischen Therapeut und Patient, um auf eine andere Bewusstseinsebene als die alltägliche zu gelangen. Auf dieser Ebene erhalte man direkteren Zugang zu Gefühlen, Fantasie und Intuition. Mit herkömmlichen therapeutischen Gesprächen kann man viel bewegen. Aber es ist schwierig, ein Problem, das auf der emotionalen Ebene entstanden ist, auf der rationalen zu lösen.

 

Ohne Nadeln gegen den Schmerz

 

Speck spricht aus Erfahrung: Seit 2005 führt sie am Kantonsspital St. Gallen Hypnosetherapien durch. Ich hatte nach einer Behandlung für unsere chronischen Schmerzpatienten gesucht, die ohne Nadeln auskommt, erklärt die Oberärztin an der Klinik für Anästhesiologie, Intensiv-, Rettungs- und Schmerzmedizin. So entdeckte sie Hypnose. Heute ist sie Vorstandsmitglied der Schweizerischen Ärztegesellschaft für Hypnose SMSH und führt auch Weiterbildungen durch.

Hypnosetherapie habe sich als wertvolle Ergänzung zu den anderen Angeboten am Schmerzzentrum des Kantonsspitals erwiesen, sagt die 53-Jährige. Schmerzpatienten haben selten nur Schmerzen. Viele leiden zum Beispiel auch unter Ängsten, Depressionen oder haben schwere Schicksalsschläge zu bewältigen, weiss die Anästhesistin. Bei der Hypnose kann ich den ganzen Patienten und seine Geschichte betrachten. So ist es häufig möglich, die Ursache eines unklaren Schmerzzustandes zu klären und im Idealfall aufzulösen.

Es ist ein Irrglaube, dass man durch Hypnose dazu gebracht werden kann, Dinge zu tun, die man ablehnt.»

Ursula Speck (53), Oberärztin Kantonsspital SG

Akute und chronische Schmerzen sind nur eines der zahlreichen Einsatzgebiete von Hypnose. Sie ist etwa auch geeignet, um Leute mit Phobien und Angstzuständen, Schlafstörungen, stressbedingten Krankheiten oder Suchterkrankungen zu behandeln. Diverse Studien zeigen, dass Hypnose in solchen Fällen signifikante Verbesserungen ermöglicht. Für die besonders gerne mit Hypnose angegangenen Rauchentwöhnung etwa haben Forscher der Universität Tübingen (D) nachgewiesen, dass sie anderen therapeutischen Verfahren vor allem langfristig gesehen überlegen ist. Mittelfristig können mit nur drei Hypnose-Sitzungen Abstinenzraten von fast 90 Prozent erreicht werden.

 

Kein Schalter im Unterbewusstsein

 

Damit solche Resultate erzielt werden können, sei aktive Mitarbeit des Patienten Pflicht, erklärt Speck. Eine passive Einstellung und unrealistische Erwartungen etwa dass der Therapeut im Unterbewusstsein einen Schalter umlegt und sich das Problem so erledigt führen meist nicht zum Erfolg. Stattdessen finden die meisten Menschen in der Trance Zugang zu inneren Instanzen, mit denen sie ihr Problem lösen können. Gerade bei Suchterkrankungen wie etwa beim Rauchen oder Essstörungen sei deshalb wichtig, dass der feste Entschluss zum Aufhören bereits gefasst sei. Hypnosetherapie kann eine grosse Unterstützung sein, dieser inneren Überzeugung treu zu bleiben.

Rund 80 Prozent der Menschen können Trance-Zustände gut erleben, zehn Prozent sind sogar sehr empfänglich dafür. Bei weiteren zehn Prozent funktioniert Hypnose hingegen nicht. Meiner Meinung nach betrifft dies vor allem Menschen, welche die Kontrolle nicht abgeben können oder wollen, berichtet Speck. Häufig sind dies Personen, die in ihrer Vergangenheit Missbrauch erlebt haben. Tatsächlich muss, wer sich hypnotisieren lässt, Kontrolle abgeben können. Deshalb ist man aber nicht willenlos, wie viele meinen. Auch in Trance realisiere man, wenn etwas in einem Widerstände auslöse. Darum ist es ein Irrglaube, dass man durch Hypnose dazu gebracht werden kann, Dinge zu tun, die man ablehnt.

Auch dass man aus der Hypnose nicht mehr aufwachen könnte, gehöre ins Reich der Mythen und Märchen. Hypnose ist eine sichere und effiziente Methode, verspricht die Anästhesistin. Wird sie von Laien eingesetzt, kann sie aber Schaden anrichten. So könne es passieren, dass sich jemand in Trance an belastende Erlebnisse erinnert. Dann braucht es eine grosse hypnothera-
peutische Erfahrung und ein solides psychotherapeutisches Wissen, um einen Menschen kompetent durch solche Erlebnisse und Gefühle hindurch zu begleiten.

Hypnosetherapeut ist kein geschützter Begriff. Deshalb sollte man sich vor dem Beginn einer Therapie über die Fachkompetenz des Anbieters informieren. Fachgruppen wie die Schweizer Ärztegesellschaft für Hypnose SMSH oder die Gesellschaft für klinische Hypnose Schweiz GHYPS führen Therapeutenlisten mit klinisch erfahrenen Fachleuten aus Psychologie und Medizin, die strenge ethische Richtlinien einhalten. Hypnosetherapie kann durch entsprechend ausgebildete Spezialisten im Rahmen der ärtzlichen Sprechstunde angeboten und abgerechnet werden. Je nach Patient und Problem sind etwa 5 bis 20 Sitzungen nötig.

 

Zurück im Hier und Jetzt

 

Trance fühlt sich für jeden Patienten anders an. Generell tritt eine erhöhte Fokussierung auf das Innere und die Gefühle auf. Ablenkende Aussengeräusche verschwinden. Dies manifestiert sich auch körperlich: Die Theta-Aktivität im Hirn nimmt zu. Theta-Wellen entsprechen einem leichten Schlaf, in dem man nur noch auf starke, wichtige Umweltreize reagiert. Weiter sinken in Trance Puls, Blutdruck und Atemfrequenz. Der Anteil der Stresshormone im Blut geht zurück, die Muskulatur entspannt sich.

Das Licht ist grell. Ich blinzle und wackle mit den Zehen, um meinen Körper wieder richtig wahrzunehmen. Wie war es?, fragt mich Ursula Speck. Mir fehlen die richtigen Worte, um die Erfahrung in Trance zu beschreiben. Aber etwas kann ich sagen: Ich fühle mich komplett entspannt.

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