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Im Rausch der Sinne

Unsere Sinnesorgane sind unser Kontakt zur Aussenwelt, unser Fenster zum Geschehen um uns herum. Ohne sie wären wir verloren. Warum das Leben im wahrsten Sinne des Wortes sinnvoll ist.

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Getty Images; Montage: Coopzeitung
21. Mai 2018

Ohne Geschmackssinn würde Glaceschlecken keinen Spass machen. Unsere Augen sehen Punkte erst im Gehirn entsteht daraus ein Goldfisch. Töne erzeugen Schallwellen, die unsere Ohren fast gleichzeitig erreichen. Der Tastsinn warnt uns unter anderem vor Gefahren wie Kaktusstacheln. Gerüche wie Fliederduft können in uns Glücksgefühle auslösen.

 

Diese Blütenpracht! Dieser intensive Fliederduft! Dieser überwältigende Geschmack der ersten reifen Beeren! Der Frühsommer ist ein Fest der Sinne.

 

Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in der Wahrnehmung wäre, besagt ein arabisches Sprichwort. Diese erfolgt über die fünf Sinne: Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken. Augen, Ohren, Haut, Nase und Zunge scannen pausenlos die Umgebung, nehmen Reize auf, die das Gehirn verarbeitet.

Neurobiologisch gesehen haben wir nicht nur fünf, sondern acht Sinnesorgane, erklärt Jean-Marc Fritschy (62), Professor für Neuropharmakologie an der Universität Zürich sowie Vorstandsmitglied der Schweizerischen Hirnliga, welche die neurobiologische Forschung in der Schweiz unterstützt. Rezeptoren in der Haut und den inneren Organen sind für das Aufspüren potenziell schädlicher Reize und die Schmerzwahrnehmung zuständig. Sinneszellen in Muskeln und Sehnen informieren das Hirn über die Position und Bewegung von Körperteilen unabdingbar für eine koordinierte Bewegung. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr schliesslich sorgt für die Orientierung im Raum und verleiht uns den Gleichgewichtssinn.

Nicht alles ist schmackhaft, was wohl schmeckt.»

Michel de Montaigne (15331592), Französischer Philosoph

Die Sinne sind die Schnittstellen zu unserer Umwelt und eng mit Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Gefühlen verbunden, sagt der Hirnforscher. Viele Sinneseindrücke werden im Gedächtnis gespeichert und bestimmen damit unser Verhalten sowie unsere kognitiven also das Denken, Verstehen oder Wissen betreffenden Fähigkeiten.

Für jeden Sinn gibt es eine eigene Hirnregion. Erst in jüngerer Zeit machten Forscher eine spektakuläre Entdeckung: Die Sinne und die dazugehörigen Gehirnareale sind keine Einzelkämpfer sie arbeiten zusammen und kombinieren die gelieferten Informationen pausenlos. Man nennt dies multisensorische Wahrnehmung.

Man kann vieles unbewusst wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht weiss.»

Fjodor Michailowitsch Dostojewski (18211881), russischer Schriftsteller

Die Schaltzentrale

Das Auge fängt Licht auf, das Ohr registriert Schall, die Haut reagiert auf Druck, Vibration, Dehnung, Gewebeschäden und Temperatur. Die Zunge zerlegt chemische Schmeckstoffe und die Nase befasst sich mit chemischen Duftmolekülen. In allen Sinnesorganen gibt es Rezeptorzellen, die die von aussen kommenden Reize registrieren und für das aus Rückenmark und Gehirn bestehende zentrale Nervensystem in eine verständliche Sprache übersetzen.

Sehen und gesehen werden

Im Auge trifft das Licht auf Fotorezeptoren: 120 Millionen Stäbchen teilen das ankommende Licht in Hell und Dunkel ein, während 7 Millionen Zapfen je nach Typ den Farbbereich Rot, Blau oder Grün registrieren. Licht besteht aus elektromagnetischen Wellen, die die Sinneszellen in chemische und dann in elektrische Signale transformieren. Deren Verarbeitung erfolgt im visuellen Zentrum im Hirn, der primären Sehrinde. Auf der Netzhaut kommen nur Lichtpunkte und Flecken an, erst das Hirn setzt daraus ein Bild zusammen.

Wir bewegen unsere Augen bis zu dreimal pro Sekunde. Damit wir nicht verschwommen oder verwackelt sehen, unterdrückt das Hirn während dieser Bewegungen die visuelle Information. Die entstehenden kleinen Wahrnehmungslücken füllt es mit nachfolgenden Sinneseindrücken auf. Auf ähnliche Weise korrigiert das Gehirn das Bild, wenn wir beispielsweise rennen.

 

Wir sind ganz Ohr

 

Die Augen spielen auch beim Hören eine wichtige Rolle. Wir verstehen unser Gegenüber besser, wenn wir gleichzeitig auf seine Lippen schauen können. Vor allem, wenn die Person einen starken Akzent hat oder bei Lärm. Genau wie Gehörlose lesen auch Hörende von den Lippen ab. Das Hirn unterscheidet nicht zwischen Sätzen, die es über das Auge oder das Ohr empfängt.
Geräusche sind Schallwellen, die die 15000 Haarsinneszellen im Innenohr auffangen. Dort werden die akustischen in elektrische Signale umgewandelt, die ins Hörzentrum im Hirn reisen, in die auditorische Rinde.

Um herauszufinden, wo ein Rufer steht oder woher ein Geräusch kommt, nutzen wird den minimalen Zeitunterschied, mit dem die Schallwellen das erste und dann das zweite Ohr erreichen. Spricht jemand, zwitschert ein Vogel oder fällt eine Tür zu, geraten Luftmoleküle in Bewegung. Das Tempo, mit dem sie vor- und zurückschwingen, ergibt die Tonhöhe. Die Heftigkeit ihrer Bewegungen, den Schalldruck, interpretieren wir als Lautstärke.

Eine Meisterleistung vollbringt das Gehirn in einer Menschenmenge: Es trennt wichtige von weniger wichtigen Geräuschen. Kommen die Laute vom Gesprächspartner oder vom Tisch nebenan? Die zweite Quelle ignoriert das Hirn zugunsten der Verständlichkeit der ersten weitgehend. Dieser Effekt heisst Cocktailparty-Phänomen. Neben der Richtung erkennt das Hörsystem noch weitere Eigenschaften des Schalls. So identifiziert das Hirn Tonquellen aufgrund ihrer physikalischen Merkmale: Welche Frequenz hat der Schall? Wie laut ist er und wie schnell verklingt er?

 

Reine Gefühlssache

 

Der Tastsinn entwickelt sich vor allen anderen Sinnen, denn Föten registrieren Berührungen schon ab der siebten Schwangerschaftswoche. Er besteht aus 300 bis 600 Millionen Sinneszellen mit verschiedenen Aufgaben. Druckrezeptoren in der Unterhaut erkennen Druckänderungen, Vibrationen und Dehnungen. Tastrezeptoren sitzen in der unbehaarten Haut, etwa an Fingerspitzen, Fusssohlen oder Brustwarzen. In der Lederhaut finden sich Schmerz- und Temperaturrezeptoren, die Informationen über Gewebeschäden, Wärme und Kälte sammeln. In elektrische Signale transformiert, gelangen die Reize in die somatosensorische Rinde im Hirn.

Welche Berührung sich gut anfühlt oder nicht, ist individuell verschieden. Wichtig ist vor allem, wer einen anfasst und in welcher Situation. Besonders empfänglich sind wir für Streicheleinheiten: Nie fühlen wir uns geborgener, geliebter oder entspannter.

Man sieht oft etwas hundert Mal, tausend Mal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.»

Christian Morgenstern (18711914), deutscher Dichter

Manche Menschen jedoch nehmen ihren Körper nicht richtig wahr. Magersüchtige fühlen sich zu dick, obwohl sie extrem dünn sind. Deutschen Wissenschaftlern zufolge ist bei ihnen der Tastsinn gestört vermutlich wegen fehlendem Körperkontakt als (Klein-)Kind. Interessanterweise nahmen Testpersonen zu, die dreimal täglich eine Stunde lang einen speziellen Neopren-Anzug trugen, der Druck auf die Tastsensoren ausübt.

 

Der Duft der grossen, weiten Welt

 

Immer der Nase nach, heisst es. Dafür sorgen Riechsinneszellen in der oberen Nasenmuschel. Dockt ein Duftmolekül an, wird dieser chemische Reiz über einen der beiden Riechnerven zur Riechrinde im Hirn weitergeleitet. Der Mensch kann über eine Billion verschiedener Düfte unterscheiden!

Gerüche lösen in uns gute oder schlechte Gefühle aus. Ein bestimmter Duft kann einen in Panik versetzen, weil er an ein erlittenes Trauma erinnert, aber auch die Erinnerung an ein längst vergessenes, schönes Erlebnis erwachen lassen.

Hat ein Mensch den Geruchssinn verloren, schmeckt für ihn nicht nur das Essen fad, ihm fehlt auch ein wichtiges Warnsystem, das ihn vor Gefahren wie Gas, Feuer oder verdorbenem Essen
bewahrt. Jean-Marc Fritschy: Man unterschätzt die Bedeutung des Geruchs- und des Geschmackssinns.
 

 

Eine Frage des Geschmacks

 

Die Zunge tastet Dinge ab, checkt die Konsistenz von Speisen, prüft deren Temperatur. Aber die auf ihr liegenden Geschmacksknospen unterscheiden nur zwischen Süss, Sauer, Bitter, Salzig und Umami (fleischig, herzhaft). Die von der Nahrung stammenden chemischen Reize lösen biochemische Reaktionen aus, welche die Informationen ins Limbische System im Hirn tragen. Jenes Areal also, das neben der Riechrinde auch die Geruchsinformationen verarbeitet. Eigentlich logisch, denn 90 Prozent dessen, was wir beim Essen schmecken, beruht auf den Leistungen der Nase.

Überraschenderweise gibt es auch Geschmacksrezeptoren in der Magen- oder Darmschleimhaut. Sie helfen, die Verdauung und Sättigung zu regulieren. Bitterrezeptoren in den Atemwegen sollen die Aufnahme giftiger, gefährlicher Stoffe verhindern und gegebenenfalls Würgereiz auslösen.

Düfte sind die Gefühle der Blumen.»

Heinrich Heine (17971856), deutscher Schriftsteller

Was wir mögen und was nicht, beginnt sich bereits im Mutterleib zu entwickeln, denn die Ernährung der Mama beeinflusst unsere späteren Vorlieben bei Tisch. Doch es gibt noch andere äussere Einflüsse: So schmeckt Orangensaft nach Kirsche, wenn er rot gefärbt ist und umgekehrt. Und spielt man Versuchspersonen beim Chipsessen unterschiedliche Kaugeräusche vor, beeinflusst das die Wahrnehmung von Frische und Knusprigkeit. Zudem werden viele Lebensmittel aromatisiert wir schmecken also Dinge, die gar nicht da sind.

Das ist echt Sinn-los

Geht ein Sinn verloren, fehlt eine wichtige Informationsquelle. Doch das Gehirn versucht mit den übrigen Sinnen zu kompensieren, erklärt Jean-Marc Fritschy. Zum Beispiel verfügten Probanden, denen man die Augen verband, bereits nach 90 Minuten über einen besseren Tastsinn als zuvor.

Fehlt ein Sinn, können Menschen erstaunliche Fähigkeiten entwickeln. So untersuchen in Deutschland stark sehbehinderte oder blinde medizinische Tastuntersucherinnen den Busen von Frauen auf Geschwülste. Sie schaffen es, selbst kleinste Veränderungen ab einer Grösse von sechs Millimetern zu detektieren. Gynäkologen spüren erst Gebilde von ein bis zwei Zentimetern. Auch gibt es gehörlose Menschen, die wunderschön singen oder tanzen sie nehmen den Rhythmus über die Schallwellen wahr. Berühmt ist der Fall von Ludwig van Beethoven (17701827), der weiter komponierte, obwohl sich sein Gehör ab seinem 30. Lebensjahr zunehmend verschlechterte, bis er schliesslich ganz taub war. Er hatte den Klang der Noten im Gedächtnis gespeichert.

Eine Rolle spielt es allerdings, wann jemand sein Gehör, sein Augenlicht oder seine Riechfähigkeit eingebüsst hat. Ist der Verlust angeboren, sind die Kompensationen viel stärker, erläutert Jean-Marc Fritschy. Die Betroffenen entwickeln bessere Fähigkeiten als jemand, der sein Handicap im Verlaufe des Lebens durch Unfall oder Krankheit erwirbt.

Es hört doch jeder nur, was er versteht.»

Johann Wolfgang von Goethe (17491832), deutscher Schriftsteller

Der Verlust welchen Sinnes am dramatischsten ist, lässt sich nur schwer sagen. Fritschy: Der Hörsinn ist essenziell, um sprechen zu lernen und schützt uns vor Unfällen. Ohne Schmerzempfindung ist man sehr gefährdet. Der Verlust des Augenlichts ist zwar nicht lebensbedrohlich, beeinträchtigt die Betroffenen aber sehr stark. Und der Verlust von Geschmacks- und/oder Geruchssinn führt oft zu Depressionen.

Manchmal reagiert das Hirn auf den fehlenden Input eines ausgefallenen Sinns mit Erfindungen selbst gemachten Schmerzen, Geschmäckern, Gerüchen oder Geräuschen. Beteiligt an diesen (unangenehmen) Fehlwahrnehmungen ist wohl auch das (unbewusste) Gedächtnis.

Der sechste Sinn

Es soll Menschen geben, die drohendes Unheil wahrnehmen. Solche, die spüren, wenn jemand in Not ist, obwohl er sich weit weg befindet. Einige sehen oder ahnen auch künftige Ereignisse voraus. Ist das Zauberei? Oder gar Hexerei, wie man im Mittelalter glaubte? Nichts von alledem! Es ist die Intuition, das berühmte Bauchgefühl.

Doch wie entsteht das Bauchgefühl? Fritschy: Niemand kann zum Beispiel beschreiben, welche Geräusche er in den letzten fünf Minuten gehört hat. Das ist nur bei jenen möglich, die man bewusst wahrgenommen hat. Dennoch beeinflussen diese Reize die Hirnfunktion und manche davon werden unbewusst im Gedächtnis gespeichert. Der sechste Sinn beschreibt vermutlich die Fähigkeit einzelner Menschen, sich bewusst Zugang zu diesen versteckten Informationen zu verschaffen.

Wenn die Sinne schwinden

Geräusche, Bilder, Gerüche lösen Gefühle in uns aus, bauen Erinnerungen auf. Einzeln betrachtet, sind die Sinne des Menschen nicht besonders gut. Adler sehen viel besser als wir, Hunde hören und riechen besser, so Fritschy. Aber zusammen ermöglichen unsere Sinne alles, was wir brauchen, um zu leben und uns fortzupflanzen.

Blöd nur, dass unsere Sinne mit zunehmendem Alter schwinden: Wir hören schlechter, sehen nicht mehr gut, schmecken und riechen weniger.

Geniessen wir also, was wir haben solange wir es haben.

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Hautkontakt ist sehr wichtig

Ende der 1970er-Jahre herrschte auf der Intensivstation eines Spitals in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá eine Notsituation. Immer mehr zu früh oder zu leicht geborene Babys wurden entweder krank oder starben, weil Brutkästen und Pflegepersonal fehlten. In ihrer Verzweiflung kamen die Krankenschwestern auf die Idee, die Kinder jeden Tag mehrere Stunden lang der Mutter oder dem Vater auf die nackte Brust zu legen. Mit durchschlagendem Erfolg: Die meisten Frühchen konnten früher nach Hause gehen, wurden weniger krank und auch die Sterberate sank deutlich. Diese aus der Not geborene Massnahme ist heute als Känguru-Methode bekannt und wird weltweit angewendet. Nicht nur die Gesundheit der Neugeborenen verbessert sich auf diese Weise, auch die Eltern können leichter eine emotionale Bindung zu ihrem Baby aufbauen.