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Jeans: Ein Stoff erobert die Welt

Eine Arbeiterhose auf dem Laufsteg: Die Jeans ist das beliebteste Kleidungsstück auf der ganzen Welt. Und das individuellste. Dieses Jahr wird der All-Over-Jeans-Look ein heisser Trend: Vom Hemd bis zur Tasche ist alles aus Denim-Stoff. Schuld sind die Italiener. Denn angefangen hat das alles im Genua des 16.Jahrhunderts.

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Getty Images, Heiner H. Schmitt, Sebastian Faena/RE/Done/Splash
12. März 2018

Denim

Warum ich Jeans so liebe? Weil sie ein Symbol der Auflehnung ist und unsere Geschichte erzählt, fasst Ruedi Karrer, auch als Swiss Jeans Freak bekannt, seine Leidenschaft für Denim zusammen. Für ihn ist der Jeansstoff zu einem wahren Fetisch geworden. Der 59-Jährige, der aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Thusis GR stammt, hat seiner geliebten Drillichhose ein ganzes Museum gewidmet: Es befindet sich im Zürcher Künstlerbezirk Kreis 4. Knapp die Hälfte der schlichten Wohnung mit einer Fläche von rund 150 Quadratmetern hat er in einen Ausstellungsraum verwandelt, der berstend vollgepackt ist mit Kleidungsstücken aus Denim. Einige davon sind Antiquitäten, andere frisch aus der Fabrik.

In einem zweiten Raum stapeln sich bis zur Decke Kartons, die nicht ausgestellte Exponate sowie einige Glanzstücke enthalten, die soeben von verschiedenen Ausstellungen zurückgekehrt sind Karrer leiht seine Kostbarkeiten gerne aus. Das Museum beherbergt etwa 12000 Kleidungsstücke mit einem Gewicht von insgesamt zehn Tonnen und öffnet nur auf Anfrage. Zu den Besuchern gehören Jeansliebhaber und Branchenexperten, jedoch auch Schulklassen und neugierige Touristen. Karrer hat sich schon als kleiner Junge auf den ersten Blick in die 5-Pocket-Jeans verliebt. 5-Pocket bedeutet, dass die Hose fünf Taschen hat, nämlich zusätzlich zu Vorder- und Gesässtaschen eine kleinere, die früher für die Taschenuhr gedacht war. Das ist sie, meine erste Wrangler, sagt Karrer und hält eine winzige, abgetragene Hose mit leicht ausgestelltem Bein hoch. Ich habe sie 1973 von meinem älteren Bruder geerbt. Mit 16 habe ich mir von meinem Ersparten meine allererste eigene Jeans gekauft. Karrer erzählt, dass es damals niemand gewagt hätte, im Büro eine Jeans zu tragen, schon gar nicht, wenn diese zerschlissen war. Denim war der Stoff der Rebellen, der echten Kerle. Wie viele andere meiner Generation fühlte ich mich erwachsen, wenn ich eine Jeans trug. Diese Faszination ist geblieben und hat Jahre später zu mitunter ungewöhnlichen Erlebnissen geführt: So hat Karrer zum Beispiel einmal einen japanischen Punker, dem er in Zürich auf der Strasse begegnet war, mithilfe von Gesten dazu überredet, ihm seine Hose zu überlassen, eine Big Smith aus dem Jahr 1965. Andere Modelle hat er in Trödelläden oder auf Reisen entdeckt, einige sogar weggeworfen im Wald.

Denim war der Stoff der Rebellen, der echten Kerle.»

Ruedi Karrer

Das teuerste Modell meiner Sammlung kostet rund 500 Franken, verrät er uns. So viel muss der Swiss Jeans Freak jedoch nicht oft ausgeben. Tatsächlich ist Karrer in der Branche eine echte Berühmtheit. Seinem Instagram-Profil folgen 33700 Personen und er ist auch Insidern bekannt, die seine Sammlung durch Sponsoring unterstützen. Für sich selbst benötigt Karrer hingegen nicht viele Jeans: Als echter Kenner trägt er vorzugsweise stets dasselbe Paar und wäscht dieses so selten wie möglich. Die Jeans, die ich gerade trage, hat 200 Tage keinen Tropfen Waschmittel gesehen. In dieser Zeit habe ich sie sogar bei Skitouren getragen. Das ist jedoch nichts im Vergleich zu seinem persönlichen Rekord, der 1002 Tage beträgt.

Denn echte Denim-Liebhaber vermeiden es, ihre Jeans durch eine Waschmaschine zu ruinieren. Stattdessen wird die Hose nur gelüftet. Kenner kaufen Denim bevorzugt in Raw-Qualität hierbei handelt es sich um einen nicht vorgewaschenen Jeansstoff, der seinen ursprünglichen Blauton aufweist und sich nur langsam abnutzt. Ungetragene Jeans aus Raw-Denim sind noch anonym. Erst beim Tragen passen sie sich an die jeweilige Körperform an und weisen nach und nach immer mehr Abnutzungserscheinungen auf. Sie sind eine Art Signatur, die von Denim-Fans wie eine Reliquie hoch geschätzt wird.

Ein universales Kleidungsstück

Nichts als Denim: Cindy Crawford in Jeans der Luxusmarke Re/Done, die aus alten Levis neue macht. Crawford modelt und designt auch für die Firma.

Natürlich ist die berühmte Blue Jeans nicht nur für Kenner ein Objekt der Begierde. Die Website für Modeexperten, Business of Fashion, beruft sich auf Analysen, die einen neuen Anstieg der Jeansverkäufe verzeichnen: Nach einer Phase des Rückgangs sind die Verkaufszahlen in der ersten Hälfte des Jahres 2017 im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Vorjahr um ganze 79 Prozent gestiegen. Ende 2017 wurde der globale Marktanteil des beliebten Klassikers auf 92,9 Milliarden Dollar geschätzt. Und laut Prognosen sollen die Verkäufe sogar weiter steigen. Experten der Bekleidungsbranche bezeichnen die Jeans häufig als das beliebteste Kleidungsstück der ganzen Welt. Und es stimmt wo auch immer man ist, reicht ein kurzer Blick auf die Mitmenschen, um sich vom Erfolg der Drillichhose zu überzeugen.

Warum aber tragen wir so gerne Jeans? Sie ist ein vielseitiges Kleidungsstück, erzählt Gert van de Keuken, Creative Director bei der renommierten Pariser Agentur Trend Union, die sich auf Trendanalysen und -prognosen spezialisiert hat. Blau ist nicht nur die Farbe der Arbeiterklasse. Sie ist eine der ältesten Farben und wurde auf der ganzen Welt von verschiedenen Kulturen geschätzt. Die Jeans ist ein Symbol der Beständigkeit und Verlässlichkeit. Innerhalb von weniger als einem Jahrhundert hat sie sich von der Arbeitskleidung des Proletariats zu einem Luxusartikel entwickelt.

Zahlreiche Marken produzieren Jeans für jedes Portemonnaie; es gibt jedoch auch Labels, die zum Beispiel mit Swarovski-Steinen verzierte Jeans zu Preisen ab 7500 Dollar anbieten. Die Jeans ist in jeder sozialen Schicht beliebt: Sie ist eine Hose für alle.

In der Tat verraten die Marken und 5-Pocket-Modelle die Zugehörigkeit ihrer Träger zu bestimmten sozialen Gruppen: Raw-Denim wird vom urbanen Typ Mann getragen, der tendenziell links einzuordnen ist, zum Teil ist Raw-Denim jedoch auch ein Erkennungszeichen der Anhänger des Rechtsextremismus gewesen. Das G-Star-Modell Elwood fand hingegen grossen Anklang bei zwei anderen Bevölkerungsgruppen: Es wurde sehr gerne in den Balkanländern, jedoch auch von der internationalen Homosexuellengemeinschaft getragen, erklärt Ruedi Karrer. Während eine Jeans die Form ihres Besitzers annimmt, wird sie gleichzeitig zum Botschaftsträger seiner Ideologie.

Blau ist eine der ältesten Farben und wurde von verschiedenen Kulturen geschätzt.»

Gert van de Keuken

Brautkleider und Nonnen

Nicht nur Rebellen, auch Cowboys trugen Jeans. Und Ronald Reagen zeigte sich auf seiner Ranch hier mit Gattin Nancy gerne im Jeans-Look. Wie die  Cowboys, die er gespielt hat.

Aus dem blauen Drillich werden heute sowohl Brautkleider als auch Möbelbezüge gefertigt. In Spanien haben die Schwestern der Ordensgemeinschaft Iesu Communio Denim zum Stoff ihres Habits gewählt. Im Jahr 2015 waren es etwa 230 Schwestern, die meisten davon sehr jung. Diese Wahl wurde getroffen, um den neuen Bedürfnissen der Welt nachzukommen, wie eine Fachzeitschrift 2010, im Gründungsjahr der Ordensgemeinschaft, berichtete. Und es gibt Künstler, die in der Jeans das passende Material gefunden haben. Zu ihnen gehört der Brite Ian Berry, der Secret Garden kreiert hat, ein Garten, der ausschliesslich aus Zuschnitten des blauen Stoffs besteht. Derzeit kann die Ausstellung bis zum 29. April im Childrens Museum of the Arts in New York besucht werden. Ein Stoff für alle!

Oeko-Jeans

Wenn es um Denim geht, ist Nachhaltigkeit ein brisantes Thema. Laut WWF sind gut 20000 Liter Wasser notwendig, um 1 Kilogramm Baumwolle (für ein Paar Jeans) zu produzieren. Ganze 24 Prozent der weltweiten Verkäufe an Insektiziden gehen auf den Baumwollanbau zurück. Insektizide sowie sonstige, für die Herstellung von Jeans und ihres Farbstoffs verwendete Substanzen verunreinigen Boden sowie Grundwasser. Ferner haben Non-Profit-Organisationen menschenunwürdige Zustände in den Fabriken gemeldet.

Nachdem die grösseren Marken in den vergangenen Jahren unter Druck geraten sind, setzen sie sich nun verstärkt für die Umwelt und das Wohlergehen der Arbeiterinnen ein. Es gibt jedoch auch Marken, die bereits seit Jahrzehnten ein Zeichen für nachhaltige Produktion setzen: Wir engagieren uns für eine umfassende Transparenz des Handels für die gesamte Produktionskette und verwenden ausschliesslich Bio-Baumwolle aus Anbau mit reduziertem Wasserverlust. Ausserdem sind unsere Färbemethoden gesundheitlich unbedenklich und wir stellen sicher, dass die Arbeitsbedingungen den Standards der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen entsprechen, erklärt Simona Matt, Verantwortliche für die Marke Coop Naturaline.

Kürzlich hat die Zeitschrift Nature Chemical Biology über die Züchtung eines speziellen Stamms des Bakteriums E. coli berichtet, der eine Vorform des Indigo-Farbstoffs produziert. Die verantwortlichen Wissenschaftler der Universität Berkeley in Kalifornien hoffen nun, eine nachhaltigere Alternative zur chemischen Synthese des Indigo-Farbstoffs bereitstellen zu können. Diese Methode ist jedoch noch zu kostspielig.