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Klingender Vogelexport

In Brienz entstehen seit Jahrzehnten Kuckucksuhren in aufwendiger Handarbeit. Dass man die Uhren in der Schweiz eher selten antrifft, ist kaum verwunderlich: Die meisten werden nach Amerika und Asien exportiert.

FOTOS
Mischa Christen
17. September 2018

Fast schon eine Reihenhaussiedlung: Dario My inmitten von Kuckucksuhren-Rohbauten, die auf ihre Fertigstellung warten.

Als Firmenanalyst war Dario My früher auf der ganzen Welt unterwegs. Dank seinem Know-how und dem Einblick in die verschiedensten Branchen weiss der 40-Jährige nur zu genau, was es für ein erfolgreiches Business braucht: ein innovatives und zukunftstaugliches Geschäftsmodell. Also machte er sich vor zwei Jahren selbstständig und kaufte – eine Kuckucksuhrenmanufaktur. Notabene die einzige der Schweiz. Die Frage liegt auf der Hand: Hat der gute Mann einen Vogel? Dario My winkt ab. «Überhaupt nicht. Ich bin quasi per Zufall über die Firma Lötscher AG gestolpert», erklärt er. Und: «Ich sah schnell, wie einmalig diese Manufaktur ist und wie viele Emotionen die Menschen damit verbinden.»

Allen voran die Amerikaner: Von den rund 1500 Kuckucks­uhren, die in Brienz BE in aufwendiger Handarbeit gezimmert werden, landen gut 60 Prozent in den Vereinigten Staaten. Und 20 bis 30 Prozent in Südostasien. «Weniger bei den Chinesen», sagt My, «die sind sehr preisbewusst und weichen lieber auf die Schwarzwälder Kuckucks­uhren aus.» Was natürlich unweigerlich die Frage nach dem Original aufwirft. Tatsache ist, dass die bereits 1920 als Kleinschreinerei gegründete Lötscher AG früher hölzerne Musikdosen im örtlichen Chaletstil herstellte, derweil im Schwarzwald tatsächlich Kuckucks­uhren gebaut wurden. Diese befanden sich aber zumeist in kunstvoll geschnitzten «Vogelhäuschen». «Die Idee, das Motiv des örtlichen Chalets mit der Kuckucksuhr zu verbinden, wurde wohl hierzulande in den 1920er-Jahren geboren», klärt My auf.

Kuckucksuhren sind ihr Leben: Zur Dekoration klebt Annemarie Kropf Blumen auf, mit eigens gefärbtem Kies aus dem Brienzersee.

Kuckucksuhren sind ihr Leben: Zur Dekoration klebt Annemarie Kropf Blumen auf, mit eigens gefärbtem Kies aus dem Brienzersee.

Die Kuckucksuhren der Lötscher AG werden seit Jahrzehnten Stück für Stück in jedem Detail handgefertigt.

Die Kuckucksuhren der Lötscher AG werden seit Jahrzehnten Stück für Stück in jedem Detail handgefertigt.

Bis allerdings der Kuckuck irgendwo im Wilden Westen seine Melodie pfeifen darf, ist es ein weiter Weg. Denn die Detailtreue der Uhren ist beachtlich. Das Häuschen, die Fensterläden, die Treppengeländer, die Dachziegel, die Figuren, die ganzen Dekorationen: Alles wird von Hand aus sorgsam ausgesuchten Hölzern einzeln angefertigt. Sprich: geschnitten, geschliffen, geschnitzt und bemalt. Und mittendrin in der Schreinerei, die selber aussieht, als wäre dort die Zeit stehen geblieben, werkeln Annemarie und Hans-Ulrich Kropf an den Uhren. Im Fall von Annemarie Kropf quasi schon das ganze Leben lang. Eigentlich ist das sympathische Paar bereits im Pensionsalter. Aber Nachfolger, die bereit sind, sich das Know-how anzueignen, um dieses akribische Handwerk weiterzuführen, finden sich nun einmal nicht an jeder Ecke. Beispiel gefällig? Bei unserem Besuch «bepflanzte» Annemarie Kropf gerade eine Serie Blumenkistchen auf den Fenstersimsen der Häuschen. Die Pflanzen? Mikro­feiner Kies aus dem vor der Haustür liegenden Brienzersee. Selbstverständlich selber von Hand gesammelt, wenn der See Niedrigwasser führt. Und natürlich genauso selbstverständlich eigenhändig gewaschen, sortiert und in verschiedenen leuchtenden Farben lackiert. Schliesslich soll es auf den Fenstersimsen ja farbenfroh blühen. Noch Fragen?

«Ich sah schnell, wie einmalig diese Manufaktur ist.»

Dario My

Gearbeitet wird in kleinen Serien. «Wir stellen ungefähr 30 verschiedene Modelle her, manche sind streng limitiert auf 50 Stück», erläutert My. Das Paradestück nennt sich «Heidis Farmhouse» und zielt auf die amerikanische Kundschaft, ganz nach dem Motto «bigger is better». Nebst dem Kuckuck, der zur vollen Stunde unter dem Dachgiebel hervorschnellt und seine Melodie pfeift, bewegen sich bei diesem opulenten Modell auch verschiedene kleine, handgeschnitzte Figuren. «Alleine, um das Haus aus den vorgefertigten Teilen zusammenzubauen, benötigen wir etwa 30 Stunden», sagt der stolze Firmenbesitzer.

Uhrmacher am Werk

Danach werden die fertigen Gehäuse nach Kreuzlingen im Thurgau gebracht, wo zwei Uhrmacher die mechanischen Uhrwerke einbauen und die ganze Mechanik justieren. Und natürlich hat auch diese räumliche Trennung durchaus ihren Grund, wie My aufklärt: «Unsere Uhrmacher benötigen für ihre Präzisionsarbeit eine staubfreie Umgebung; hier in der Schreinerei gehört der Staub aber einfach dazu.» Dieser Aufwand zahlt sich aus: Nach einem Probelauf von drei Wochen werden die Uhren mit drei Jahren Garantie und der Option auf eine gratis Garantieverlängerung ausgeliefert. «Für Notfälle arbeiten wir in den USA mit spezialisierten Uhrmachern zusammen», erklärt er. Sorgfalt und Präzision bei der Herstellung lohnen sich – Garantiefälle gabs letztes Jahr nämlich genau zwei Stück. Warum die kleinen Kunstwerke aber vor allem in Übersee ihre Liebhaber finden und nicht in der Schweiz, kann Dario My auch nicht genau erklären: «Wahrscheinlich denken alle, dass die Uhren aus dem Schwarzwald kommen. Aber das ändert sich zum Glück langsam.» 

Supercard

Schweizer Kunsthandwerk

Im Supercard-Prämienshop gibt es Produkte zu bestellen, die von innovativen Menschen in kleinen Auflagen von Hand in der Schweiz hergestellt werden. Darunter finden sich auch verschiedene Kuckucksuhren von der Lötscher AG. Zum Beispiel die klassische Kuckucksuhr «Brienzer Chalet» für 41 990 Superpunkte.

Spannend dabei: Wer ein Produkt in Handarbeit selber herstellt und dieses gerne im Supercard-Prämienshop anbieten möchte, kann sich beim Supercard-Team per Mail bewerben.