X

Beliebte Themen

Titelgeschichte

Lasst uns spielen!

Brett- und Gesellschaftsspielen haftete lange Zeit ein verstaubtes Image an. Jetzt erleben sie ein Revival. Es gibt viele gute Gründe dafür – auch aus entwicklungspsychologischer Hinsicht.

19. November 2018

Georg (l.), Christian (Mitte) und Manuela (r.) sind begeisterte Brettspiel-Fans. Sie treffen sich regelmässig zum Essen und anschliessenden Spieleabend.

«Wer tauscht mit mir Lehm gegen Wolle?», wirft Stefanie (39) in die Runde. «Wenn du mir statt einer Lehmkarte zwei gibst, sind wir im Geschäft», antwortet Christian (44). Das ist ihr zu teuer und sie gibt die Würfel an Georg (55) und Katrin (42) weiter. Vielleicht klappts ja bei der nächsten Runde.

Regelmässig sitzen die vier Spielefans zusammen und spielen bei Speis und Trank ein paar Runden – die Mitwirkenden sind abwechselnd Gastgeberin oder Gastgeber. An diesem Abend treffen sie sich bei Stefanie in Stallikon ZH. «Die Siedler von Catan» stehen auf dem Programm, nach «Monopoly» das erfolgreichste Brettspiel. Seit 1995 wurde es schätzungsweise über 25 Millionen Mal verkauft – weltweit. Zahlreiche prominente Fans wie Sandrah Oh («Grey’s Anatomy»), Mila Kunis («Bad Moms») oder Woody Herrelson («Die Tribute von Panem») lieben das Spiel, selbst in TV-Serien wie «The Big Bang Theory» oder «South Park» kamen «Die Siedler» vor.

Ein grosser Fan des jungen Klassikers ist auch Stefanie, 39-jährige Resource Managerin. «Das Schöne an den ‹Siedlern› ist, dass man ständig miteinander kommuniziert und gemeinsam spielt – auch wenn jeder das Ziel hat, zu gewinnen.» Sie besitzt jede Menge Erweiterungssets, Sondereditionen und Kartenspielevarianten von den «Siedlern».

Kennengelernt haben sich die Brettspieler über «Spontacts», eine App, bei der ein Nutzer eine beliebige Freizeitaktivität einstellt und sich dafür andere Leute anmelden können. Stefanie hat vor zwei Jahren eine solche Spiele-Aktivität eröffnet. «So hat sich eine Runde von etwa acht Leuten gefunden», sagt sie. «Mittlerweile verabreden wir uns aber über unsere Whatsapp-Gruppe zu unseren Abenden.»

Den Ernst des Lebens vergessen

Lange Zeit galten Brett- und Gesellschaftsspiele als verstaubt und langweilig. Wer trotzdem der Spielelust frönte, wurde als Nerd abgestempelt. Das hat sich geändert. Die, die sich heute zum Spielen treffen, sind Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. So ist Christian bei einem Reiseunternehmen fürs Marketing zuständig, Georg arbeitet als Jurist bei einer Bank und Katrin ist in der Geschäftsleitung eines mittelständischen Unternehmens. Weitere Teilnehmer sind etwa die freie Künstlerin Manuela (41), Betriebsökonom Benjamin (38) und Sylvie (56), Dozentin im Gesundheitswesen.

«Die Siedler von Catan» ist das erklärte Lieblingsspiel von Stefanie (im Schneidersitz). Sie ist das Herz der Spielegruppe und organisiert meist die Spieleabende. Auch Kathrin macht gern beim konstruktiv-kooperativen Klassiker mit.

«Spielen ist alles andere als todernst», erklärt Georg zu den Gründen, warum er gerne mitmacht. «Wenn man erwachsen geworden ist, verliert man das Spielerische aus der Kindheit. Doch das braucht man, um Neues unbefangen auszuprobieren. Das kann ich an einem Spieleabend mit gleich gesinnten Leuten tun.» Und Benjamin meint: «Wir werden heute immer mehr zu Individualisten, jeder zieht nur sein eigenes Ding durch. Beim Spielen sitzt man wieder zusammen, löst gemeinsam Aufgaben und erlebt in der Gruppe schöne Stunden.» Und er nennt einen weiteren wichtigen Grund, warum ihm das «analoge» Spielen so viel Spass macht: «Ich sitze tagsüber oft stundenlang vor dem Computer, das brauche ich dann am Abend nicht noch einmal.»

Von Angesicht zu Angesicht

Dieses Bedürfnis stellt auch Tom Felber fest. Der 54-Jährige war jahrelang Vorsitzender der Jury beim wichtigsten Spielepreis im deutschsprachigen Raum, dem «Spiel des Jahres». «Durch die zunehmende Digitalisierung im Alltag steigt die Lust der Menschen, wieder ganz altmodisch sozial von Angesicht zu Angesicht zu interagieren», sagt der Zürcher. Der Trend stammt seinen Beobachtungen zufolge diesmal nicht aus Europa, dem traditionsreichen Spielekontinent. «Der neue Boom wird vor allem aus den USA befeuert, wo Brettspiele nach dem Aufkommen von Computerspielen in den 1980er-Jahren rund 20 Jahre lang ein Mauerblümchen-Dasein fristeten», sagt er.

Amerikaner wie Kanadier hätten seit Mitte der 2000er-Jahre die Brettspiele aber wiederentdeckt, was zu unglaublichen Zuwachsraten bei den Verkäufen geführt habe. «Am Tisch  sieht man die Reaktion der Mitspieler, die Emotionen und Gefühle eins zu eins, nicht wie bei einem virtuellen Gegner», so Felber, der selbst fast an jedem Abend spielt und mit einem Newsletter die Leute für entsprechende Spieltermine aktiviert. «Bei einem Bluffspiel kann man dem Mitspieler direkt ins Gesicht schwindeln und sich darüber freuen, wenn er dies nicht merkt.»

Was sind die Trends?

In Kanada gebe es inzwischen eine umtriebige Spielecafé-Kultur, so der Journalist, der auch als Gerichtsreporter arbeitet. «Dahin geht man etwas essen und trinken und spielt Brettspiele. Ein ‹Game-Guru› erklärt das Spiel und man legt los.» Allein in Toronto gibt es über ein Dutzend Spielecafés und -bars, die grössten haben über 250 Sitzplätze und mehrere Tausend Spiele zur Auswahl. «Wie man ins Kino geht, besucht man halt dort eines der Spielecafés.»

Jedes Jahr erscheinen im deutschsprachigen Raum geschätzt über 1000 neue Spiele. «Azul» hat es geschafft, daraus hervorzustechen und wurde gar zum «Spiel des Jahres 2018» gekürt. Sylvie und Benjamin probieren es in ihrer Spielegruppe aus.

Neben klassischen strategischen Brett- und Gesellschaftsspielen wie «Azul» oder «Catan» liegen laut Tom Felber momentan kooperative Spiele im Trend, bei denen die Spieler als Team gemeinsam gegen das Spiel gewinnen – oder verlieren. «Extrem beliebt sind hier auch die Escape-Spiele, bei denen die Spieler durch das Lösen von Rätseln und Knacken von Codes unter Zeitdruck versuchen müssen, aus einem Raum zu entkommen», weiss der Spieleexperte. «Und Spiele, in denen eine Geschichte erzählt wird, finden immer mehr Fans». So gibt es sogenannte «Legacy»-Spiele, die sich im Verlauf von mehreren Partien entwickeln. «Von Partie zu Partie treten neue Elemente auf. Ähnlich wie in einer TV-Serie gibts am Ende sogar einen Cliffhanger, der hungrig auf die nächste Runde macht.»

Gestartet hat der Hype ums Spielen ausgerechnet im Silicon Valley, dem Ort, dem die Welt solche digitalen Superunternehmen wie Facebook, Google, Apple & Co. zu verdanken hat. Den Leuten, die dort arbeiteten, ging es offensichtlich genau wie unserer Spielerunde aus Stallikon – und sie suchten nach analoger Zerstreuung. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg (34) soll zum Beispiel bekennender Spiele-Fan sein, sein Lieblingsspiel: «Die Siedler von Catan».

Segen und Fluch der Digitalisierung

Ob sich der Spielecafé-Trend aus Nordamerika auch bei uns durchsetzen wird? Tom Felber ist vorsichtig. «Einerseits wurde in der Schweiz schon immer privat zu Hause gespielt, was bei den Amerikanern und Kanadiern in den letzten 30 Jahren eher nicht der Fall war», so seine Einschätzung. Ausserdem würde es in der Schweiz aus einem anderen Grund nicht funktionieren: «Die Immobilienpreise sind bei uns zu hoch – wer vier Stunden spielt und einen Sitzplatz belegt, konsumiert zu wenig.»

Dass die Digitalisierung dennoch für die Vielfalt des Spielemarkts gut ist, dessen ist sich Felber übrigens sicher. «Jeder kann heutzutage online ein Spiel auf einer Crowdfunding-Plattform wie Kickstarter lancieren und für die Produktion Geld sammeln», sagt er. Wenn dann eine Spieleidee viele Investoren findet, wird das Spiel hergestellt. «Ist es gut, wird schnell auch ein etablierter Verlag auf ein solches Produkt aufmerksam und nimmt es in sein Programm auf», führt er aus. «Ein Viertel der erfolgreichen Projekte auf der Plattform Kickstarter sind heute Brettspiele.»

Der Spielemarkt wächst kräftig

Auch wenn die Spielecafés in der Schweiz nicht wie Pilze aus dem Boden schiessen sollten: Der Markt wächst auch hierzulande wieder. Laut Spielwaren Verband Schweiz ist der Verkauf von Brett- und Gesellschaftsspielen in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen, 2015 um 6,5 Prozent, 2016 um 10,8 Prozent und letztes Jahr noch einmal um 3,3 Prozent – Zuwachsraten, die die Spielwarenhersteller lange Zeit nicht mehr erlebten.

Dazu tragen sicher auch Stefanie und ihre Spielrunde bei. Sie probieren auch immer wieder neue Spiele aus. «Nächste Woche treffen wir uns und spielen ‹Azul›, das ist das diesjährige ‹Spiel des Jahres›. Ich bin gespannt, ob es meinen ‹Siedlern› den Rang ablaufen kann.» 


Kurz und bündig

  • Immer mehr Leute verabreden sich via Apps zu Spieleabenden.
  • Viele sehnen sich danach, mit echten Menschen zu interagieren und nicht nur vor dem Computer zu sitzen.
  • In Nordamerika breiten sich Spielecafés aus.
  • Nach einer langen Durststrecke wächst der Spielemarkt in der Schweiz wieder.
  • Angesagt sind Escape-Spiele und Legacy-Spiele.
  • Aus entwicklungspsychologischer Sicht fördert das Spielen Fähigkeiten wie etwa logisches Denken und stärkt den sozialen Zusammenhalt.

Warum Spielen wichtig ist

Beim gemeinsamen Spielen lernen Kinder wichtige Fähigkeiten fürs Leben, so der Experte. Auch für Erwachsene ist es lohnend, sich mit Familie und Freunden zum Spielen zusammenzusetzen. 

Prof. Dr. Moritz Daum (45)

Leiter Fachrichtung Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich.

Welche Wirkung haben Brett- und Gesellschaftsspiele auf Kinder?

Beim Spielen müssen Kinder Regeln verstehen, lernen und anwenden. Wer viel spielt, eignet sich eine gewisse Flexibilität an. Daneben werden auch logisches Denken, die Anwendung von Strategien, Problemlösefähigkeit oder die Analyse der Situation trainiert. In manchen Spielen müssen mehrere Schritte in der richtigen Reihenfolge ausgeführt werden. Diese Art von gradlinigem Denken ist für die Mathematik wichtig. Einfache Spiele für kleinere Kinder fördern das Wissen über Dinge wie Formen und Farben.

Ist das Verlierenkönnen gut?

Niemand verliert gerne. Ich ärgere mich heute noch, wenn ich bei einem Spiel den Kürzeren ziehe. Kinder machen entsprechend spielerisch eine negative Erfahrung und können lernen, mit solchen Situationen umzugehen. Sie trainieren dadurch ihre Frustrationstoleranz und üben damit, ihre Emotionen zu regulieren, zu warten, bis man an der Reihe ist.

Welche Vorteile haben Brettspiele gegenüber Online-Games?

Zunächst ist das analoge Spielen eine soziale Sache. Man sieht Mitspielern in die Augen, erkennt emotionale Reaktionen, kann so versuchen, «in die Karten zu schauen». So trainiert man die Perspektivenübernahme, man versetzt sich in die andere Person und überlegt, was man an ihrer Stelle tun würde. Wenn diese Form der Kommunikation online fehlt, dann ist das «offline» Spielen kooperativer und kann helfen, die soziale Entwicklung von Kindern zu fördern. Wenn Spiele gemeinsam gespielt werden, stärkt dies den Zusammenhalt.

Wie siehts bei Erwachsenen aus?

Die vorher genannten Aspekte treffen auch auf Erwachsene zu. Teamfähigkeit ist für den beruflichen Alltag wichtig. Bei Kooperationsspielen etwa erkennt man schnell, wie man sich selbst im Team verhält und kann Dinge, die im Spiel funktionieren, im Alltag anwenden. Und für ältere Menschen ist es lohnenswert, sich mit anderen zum Spielen zu treffen. Solche Interaktionen erhalten das soziale Netzwerk, eine wichtige Komponente in Bezug auf das psychische Wohlbefinden im Alter.

Spielen Sie selbst?

Wir setzen uns immer wieder gern zum Spielen zusammen. Es ist toll, zu sehen, wie die Kinder besser werden. Für uns Eltern kann es nichts Schöneres geben, als dass die Kinder einen irgendwann überflügeln.

Ihr derzeitiges Lieblingsspiel?

Bei uns zu Hause hoch im Kurs ist zurzeit «Rummikub». Im Grunde eine Variante des Kartenspiels «Rommé». Gerade Einzug hält aber auch «Monopoly».