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Liebesschwüre auf Papier

Poetische Sprache, kunstvolle Schrift und Grüsse an die Frau Mama – so sah ein Liebesbrief noch vor 150 Jahren aus. Heute tut es für Liebespaare auch mal ein Emoji.

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Christoph Kaminski
27. August 2018

Authentisch muss er sein, der perfekte Liebesbrief, an das Gegenüber, sowie die Situation angepasst und mit einem Ziel vor Augen. «Heute funktioniert das alles zugleich sehr rational», sagt Eva Lia Wyss (56). «Vor 150 Jahren hätte ich das genaue Gegenteil geraten: möglichst emotional und kunstvoll, vielleicht sogar mit einem literarischen Zitat, in schöner Schrift und mühevoll gestaltet, aber vom ‹Herzen in die Feder›.»

Die Zürcherin weiss, wovon sie spricht. Schliesslich ist sie Herrin über 17 000 Liebesbriefe. Diese stammen nicht alle von Verehrern, sondern wurden ihr von den Paaren oder den Nachkommen für ihr Liebesbriefarchiv zur Verfügung gestellt. Seinen Anfang nahm dieses 1997, als sie für ihre Habilitation in deutscher Sprachwissenschaft an der Uni Zürich dazu aufrief, man solle ihr Liebesbriefe zusenden. Über die Jahre wurden es immer mehr. Der älteste stammt von 1834, der neueste von 2017.

Eva Lia Wyss hat ein Archiv mit 17 000 Liebesbriefen.

Von der Schönschrift zum Herz-Emoji

Briefe aus der heutigen Zeit zu finden ist schwierig. Dabei wird heute dank des Internets wieder häufiger geschrieben, wie Wyss erklärt. Denn nicht dieses hat den Liebesbriefen den Rang abgelaufen, sondern vorher schon das Telefon. «Mit dem Aufkommen von E-Mails wurde die schriftliche Kommunikation zwischen Liebenden sogar wieder häufiger.» Per Mail vermittelte Gefühle, so erklärt die Germanistikprofessorin, hätten sogar sehr viel mit klassischen Liebesbriefen gemeinsam. Doch mittlerweile sind auch Liebesmails eine Seltenheit – dazu gibt es heute WhatsApp.

«Viel Aufwand für einen Brief war Ausdruck der Liebe.»

Eva Lia Wyss, Sprachwissenschaftlerin

Diese sammelt Wyss zwar auch, aber als Liebesbriefe gehen solche Nachrichten für sie nicht durch. «Das sind eher Liebesinteraktionen», erläutert sie. «Es handelt sich im Gegensatz zum Brief um einen laufenden Kommunikationsstrom, der offen ist. Da folgt auf die Bitte, etwas zu erledigen, eine Nachricht mit Herz-Emoji.»

Eine emotionale Verkümmerung sieht die Sprachwissenschaftlerin darin nicht, dass man lieber schnell ein Emoji schickt, statt wie früher Stunden über einem Brief zu brüten. «Heute ist die Erwartung einfach eine andere», weiss sie. «Früher wollte man mit einem Brief ausdrücken, dass man sich viel Mühe gibt. Dieser Aufwand wiederum wurde als Ausdruck der Liebe aufgefasst.» Heute gehe es hingegen darum, in ständiger Kommunikation zu bleiben. «Auch weil man weiss, dass Gefühle schwanken. Da will man nicht mehrere Tage warten, um zu wissen, wie der andere fühlt. Und genau im richtigen Moment ein Herz-Emoji zu schicken, ist auch sehr wertvoll.»

Allgemein haben neuere Liebesbriefe mit jenen aus dem 19. Jahrhundert wenig gemein. Geblieben sind der Einsatz von Kosenamen und die Absicht, Gefühle und Sehnsucht auszudrücken. Die Art und Weise, wie Letzteres geschieht, hat sich jedoch komplett verändert. «Im 19. Jahrhundert sollte in Liebesbriefen auch Bildung ausgedrückt werden. Je eloquenter und poetischer ein Brief war, desto leidenschaftlicher wurde er verstanden.»

Heute würden solch schwülstige Ausführungen kaum zum Ziel führen und auch die schöne, mühevolle Schrift ist nicht mehr wichtig. «Wir würden das als künstlich empfinden. Heute zählen Authentizität und Spontaneität», erklärt Wyss. «Das heisst unter anderem, dass man in sozialen Medien meist schnell und schludrig schreibt, auch einmal Orthografiefehler stehen lässt.» Für uns wirkt das natürlich und echt. «Aber wir müssen uns bewusst sein: Poesie und Spontaneität sind beides sprachliche Liebescodes, an die man sich halten muss.»

Papier war einst teuer und rar. Verspieltes Briefpapier kam erst in den 1970er-Jahren auf.

Liebesbriefe sind vor allem Männersache

Im Archiv befinden sich weniger Briefe, die von Frauen verfasst wurden. «Der Liebesbrief ist eine männliche Gattung», sagt Wyss. «Männer schreiben, Frauen antworten – dies galt besonders im 19. Jahrhundert.» Schliesslich mussten die Herren damals im Brief ihre Qualitäten beweisen – nicht nur ihrer Angebeteten, sondern deren ganzer Familie. Denn damals war es üblich, den Brief nach dem Abendessen der ganzen Familie vorzulesen. «Deshalb finden sich nicht selten etwa ‹Grüsse an die Frau Mama›.»

Erotische Botschaften waren darum damals nicht denkbar. «Man schickte sich höchstens Küsse und Umarmungen», erzählt Wyss. «Sexualität taucht in Briefen erst ab den 1920er-Jahren auf. Es entstand eine private Liebesbriefkultur. Die Briefe wurden einerseits nicht mehr vorgelesen, andererseits entwickelte sich auch eine neuere und freiere Form von Liebesbeziehungen. Man wusste um die Vergänglichkeit der Liebe und ging auch bewusst kurze Beziehungen zum reinen Vergnügen ein.» Im Archiv gibt es aus dieser Zeit zum Beispiel zahlreiche Briefe, die eine Elisabeth aus Zürich von 17 verschiedenen Liebhabern erhalten hat.

Unsere WhatsApp-Nachrichten laut vorzulesen, das können wir uns heute nicht mehr vorstellen. Daher ist explizite Sex-Kommunikation auf diesem Kanal keine Seltenheit. Doch so weit sind wir trotzdem nicht von den Leuten aus dem 19. Jahrhundert entfernt, wie Wyss sagt. «Heute werden Liebesbotschaften gerne auch öffentlich gepostet und entsprechend ans Publikum angepasst, etwa auf Facebook, Twitter oder Instagram. Liebesbeziehungen sind schon immer in einem Netzwerk entstanden, damals eher im familiären, heute im freundschaftlichen.»

Sollten wir uns noch mehr an unsere Vorfahren anpassen und wieder öfter Liebesbriefe schreiben? «Nur wenn man Lust dazu hat und das auch geschätzt wird», findet Wyss. «Aber eines sollte man auf jeden Fall: Liebesbriefe lesen. Es gibt sie in zahlreichen wunderschönen Büchern. Sie sind spannend und berührend.»


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