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Titelgeschichte

Pssst, nicht weitersagen!

Wir alle hüten Geheimnisse. Haben wir keine, werden wir nie unabhängig. Behalten wir zu viele für uns, werden wir krank. Plaudern wir sie aus, drohen Konsequenzen. Eine Gratwanderung.

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Getty Images/ Collagen Mechthild Ackermann
17. September 2018

Jeder dritte Fremdgänger erzählt niemandem von seinem Seitensprung.

Malry ad – Sie verstehen nur Bahnhof? Das ist das Ziel. Denn hier wurde ein Name mit der «Enigma» verschlüsselt. Mit dieser Verschlüsselungsmaschine verschickte schon die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg geheime Botschaften. Historiker sind überzeugt: Hätten die Alliierten den Code damals nicht geknackt, hätte der Krieg deutlich länger gedauert.

Geheime Informationen können also über Kriege entscheiden. Und doch sind sie etwas Alltägliches. Wir alle haben Geheimnisse. Manche sind klein und harmlos wie die Überraschungsparty zum Geburtstag eines Freundes. Manche gross und dramatisch wie ein Verbrechen. Und ganz viele sind irgendwo dazwischen. 13 Geheimnisse trägt ein Mensch durchschnittlich mit sich herum, hat Michael Slepian (31) von der Columbia-Universität in New York (USA) herausgefunden. Fünf davon teilen wir mit niemandem.

Am ehesten für sich behalten die Menschen, wenn sie jemand anderes begehren, obwohl sie in einer Partnerschaft leben. Mehr als die Hälfte der Menschen erzählt dies niemandem. Die tatsächliche sexuelle Untreue vertraut hingegen nur ein Drittel der Personen gar niemandem an. Somit gibt es gemäss Slepians Studien ganze acht Arten von Geheimnissen, über die Leute noch konsequenter schweigen als über Seitensprünge – darunter emotionale Untreue oder Diebstahl. Am offensten stehen die Menschen zum Drogenkonsum: Nur gut jeder Zehnte behält dieses Laster für sich.

Tabea Buri (31) kennt sich mit Geheimnissen aus. Sie ist die Kuratorin der Ausstellung «Das Geheimnis – Wer was wissen darf», die bis nächsten April im Museum der Kulturen in Basel gezeigt wird. Fast zwei Jahre hat die Ethnologin sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und vor allem eines festgestellt: «Das Geheimnis ist ein Werkzeug sozialer Ordnung. Es gibt immer Menschen, die ausgeschlossen, und solche, die eingeweiht sind. Und dafür existieren klare Regeln – die allerdings auch gebrochen werden können.»

Ohne Geheimnis kein Fortschritt

Dass Geheimnisse unser Zusammenleben regeln, hat der Soziologe Georg Simmel (1858–1918) schon ganz zu Beginn des 20. Jahrhunderts festgestellt. «Das Geheimnis ist eine der grössten geistigen Errungenschaften der Menschheit», schrieb er damals. Soziale Beziehungen unter Menschen, so war er weiter überzeugt, seien durch das wechselnde «Mass gegenseitiger Verborgenheit» bestimmt – also durch Geheimnisse. Noch vor Simmel hat das Friedrich Nietzsche (1844–1900) erkannt und geschrieben: «Jede Art von Kultur beginnt damit, dass eine Menge von Dingen verschleiert wird. Der Fortschritt des Menschen hängt an diesem Verschleiern.»

Drogenkonsumenten behalten ihr Laster nur selten ganz für sich.

Auch im Kleineren bedeuten Geheimnisse Fortschritt: Im Alter von rund vier Jahren beginnen wir, die Grenze zwischen uns als Person und anderen zu ziehen. Wir bemerken, dass es in uns eine Welt gibt, die allen anderen verborgen bleibt. Damit ist die kognitive Grundlage dafür geschaffen, anderen etwas zu verheimlichen – in diesem Alter meist den Eltern. Diese ersten Geheimnisse der Kinder gelten in der Entwicklungspsychologie als wichtige Schritte auf dem Weg zur Autonomie.

Besonders gross werden die Schritte bei Jugendlichen: Auf einmal werden Erlebnisse und Gedanken lieber mit Freunden als mit den Eltern geteilt. Das ist eine gute Entwicklung, wie eine Studie der Freien Universität Amsterdam zeigt: Teenager, die Geheimnisse vor ihren Eltern haben, sind unabhängiger und emotional autonomer. Gleichzeitig haben sie aber auch öfter psychische Probleme – ausser sie teilen die Geheimnisse mit Freunden. Das machen Jugendliche gerne: Ab ungefähr zwölf Jahren wird das Teilen von Geheimnissen zum wichtigsten Merkmal von Freundschaften.

Schweigen macht krank

Ein ähnlicher Effekt zeigt sich bei Erwachsenen. Wenn wir jemandem ein Geheimnis anvertrauen, vertieft sich die Beziehung zu dieser Person. Wir geben ihr aber auch ein Stück Macht über uns: Denn verschwiegen wird meist, was moralisch geächtet wird und zu sozialen Nachteilen oder Bestrafung führen könnte. Die Konsequenzen, wenn jemand ein Geheimnis ausplaudert, sind daher gross.

Sich niemandem anzuvertrauen, ist aber genauso gefährlich: Zahlreiche Studien belegen, dass es eine psychische Belastung darstellt, wenn man etwas für sich behält. Hüten wir ein Geheimnis, fallen uns alltägliche Aufgaben schwerer, wir schwitzen stärker und schätzen Belastungen höher ein als ohne Geheimnis. Hat man etwas zu verstecken, wird man sogar öfter krank.

Um das zu verhindern, müssen wir nicht zwingend mit anderen Menschen sprechen, sagt die Wissenschaft. Wir können die Geheimnisse einfach mit unserem Tagebuch teilen. Denn expressives Schreiben hat eine heilende Wirkung: Wer seine Gedanken und Gefühle schriftlich festhält, reguliert damit seine Emotionen, beugt depressiven Symptomen vor und stärkt sein Immunsystem.

Ob es ähnliche Effekte hat, wenn man Till Lauer (27) ein Geheimnis verrät? «Das wünsche ich mir», sagt der Illustrator. Im Rahmen seines Studiums an der Hochschule Luzern für Design und Kunst hat er das Projekt «Silent Letters» gestartet. Leute können ihm anonym per Post Dinge erzählen, die niemand weiss. Er setzt die Geheimnisse dann grafisch um und publiziert sie auf seinem Blog. «Das Projekt ist eine Hommage ans Geheimnis», sagt der Basler. «Geheimnisse sind unglaublich vielseitig: Sie können sehr belastend, aber auch sehr beglückend sein. Sie definieren unsere Privatsphäre und geben uns die Freiheit, selbst zu entscheiden, wer oder was wir für wen sein wollen – oder eben nicht.»

Geheimnisse aus Till Lauers «Silent Letters»

Entdecken Sie zudem weitere Illustrationen unter silent-letters.com

Offene Schweizer

Das Thema Geheimnisse sei hochaktuell, meint Lauer. «Sie geraten gesellschaftlich und politisch zusehends unter Druck, wobei ich persönlich den Schutz von Privatsphäre als eine elementare Herausforderung der heutigen Zeit ansehe», sagt er. Das zeigt etwa auch das Abstimmungsresultat von September 2016: 65,5 Prozent der Schweizer sprachen sich damals für das neue Nachrichtendienstgesetz (NDG) aus. Es gibt dem Staat weitreichende Möglichkeiten, den Internet- und Telefonverkehr der Bevölkerung zu überwachen. Geschichts­professor Philipp Sarasin (61) von der Universität Zürich erklärt sich das Abstimmungsresultat unter anderem damit, dass es uns in Zeiten von Google «herzlich egal ist, dass nicht nur alle unsere ‹Freunde› tiefe Einblicke in unsere Selbstverständnisse haben können, sondern auch die grossen, privaten Tech-Giganten und, wenns sein muss, auch der Staat».

Was man einem Priester in der Beichte anvertraut, bleibt geheim.

Als Lauer die Idee zu «Silent Letters» hatte, schlug gerade der NSA-Skandal hohe Wellen. Der ehemalige CIA-Mitarbeiter Edward Snowden hatte damals an die Öffentlichkeit gebracht, dass die amerikanische National Security Agency systematisch die digitale Kommunikation der Menschen überwacht. In der Konsequenz lebt der Whistleblower, der sogar für den Friedensnobelpreis nominiert wurde, heute im Exil an einem unbekannten Ort in Russland.

Wer das Schweigen bricht

Was passiert, wenn die Regeln, wer was wissen darf, gebrochen werden, damit beschäftigt sich auch ein Teil der Ausstellung von Kuratorin Tabea Buri. Zu sehen sind dort unter anderem ein paar Fläschchen, mit denen Urin für Doping-Tests gesammelt werden. Damit spielt Buri auf einen Skandal an, der vor rund drei Jahren publik wurde: Der russische Staat hatte seine Sportler systematisch gedopt. «Das Wichtige an dieser Geschichte ist, dass der Whistleblower sich jetzt in grosser Gefahr wähnt und aus Angst vor dem russischen Staat irgendwo versteckt in den USA lebt. Das zeigt, wie krass die Konsequenzen sein können, wenn man sich nicht an die Regel hält, wer was wissen darf.»

Buris Lieblingsstück in «Das Geheimnis» hat denn auch mit jemandem zu tun, der Geheimnisse für sich behalten hat. «Ich gebe zu, es ist richtig kitschig», sagt sie und bleibt vor einem reich dekorierten, glitzernden Kästchen mit einem ominösen Gegenstand im Zentrum stehen. «Aber es steckt die beste Geschichte dahinter.» Das sei eine Klosterarbeit und der ominöse Gegenstand in der Mitte stelle eine Zunge dar – jene des Heiligen Nepomuk, der einst Priester im Prager Dom war. Als solcher nahm er auch die Beichten der Königin ab. «Der König wollte unbedingt wissen, was die Königin dort zu berichten hatte. Aber Nepomuk berief sich auf das Beichtgeheimnis und verriet nichts – selbst dann nicht, als der König anfing, ihn zu foltern.» Das machte den König so wütend, dass er den Priester schliesslich von der Brücke warf.

Es kann sich auch finanziell lohnen, über etwas zu schweigen.

Also lüften wir das Geheimnis: Nepomuk war der Name, der am Anfang dieses Textes verschlüsselt wurde. Denn er gilt heute nicht nur als Brückenheiliger, sondern auch als Schutzpatron des Beichtgeheimnisses und der Verschwiegenheit. «Das Ausstellungsstück ist mir deshalb so wichtig, weil es zeigt: Ob du etwas sagst oder nicht, ist eigentlich keine grosse Sache. Aber es kann eine riesige Macht und grosse Auswirkungen haben», sagt Buri. «Sogar einen König kann man mit einem Geheimnis aus der Fassung bringen. Und das ist doch ziemlich grossartig, oder nicht?»


Kurz und bündig

  • 13 Geheimnisse hütet jeder Mensch im Durchschnitt – fünf davon teilt er mit niemandem.
  • Ab ungefähr vier Jahren lernen Kinder, dass sie Geheimnisse haben können, und werden dadurch autonomer.
  • Für Jugendliche ist das Teilen von Geheimnissen das Wichtigste an einer Freundschaft.
  • Wer ein Geheimnis hütet, empfindet Aufgaben schneller als belastend, schwitzt stärker und wird häufiger krank.

Lukrative Geheimnisse

Geheimnisse lassen sich auch ökonomisch nutzen. Denn wenn niemand anderes weiss, wie ein Produkt hergestellt wird, hat man das Monopol. Das erkannten die Chinesen schon viele Tausend Jahre vor Christus, als sie das Geheimnis der Seidenherstellung für sich behielten. Wie es dann doch bekannt wurde, darum ranken sich viele Mythen: Missionare hätten an ihren Wanderstöcken Schmetterlingseier nach Europa geschmuggelt, lautet einer. Ein anderer besagt, dass eine Prinzessin nach Zentralasien verheiratet wurde und aus Angst, dort keine schönen Gewänder mehr tragen zu können, Kokons in ihrer Frisur versteckte. Für Firmen sind Geheimnisse auch heute wichtig: Bei Apple zum Beispiel gab es angeblich einen Geheimnis-Sicherungstrupp, der nichts anderes tat, als Gerüchten über undichte Stellen nachzugehen. Coca-Cola zelebriert sein geheimes Rezept seit Jahrzehnten als Marketinginstrument. Und wer kennt nicht den Slogan «Das Rezept bleibt geheim»? Angeblich wissen weltweit nur zwei Leute, wie die Kräutersulz für den berühmten Appenzeller Käse zubereitet wird.