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Schulstunden: Übung macht die Meisterin

Das Versprechen: Jeder kann in drei Tagen Skifahren lernen. Die Erfahrung: Das geht ja ganz gut. Und macht Spass und Lust auf mehr. Ein Selbstversuch im Unterengadin.

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Andy Mettler
05. Februar 2018

Geschafft! Der dreitägige Kurs ist erfolgreich absolviert.


In der Skilehre

Die Fahrt im Sessellift ist noch harmlos. Aber wie wird das nachher auf der Piste?

Mein erstes Mal auf Skiern war Anfang des Jahrs 2000. Mit der Schule waren wir in Arolla VS im Skilager. Schon der Schlepplift und die Abfahrt am Kinderhang waren eine Herausforderung auf diesen langen Latten. Carving-Skis waren noch nicht im Angebot.

Ich lernte im Laufe der Woche, Tellerlift zu fahren und am Schluss konnte ich im Stemmbogen den Hügel runterfahren. Immerhin.

Im zweiten Jahr sattelte ich um auf die kürzeren Snowblades, die man auch ohne Skistöcke fährt. Dabei blieb ich für den Rest meiner Skikarriere, die jedoch nach dem letzten Schul-Skilager beendet war. Das ist nun 13 Jahre her. Skifahren hatte sich für mich erledigt.

An Leute wie mich richtet sich das Angebot des Verbands der Schweizer Skischulen: Es soll Wiedereinsteiger und Spätlerner auf die Pisten locken. Denn: Immer weniger Menschen lernen schon als Kind Ski fahren. Wo sind also die Wintersportler von morgen?

Seit letzter Saison bieten die Skischulen daher einen Kurs In drei Tagen parallel an. Das Versprechen: Der Schüler kann am Schluss im Parallelschwung die blaue Piste runterfahren. Dieses Angebot will ich in der Skischule Scuol-Ftan testen und reise ins Unterengadin GR. Vielleicht entdecke ich die Freude am Skifahren ja doch noch. Skilehrerin Nicole Tschenett (28) nimmt mich in Empfang. Die Münstertalerin wird mich die nächsten drei Tage durchs Skigebiet auf der Motta Naluns begleiten.

Tag 1: Wäsche aufhängen

Ich stehe das erste Mal auf Carving-Skis. Nach einigen Aufwärmübungen für Körper und Geist Skifahren braucht Konzentration heisst es: Ab aufs Förderband! Nicole zeigt mir den Pflug (Stemmbogen). Ich lerne an einem nur leicht abschüssigen Hang, auf diese Weise zu bremsen, und fahre die ersten vorsichtigen Bögli. Verlagere den Druck auf den Aussenski und zeige mit dem gleichen Arm an, wohin du fahren willst. Dann gelingt der Bogen fast von allein, erklärt Nicole. Tatsächlich, das klappt schon ganz gut. Das motiviert.

Rutschen im Hang: Mit den Skistöcken als Hilfe gehts besser.

Nachdem ich auch auf den Kanten bremsen und seitwärts im Hang rutschen kann, findet Nicole: Nun wagen wir uns an den Parallelschwung! Oje, denke ich. Aber mit Nicoles Erklärungen funktioniert es schon bald ziemlich gut. Mit verschiedenen Metaphern veranschaulicht sie mir, was ich zu tun habe: Stelle dir vor, du nimmst ein Stück Wäsche aus dem Korb und hängst es an die Leine über dir, und nimmst dann das nächste Stück Wäsche, sagt sie zum Beispiel. Damit will sie mir zeigen, dass ich mich aus der Hocke aufrichten Druck auf den Aussenski, Kurve fahren und dann die Knie wieder beugen soll.

Fazit Tag 1: Der Parallelschwung klappt schon einigermassen. Aber immer wieder falle ich in den Stemmbogen zurück. Dennoch: Nicole ist zufrieden. Ich bin es auch, und finde: Skifahren macht tatsächlich Spass! Und Skischuhe sind gar nicht soooo unbequem, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Tag 2: Auf zum Tanz

Hast du Muskelkater?, fragt mich Nicole bei der Begrüssung. Nein, erstaunlicherweise nicht.

Der Tag steht im Zeichen der Vertiefung des bereits Gelernten: Rutschen im Hang, Parallelschwung, Fahrdynamik. Was mir vor allem noch fehlt, ist der Mut zur Geschwindigkeit. Lass es laufen! So ist das Schwingen sogar einfacher, versichert mir Nicole. Die vielen Tipps, die sie mir gibt, lassen mich zwar erst zu viel studieren. Sie helfen mir aber auch, das Prinzip zu verstehen. Als Nicole sagt: Stell dir vor, dass du den grossen Zeh in den Schnee drückst, gelingt mir der Wechsel auf den Aussenski viel besser.

Schliesslich lassen wir die Skistöcke bei der Talstation des Sessellifts und fahren Hand in Hand die Piste hinunter. So kann ich den Bewegungen und der Dynamik Nicoles folgen. Das Gefühl ist überwältigend. Wie Fliegen kommt es mir vor. Fantastisch!

Mich selber zu überwinden ist das Schwierigste. »

Noëmi Kern, Kursabsolventin

Nach dem Mittagessen bittet mich Nicole zum Walzer. Mithilfe unserer aneinandergeknöpften Skistöcke schwingen wir gemeinsam über die Piste: Ich fahre eine Kurve um Nicole, gleite dann ein kurzes Stück rückwärts bergab, bis sie mich umkurvt hat. Alleine will es noch nicht klappen. Ich verliere das Gleichgewicht und lande im Schnee.

Zum Abschluss des Skitags steht nochmals eine Abfahrt auf dem Programm. Nicole fährt vor mir her, ich versuche, ihre Schwünge nachzuzeichnen. Es gelingt mir je länger, desto besser. Und ich bekomme ein Gefühl für das alles: den Schnee, den Ski, die Bewegungen. Aus einer Abfahrt werden sogar zwei.

Fazit Tag 2: Meine Sicherheit wächst. Und ich freue mich auf den letzten Tag. Nicole ist schon heute überzeugt: Das Ziel des Kurses wirst du auf jeden Fall erreichen!

Tag 3: Volle Fahrt voraus!

Schliesslich klappt das Fahren alleine schon prima.

Habe ich gesagt, ich habe keinen Muskelkater und Skischuhe seien gar nicht so unbequem? Beides muss ich heute revidieren: Ich spüre beim Aufstehen meine Waden und die Skischuhe drücken unangenehm ans Schienbein. Aber da muss ich durch.

Die ersten Schwünge wollen mir nicht recht gelingen. Ich fühle mich unsicher und finde das Körpergefühl vom Vortag nicht gleich wieder. Der dritte Tag ist der schwierigste, weiss Nicole. Dann ist der Körper müde, die Routine fehlt aber noch. Ihre Geduld mit mir ist beeindruckend. Schliesslich komme ich besser in Schwung. Wir fahren dieses Mal eine andere Route. Als wir zurückblicken, bin ich erstaunt. Diesen steilen Hang sind wir runtergefahren? Nicole lacht und gesteht: Das war eine rote Piste. Aber das habe ich dir absichtlich nicht gesagt, sonst hättest du viel zu grossen Respekt gehabt. Da hat sie vermutlich recht. Ich bin schon ein bisschen stolz. Doch lange kann ich mich nicht ausruhen auf diesem Erfolg. Wir gehen in den Funpark und ich soll die Wellenpiste runterfahren: einfach loslassen, schnell und steil runter, dann wieder rauf In vollem Tempo. Du sollst ein Gefühl für die Geschwindigkeit bekommen. Das tut dir gut!, findet Nicole. Ich schaue den steilen Abhang runter und mir stockt der Atem: Das schaffe ich nicht. Doch Ausreden gelten nicht und so wage ich die Fahrt. Es ist wie auf der Achterbahn.

Mich selber zu überwinden ist eine der grössten Herausforderungen in diesen drei Tagen. Mein Kopf macht mir das Leben auf den Skiern unnötig schwer.

Gesamtfazit: Das Ziel des Kurses habe ich erreicht. Am Ende bin ich erschöpft, aber zufrieden. Der Kurs und die gute Betreuung haben erreicht, was kein Skilager geschafft hat: Ich kann mir durchaus vorstellen, wieder mal Ski fahren zu gehen.

Skischule Scuol-Ftan