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Sieben Tage Ashram sieben Tage Ich

In einer Welt, die sich scheinbar immer schneller dreht, boomen Yoga-Ferien. Auch unsere Autorin hat sich in ein Meditationszentrum nach Indien aufgemacht.

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Sara Lo Frano
07. Mai 2018

Meditieren in der friedlichen Natur: Der Alltagsstress ist weit weg, nur das Hier und Jetzt zählt. Wer sich auf einen Aufenthalt im Meditationszentrum einlässt, den erwarten karg eingerichtete Zimmer, ein üppiges Yoga-Programm und reinigende Feuerzeremonien.


Wer bin ich? Was brauche ich, um glücklich zu sein? Was erwarte ich vom Leben? Existenzielle Fragen, deren Beantwortung uns aber nur selten gelingen will; zu oft rauschen wir durchs Leben und vergessen im Alltag, auf unsere eigenen Bedürfnisse zu achten.

Um dieses Hamsterrad zu durchbrechen, entscheide ich mich für einen siebentägigen Ashram-Aufenthalt in Indien. Dort möchte ich mich den strengen Regeln der Yoga-Lehre unterwerfen und mich auf ein Experiment mit mir und meinem Unterbewusstsein einlassen.

Die Lehren des Gurus

Es ist 5.30 Uhr, Zeit zum Aufstehen. Ich bin in einem kleinen Meditationszentrum, dem Phool Chatti Ashram, am Vorgebirge des Himalajas bei der Pilgerstadt Rishikesh. Nach und nach finden sich alle im Meditationsraum ein. Wir sind eine bunte Gruppe von Menschen, aus allen Himmelsrichtungen und neugierig. Neugierig auf uns selbst. Wir möchten die Reise in unser tiefstes Innere wagen. Niemand redet. Sadhvi Lalita Nand Ji was für ein schöner Name! wird uns dabei begleiten, sie ist unsere spirituelle Lehrerin für die nächsten sieben Tage, unser Guru.

Das Programm beginnt gleich mit einer ersten Meditation. Gefolgt von anderen Praktiken wie Atemübungen, Reinigungsritualen und Yoga Yoga, wie wir es kennen. Denn schon bald lernen wir, dass Yoga viel mehr ist als eine Ansammlung körperlicher Übungen auf der Yogamatte. Yoga ist eine Lebensphilosophie. Alles dreht sich darum, Körper und Geist in Einklang zu bringen, innere Ruhe zu finden und bewusster zu leben. Etwa beim Essen. Heutzutage schlingen so viele Menschen alles nur noch hastig herunter, erklärt Lalita-Ji, wie wir sie nennen dürfen. Viele reden die ganze Zeit oder spielen mit dem Handy und vergessen zu geniessen. Wenn ihr esst, denkt ans Essen! Wenn ihr abspült, denkt ans Abspülen! Denkt nicht darüber nach, was als Nächstes kommt. Konzentriert euch auf das Hier und Jetzt! Achtsamkeit ist das Zauberwort. Während jeder Mahlzeit herrscht komplette Stille. Wir sollen das Schweigen nutzen, um den Moment bewusster zu erleben.

Nach drei Tagen komplettem Schweigen nehme ich mich und mein Umfeld bereits ganz anders wahr. Ich fühle mich ruhiger, viel zugänglicher für die verschiedenen Yoga-Praktiken und habe meine ersten eindrücklichen Erlebnisse bei der Meditation.

Heilende Frequenzen

Eine starke Form der Meditation ist das Chanting. Dabei werden Mantras gesungen. Mantras sind heilige Worte oder Verse, die aus dem Sanskrit, einer Urform der indischen Sprache, stammen: Sanskrit wurde über Tausende von Jahren perfektioniert. Jede Silbe, jeder Ton hat eine spezielle Wirkung, erklärt Lalita-Ji. Dadurch können starke Energien im Körper freigesetzt werden.

Meistens kommen in den Mantras Gottheiten vor. Für jemanden, der nicht religiös ist, kann das befremdend wirken. Nachdem mir aber erklärt wird, dass es beim Chanten nicht darum geht, die Götter anzubeten, sondern darum, den Geist zu beruhigen und zu meditieren, fällt mir das Singen viel leichter. Durch die Vibrationen, die die verschiedenen Töne und Silben der Mantras erzeugen, werden Energiezentren im Körper stimuliert und können einen veränderten Bewusstseinszustand hervorrufen.

Nach dem Ashram fühle ich mich stärker und ausgeglichener.»

Sara Lo Frano, 28

Auch ich spüre, wie ich meine Emotionen nicht mehr zurückhalten kann. Einmal breche ich gar in Tränen aus ohne zu wissen, weshalb. Später erfahre ich, dass das normal ist. Der Körper reinigt sich durch solche Reaktionen selber und löst innere Blockaden, beruhigt mich Prashanti, unsere zweite Lehrerin. Sie heisst mit richtigem Namen Julija und kommt aus Litauen. Nachdem sie fast ihr ganzes Leben in der Welt herumgereist war, hat sie Indien als ihre neue Heimat auserkoren und sich für den spirituellen Weg entschieden.

Während einer anderen Mantra-Meditation versetzt mich das stundenlange Singen in einen Zustand vollkommener Leichtigkeit. Ich fühle mich schwerelos, spüre meine Beine nicht mehr, das anstrengende aufrechte Sitzen auf dem Boden wird nebensächlich. Raum und Zeit spielen keine Rolle mehr. Ich fühle mich glücklich, geborgen und mit den anderen in der Gruppe verbunden. Vier Stimmen um mich herum nehme ich besonders wahr. Manchmal bin ich nicht mehr sicher, ob ich mich oder sie höre. Nach Stunden erwache ich plötzlich aus einem tranceartigen Zustand neben mir nur noch die vier Personen, deren Stimme ich vorhin gehört habe; alle anderen sind gegangen. Von da an fühle ich mich ihnen besonders verbunden, obwohl wir noch kein Wort miteinander geredet haben!

ein üppiges Yoga-Programm

und reinigende Feuerzeremonien.

Grosse Emotionen

Das Leben im Ashram ist sehr intensiv und körperlich anstrengend; schon bald habe ich Muskelkater von den vielen Yoga-Übungen. Nachts ist es kalt, die Wolldecke wärmt nur dürftig, die Pritsche ist hart. Die Kommunikation nach Hause ist nur im Notfall möglich. Wlan gibt es erst recht nicht. Das ist befreiend, gerade in einer Zeit, da der Mensch pro Tag durchschnittlich 88 Mal aufs Handy schaut.

Zwischendurch überkommen mich Zweifel, gerade wenn ich an meine Grenzen stosse; so fordernd habe ich mir das Ganze nicht vorgestellt. Während der Nächte habe ich verrückte Träume, wahrscheinlich verarbeitet der Körper das Erlebte und reinigt sich. Wir alle erfahren grosse Emotionen, immer wieder bricht jemand in Tränen aus oder berichtet von ungewöhnlichen körperlichen Wahrnehmungen während der Meditation.

Wir meditieren auch oft draussen in der Natur, sitzen an einem Wasserfall oder spazieren am Ganges entlang. Es fällt mir zunehmend leichter, den Moment zu geniessen und nicht weiter zu denken als an das, was gerade ist. Dann wieder horche ich in mich hinein und sehe vieles klarer als je zuvor wohl auch dank der neuen Gelassenheit und Ruhe, die ich durch das Meditieren empfinde. Ich beginne einiges zu verstehen, oft sind es nur Kleinigkeiten, die sich mir aber zuvor nicht erschlossen haben. Ich lerne mich besser kennen, verstehe nun, warum ich bin, wie ich bin.

Während der gesamten Zeit führe ich Tagebuch, reflektiere darin das Erlebte und schreibe nieder, was ich mir nach meiner Rückkehr vornehme. Der ganz normale Alltag soll nicht wieder die Macht über mich erlangen nicht ins Hamsterrad zurück, dafür den Moment bewusst erleben und die neue innere Ruhe geniessen. Ich bin überzeugt, dass ich das schaffen werde: Nach den sieben Tagen im Ashram fühle ich mich stärker, zufriedener und ausgeglichener.

Unseren Aufenthalt beenden wir mit einer Feuerzeremonie, die etwas Magisches hat. Jeder wirft zum Ende ein Stück Papier ins Feuer: Auf diesem hat er eine schlechte Eigenschaft notiert, die er nun symbolisch verbrennen darf. Was auf meinem stand? Das darf ich nicht verraten, sonst geht es nicht in Erfüllung!

Anreise
Swiss fliegt täglich von Zürich nach Delhi, von dort geht es weiter mit dem Zug oder Taxi nach Rishikesh. Taxifahrten sind in Indien sehr preiswert, weshalb sich viele Reisende auch für diese Variante entscheiden. Wer den bequemeren Weg bevorzugt, kann auch von Delhi direkt weiter nach Dehradun fliegen, zum Beispiel mit Jet Airways. Von dort lässt sich Rishikesh bequem per Taxi (ca. 45 Minuten) erreichen. Generell sollte man bei Taxis in Indien immer genug Zeit einplanen und etwas grosszügiger kalkulieren, da die Strassenverhältnisse oft schlecht sind und viel Verkehr herrscht.

Rishikesh
Rishikesh liegt im Bundesstaat Uttarakhand in Nordindien und ist Ausgangspunkt für viele Pilger zu den heiligen Orten im Garhwal-Gebirge. Der Ort weisst ein grosses Angebot an Yoga- und Meditationsretreats auf. Rund um die Laxman Jhula Brücke lassen sich zahlreiche Läden finden, in denen Yogaartikel und Bücher erworben werden können. Workshops und Trainings zu den verschiedensten Yoga-verwandten Themen lassen sich ebenfalls hier finden. Rishikesh wird auch als die Yoga Hauptstadt bezeichnet, so tummeln sich hier viele Yogabegeisterte und Spirituelle. Es gibt zahlreiche Ashrams und Tempel und einmal jährlich findet hier auch das grosse internationale Yoga Festival statt, das Yogafreunde aus der ganzen Welt anzieht.

Tägliches Programm im Ashram

05.30 Aufstehen
06.00 - 06.30 Meditation
06.30 - 06.45 Chanting
06.45 - 07.00 Reinigung (Nasenspülung mit Salzwasser im Garten)
07.00 - 07.15 Pranayama (Atemübungen)
07.15 - 08.45 Hatha Yoga
09.00 - 10.00 Frühstück
10.00 - 10.30 Karma Yoga (selbstlose Arbeiten)
10.30 - 12.30 Naturspaziergänge, Meditationen in der Natur
12.30 Mittagessen und Teezeiten (anschliessend Freizeit)
15.00 - 16.00 Yogaphilosophie und Diskussionsrunde
16.00 - 17.30 Pranayama (Atemübungen)
18.00 - 19.30 Temple Pooja (Feuerzeremonie) und Chanting
19.30 - 20.30 Abendessen
20.30 - 21.00 Geführte Meditation
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