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Beliebte Themen

Titelgeschichte

So lieben wir, so leben wir

Die 29 Coop-Lernenden, die an dieser Jugendausgabe mitarbeiteten, bekamen eine Carte Blanche: Sie durften, nein, sollten die Themen selber wählen, die sie am meisten beschäftigen.

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Illustration: Leonie Näpflin
05. November 2018

Nach einem leicht chaotischen, aber dafür umso kreativeren Brainstorming standen schliesslich zahlreiche Vorschläge zur Auswahl, aus denen die Jugendlichen per Abstimmung folgende Themenvorschläge herauspickten: das liebe Geld, Diskriminierung und Minderheiten, Schönheit, Ausbildung, Zukunft. Dazu liessen wir vom Link-Institut repräsentative Umfragen unter 15- bis 25-Jährigen durchführen, um die persönlichen Einschätzungen der Jugendlichen mit Fakten zu ergänzen.

Leonie Näpflin (24)

Lernende Detailhandel Bau + Hobby Stans NW, schaute die Welt schon von klein auf mit anderem Blick an.

Eine Lernende, Leonie Näpflin, schlug schon bald vor, dass sie die Titelgeschichte gerne illustrieren würde. Und so entstanden ausdrucksstarke Bilder, die perfekt zu den Texten passen. «Es würde mich freuen», schrieb sie in ihrem Bewerbungsdossier für diese Ausgabe, «wenn ich die Leser kaum mehr aus dem Staunen herausbringen könnte.» Aber sehen Sie selbst! 


Wofür gibst du dein Geld aus?

Sarinija Solenthaler (18)

Lernende Detailhandelsfachfrau Bau + Hobby Chur GR, kennt das Gefühl nicht, am Ende des Geldes noch viel Monat zu haben.

Da ich noch zu Hause lebe, habe ich keine Kosten für Miete oder den Lebensunterhalt. Mit meinem Lehrlingslohn von brutto 1200 Franken im dritten Lehrjahr bezahle ich monatliche Abos. Ausserdem lege ich jeden Monat einen fixen Geldbetrag zur Seite für die Zukunft.

Ich bin ein eher sparsamer Mensch. Ich habe zwar kein festgelegtes Budget, schaue aber, dass ich immer ein kleines Polster auf der Seite habe.

Mein Geld gebe ich für Dinge aus, die mir gefallen, aber eine andere Person als unnütz erachtet, wie zum Beispiel ein weiteres Paar schöne Schuhe. Mein Geld investiere ich für Kleidungsstücke und Essen, aber auch, um einfach mal stöbern zu gehen.

Für Freizeitaktivitäten und Hobbys bleibt auch noch ein Teil übrig. Ich kaufe mir gerne ein Buch mit meinem Geld, gehe ins Kino oder in den Gitarrenunterricht. Die Kosten des Unterrichts teile ich mir mit meinen Eltern. Auch auf einige Events möchte ich nicht verzichten, wie die Fantasy Basel.

Ich war diesen Sommer in den Ferien, damit ich diese aber finanzieren konnte, habe ich einen Vorschuss von meinen Eltern bekommen, den ich nun abbezahle.

Ich überlege bei vielen Dingen, ob ich diese brauche. Ich finde, es ist wichtig, dass man nicht zu viele oder am besten gar keine Schulden hat. Das ist natürlich eher schwierig, da man in den jungen Jahren meist noch nicht allzu viel Geld beiseitegelegt hat. Ein Tipp von mir daher: Legt euch von eurem monatlichen Lohn oder von eurem Sackgeld stets etwas zur Seite, denn so habt ihr auch im Notfall oder für grössere Investitionen noch etwas Geld übrig. 


Was bringt die Zukunft?

 

Ismail Eren (18)

Detailhandelsfachmann Nahrung und Genussmittel in Olten SO, hat ein klares Ziel vor Augen und sieht die Zukunft optimistisch.

Ich sehe die Zukunft sehr optimistisch. Ich mache zurzeit eine Lehre als Detailhandelsfachmann im letzten Lehrjahr. Langsam muss ich mir schon Gedanken machen über die Weiterbeschäftigung. Da ich bei Coop arbeite, habe ich viele Möglichkeiten, mich weiterzubilden. Daher sehe ich meine Karriere sehr optimistisch. Aber dennoch bin ich nicht sicher, was ich genau mit mir anstellen will. Es gibt schwere Entscheidungen, aber ich kann sicher sein, dass ich die richtige Entscheidung treffe. Mein Wunsch ist es, nach der Lehre die Berufsmaturität zu absolvieren. Aber diesen Schritt zu wagen ist riskant, weil die Lehrabschlussprüfung und die Aufnahmeprüfung der Berufsmatura gleichzeitig stattfinden. Aus diesem Grund hätte ich viel Stoff zu lernen. Falls ich die Aufnahmeprüfung bestehe, würde ich gerne Dienstleistung oder Wirtschaft studieren. Ich möchte nach der Weiterbildung oder eventuell dem Studium eine Familie gründen und eine gute Zeit verbringen.

Es ist wichtig, dass ich mir als Erstes ein Ziel setzte. Mein Ziel ist jetzt, dass ich die Abschlussprüfung erfolgreich bestehe und weiterhin in der Coop-Familie bleiben darf. Ich setze Schritt für Schritt die Ziele, denn nur so komme ich auch weiter. Es ist nicht einfach, dies alles zu erreichen, aber ich bin ehrgeizig und gebe mir Mühe, dass ich meine Träume verwirklichen kann. Dies kann ich nur mit Unterstützung durch meine Eltern und auch Kollegen erreichen. Meine Eltern sind für mich immer da und sind bereit, mich in jeder Situation zu unterstützen. Ihnen ist es wichtig, dass ich eine gute Zukunft vor mir habe. Und meine Kollegen helfen mir bei schulischen Problemen, bei denen ich nicht weiterkomme.


Wie glücklich bin ich mit meiner Ausbildung?

Remo Schmid (16)

In Ausbildung zum Müller EFZ bei Swissmill in Zürich, blickt jedes Mal in erstaunte Gesichter, wenn er erzählt, dass es den Beruf Müller noch gibt.

Der Entscheid, den Beruf Müller zu lernen, stand nicht von Anfang an fest. Ich machte einige Schnupperlehren als Landschaftsgärtner, Koch, Zahntechniker und Lebensmitteltechnologe. Durch die Lebensmitteltechnologie bin ich auf die Firma Swissmill, eine Division von Coop, gestossen. Nach dem Schnuppern dort war ich vom Müller-Beruf überzeugt. Eine Berufslehre zu machen ist für mich das Richtige, wegen der Abwechslung zwischen Praxis und Berufsschule. Meine Lehrfirma, die Swissmill in Zürich, ist ein mittelgrosser Betrieb. Die Mitarbeiter kennen sich untereinander und es gibt auch verschiedene Abteilungen. Ein Lernender durchläuft diese während der ganzen Lehrzeit, was vielseitig ist. Mir persönlich gefällt vor allem die Arbeit in der Getreideannahme und in der Mühle selbst. Dort sind die Arbeiten interessant, weil man den Produktionsablauf steuern und überwachen kann. Die Reinigungsarbeiten der Räumlichkeiten führe ich nicht so gerne aus, aber es gehört dazu. Wir sind sechs Lernende im Betrieb, in jedem Lehrjahr zwei, und haben einen guten Kontakt untereinander. Der Arbeitgeber Coop ist grosszügig und bietet den Lernenden viele Möglichkeiten, wie zum Beispiel das Mitgestalten dieser Jugendausgabe der Coopzeitung.

Die Berufsschule finde ich interessant. Die berufsbezogenen Fächer, wie zum Beispiel Warenkunde, gefallen mir gut. Die Schule findet blockweise in Flawil ZH statt, das heisst, man arbeitet eine gewisse Zeit und hat danach zwei bis drei Wochen Schule. Ich hätte lieber in einem wöchentlichen Abstand Berufsschule, denn die Umstellung von der Arbeit zur Schule und umgekehrt ist jedes Mal relativ gross. Ein Vorteil der Blockschule ist, dass man im Internat ist und dadurch gute Freundschaften mit den Klassenkameraden entstehen.

Als angehender Müller finde ich es spannend, an einem Getreidefeld vorbeizugehen und zu erkennen, um welches Getreide es sich handelt. Ich kann also sagen, dass ich sehr glücklich mit meiner Ausbildung bin, und hoffe, dass es für den Rest der Lehre und in der Zukunft so bleibt. 


Was ist schön?

 

Severin Ballmann (22)

Lernender Detailhandel Bau + Hobby Frauenfeld TG, hat ein neues Körper- und Selbstwertgefühl entwickelt, indem er 27 Kilo abgenommen hat.

«Ich hasse meinen Körper.» Dieser Gedanke begleitete mich früher oft, denn ich fand mich selbst aufgrund von meinem Übergewicht nicht schön und hatte praktisch kein Selbstvertrauen. Ich verglich mich oft mit den Menschen aus meinem Umfeld und in den Medien und fand mich hässlich, auch wenn diese selbst nicht makellos waren. Dass ich mit meinem Aussehen nicht in die Vorstellung von Schönheit passte, liessen mich einige Mitmenschen auch spüren. Doch ich wollte mich nicht selbst in diese ‹Opferrolle› zwängen.

Inzwischen habe ich meine Ernährung etwas umgestellt und einiges an Gewicht verloren, dafür aber neues Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen gewonnen. Auch wenn ich mein Idealgewicht noch nicht erreicht habe, habe ich gelernt, mich selbst zu akzeptieren.

Das Einzige, was mich an mir noch stört, ist der Haarausfall – wer möchte mit Anfang zwanzig schon unfreiwillig kahlköpfig sein? Um das zu ändern, würde ich sogar eine Haartransplantation in Betracht ziehen. Wenn ich dann noch mein Idealgewicht erreicht habe, würde ich mich auch einer Hautstraffung unterziehen lassen, sofern das nötig ist. Ich bin kein Gegner von Schönheits-OPs, solange sich daraus kein Wahn entwickelt.

Für mich zählen Charakter und Persönlichkeit aber mehr, denn das ist es, was einen Menschen für mich schön und interessant macht.

Grundsätzlich sollte sich jeder Mensch so wohlfühlen dürfen und sein können, wie er ist, ohne sich verstellen zu müssen. Schlussendlich wäre es doch langweilig, wenn wir alle gleich wären, oder nicht? 


Wie steht es bei uns um die Diskriminierung?

 

Tobias Frey (17)

KV-Lernender Schafisheim AG, hat Erfahrung mit dem Minderheiten-Dasein: Er ist wahrscheinlich einer der wenigen in der kaufmännischen Lehre, der keinen Kaffee trinkt.

Wer kennt es nicht? Alle Blicke auf einen gerichtet. Das unangenehme Gefühl, beobachtet zu werden. Alles Unbekannte zieht den Blick auf sich. Und doch wenden wir uns gleichzeitig davon ab. Genauso wie sich die meisten von uns Schwulen abwenden. Doch was unterscheidet uns? Nichts. Wir lieben und wir leben. Doch genau für dieses Recht kämpfen wir seit Jahren als Minderheit auf der ganzen Welt. So auch in der Schweiz.

Bis ich mir selbst eingestehen konnte, dass ich homosexuell bin, war es eine harte Zeit. Es ist unmöglich zu beschreiben, wie es sich anfühlt, durch diesen Prozess von Selbstakzeptanz zu gehen. Ich dachte zuerst, es sei eine Phase, die nach einiger Zeit verschwindet. Alles, was ich mir damals wünschte, war «normal» zu sein. Obwohl ich damals schon einige positive Beziehungen mit Frauen gehabt hatte, ist mir immer aufgefallen, dass ich Frauen mehr als gute Kolleginnen mochte als für eine Beziehung. Diesen Gedanken habe ich als Erstes meinen zwei besten Freundinnen mitgeteilt. Diese nahmen das sehr positiv auf. Anders als mein bester Kollege, welcher den Kontakt abgebrochen hat. Dies war ein harter Schlag, der mich sehr verletzte. Meine Eltern brauchten verständlicherweise etwas Zeit, um sich an meine neuen Umstände zu gewöhnen. Richtig akzeptiert haben sie wie auch ich es erst, als ich ihnen meinen Freund vorstellte. Sie fanden ihn auf Anhieb sehr sympathisch und nahmen ihn in unsere Familie auf. Mit ihm wagte ich auch den Schritt und habe mich öffentlich geoutet, eine der besten Erfahrungen, die ich gemacht habe. Endlich konnte ich sein, wer ich bin. Nicht ein klischeehafter schwuler Junge, sondern einfach ich selbst. Alle Mädchen und Jungen, die dieses Empfinden haben, sollten mit jemanden darüber sprechen. Am besten mit jemandem, dem ihr vertraut. Steht zu euch selbst und lernt euch zu akzeptieren. Wenn ihr Angst davor habt, könnt ihr auch mit einer Stelle darüber sprechen.