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Wo Affen-Waisen ein Zuhause finden

Sie sind vom Aussterben bedroht und werden doch gejagt und gehalten: Orang-Utans. Eine Organisation in Indonesien rettet die seltenen Säugetiere. Ohne Unterstützung aus der Schweiz wäre das nicht möglich.

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Björn Vaughn, BPI/Raphael Schnüriger/zVg, Karte Janina Noser
08. Oktober 2018

Mit ihrer Betreuerin machen sich die Orang-Utans auf den Schulweg. Denn sie haben viel zu lernen.

Mats (8) ist nicht erfreut über unsere Anwesenheit. Grimmig blickt uns der Orang-Utan von der anderen Seite des Wassergrabens entgegen. «Er mag Menschen nicht», sagt Fitryana «Pipit» Rahayu (27). Sie ist seit Kurzem in Samboja Lestari, einer Rettungsstation der Borneo Orangutan Survival Foundation (BOS), für das Tierwohl zuständig. Auf diese Anlage im Osten des indonesischen Teils der Insel Borneo werden Orang-Utans gebracht, wenn sie die übelsten Seiten der Menschen kennengelernt haben. Die meisten Affen sind bei ihrer Ankunft noch Babys. Viele wurden als Haustiere gehalten, oftmals als Statussymbol in kleinen Käfigen.

 BOS rettet Orang-Utans, die vor Waldbränden flüchten …

… oder als Haustiere gehalten werden.

Vor allem die ganz Kleinen brauchen viel Nähe.

Gemäss Schätzungen gibt es noch 70 000 Exemplare des grössten in Bäumen lebenden Säugetiers. Ihr Lebensraum, der sich einst fast über den ganzen Süden Asiens erstreckte, beschränkt sich heute auf die Inseln Borneo und Sumatra. Deshalb sind die seltenen Tiere schon seit über 60 Jahren geschützt. Sie dürfen weder getötet noch gehandelt oder gehalten werden. Das Bewusstsein dafür wächst in ihrer Heimat jedoch nur langsam. Aber immerhin, es wächst: So kriegt BOS immer häufiger Meldungen von aufmerksamen Dorfbewohnern über Affen, die in Privathaushalten gehalten werden. Dann beschlagnahmen die Tierschützer zusammen mit den Behörden die Orang-Utans und päppeln sie in den beiden Rettungsstationen wieder auf.

Der erste Teil des Rehabilitationsprozesses findet bei BOS meist im Babyhaus statt. Gut acht Jahre würden Orang-Utans in der freien Wildbahn bei ihrer Mutter leben. Von ihr lernen sie nicht nur die wichtigsten Fähigkeiten wie das Klettern oder die Auswahl der richtigen Nahrung, sie erhalten auch körperliche Nähe und Zuneigung. Im Babyhaus übernehmen Frauen aus nahegelegenen Dörfern diese Rolle so gut wie möglich. Rund um die Uhr leben sie im Babyhaus und vermitteln den Waisen tagsüber auf dem Spielplatz erste Kletterkenntnisse. Sind die Äffchen noch ganz klein, dürfen sie sogar bei den Babysitterinnen schlafen. «Die kleinen Orang-Utans sind wie menschliche Babys, sie brauchen diese Nähe», erläutert Elisabeth Labes (47).

Auch sie wird gerade böse von Mats beäugt. Dabei hat der Primat ihr und ihrem Team vieles zu verdanken – unter anderem die künstlich angelegte Insel, auf der er gerade lebt. 2004 hat die ausgebildete Tierärztin zusammen mit zwei Freunden den Verein BOS Schweiz gegründet, für den sie heute als Leiterin Internationale Projekte und Partner tätig ist. «Ende der 90er-Jahre gab es auf Borneo heftige Waldbrände», erinnert sich Labes, die in Zürich lebt und immer wieder nach Indonesien reist, um die Projekte zu begutachten. «Deshalb kamen plötzlich so viele Orang-Utans auf die Rettungsstation, dass BOS finanziell nicht mehr hinterherkam. Wir wollten die Foundation unterstützen, indem wir in reicheren Ländern Spenden sammeln sowie Aufklärungsarbeit leisten.»

Orang-Utans haben viel mit Menschen-Kindern gemeinsam. Sie spielen gerne … 

… und müssen bei BOS sogar zur Schule gehen.

Das macht BOS Schweiz noch heute – mit Erfolg. Der Verein steht hinter fast allem, was es in Samboja Lestari zu sehen gibt. Auch hinter «Island 7», der Insel, die sich Mats gerade mit fünf anderen Orang-Utans teilt. «Bandits» – Banditen – nenne sie die Truppe aus Teenager-Primaten, erzählt Pipit. «Weil sie immer darauf lauern, dass Menschen vorbeikommen, und dann richtig wütend werden und versuchen, sie mit Dingen zu bewerfen.»

Äffchen drücken die Schulbank

Es gibt noch sieben weitere solcher Inseln in Samboja Lestari, einem von BOS aufgeforsteten, 18 Quadratkilometer grossen ehemaligen Regenwald-Gebiet. Auf den Inseln können Orang-Utans wie Mats nach dem Durchlaufen aller Stationen des Rettungszentrums beweisen, dass sie fit sind für die Freiheit.

Bevor es so weit ist, müssen die geretteten Affen aber erst einmal in die sogenannte Waldschule, wo die jüngeren Orang-Utans von den älteren alle wichtigen Fähigkeiten wie das Bauen von Schlafnestern abschauen können. Plötzlich ertönt ein lautes Krachen. Ein Orang-Utan landet unsanft im Dickicht. Die Betreuer lachen. Sie kennen das. Wie Menschen-Kinder bei den ersten Gehversuchen noch hinplumpsen, sind auch Affen nicht von Beginn weg anmutig in den Baumkronen unterwegs. Sie müssen zuerst lernen, welche Äste stabil sind – auch dazu ist die Waldschule da. «Für Orang-Utans ist es unnatürlich, sich länger am Boden aufzuhalten», erklärt Pipit. «Für ein Leben in Freiheit ist Klettern deshalb eine unerlässliche Fähigkeit.» Darum müssen die Betreuer auch einmal lauter werden mit den Schülern, wenn diese keine Lust zum Üben haben. Werden sie besser, kommen sie eine Schulstufe weiter. «In die Sekundarschule sozusagen», erklärt Labes. «Die Universität wäre dann eine Pre-Release-Insel.»

«Die Affen sollen sich nicht an Menschen gewöhnen.»

Elisabeth Labes

Solche gibt es nicht nur in Samboja Lestari, sondern auch in der Nähe der gut 350 Kilometer entfernten zweiten BOS-Rettungsstation Nyaru Menteng in Zentral-Kalimantan. Fast 21 Quadratkilometer stehen auf der dortigen Insel Salat Island zur Verfügung, um Affen auf die Freiheit vorzubereiten. Gut 200 Orang-Utans sollen dort gleichzeitig Platz haben. Geplant ist auch ein Bereich für Primaten, die nicht mehr ausgewildert werden können. Denn auch solche Fälle gibt es, zum Beispiel Shelton (12). Als kleiner Affe flüchtete er vor einem Waldbrand in die Felder, wo die Dorfbewohner auf ihn schossen. 16 Schüsse bekam er ab. Er überlebte zwar, ist seither jedoch blind.

Touristen sensibilisieren

Gleichzeitig laufen auf Salat Island auch Bauarbeiten, um Touristen einen Besuch auf der Insel zu ermöglichen. Durch Wassergräben sind die Gäste von den Orang-Utans getrennt. Ähnlich läuft das heute schon in Samboja Lestari, wo es eine Lodge für Touristen gibt. Während Auswärtige auch dort das Babyhaus und die Waldschule nicht besuchen dürfen, können sie die Affen, die kurz vor der Auswilderung stehen, wenigstens aus der Ferne betrachten. «Es ist wichtig, dass sich die Tiere nicht zu sehr an Menschen gewöhnen», begründet Labes den spärlichen Zugang. «Gleichzeitig ist es für unsere Arbeit wichtig, dass die Menschen sensibilisiert sind. Ausserdem können wir mit den Einnahmen aus dem Tourismus die Rettungszentren unterstützen.»

Die Organisation ist auf jeden Rappen angewiesen. Trotz Spenden und Stiftungsgeldern kommt zurzeit jeden Monat ein Defizit von über 20 000 Franken zusammen. Denn Futter, Unterbringung und medizinische Pflege für rund 500 Affen – das läppert sich.

Früher waren es noch mehr Tiere: Zu Spitzenzeiten lebten 850 Orang-Utans in den beiden BOS-Rettungszentren. «Das Ziel war von Anfang an, die Tiere wieder in die Freiheit zu entlassen», erzählt Labes. Doch schnell musste die 1991 gegründete BOS Foundation erkennen, dass dies nicht so einfach ist. Denn die seltenen Affen sind zwar geschützt – rund 80 Prozent ihrer Lebensräume jedoch nicht. So roden zum Beispiel Firmen den Regenwald, um Palmölplantagen anzulegen oder Steinkohle abzubauen. «Und wir konnten es nicht riskieren, Orang-Utans freizulassen, nur um sie ein paar Wochen später wieder einsammeln zu müssen.»

Zwischen 2009 und 2011 gelang es BOS zum ersten Mal, zwei Gebiete mit einer Gesamtfläche von über 1210 Quadratkilometern schützen zu lassen. Weitere kamen hinzu. «Seit 2012 konnten wir über 360 Affen in die Freiheit entlassen», freut sich Labes. «Und diese haben uns schon zwölf neue Babys beschert.»

BOS Schweiz

So können Sie helfen

BOS Schweiz unterstützt Projekte zum Schutz von Tieren und der Umwelt im indonesischen und malaysischen Teil der Insel Borneo. Der Fokus liegt dabei auf Orang-Utans. Um die Bestrebungen zu unterstützen, können Schweizer Patenschaften für Orang-Utans übernehmen. Ausserdem gefragt sind Fördermitgliedschaften oder einmalige Spenden. Wer lieber selber anpacken möchte: Volontariate können sowohl bei BOS Schweiz in Zürich oder vor Ort in Borneo im Rahmen der Aufforstungskampagne One-Tree-One-Life absolviert werden.