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Achtung, wir reden über Sex!

Aufklärungsunterricht gehört zum Pflichtstoff in der Schule. Damit Jugendliche ungeniert Fragen stellen können, nehmen viele Lehrer auswärtige Hilfe in Anspruch, zum Beispiel von «Achtung Liebe»: Der Verein schickt motivierte Studierende in die Klassen.

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Kostas Maros
04. November 2019

Es ist acht Uhr morgens und an der Wandtafel stehen Wörter wie «Brüste», «Arsch» und «Kondom». Die Mädchen und Jungen der 6. Primarschulklasse in Liestal BL spielen das Sex-Abc, bei dem jedem Buchstaben des Alphabets ein Begriff zu den Themen Sex, Körper und Liebe zugeordnet werden muss. «Anhand der gewählten Wörter merken wir ziemlich schnell, wie gut sich die Kinder schon auskennen, ob sie beispielsweise bereits mit Pornos in Berührung gekommen sind», sagt der Medizinstudent Patrick Schmucki (24) vom Verein «Achtung Liebe».

Gefährliches Halbwissen

Das ist bei den 11- bis 12-jährigen Mädchen und Jungen, die nach dem Spiel gespannt im Halbkreis sitzen, wohl eher nicht der Fall. Ihr Sex-Vokabular ist noch bescheiden: Etliche Buchstaben bleiben leer, wenn auch vereinzelt Wörter wie «Dildo» oder «intersexuell» hervorstechen und von den Kindern prompt erklärt werden können. Es fallen auch kreative Begriffe, wie beispielsweise Erdbeerwoche, ein anderes Wort für Menstruation. «Die Klasse hat einen dem Alter entsprechenden Wissensstand», so Schmucki. Das bedeutet, dass die Kinder bereits grundlegende Fakten zum Thema Sex kennen, das Wissen aber oft noch lückenhaft ist. Deutlich wird das beim Stichwort Pille, bei dem eines der Mädchen eifrig erklärt: «Man muss sie einmal zu Beginn des Monats nehmen, dann kann man nicht schwanger werden.» «Fast richtig!», ruft Patrick Schmucki und dämpft damit auch gleich das Getuschel der besser informierten Mitschülerinnen, «man nimmt sie täglich.» Der danach folgenden Erklärung lauschen Mädchen und Jungen gleichermassen interessiert. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, in der Schule offen über Sex zu reden?

Die Sexperten

Im vergangenen Jahr haben die rund 120 selbst ernannten «Lieblerinnen» und «Liebler» des Vereins «Achtung Liebe» über 200 Schulklassen in und um Zürich, Basel und Bern besucht. Die Studentinnen und Studenten unterrichten allesamt ehrenamtlich. Ihr Ziel ist die altersgerechte Sexualaufklärung in einem Rahmen, der es Teenagern ermöglicht, unbefangen Fragen zu stellen und Unsicherheiten abzubauen. Fachleute der Sexualpädagogik, aber auch erfahrene Kolleginnen und Kollegen bereiten die jungen Studierenden auf ihre Einsätze vor. In der Regel besuchen sie nach der Ausbildungsphase Schulklassen ab der 6. Primarstufe, sind also meist höchstens zehn Jahre älter als die anwesenden Kids. «Das ermöglicht es uns, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Da sie uns wahrscheinlich nie wiedersehen, ist die Angst, peinliche Fragen zu stellen, eher klein», so Patrick Schmucki. Die Klassenlehrpersonen sind während des rund vierstündigen Workshops nicht anwesend. «Wir erzählen ihnen auch nicht, welche Fragen gestellt wurden. Das schafft eine offene Atmosphäre.»

Patrick Schmucki erklärt den Jugendlichen anhand eines Modells der weiblichen Geschlechtsorgane die korrekte Verwendung eines Femidoms.

Wann beginnt eine Liebesbeziehung? Wie verwendet man die Pille? «Mir rede drüber», verspricht der Verein «Achtung Liebe» und hält Wort.

Das «Achtung Liebe»-Konzept scheint aufzugehen: Die Mädchen und Jungen sind mit Feuereifer dabei und stellen unbefangen Fragen. Gekicher ist nur selten zu hören. «Es darf einem selber nicht peinlich sein, über Sex zu reden, das spüren die Kinder nämlich. Wir achten auch auf eine altersgerechte Sprache. Und natürlich hilft es, dass fast alle das Thema spannend finden», erklärt Schmucki mit einem Schmunzeln. Auch als es an den eher trockenen Anatomie-Teil des Workshops geht, gelingt es ihm und seiner Kollegin Michelle Rüegg (23), die jungen Zuhörenden bei der Stange zu halten. Es zeigt sich, dass die Klassenlehrerin gute Vorarbeit geleistet hat: Souverän benennen die Schülerinnen und Schüler auf den Schaubildern Vagina, Gebärmutter und Eierstöcke und erklären deren Funktionen. «Kann das Jungfernhäutchen nur beim Sex reissen?», fragt Patrick Schmucki. «Nein, das kann auch beim Sport passieren», antwortet eines der Mädchen.

Bananen und Kondome

Ein zweites Bild zeigt eine Skizze der männlichen Geschlechtsorgane. «Wie lange leben Spermien?» will Schmucki wissen. «Ein paar Stunden», «einen Tag», so die Zwischenrufe. «Bis zu sieben Tage», erklärt der Medizinstudent und fügt hinzu: «Deshalb können Frauen auch schwanger werden, wenn sie lange vor dem Eisprung Sex haben.» Ein wichtiges Detail, von dem die Mädchen und Buben der Klasse keine Ahnung hatten, und damit die perfekte Überleitung zum nächsten Teil: Schmucki legt ein Arsenal verschiedener Verhütungsmittel aus und erläutert deren Anwendung genauer. Pille und Spirale sind bekannt, das Femidom, auch Kondom für die Frau genannt, stösst auf Erstaunen. «Kann man das auch über den Penis stülpen?», fragt ein Junge. «Nein, dafür gibt es ja Kondome», so Patrick Schmucki und geht damit zum Höhepunkt des Aufklärungsmorgens über, dem sogenannten «Kondömeln». In Zweierteams dürfen die Kinder ein Präservativ über eine Banane ziehen. «Das sorgt meistens für Aufregung, viele Kinder fassen zum ersten Mal ein Kondom an.» Die Kommentare fallen denn auch ganz unterschiedlich aus: Ob «cool» oder «wäh, glitschig» – alle machen sich eifrig ans «röuele, röuele, röuele», ganz getreu dem Kult-Slogan des Werbespots der Stop-Aids-Kampagne.

«Gut, dass wir das nicht bei unserer Klassenlehrerin machen mussten», meint eine Schülerin. «Das wäre mir peinlich gewesen.» Die Studenten seien sehr nett und sie erfahre viel Neues. Fragen stellen will sie dann aber erst im geschlechtergetrennten Teil am Ende des Vormittags. Zum Beispiel, ob die Untersuchung beim Frauenarzt weh tut. «Das ist eine Frage, die Sechstklässlerinnen häufig stellen», sagt Patrick Schmucki. Die Buben hätten oft Fragen zu Masturbation und Pornos, weshalb man auf dieses Thema gerne noch einmal vertieft eingehe. «Wir erklären der gesamten Klasse immer, dass Pornovideos mit der Realität etwa so viel zu tun haben wie ein James-Bond-Film. Das verstehen sie meistens ganz gut.»

Etwas ganz Wichtiges zum Thema Liebemachen haben die Mädchen und Jungen offenbar bereits begriffen. Auf die Frage eines Jungen, wie lange man eigentlich am Stück Sex haben dürfe, antwortet einer seiner Mitschüler lautstark: «So lange, wie beide Lust darauf haben».


«Eltern können nicht zu viel erklären»

Einem Kleinkind sagen, woher die Babys kommen, einen Jugendlichen über die Verwendung von Verhütungsmitteln informieren: Sexualerziehung ist so viel mehr als das. Ein Gespräch mit der Sexualpädagogin Luise Treu.

Luise Treu, wann ist der richtige Zeitpunkt, sein Kind aufzuklären?

Luise Treu (43)

Sexualpädagogin, Stiftung Berner Gesundheit

Immer wieder. Sexualerziehung bettet sich im Alltag der Familie ein. Sie findet beispielsweise statt, wenn bei Babys während der Körperpflege die Körperteile benannt werden, auch die Geschlechtsorgane. Wenn gefragt wird, ob das Kind einen Gutenachtkuss möchte. Wenn Familien homosexuellen Bekannten begegnen oder davon erzählen. Aber auch, wenn Eltern bei der Anschaffung eines Smartphones mit dem Kind über Pornografie und Sexting sprechen.

Wie beantwortet man Fragen altersgerecht?

Nehmen wir ein Beispiel: Ein Kleinkind ist mit seinen Eltern im Bus. Es sieht eine schwangere Frau und fragt «Ist da ein Baby drin? Woher kommt das Baby?» Zuerst können die Eltern bestätigen, dass im Bauch ein Baby ist. Wenn sie die zweite Frage nicht im Bus beantworten möchten, können sie dem Kind sagen, dass sie gerne zu Hause darüber sprechen. Es ist auch gut zu wissen, dass man Kindern nicht zu viel erklären kann. Sie merken sich, was für sie passt.

Was, wenn Kinder keine Fragen stellen?

Kinder sind ganz unterschiedlich: Einige stellen viele Fragen, andere nur wenige. Bücher oder geeignete Internetseiten helfen, die eigene Offenheit zu zeigen und Informationen zur Verfügung zu stellen. Kinder entscheiden selbst, was sie interessiert, wie sie sich informieren wollen und an wen sie ihre Fragen richten. Dennoch ist es wichtig, sich als Ansprechperson anzubieten.

Was ist beim Thema Aufklärung des Guten zu viel?

Zu viel ist, wenn Eltern die Grenzen ihrer Kinder nicht beachten, indem sie Schamgefühl oder Desinteresse übergehen. Solche Abgrenzungswünsche sollten Eltern respektieren. Sie können aber sagen, dass sie das Thema wichtig finden und es zu einem späteren Zeitpunkt wieder ansprechen werden.

Wie sieht eine Sexualerziehung aus, die ein positives Körpergefühl vermittelt?

Ab Geburt werden Kinder durch den Umgang mit Körperkontakt, Zärtlichkeit in der Familie und durch sinnliche Erfahrungen geprägt. Es ist wichtig, wie Eltern reagieren, wenn die Kinder sich selbst an der Vulva oder am Penis berühren. Sie können das wohlige Gefühl der Kinder benennen, um sie in einem positiven Zugang zu unterstützen. Vermitteln sie nur die Sorge um den Schutz vor Schwangerschaft, Krankheit und sexueller Gewalt, kann Sexualität als belastend oder gefährlich gedeutet werden.

Durch das Smartphone kommen Jugendliche früher mit Pornografie in Kontakt. Sind sie durch das Internet übersexualisiert?

Sexuelle Inhalte sind tatsächlich weit verbreitet, dennoch zeigt sich keine Übersexualisierung der Jugendlichen. Für die meisten gehört Sexualität in eine feste Beziehung. Pornografie kann negative Auswirkungen haben, wenn die Begleitung im Thema Sexualität fehlt. Eltern sollten ihr Kind daher über Pornografie und Sexualität in den Medien informieren, sobald es sich im Internet bewegt. Man weiss, dass gut aufgeklärte Jugendliche den Zeitpunkt für ersten Sex bewusster wählen und sich besser vor Schwangerschaft und Krankheiten schützen.