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«Make love, not war»

Keiner weiss so viel über Bonobos wie Martin Surbeck. Seine Erforschung der beim Kongofluss wild lebenden Menschenaffen führt den Schweizer nun an die US-Universität Harvard.

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Roland Hilgartner
24. Juni 2019

Spannungen werden meist gewaltlos beigelegt bei den Bonobos. Diese sind zusammen mit Schimpansen unsere nächsten Verwandten.

Tiere beobachten, das hat er schon als Kind extrem gern gemacht, jetzt ist es sein Beruf, ja sein Leben. Der Zürcher Martin Surbeck (42) ist der erfahrenste Bonobo-Forscher weltweit. Ab August wird er als Professor an der Elite- universität Harvard in Boston (USA) arbeiten – und unsere freundlichen nahen Verwandten, die Bonobos, weiterhin in der Demokratischen Republik Kongo auskundschaften.

Hier hat alles angefangen. Nach seinem Biologiestudium in Zürich führte ihn eine befristete Stelle am Max-Planck-Institut für Anthropologie in Leipzig (D) 2003 erstmals nach Afrika. Frei lebende Bonobos gab und gibt es ausschliesslich im Dschungel südlich des Kongoflusses. Knapp motorradtaugliche Schotterpisten führten in weit verstreute Dörfer, von wo aus sich Surbeck den Affen zu Fuss zu nähern versuchte. «In den ersten sechs Monaten sah ich die Bonobos nur selten und wenn, dann nur von Weitem durch den Feldstecher», berichtet er. Doch geduldig folgte er den scheuen Tieren Tag für Tag weiter – bis sie nicht mehr vor ihm flüchteten, ihn also nicht mehr als Bedrohung werteten. «Das war ein sehr spezieller Moment, als eines der Weibchen sich in der Nähe von mir hinlegte und einfach einschlief», erinnert er sich.

Intimer Kenner der Bonobos

Martin Surbeck

Martin Surbeck arbeitete bis Mai am Max-Planck-Institut in Leipzig, dort war er fürs Gespräch per Skype erreichbar. Nun ist er in der Schweiz am Wandern, im Juli arbeitet er im Bonobo-Camp im Kongo ein neues Forschungsteam ein. Ab August ist er Professor an der Universität von Harvard (USA). Er hat eine sechsjährige Tochter.

Ab da konnte er mit der Forschungs- und Beobachtungsarbeit richtig anfangen. Und diese hat ihn weit gebracht: Nach Abschluss der Doktorarbeit wurde Surbeck in Leipzig Forschungsgruppenleiter. Und er baute im Kongo eine Bonobo-Station auf, die er leitet.

Auf der Kokolopori-Station

Flugaufnahmen zeigen, wie abgelegen das Camp ist, von wo aus «seine» Bonobos beobachtet werden. Surbeck heuerte Einheimische an, um an einer wasserreichen Stelle eine kleine Lichtung in den bis 30 Meter hohen Urwald zu schlagen, einfache Hütten zu bauen und die Versorgung mit Nahrungs- und Hilfsmitteln zu organisieren. In der Nähe des Camps leben drei Gruppen von Bonobos, denen heute vor allem einheimische Assistenten und internationale Studenten täglich folgen. «Die Campangestellten sind mit GPS-Geräten ausgerüstet und notieren jede Aktivität der Affen, vom Erwachen bis zum Erbauen des immer wechselnden Schlafplatzes», erklärt Surbeck. Die Studenten oder Doktoranden helfen dabei, dass die Daten stimmig weiterverarbeitet werden. Er selber ist ein- bis zweimal pro Jahr für einige Wochen vor Ort, um Probleme zu lösen, beim Wechsel des 20-köpfigen Teams oder zum Start einer neuen Studie.

«Natürlich wäre es einfacher, Tiere im Tessin zu beobachten», verrät der Forscher lachend. Die Demokratische Republik Kongo ist bekanntlich nicht ein besonders sicheres, bequem zu bereisendes Land. Doch Bonobos gibt es nun mal nur dort – und vor allem sind sie für die Forschung höchst interessant. Wenn ihn so eine Affengruppe auf der Suche nach einem guten Futterbaum nach stundenlangem Marsch in einen Sumpf führe, wo er dann bis zur Brust im Wasser stehe, frage er sich manchmal schon, was er da mache, erzählt er. Doch wenn er berichtet, was seine Studien schon alles an den Tag gebracht haben, wird klar, dass sich die Strapazen lohnen.

Unsere nächsten Verwandten

Dass Schimpansen eine Art Cousins von uns Menschen sind, ist bekannt. Obwohl wir mit Bonobos genetisch ebenfalls zu 98,7 Prozent verwandt sind, wissen wir meist viel weniger von ihnen. Höchstens, dass sie viel Sex hätten. Das stimme, sagt Martin Surbeck, doch sei dies zu sehr aufgebauscht worden. Die Bonobo-Devise heisse zwar schon «make love, not war», doch meist diene der kurze Akt vor allem dazu, Spannungen in der Gruppe zu entschärfen. Die Konflikte entzünden sich oft ums Futter – was in Zoos oder Aufzuchtstationen heftiger und häufiger vorkommt als in der Wildnis. Und genau über dieses freie Bonobo-Leben wusste man lange fast nichts.

Lebt die Mutter in derselben Gruppe, verdreifacht das die Chancen von Bonobo-Männchen, ein Junges zu zeugen.

Surbecks Beobachtungen im Kongo konnten erstmals zeigen, dass vor allem diejenigen Männchen oft Sex haben, die mit der eigenen Mutter gut auskommen. Die Bindung zwischen Mutter und Sohn ist nicht nur die engste in der Gruppe, sondern auch punkto Nachwuchs die erfolgversprechendste. Ganz anders geht es bei den Schimpansen zu, wo vor allem die stärksten Männchen zum Zug kommen, wenn die Weibchen läufig sind. Sie kämpfen gegeneinander und nehmen sich die Weibchen nicht selten gewaltsam. Bei den Bonobos dominieren die Weibchen. Wenn die sich über ein Männchen ärgern, schliessen sie sich zusammen und können ganz schön aggressiv werden: «Männchen mit einem abgerissenen Ohr oder Finger sind nicht selten», verdeutlicht Surbeck. Als Bonobo tut Mann also gut daran, nicht nur zur eigenen Mutter, sondern zu allen Weibchen nett und freundlich zu sein.

«Die engste Bindung ist die zwischen Mutter und Sohn.»

Martin Surbeck, Bonobo-Forscher

Die jungen Bonobo-Weibchen verlassen ihre Gruppe nach einigen Jahren und schliessen sich woanders an. Und da wird es wieder spannend: Die neue Gruppe heisst die weiblichen Eindringlinge richtiggehend willkommen, die Mütter freuen sich offensichtlich über neue Gespielinnen für ihre Söhne! Unter Weibchen weit verbreitet ist neben dem gegenseitigen Lausen auch das verspielte Reiben der Geschlechtsteile.

Dass Bonobos so zuvorkommend miteinander umgehen, schützt sie nicht davor, dezimiert zu werden. Der Rückgang in den letzten Jahrzehnten ist alarmierend: «In den letzten zehn Jahren hat sich die Population halbiert, heute gibt es noch etwa 15 000 bis 20 000 Tiere», erklärt der Experte. Bonobos werden im Kongo gejagt und gegessen, obwohl sie geschützt sind.

Fasziniert konnte Martin Surbeck beobachten, dass die Bonobo-Gruppen seines Gebiets zeitweise sehr friedlich nebeneinander, ja man könne sagen miteinander leben. Auch hier ein wesentlicher Unterschied zu Schimpansen. Wer sich je mit der berühmten englischen Forscherin Jane Goodall (85) beschäftigt hat, erinnert sich bestimmt an deren Entsetzen, als sich ihre Schimpansengruppe in Tansania aufspaltete, worauf der eine Teil die Tiere des anderen zerfleischte. Trotzdem dürfe man Schimpansen nicht einfach nur als aggressiv betrachten: «Schimpansen können auch sehr freundschaftlich, mitfühlend und hilfsbereit miteinander umgehen», betont Martin Surbeck.

Als Nächstes möchte er herausfinden, wie genau es dazu kommt, dass sich Bonobo-Gruppen nicht nur nicht bekriegen, sondern einander beistehen und gar das Futter teilen. «Wenn man davon ausgeht, dass sich der Mensch aus einem affenähnlichen Wesen entwickelt hat, kann man bei den Bonobos viel Spannendes über unsere pazifistische Seite erfahren», sagt er – und seinem Blick nach zu urteilen ist er wieder weit weg auf Urwaldpirsch.