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Die Schweiz ohne Eis

In 100 Jahren wird von unseren Gletschern nicht mehr viel übrig sein. Wie das dann aussieht, kann man in einer Ausstellung im Nationalpark erleben.

FOTOS
Christoph Kaminski, Keystone; Visualisierung Knowledge Visualization, ZHDK
01. April 2019

 Glaziologe Andreas Linsbauer sieht durch die VR-Brille, wie der Grosse Aletschgletscher kleiner wird und schliesslich ganz verschwindet.

VR-Brille heissen die Geräte, die ihre Träger in eine künstliche Umgebung versetzen. VR steht für «Virtual Reality», auf Deutsch etwa «nicht wirkliche Wirklichkeit». Andreas Linsbauer (41), Glaziologe an der Uni Fribourg, trägt grad eine. Mit ihr sieht er sich vom Eggishorn im Wallis den Grossen Aletschgletscher an. In Wirklichkeit steht Linsbauer in einem Forschungsraum in Zürich. Die Landschaft spielt sich nur in der Brille ab.

Was er durch die Brille sieht, ist eindrücklich: Tausende von Kubikmetern Eis schmelzen in den nächsten 50 Jahren dahin. Im Zeitraffer werden sie in ein paar Sekunden ganz verschwunden sein. Zurück bleiben – vermutlich – ein paar Seen, Fels und Geröll. So jedenfalls hat das Linsbauer in seiner Dissertation berechnet, in der er das Verschwinden der Gletscher untersucht hat.

 So sieht der Grosse Aletschgletscher heute aus.

Ein interdisziplinäres Projektteam um Linsbauer präsentiert nun diese glaziologischen Forschungsergebnisse. «Dank der VR-Brille können wir dieses Wissen über den Klimawandel einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen», meint Linsbauer. Ziel war es, dass die Besucher den Rückgang der Gletscher und das Auftauen des Permafrosts erleben, «emotional und ganz nah», erklärt er. An der Umsetzung beteiligt waren Forscher der Universität Fribourg, Designer und Entwickler der Fachrichtung Knowledge Visualization der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und Pädagogen des Schweizerischen Nationalparks und der Pädagogischen Hochschule Graubünden.

Zum Handeln motivieren

Nun steht die Installation im Besucherzentrum des Nationalparks in Zernez GR. Sie richtet sich insbesondere an Schulklassen der Sekundarstufe I und II. Als Höhepunkt können die Besucher durch die VR-Brillen sehen, wie die Gletscher wegschmelzen. Linsbauers Ziel ist klar: «Niemand soll am Schluss mit dem Gefühl rausgehen, dass man nichts mehr tun kann. Wenn der eine oder andere etwas mitnimmt, was ihn zum Umdenken und zum Handeln motiviert, haben wir viel erreicht.»

Die Forscher, Pädagogen und Designer hoffen, durch diese Form der Darstellung vor allem die kommenden Generationen anzusprechen. «Sie sind es, die durch ihr Verhalten und ihre politischen Entscheidungen das Klima massgeblich bestimmen», sagt Niklaus Heeb (53), Leiter Knowledge Visualization an der ZHdK. Der Zeitpunkt sei perfekt: «Die schwedische Schülerin Greta Thunberg (16) hat eine neue Bewegung lanciert. Jetzt brauchen wir einen neuen Zugang, um die jungen Menschen zu inspirieren, gemeinsam aktiv zu werden.» 

Nationalpark

Klimawandel durch die Brille

Die Ausstellung «Expedition 2 Grad» ist bis 22. August 2019 im Besucherzentrum des Schweizerischen Nationalparks in Zernez GR zu Gast. Offen Montag bis Freitag 9–12 und 14–17 Uhr, ab 25. Mai täglich von 8.30 bis 18 Uhr. Vom 10. September 2019 bis Ende Januar 2020 wird die Ausstellung im World Nature Forum in Naters VS zu sehen sein.