X

Beliebte Themen

Titelgeschichte

Klingt gut!

Flüstern, sprechen, schreien, singen, rappen, beatboxen – die menschliche Stimme ist unglaublich vielseitig. Und wandelbar, denn wir können sie verstellen.

FOTOS
Getty Images, Andy Reutimann; Papercraft: Sarah Gasser
14. Januar 2019

Es ist der berühmte erste Schrei. Mit diesem «Uäh-uäh-uääääähhhhhh!!!» verkünden wir der Welt: Hallo, hier bin ich! Wenige Sekunden nach unserer Geburt haben wir eine Stimme – von nun an verschaffen wir uns damit in einer Tonhöhe von 400–450 Hertz Gehör. Wir wollen also gehört werden, wenn wir etwas mitzuteilen haben: Hunger, Durst, Wissen, Gefühle. Mit der Zeit wandelt sich das «Uähhh!» zum «Dä!» oder zum «Dadada», bis schliesslich ein erstes «Mama» oder «Papa» – bei manchen ist es auch «Auto» – daraus wird. Unsere Stimme ist unser wichtigstes Mitteilungsorgan.

Bereits Galenos (ca. 128–216), der Leibarzt des römischen Kaisers Marc Aurel (121–180), fragte sich, wie die Stimme funktioniert. Dank intensiven Studien am Schwein schaffte er es, die an der Stimmbildung beteiligten Organe zu beschreiben. Seine Erkenntnisse waren bis in die Neuzeit massgebend. Er gilt als Begründer der Stimmkunde, obwohl er nicht herauszufinden vermochte, wie genau ein Laut entsteht. Inzwischen weiss man jedoch: Über 100 Muskeln sind am Sprechen beteiligt und während des Redens muss das Gehirn unzählige Entscheidungen treffen.

 Worte und Laute aus unserem Mund sind subtile Berührungen für die Ohren anderer Menschen.

Der Stimmapparat ist ein komplexes System. Verschiedenste Strukturen in Bauch, Brust, Hals und Kopf müssen koordiniert werden, damit aus unserem Mund ein Wort oder ein Laut kommt: Zwerchfell, Lunge, Luftröhre und Brustkorb dienen als Windkessel und Stimmstütze, während Kehlkopf und Stimmlippen als Vibrato- und Tonerzeuger fungieren und Rachen, Mund- und Nasenhöhle als Resonanzkörper. Der gesamte Körper arbeitet also am Klang der Stimme mit. Die Idee für jeden Laut entsteht in der Hirnrinde. Von dort werden Befehle an Nervenzellen in Hirnstamm und Rückenmark geleitet, die komplexe Signale zur Kehlkopf-, Brust- und Bauchmuskulatur sowie an alle Muskeln im Stimmtrakt schicken. Ebenfalls zum «Sprech-Team» gehören bestimmte motorische Nervenbahnen und das vegetative Nervensystem.

Richtige Stimme ist Karrieremotor

Gut bei Stimme

Die Tipps von Werner Geiger

  • In normaler Stimmlage sprechen – nicht zu hoch und nicht zu tief.
  • Lautstärke aufs Gegenüber ausrichten – nicht zu laut und nicht zu leise.
  • Klares Denken macht Artikulieren klarer.
  • Ein lebendiges Gesicht bereichert den Stimmklang.

Ungünstig für die Stimme:

  • Rauchen, zu viel Alkohol, klimatisierte Räume, Herumschreien, zu langes Sprechen, Halsentzündungen.

Wellness für die Stimme:

  • Schweigen, schonen, entspannen, Tee trinken.
  • Wenn eine Heiserkeit länger als zwei Wochen dauert: Arzt aufsuchen und die Ursache klären lassen.

«Dem Klang einer Stimme kommt grosse Bedeutung zu», sagt Werner Geiger (70). Er muss es wissen, arbeitete der Voice Coach aus Zürich doch lange für Radio und TV SRF. «Fast alle bekannten Stimmen gingen bei mir und meinen Kolleginnen in die Sprechausbildung.» Die Stimme sei eine zentrale Verbindung zwischen den Menschen. «Die Schallwellen, die von jemandem ausgehen, sind für die Zuhörenden eine subtile Berührung.»

Auch bei der Karriere spielt die Stimme eine ganz grosse Rolle. «Ich mache oft Stimm- und Sprechtrainings mit Menschen, die eine Führungs- position anstreben, denn bei Assessments braucht es eine Stimme, die überzeugt», erklärt Geiger. Was kann man mit Sprechtraining erreichen? «Da ist im Rahmen der Gegebenheiten ziemlich viel möglich», so der Voice Coach. Sehr wichtig für die eigene Stimme ist ein gutes Gehör, denn der Mensch orientiert sich an dem, was ihm zu Ohren kommt. «Eine gute Stimme ist also jene, die ich gerne höre und die nicht vom Gesagten ablenkt.»

 Hörst du mich? Unsere Stimme ist zwar typisch, aber nicht ganz so unverwechselbar wie Fingerabdrücke oder de DNA.

In einem Stimm- und Sprechtraining werden sich Werner Geigers Klienten der Wirkungen ihrer Stimme bewusst und lernen, sie gezielt einzusetzen. Gute Redner vermitteln Autorität, sie wirken mit einer schönen Stimme sympathisch. Der Stimm- und Sprechtrainer: «Wenn das, was an mein Ohr kommt, angenehm ist, lasse ich es herein – ich höre also zu.» Als angenehm werden in der Regel entspannte, eher tiefe Stimmen empfunden. Allzu hohe, schrille, raue oder gebrochene Stimmen wirken meist unangenehm. Die «falsche» Stimme kann also Karrieren behindern.

Wir verraten mehr, als uns lieb ist

Stimmfarbe, Sprachmelodie und Atemtechnik sind bei jedem Menschen unterschiedlich – und sie variieren je nach Situation. Wir teilen uns also nicht nur über Worte mit. Die Stimme verrät unser Geschlecht, unser ungefähres Alter, unsere Stimmung, ob wir selbstbewusst sind oder nicht und noch viel mehr. Sind wir müde oder deprimiert, sprechen wir flach und monoton, sind wir wütend, spucken wir die Worte regelrecht heraus, sind wir verliebt, neigen wir zum Säuseln. Verstellen wir uns, um beispielsweise Traurigkeit zu kaschieren, verrät uns unsere Stimme. Stimmen die Stimmung und das Gesagte nicht überein, wirken wir nicht authentisch und das Gegenüber merkt es meistens. Die Stimme informiert die Umgebung also über unsere Emotionen – und sogar über unseren Charakter.

Was eine Stimme bewirken kann, zeigt sich auch bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Soldaten ziehen selten gerne in die Schlacht. Studien zufolge sind es erst die Ansprachen der Heerführer, welche die Männer kampflustig machen. Eines der besten Beispiele dafür ist Adolf Hitler (1889–1945), der die Leute regelrecht aufpeitschte. Doch man kann mit der Stimme nicht nur die Kriegslust steigern, sondern auch im positiven Sinn motivieren: So zog US-Präsident John F. Kennedy (1917–1963) am 20. Januar 1961 mit seiner legendären Amtsantrittsrede («Ask not what your country can do for you, ask what you can do for your country.» – Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst.) die ganze Welt in seinen Bann. Dasselbe glückte Martin Luther King (1929–1968) am 28. August 1963 mit seiner Rede «I have a dream» (Ich habe einen Traum.) über die Gleichberechtigung von Schwarzen und Weissen.

 Singen ist nur eine von vielen verschiedenen Ausdrucksformen der Stimme.

Verschiedene Lebensphasen

Die forensische Phonetik

Die Stimme ist nicht so einmalig wie Fingerabdrücke, dennoch verrät sie einen. Das nutzt die forensische Phonetik bzw. die Polizei bei der Verbrecherjagd. Sprachaufzeichnungen von Unbekannten (z. B. bei Bedrohung, Erpressung, Entführung) werden phonetisch analysiert und mit Sprachaufnahmen von Verdächtigen verglichen. Gibt es keinen Verdächtigen, wird anhand der Tonaufnahme ein Sprecherprofil erstellt: Geschlecht, Alter, Akzent und mögliche Herkunft, Bildungsgrad, sprachliche/nicht-sprachliche Angewohnheiten. Das Profil ist für Ermittler ein wichtiges Hilfsmittel bei der Suche nach Verdächtigen.

Hat ein Zeuge die Stimme des Täters gehört, sein Gesicht aber nicht gesehen, erfolgt eine akustische Gegenüberstellung.

Im Laufe des Lebens verändert sich die Stimme. Naturgegeben ist die Kinderstimme. In der Pubertät wachsen die Stimmbänder innert kürzester Zeit mehrere Millimeter – die Jungenstimme wird zur Männerstimme und eine ganze Oktave tiefer. Mädchen haben ebenfalls eine Art Stimmbruch – ihre Stimme wird im Teeniealter etwa eine Terz tiefer. Und weil auch die Stimme altert, kann es passieren, dass sie irgendwann brüchig wird. Dagegen hilft nur eines, so Werner Geiger: «Sie muss trainiert beziehungsweise gebraucht werden – wie jeder andere Muskel.»

Schöne neue Welt?

Doch wie sieht die Zukunft unserer Stimme aus? Auch auf diesem Gebiet verläuft die technische Entwicklung rasant. Ähnlich wie der Fingerabdruck wird die Stimme immer mehr als Identifikationsmittel bei Banken oder anderen Firmen verwendet. Mit dem Nachteil, dass unser Sprachorgan offenbar nicht so fälschungssicher ist, wie man ursprünglich dachte. Ein Reporter des britischen Senders BBC schaffte es nämlich, das stimmbasierte Authentifizierungsverfahren der Bank HSBC auszutricksen. Er rief bei der Kundenhotline an, um Zugriff auf das Konto seines Zwillingsbruders zu bekommen. Der Journalist imitierte die Stimme seines Bruders und wurde von der Software tatsächlich frei- geschaltet. Eine superpeinliche Sache für die Bank. Diese Affäre stellte und stellt die Sicherheit solcher Stimmerkennungs-Barrieren massiv infrage.

Bereits aber ist die menschliche Stimme an manchen Orten überflüssig geworden: So ging vor Kurzem in Japan der erste artifizielle Tagesschausprecher auf Sendung. Es wird kaum der letzte sein. 


Kurz und bündig

  • Über 100 Muskeln sind am Sprechen beteiligt.
  • Mädchen haben ebenfalls eine Art Stimmbruch.
  • Die richtige Stimme ist sehr wichtig für die Karriere.
  • Mit unserer Stimme verraten wir mehr über uns, als wir wollen.

«Ich wurde im Studium entdeckt»

Markus Stadelmann ist Moderator, Sprecher, Sänger und Theaterpädagoge – und die Stimme der deutschsprachigen Radio- und TV-Spots von Coop.

Markus Stadelmann (36) ist Sprecher, Moderator, Sänger und die Stimme der Coop-Spots.

Was hat Sie zu den Coop-Spots gebracht?
2006 wurde ich als «Station Voice» des Coop-Radios gecastet – und bin es heute noch. Im Sommer 2014 castete mich dann eine Agentur als neue Werbestimme für die TV- und Instore-Kampagnen von Coop. Vorerst nur für die Wochenangebote im Frühling und im Herbst, doch im Verlauf der Zeit kamen noch die Grill-Kampagnen im Sommer sowie die Weihnachts- und Winterkampagnen dazu.

Wie wird man «Stimme»?
Es gibt ganz verschiedene Wege, um professioneller Sprecher zu werden. Ich bekam schon früh den Stimmbruch, was mir ermöglichte, bereits mit zwölf Jahren im Gymnasium in den Genuss von Gesangsstunden zu kommen. Das half mir, meine Stimme in allen Farben und Facetten zu entdecken und zu entwickeln. Während meines Studiums wurde ich dann in der Kaffeepause eines Gelegenheitsjobs von einem Audioproduzenten entdeckt. Später professionalisierte ich meine Stimme durch Kurse und ein Nachdiplomstudium in Zürich.

Sie beherrschen verschiedene Schweizer Dialekte und können ganz unterschiedliche Stimmen «machen». Wie funktioniert das?
Ich glaube, es ist für beides eine Art musikalisches Gehör notwendig, das mir erlaubt, klangspezifische Details und Eigenheiten eines Dialekts oder einer Stimme zu erfassen und diese dann mit meiner Stimme und meinem Körper möglichst exakt zu imitieren. Natürlich klappt das nicht in jedem Fall. Hilfreich war sicherlich auch, dass ich an verschiedenen Orten in der Deutschschweiz gelebt habe und dadurch mit vielen Dialekten direkt in Berührung gekommen bin.

Und wie pflegen Sie Ihre Stimme?
Neben dem Leitungswasser schwöre ich vor allem auf lauwarme Getränke, also Kaffee und Tee. Meist nehme ich meine Tee-Hausmischung mit Spitzwegerich, Süssholzwurzel, Thymian und Fenchel oder dann heisses Wasser, das ich mit frischem Ingwer anreichere und mit etwas Honig süsse. Und wenn es hart auf hart kommt, ich also krank bin, greife ich am liebsten auf eine natürliche Pelargonium-Tinktur zurück.

Zur Webseite von Markus Stadelmann