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Heiliger Bimbam

Es gibt Dinge, die ändern sich nie. Zum Beispiel die Glockengiesserei Gusset. Dort werden seit Generationen Glocken in Handarbeit gegossen. Dabei gehts heiss zu und her.

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Peter Mosimann
11. März 2019

Gleich gehts los: Hans Gusset kontrolliert die 1280 Grad heisse Bronze im Schmelzofen.

Brauner Quarzsand türmt sich auf dem Werktisch. Er fühlt sich feucht und schwer an. «So ist er ideal zum Formen», sagt Joelle Gusset, vergräbt ihre Hände im Sand und füllt ihn in eine Form. Backt die 26-Jährige etwa einen Sandkuchen? Und als ob dem nicht genug ist, steht nebendran Hans «Hausi» Gusset. Der 48-Jährige ist ihr Onkel und «sändelet» ebenfalls. Stellt sich die Frage: Haben die beiden etwa einen an der Glocke? Und die Antwort lautet: gewissermassen. Und wie! Die beiden giessen nämlich Glocken. «Früher gab es in der Schweiz Dutzende von Glockengiessereien, heute ist kaum mehr als ein halbes Dutzend übrig», sagt die junge Frau. Der kleine Familienbetrieb im bernischen Uetendorf hat sich behauptet. «So ist das eben mit unserer Kultur», sagt der Onkel, während er eifrig noch mehr Sand in die Form presst, «selbst die Glocken werden heute zumeist in Asien hergestellt.»

Es bleibt in der Familie

Auslagern ist für den Familienbetrieb aber kein Thema. Im Gegenteil. Mit Joelle Gusset steht bereits die neunte Generation am Tisch und sorgt für perfekte Gussformen. «Mir macht dieses Handwerk viel Freude, ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen – schliesslich habe ich schon als Kind immer gerne gesändelet», sagt die gelernte Köchin.

Glockengiesser aus Leidenschaft: Hans «Hausi» Gusset mit einem Formkasten für sechs kleine Glocken.

Die Gussformen werden für jede Glocke neu aus schwerem Quarzsand in den Formkästen angefertigt,…

… eine Arbeit, die viel Fingerspitzengefühl erfordert.

Joelle Gusset bringt mit ruhiger Hand Verzierungen an der Gussform an.

Mit dem Sandkuchenbacken hat das Glockengiessen allerdings wenig zu tun. Auch wenn der schwere Quarzsand die Hauptrolle spielt. Dieser wird nämlich in einen zweiteiligen metallenen Formkasten rund um eine Musterglocke gepresst. Danach kann der Formkasten geteilt und die Musterglocke entfernt werden. Dabei entsteht im Sand ein Hohlkörper, der mit Bronze ausgegossen wird.

Das klingt einfach, aber der Teufel steckt im Detail. Denn natürlich müssen die Gusskanäle vorsichtig ausgearbeitet und mit kleinen Stempeln allfällige Muster, Verzierungen und

Schriftzüge angebracht werden; schliesslich sind viele Glocken Einzelstücke auf Bestellung, sei es für Hochzeiten, Jubiläen oder Sieger von Skirennen und Schwingfesten. Das braucht viel Gefühl, Erfahrung und eine ruhige Hand. Ist die Glocke nämlich erst einmal gegossen, ist jede noch so kleine Ungenauigkeit auf immer verewigt.

Traditionelles Recycling

Gegossen wird bei Gussets jeden zweiten Tag, dann stehen gut 40 der schweren Gussformen bereit und harren der Bronze, die da kommen soll. Hans Gusset hat den grossen Schmelzofen schon Stunden vorher angeheizt. Er fasst etwa 150 Kilo Glockenbronze, bestehend aus rund 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Zinn. Eingeschmolzen wird vor allem Recycling-Material. Entsprechend türmen sich in der kleinen Werkhalle Berge von alten Kupferdrähten und Spenglereimaterial wie Dachrinnen und Regenrohre. Dazu kommen Unmengen von alten Sanitärarmaturen aus Messing. «Das passt perfekt für den Kallen», wie Hans Gusset den Klöppel nennt. «Hier brauchen wir nicht die höchste Reinheit.» So geht Recycling mit Tradition!

Die Bronze wird aus dem glühenden Tiegel in die Formen gegossen.

Die Glocken kommen matt und mit Gusskanälen aus den Formen.

Fürs glänzende Finish kommen die sandgestrahlten Glocken noch auf die Drehbank.

Ende gut, alles gut: Die fertigen Glocken sind zeitlose kleine Kunstwerke.

Doch dann ist es plötzlich vorbei mit der Ruhe bei Gussets. Der Ofen meldet die optimale Betriebstemperatur: 1280 Grad! Zeit, in einem bedrohlich fauchenden Ölofen den «Tiegel» vorzuheizen, einen schweren Kessel aus Grafit. Und zwar bis er glüht. In ihn wird dann die geschmolzene Bronze gegossen und von dort weiter, Stück für Stück, in die Formen. Dass der Tiegel rot glühend sein muss, hat seinen Grund, wie Hans Gusset erklärt: «Würden wir die Bronze in den kalten Tiegel giessen, würde sie erstarren und dabei den Tiegel womöglich sprengen.» Zudem bleibt so die Bronze während der wenigen Minuten flüssig, in der die Glockenformen Stück für Stück aufgegossen werden.

Fliessende Bronze

So schnell das eigentliche Giessen auch geht: Der Vorgang ist der Höhepunkt der Arbeit. Nicht ungefährlich, aber beeindruckend schön, wie die rotgolden glühende Bronze in die Formen fliesst. So oder ähnlich muss es im Mittelpunkt der Erde zugehen ... Nach wenigen Minuten öffnen die Glockengiesser die Kästen und zerstören die Formen. Den Quarzsand fangen sie auf, sieben und verwerten ihn wieder; Recycling auch hier. Zum Vorschein kommen die Rohlinge der Glocken, erstarrt, aber noch heiss.

Joelle und Hans Gusset sind zufrieden, fast alles hat geklappt, der Ausschuss ist gering. Ein paar kleine Glocken entsprechen nicht den Erwar- tungen und wandern gleich wieder in den Schmelzofen. Jeder verdient eine zweite Chance. Die restlichen Glocken befreien sie von den Gusskanälen, sandstrahlen sie und drehen sie auf der Drehbank so ab, dass die charakteristischen, goldglänzenden Streifen zum Vorschein kommen. Dann hängen sie den Klöppel ein und befestigen auf Wunsch auch einen passenden Lederriemen: auch sie kleine Kunstwerke, aufwendig verziert und aus der eigenen Sattlerei, versteht sich. Oder wie Joelle Gusset erklärt: «Bei uns herrscht keine Zalando-Mentalität!» 

Alte Traditionen

Kunsthandwerk bei Supercard

Im Supercard-Prämienshop gibts auch Produkte zu bestellen, die von innovativen Menschen in kleinen Auflagen von Hand in der Schweiz hergestellt werden. Darunter auch Glocken der Glockengiesserei Gusset in Uetendorf. Wie die Glocke mit Holzgriff für 7700 Superpunkte.

Wer ein Produkt in Handarbeit selber herstellt und dieses gerne im Supercard-Prämienshop anbieten möchte, kann sich beim Supercard-Team bewerben unter: handmade@coop.ch