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Aufgebügelt

Es gibt Alltagsgegenstände, denen schenkt man kaum Beachtung. Zum Beispiel dem Kleiderbügel. Dabei weiss Hans Dunkel, Besitzer des weltweit einzigen Kleiderbügelmuseums, so viel Spannendes über ihn zu erzählen.

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Lucia Hunziker
11. März 2019

Hat gut lachen: Hans Dunkel ist Herr über gut 4000 Kleiderbügel. Und keiner ist gleich wie der andere.

Über moderne Hotelkleiderbügel kann Hans Dunkel nur den Kopf schütteln: «Das ist doch kein Kleiderbügel mehr», erklärt er empört. Tatsächlich setzen viele Hotels heute auf Kleiderbügel mit einem Ösenhängesystem und verzichten auf den Hängebügel. Der Grund ist einfach: Kleiderbügel sind das drittbeliebteste «Mitbringsel» aus Hotels, nach Handtüchern und Bademänteln. Aber ohne Haken ist so ein Corpus Delicti zu Hause natürlich wertlos. Für Hans Dunkel auch. «Die sollen doch lieber die Bügel mit Aufdruck versehen und die gestohlene Ware über das Werbebudget abbuchen. Eine bessere Werbung gibts ja gar nicht», erklärt er und zückt flugs einen alten Holzbügel mit der Inschrift: «Mitgenommen im Hotel Victoria Nürnberg».

Dunkel muss es wissen. Als Besitzer des weltweit einzigen Kleiderbügelmuseums macht dem 66-Jährigen in Sachen Kleiderbügel niemand etwas vor. Ausser vielleicht sein Nachbar und alter Kollege Markus Schenker (66), der ihm bei den Führungen im Museum oft assistiert und von dem sogar Dunkel sagt: «Es gibt nichts, was er nicht weiss!»

Spiegel der Gesellschaft

Und zu wissen gibt es über Kleiderbügel mehr, als man denkt. Gut 4000 Exemplare beherbergt Dunkel in seinem kleinen, aber feinen Museum am Stadtrand von Basel. Eigentlich ein Firmenmuseum, denn die Familie Dunkel handelt – wen wunderts? – mit Kleiderbügeln. Heute fast schon ein Wegwerfartikel, ist der Kleiderbügel auch ein Spiegel der Gesellschaft und ihrer Veränderung. Entstanden sein dürfte er im Frankreich des 16. Jahrhunderts. Im Gegensatz zum Normalsterblichen, der seine Hosen oder seine Jacke bestenfalls an einen Nagel hängte, mussten die Adligen, Geistlichen und Militärs ihre edlen Gewänder und aufwendigen Uniformen natürlich standesgemäss aufbewahren. Entsprechend finden sich an einem der ältesten Exemplare der Dunkelschen Sammlung aufwärtsgebogene Enden, die vor 300 bis 400 Jahren dazu dienten, dass die Epauletten (die Schulterklappen) der Uniform in Form blieben.

Ganz schön clever: Eine verschiebbare Klemme für die aufgebügelten Hosen.

Auch clever: Bügel mit eingearbeitetem Fach für Mottenschutz.

Eine andere Variante mit Platz für gleich zwei Mottenkugeln.

Der Bügel hält in Form

Aber auch sonst zeigt sich in unzähligen Exponaten des Museums: Jeans und Sweater achtlos über den Stuhl geworfen oder gar auf den Boden – das gabs früher nicht. Ganz gleich, ob Anzug, Uniform, Gehrock, Kleid, Tracht und vieles anderes: Die wertvollen Stücke wollten aufgebügelt, Hosen und Röcke aufgespannt und in Form gehalten werden, wie Hans Dunkel erklärt: «Hatte der Schneider ein schönes Kleid genäht, wurde beim Schreiner nebenan gleich der passende Kleiderbügel in Auftrag gegeben.» Spannend dabei sind die vielen verschiedenen Systeme der Klemmvorrichtungen, um etwa die Hosen aufzuspannen. «Hat einer eine gute Idee gehabt, hat er sie sich patentieren lassen», sagt der Spezialist. Dies mit der Folge, dass der Nächste sein «System» anders konstruieren musste, wollte er keine Lizenzgebühren zahlen. Entsprechend sind im Museum unzählig verschiedene und oft so einfache wie raffinierte Mechanismen zu bestaunen. Dies ganz abgesehen von ideenreichen Sonderkonstruktionen wie etwa Kleiderbügel mit integrierten Mottenkugeln-Behältern oder auch aufwendig gebogene Drahtbügel aus bis zu fünf Metern Draht – am Stück notabene!

Holz versus Plastik

Aber auch die Neuzeit ist in der Sammlung vertreten. Ein ganzer Raum des Museums ist ausgeschmückt mit Plastikbügeln in allen nur denkbaren Farben und Formen. «Als Ende der Fünfziger- jahre das Plastik ins Spiel kam, ergab das natürlich unendliche Möglichkeiten, die Bügel neu zu gestalten, vor allem auch als Werbeträger», sagt Dunkel. Und obschon diese Art von Bügeln oft in grossen Serien hergestellt wurden, sind sie heute seltener als ihre Pendants aus Holz. «Nach zwanzig Jahren hat sich der Weichmacher im Kunststoff verflüchtigt, dann brauchts nicht viel und der Bügel zerbröselt bei der geringsten Belastung.»

Hans Dunkel mit einem alten Kleiderbügel, kunstvoll gebogen aus fünf Metern Draht am Stück.

Vom Handel zum Museum

Bei so vielen Kleiderbügeln stellt sich irgendwann die Frage: Wie in aller Welt kommt man dazu, ausgerechnet Kleiderbügel zu sammeln? «Das ist dem Zufall zu verdanken», sagt Hans Dunkel, «und dem Vater.» Denn ursprünglich war die Familie Dunkel im Lebensmittelhandel tätig: «Wir sind mit zwei Verkaufswagen in die Aussenquartiere gefahren. Aber auch Coop und Migros waren unterwegs. 1974 mussten wir uns eingestehen, dass sich das nicht mehr rechnet.» Doch das Glück stand den Tüchtigen zur Seite: Zur gleichen Zeit erhielt der Vater eine Kleiderbügelvertretung eines schwedischen Herstellers angeboten und griff dankend zu, wie Hans Dunkel erklärt: «Er betonte stets, dass Lebensmittel und Kleiderbügel viel gemeinsam haben; beide seien ein Rappengeschäft, aber die Kleiderbügel hätten wenigstens ein wesentlich besseres Verfallsdatum!» Und da der Vater eben ein passionierter Macher und Sammler war, hat es ihm schnell den Ärmel reingezogen und er hat angefangen, die Bügel zu sammeln, wie der Sohn lachend erklärt: «Mein Vater liess sich durch nichts aufhalten, selbst dann nicht, als es Ärger gab, weil er bei der Heilsarmee auf der Suche nach alten Kleiderbügeln regelmässig die Damenwäsche durchwühlte!»

Kleiderbügelmuseum

Das Kleiderbügelmuseum befindet sich an der Birsstrasse 56 in Basel und ist auf Anfrage für Führungen in Gruppen ab 10 Personen geöffnet.